Lieber HSV - bitte erinnere Dich...
Es wird dreckig – sagen alle. Und damit meinen die meisten sicherlich das Geschachere um den Misstrauensantrag gegen den Vizepräsidenten des HSV e.V., Thomas Schulz. Ich aber…

Es wird dreckig – sagen alle. Und damit meinen die meisten sicherlich das Geschachere um den Misstrauensantrag gegen den Vizepräsidenten des HSV e.V., Thomas Schulz. Ich aber werde mich heute komplett und zu 100 Prozent auf das konzentrieren, was da morgen auf uns zukommt, wenn der HSV in Braunschweig um die nächsten drei Punkte kämpft: Auf Fußball. Und das wird in Braunschweig schon dreckig genug - also rein optisch betrachtet. Denn der Platz in Braunschweig wird morgen witterungsbedingt umgepflügt werden und die Klamotten entsprechend schmutzig. Genau so, wie ich es früher immer wieder mal geliebt habe als Amateurkicker – Kämpfen bis zum Umfallen...
Normalerweise hätte ich vor so einem Spiel wie dem in Braunschweig kein wirklich gutes Gefühl. Solche Partien, zumal noch so trostlos ohne Zuschauer in dem weiten Braunschweiger Rund, waren in der Vergangenheit oft Genickbrecher für den HSV. Und wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich auch vor dem Spiel gegen Osnabrück Befürchtungen, dass sich Geschichte wiederholen und der HSV schwach auftreten könnte – zum Glück unberechtigt. Mehr noch, die ersten 15 Minuten, von denen ich noch immer schwärme, waren so dominant und stark, dass ich hier gern die Messlatte anlegen würde für alles, was in dieser Saison noch kommt. Denn diese 15 Minuten glänzte der HJSV nicht mit Torgefahr, sondern mit einer brutalen Physis und einem Tempo im Umschalt- wie im Offensivspiel, dass ich behaupte: So bekommt der HSV jeden Gegner klein.
Zumindest aber zeigt man jedem Gegner so schon mit Anpfiff, wo die Reise hingeht. Frei nach Bernd Hollerbachs Motto: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Ball kommt an mir vorbei – oder Du. Aber ganz sicher nie beide“ demonstriert man seine Dominanz und demotiviert den Gegner, der mit großen Vorhaben angetreten ist. Und genau das war es auch, was die Osnabrücker früh gekillt hat. Und spätestens, nachdem der HSV den Kurzzeit-Schock beim nicht gegebenen Handtreffer ohne jede Auswirkung verdaut hatte, war mir (und wahrscheinlich auch den Osnabrückern) klar: Hier gewinnt nur der HSV.
Bitte so, wie in den ersten 15 Minuten gegen Osnabrück!
Was ich damit sagen will: Ich hoffe stark, dass der HSV morgen wieder mit dem Tempo von Jatta vor Vagnoman über rechts und der defensiven Konsequenz von Leistner/Ambrosius im Zusammenspiel mit Heyer agiert. Ich hoffe sehr, dass ein Dudziak wieder so fleißig mit nach hinten arbeitet und ein Kinsombi als Zweikämpfer wie auch als Ballverteiler agiert. Wenn dann ein Leibold sein Tempo nach vorn aufnimmt und Kittel in gute Schusspositionen kommt – dann hängt es tatsächlich ausschließlich am HSV selbst, wie das Spiel ausgeht. Und das sage ich trotz großen Respekts vor Eintracht Braunschweig!
Aber Fakt ist auch: Durch Kinsombis Wiederauferstehung hat Trainer Daniel Thioune im Mittelfeld wirklich wieder alle Optionen. Kinsombis Allroundqualitäten können je nach Spielverlauf abgerufen und eingesetzt werden. Ergebnis: Der HSV ist so flexibel im Mittelfeld wie in der ganzen Saison noch nicht. Im Endeffekt ist man sogar so flexibel, dass man nicht einmal einen Amadou Onana einsetzen muss – so gern ich ihn auch in JEDEM Spiel von Beginn an sehen würde. Aber wenn ein Heyer so spielt, wie in den letzten beiden Heimspielen – dann gibt es hier keinen Grund, irgendwas zu ändern. Dennoch, dass Onana wieder dabei ist, ist für mich beruhigend. Denn seine Spielart kann dem HSV mit seiner Einwechslung noch einmal neue Impulse geben. Und wer die Möglichkeit hat, sich das Gespräch mit Amadou Onana im neuen „HSVlive“ durchzulesen, der sollte das machen. Denn dieser Junge ist nicht nur ein riesengroßes Fußballtalent, dessen Potenzial ich ehrlich gesagt noch gar nicht abschließend beurteilen will. Vielmehr ist der Junge auch noch mächtig klar im Kopf. Mit anderen Worten: Wie die Voraussetzungen vor dem Auswärtsspiel in Braunschweig sind auch bei Onana die Voraussetzungen bestens.
Dass ich ein Fan von den Potenzialen von insbesondere Vagnoman und Onana bin, ist hinlänglich bekannt. Vagnoman verfügt über eine rohe Kraft, wie ich sie früher bei dem ganz jungen Jerome Boateng gesehen habe. Auch Boateng wirkte hin und wieder etwas schläfrig und machte unglaubliche Fehler. Aber er deutete immer auch an, was er draufhat – und das war mehr als bei fast allen anderen HSV-Verteidigern. Ähnlich ist das aktuell bei Vagnoman – auch wenn der Weg hier sicher noch ähnlich weit ist wie für Onana, für den Fleiß mehr zählt als Talent. Denn das wiederum sei „nur ein sehr kleiner Teil von den notwendigen Faktoren einer erfolgreichen Karriere.“ Sagt der 19-Jährige, der sich in Hamburg dem Vernehmen nach pudelwohl fühlt. „Ich habe im Training hart gearbeitet und habe den Trainern und meiner Mannschaft gezeigt, dass ich kämpfen kann und dass ich alles für das Team gebe. Dadurch habe ich viele Einsätze gehabt“, sagte der selbstbewusste Onana weiter. Und schob selbstkritisch hinterher: „Das ist sehr okay für den Anfang. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich noch sehr viel Arbeit vor mir habe.“
Aber eben auch noch extrem viel Zeit. Und ich hoffe, dass der HSV ihm diese Zeit mit Einsatzminuten zur maximalen Entwicklung gönnt. Nie gegen das Leistungsprinzip – sondern immer auch im Sinne des mannschaftlichen Erfolges. Aber hier sehe ich einen Onana in Bestform eh immer in der Startelf. Allein schon seine raumgreifenden Schritte und langen Beine, mit denen er den Gegner auch schier unerreichbare Bälle noch vom Fuß nimmt – um mal im Vergleichsmodus mit Weltstars zu bleiben: Er erinnert mich an Patrick Viera. Und, nur um hier gleich allem "Jetzt setzt den Jungen doch nicht so unter Druck"-Geblubber vorzubeugen: Natürlich ist Onana noch zehn Level darunter – aber mit einem unfassbaren Potenzial für mehr. Und wenn es nach mir ginge, dann würde er die Zet bekommen, sich mit allem was dazugehört - mit Fehlern wie mit tollen Leistungen - dorthin zu entwickeln.
Der HSV entwickelt gerade Talente - sogar sehr effektiv
Warum ich das schreibe? Weil ich in den letzten Tagen hier und da immer auch das Thema hatte, dass der HSV keine jungen Spieler entwickeln würde. Ich selbst hatte im Sommer laut gemeckert, dass der HSV seinen Umbruch nicht krass genug umsetzen würde. Inzwischen aber habe ich etwas einlenken müssen. Denn Fakt ist auch, dass man den Talenten eine bessere Entwicklungschance gibt, wenn sie in gefestigte Mannschaften reinwachsen. Soll heißen: Drei Talente in ein erfahrenes, funktionierendes Mannschaftsgerüst einzubauen, funktioniert besser, als wenn man gleich fünf junge Spieler in eine unsicher agerende Mannschaft reinpresst. Jüngstes Beispiel dafür war der Auftritt des FC Bayern bei Holstein Kiel, wo FCB-Trainer Hansi Flick etwas zu viel rotierte.
Im Ergebnis verlor man überraschend m DFB-Pokal und für die jungen, eingesetzten Talente gab es kein gutes Zeugnis. Im Gegenteil: Sie wurden von Flick übervorteilt. Ähnlich der Situation in Testspielen, wo Trainer nur zu gern sagen: Heute können sich mal alle zeigen, die sonst hintendran sind. Dort stehen dann acht von elf Spielern auf dem Platz, die nicht im Rhythmus sind - und das sieht man dann auch. Denn diesen fehlenden Rhythmus sieht man im Spiel – und das zieht alle runter.
Ergo: Auch Nachwuchsarbeit bedarf einer Form von Geduld – intern wie extern. Denn am Ende ist es effektiver, ein oder zwei Talente für den Moment weniger ins Team reinpressen, um dafür die Qualität der Ausbildung der wenigen Talente auf dem Feld exponentiell zu erhöhen. Das ist es übrigens auch, weshalb Sportvorstand Jonas Boldt im Sommer nach Verpflichtungen von älteren Akteuren immer wieder davon sprach, dass man den Faktor Ausbildung sehr wohl auch hochhalte, wenn man zu dem jungen Kader eben diese „Säulenspieler“ hole. Denn funktionieren diese dann so gut wie ein Leistner zuletzt oder ein Terodde über die gesamte Saison – dann machen die eingesetzten Talente drumherum deutlich größere Schritte, als es für Talente in den letzten erfolglosen HSV-Jahren möglich war.
Zumal man eines nie vergessen darf: Erfolg macht selbstbewusst. Und wenn ich vergleiche, wie ein Vagnoman nach seinem ersten Profieinsatz (0:6 beim FC Bayern) und jetzt nach seinem erste Treffer gesprochen und auf mich gewirkt hat – dann kann ich sagen: Dazwischen liegen Welten! Aber noch einmal zurück zum Spiel morgen! Dort wird neben Vagnoman hoffentlich noch einmal die Startelf der letzten drei Spiele beginnen. Denn auch in dieser Konstanz sehen ich einen wichtigen Faktor der letzten Erfolge. Und sollte jetzt keiner der ersten Elf besonders müde oder angeschlagen sein, sollte Thioune auch nichts verändern. Variabel genug ist man mit dieser Startelf eh, um auf alles tu reagieren. Zumindest, wenn man nicht wieder in der Lage ist, dem Gegner eine Reaktion aufzuzwängen. Wie das geht, wissen ja seit Osnabrück auch alle...
In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich wieder mit einem Blitzfazit sowie dem Blog nach dem Spiel. Bis dahin hoffe ich, dass Fürth und Düsseldorf (Fürth ist zum Zeitpunkt dieser Zeilen gerade in Führung gegangen) sich gegenseitig Punkte abnehmen und der HSV seinen Job erledigt.
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