Letzte Patrone? Jonas Boldt geht in Trainerentscheidung all in
Mit betonter Ruhe hat Jonas Boldt seinen Job auf der Empore des HSV-Presseraums hinter sich gebracht. Und er erinnerte mich dabei ein wenig an meinen Vater. Der hatte früher,…

Mit betonter Ruhe hat Jonas Boldt seinen Job auf der Empore des HSV-Presseraums hinter sich gebracht. Und er erinnerte mich dabei ein wenig an meinen Vater. Der hatte früher, wenn wir auf dem Weg zu einem meiner Fußballspiele oder auf dem Weg in den Urlaub waren, auch immer extrem überzeugend gesagt, wo er als nächstes langfahren musste. Dass wir dabei schon zum wiederholten Male dieselbe Stelle passierten, merkten einige im Auto gar nicht. „Jetzt müssen wir hier und danach dorthin“ hieß es vom Fahrersitz – und alle folgten. Ähnlich wie Boldt, der die lang überfällige Trainerentlassung mit einer Souveränität über die Bühne brachte, als habe er alles im Griff.
Allerdings muss man nicht lang dabei sein, um zu wissen, dem mitnichten so ist. Denn bei allen lobenden Worten über den bisherigen Cotrainer Merlin Polzin ist auch klar, dass der HSV in Sachen Trainerposition seinen Job nur unzureichend erfüllt hat. Und Boldt versuchte, diesem Umstand mit Gelassenheit zu begegnen. Die Tatsache, dass der am Sonntagabend geschasste Tim Walter schon sehr lang zur Disposition stand und man es verpasste, dem neuen Trainer die Winterpause Vorbereitungszeit mit seinem neuen Team zu geben, begegnete Boldt betont entspannt. Nach außen. „Es ist ja jetzt nicht so, dass wir abgeschlagen sind und in der tiefsten Krise aller Krisen sind“, sagte der Sportvorstand des HSV. Aber: Auch für Boldt ist die Entlassung Walters eine herbe Niederlage. Er muss eingestehen, dass auch seine dritte Trainerwahl nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat.
Und jetzt Polzin. Zusammen mit dem jungen und gerade zum HSV gewechselten Nachwuchstrainer Loic Favé soll das 33 Jahre junge „außergewöhnliche Trainertalent“ am Wochenende in Rostock den Umschwung einleiten. Der gebürtige Hamburger, der zuletzt unter Walter als Co-Trainer gearbeitet hatte, bekommt das Vertrauen als Interimstrainer ausgesprochen. Boldt: „Und das aus voller Überzeugung.“ Logisch! Wie auch sonst…? Dass der HSV in Person Boldts samt seinem Sportdirektor Claus Costa die Chance verpasst hatte, einen neuen Trainer zu präsentieren, wird als gewollt dargestellt. Die einen nennen die Entscheidung für Polzin/Favé mutig. Andere (wie ich) sehen darin ein erneutes Versäumnis. Denn wäre Boldt tatsächlich so überzeugt von Polzin, wie er es sagt, würde er ihm entweder komplett die Chefposition andienen – oder das Risiko vermeiden, das außergewöhnliche Trainertalent in dieser Übergangssituation zu überfordern und darin vielleicht sogar zu verbrennen. Meine Meinung: Diese Lösung ist eine unentschlossene Notlösung.
Mit Polzin/Favé als Trainerteam. Mit zwei jungen Trainern, von denen ich sehr viel halte, wie Ihr wisst. Favé, den ich schon seit seinen frühen Anfängen beim ETV in Hamburg kenne und schätze, traue ich in den nächsten Jahren eine erfolgreiche Cheftrainerkarriere zu. Polzin ebenso, wobei ich den HSV-Cotrainer fachlich nicht so gut kenne wie Favé. Aber die Frage, warum ausgerechnet ein Cotrainer von Walter schaffen soll, der seit zweieinhalb Jahren dabei ist und es nicht schaffte, die Defensivprobleme so anzusprechen, dass sie gelöst werden – bleibt zumindest offen. Und damit trete ich weder Polzin noch Favé zu nahe.
Ganz im Gegenteil: Ich sehe sie hier nur unnötig vor Probleme gestellt. Sollte es am Ende gut gehen und der HSV vielleicht sogar mit dem jungen Trainerduo, das aktuell den Lehrgang zum Fußballehrer absolviert, tatsächlich aufsteigen, wäre es in etwas so, als wäre man mit Walter aufgestiegen. Beides war/ist möglich. Aber das Risiko ist bei beiden Lösungen unvernünftig groß gehalten. Und warum Boldt schon die Warnsignale bei Walter über Monate ignorierte und keinen Plan B aufstellte, das ist eine Frage, mit der sich normalerweise der Aufsichtsrat beschäftigen müsste. Problem hierbei: Dieser Rat ist tatsächlich sogar noch weniger auf Krisensituationen vorbereitet…
Auch deshalb macht der HSV, was er in den letzten Monaten schon bei allen Trainerdiskussionen gemacht hat: Er betont die im Umfeld entstandene Euphorie, die wirtschaftlichen Ergebnisse und nennt alles zusammen „Aufbruchstimmung“. Und dabei geht der HSV weniger den rational vernünftigen Weg mit einem neuen Cheftrainer, den man in den letzten Wochen schon gesprochen und mit dem man Lösungen für das bestehende Defensivproblem besprochen hat. Stattdessen soll es Polzin auf seiner ersten Cheftrainerstation richten. Und ja, es könnte eine schöne Geschichte werden, eine echte Erfolgsgeschichte. Denn sollte Polzin seinen Job gut erledigen - was ich wirklich sehr hoffe und wofür ich dem jungen Interimscoach beide Daumen drücke! - könnte er dauerhaft das Vertrauen bekommen. Aber bei solchen Entscheidungen sollte man weniger die Aussicht auf eine schöne Story als Entscheidungsgrundlage nehmen, sondern vor allem Fakten und Wahrscheinlichkeiten und dem Aufstieg alles unterordnen.
Aber ich glaube, das macht der HSV schon länger nicht mehr. Auch jetzt nicht.
So viel zur Einschätzung der aktuellen Situation. Ab morgen werden wir uns wieder dem zuwenden, was aktuell ansteht: Und das ist das Spiel bei Hansa Rostock.
Euch allen einen schönen Abend!
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