Leistner ist nichts anderes als „Business as usual“
Dieser bedingungslose Teamgeist wie im Abstiegsendspiel der Kreisliga B mit gemeinsamen Grillabenden und langen Nächten nach Spielen, diese bedingungslose Hingabe zum Verein,…

Dieser bedingungslose Teamgeist wie im Abstiegsendspiel der Kreisliga B mit gemeinsamen Grillabenden und langen Nächten nach Spielen, diese bedingungslose Hingabe zum Verein, diese ewige Treue – es gibt sie nur noch von Fanseite. Oder eben im unteren Amateurbereich, wo Geld noch keine Rolle spielt. In allen anderen bezahlten Ligen aber gilt mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen immer der eigene Vorteil als Leitmotiv. Für Spieler, für Trainer – und auch für Vereinsoffizielle. Und wer etwas anderes behauptet, der gehört vielleicht tatsächlich zu diesen nullkommairgendwas-Prozent. Oder er/sie ist ein/e Träumer/in. Schon deshalb können mich solche Szenarien wie jetzt rund um Toni Leistner weder in die eine noch in die andere Richtung ziehen. Sie schockieren mich nicht – und die Protagonisten sollten aufhören, zu jammern. Alle. Ebenso wir Außenstehende.
Verträge zählen nur, so lange sie dem eigenen Vorteil dienen
Denn weder der Spieler noch der Klub würden jemals das Wohl des anderen über das eigene stellen – vorsichtig formuliert. So, wie wir es immer wieder erleben. Auch jetzt bei Leistner wieder, der für den Verein nach einer außergewöhnlich wichtigen Rolle unter Trainer Daniel Thioune unter dem neuen Trainer eben sportlich keine Rolle mehr spielt. Was also machen Verein und Spieler? Sie versuchen so gut es geht, ihr Gesicht zu wahren. Es habe einige Gespräche gegeben, in denen man sich „klar und ehrlich“ ausgetauscht habe, hat Trainer Tim Walter über sein Verhältnis zu Leistner gesagt. Er habe sogar eine Rolle für den 31-Jährigen in seinem Team gehabt. Aber: Leistner wollte diese nicht annehmen.
Das sagt Walter. Und so hat es der Verein ja gestern auch via Pressemitteilung verlautbart. Und das klingt ja erst einmal nach völlig unaufgeregter Entwicklung, die offenbar eine Trennung als logische Konsequenz nach sich zieht – was per se auch noch kein Problem wäre. Wäre da nicht das liebe Geld. Denn Leistner verdient in Hamburg gut, heißt es. Und es dürfte schwer werden, diesen Betrag auf die Schnelle bei einem neuen Verein zu bekommen. Ergo: Der Spieler stellt – vielleicht noch dazu beraten von einem Arbeitsrechtler - auf stur. Keiner hat eben was zu verschenken. Und Leistner hat einen gültigen Vertrag, der ihm das Recht dazu gibt.
Allein das abgegebene Bild hierbei stört Spieler wie Leistner, die als Mentalitätsspieler immer auch den Anspruch erheben, sportliche Werte zu leben. Also muss er Dinge nach außen andeuten, wenn er sie schon nicht sagen darf. Das wiederum funktioniert heutzutage ganz easy über die sozialen Netzwerke. Da haut man etwas raus und binnen Sekunden weiß die ganze Welt davon. So geschehen beim Post am Montag, in dem Leistner eindeutig-zweideutig schrieb, dass Hindernisse dazu da seien, sie zu überwinden. Und: So ein Typ ist er ja auch in der Wahrnehmung Außenstehender. Den Post einen Tag später allerdings vom gleichen Account hatte er dann nicht mehr selbst geschrieben, so sagt er es jedenfalls im Nachgang. Die gewollte Wirkung aber hat dieser Post erzielt, in dem Leistner den HSV und Trainer Walter für die Entscheidung attackiert, ihn auszusortieren. Den Fan-Protest gab es schon.
Wer sich heute die Pressekonferenz anschaut, der kann bei Walter heraushören, dass er Leistner zwar nicht wörtlich angreifen will, ihn durch die Blume aber mangelnde Einstellung vorwirft. Wie gesagt, er hätte ja eine Rolle für Leistner vorgesehen gehabt. Allein dieser habe diese Rolle nicht annehmen wollen. Und das gehört sich im Mannschaftssport nicht. Da steht das Team über allen. In der Theorie zumindest.
Auch im Fall Leistner gibt es kein „Gut" und kein „Böse"
Nein, diese Trikotküsser auf der einen Seite, die eben ewige Liebe schwören und keine drei Minuten später für für 2,80 Euro mehr das nächste Trikot küssen, die gehen mir genau so auf den Sack wie die Vereinsoffiziellen, die ihren Spielern vermehrt dann Vorwürfe machen, wenn man diese loswerden will. Wie jetzt. Da soll dieser zweite Leistner-Post (der ja ein Fake sein soll) sogar rechtlich geprüft werden und ggf. eine fristlose Kündigung Leistners nach sich ziehen.
Nein, beide Seiten vertreten ihre Interessen auch über den sozialen Umgang miteinander hinaus. Wohlgemerkt: BEIDE SEITEN: Also hören wir bitte auf, hier mit moralischen Diskussionen den Guten und den Bösen erkennbar machen zu wollen. Letztlich sind beide gleichermaßen gut. Und gleichermaßen böse. Verträge zählen für beide Seiten nur so lange, wie sie ihnen zum Vorteil dienen. Am Ende geht es im Business Profifußball nur darum, Geld zu sparen (Verein) bzw. nicht auf Geld zu verzichten (Spieler). Immer wieder. Das Emotionale wird dabei vor allem von außen gelebt. Bei den Fans. Innerhalb des Vereines wird es nur dafür genutzt, Druck aufzubauen bzw. seine eigene Position zu stärken, sofern die öffentliche Meinung einen eben unterstützt.
Eigentlich wollte ich nur kurz schreiben, wie wenig dramatisch und wie (leider) inzwischen normal so ein Vorgang im Fußball auch ist. Von der allseits umjubelten Liebeshochzeit zum Rosenkrieg binnen Wochen – das ist inzwischen nicht nur beim HSV an der Tagesordnung. Meist wiederkehrend in Transferphasen. Und mich nervt es, dass alle immer wieder versuchen, sich selbst als den/die Guten darzustellen, anstatt einfach mal ehrlich zu sein und zu sagen, dass man eben nicht mehr zusammenpasst.
Walter raunzt David an - und gut ist...
Wobei ich HSV-Trainer Walter genau das zutraue: Ungeschönte Ehrlichkeit. Wie heute auf dem Platz, als der Trainer Jonas David lautstark maßregelte. „Ein Zöffchen“ nannte Walter das, was im Amateurfußball alle Nas‘ lang vorkommt und in den allerseltensten Fällen eine längere Halbwertszeit als fünf Minuten hat. Zurecht übrigens! Von daher ist dieses Thema damit für mich auch schon wieder erledigt. Und ich hoffe, dass sowohl Spieler als auch Offizielle im Fall Leistner den öffentlich ausgetragenen Zoff nicht eskalieren lassen, sondern sagen, wie es ist.
Meine ganz subjektive Vermutung hierbei: Der Verein hat keinen Gebrauch mehr für Leistner und komplimentiert ihn raus. Dieser erkennt das, ist gekränkt und hat nicht sofort eine bessere Alternative – deshalb ist er noch da. Sollte sich das Thema Finanzen aber zum Vorteil des Spielers regeln, wird er gehen. Eine sportliche Zukunft aber hat er bei Walter nicht mehr. Das zumindest meine ich heute mehr als deutlich herausgehört zu haben. Ergo: Trennung, und weitermachen. Business as usual eben, so traurig das auch ist…
Sollte alles glatt laufen, werde ich morgen früh wieder den MorningCall machen können. Auch wenn ich aktuell noch die Nebenwirkung dieser Erkältung spüre. Oder ist es der HSV, der mich gerade so nervt? Egal wie, Euch allen einen schönen Rest-Donnerstag,
Scholle
P.S.: Angerifer Robin Meißner hat seinen Vertrag wie angekündigt bis 2024 verlängert.
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