Analyse

Langweilige Ruhe vor dem Stadtderby? Genau richtig so!

Ein Stadtderby ist zweifellos eine andere Partie als das normale Pflichtspiel um drei Punkte in der Liga. Jeder Spieler bekommt die Stimmung in der Stadt mit. Und die wenigen,…

Langweilige Ruhe vor dem Stadtderby? Genau richtig so!

Ein Stadtderby ist zweifellos eine andere Partie als das normale Pflichtspiel um drei Punkte in der Liga. Jeder Spieler bekommt die Stimmung in der Stadt mit. Und die wenigen, die nicht wissen, was Derbys ausmacht, bekommen es von denen wiederum erklärt, die das Ganze schon erlebt haben. So, wie beim HSV am Mittwoch, wo Kapitän Sebastian Schonlau noch mal dringende Worte an seine Mannschaftskameraden richtete. „Bei uns darf jeder sprechen“, antwortete HSV-Trainer Tim Walter kurz auf die Frage, worum es denn ging. Und er wirkte zufrieden mit dem Eigenleben, das seine Mannschaft derzeit demonstriert.

Womit wir zum Kern kommen: Denn genau darauf wird es ankommen. Auf das Eigenleben der Mannschaft. Das zeichnet sie bislang aus und führte nicht selten zu späten Treffern, späten Punkten – und manchmal sogar zu späten Siegen. Alles Erlebnisse, die den Glauben an die eigene Qualität steigern. Selbst dann, wenn mal ein Spiel wie zuletzt gegen zweifellos gute Lauterer dazwischenkommt, glauben Trainer und Mannschaft an sich.  „Man weiß, dass Stadt-Duelle ihre eigenen Gesetze haben. Aber wir sind Erster und voller Selbstbewusstsein. Und so wollen wir da auch auftreten“, sagte der 46 Jahre alte Coach des HSV vor dem Prestige-Duell. „Wir wollen einen Auswärtssieg daheim in Hamburg“, kündigte Walter an.

Kein großes Gesabbel - einfach mal nur Fußball!

Und ehrlich gesagt gefällt mir das Gesabbel vor solchen Spielen nicht. Nie. Große Worte bringen keine Siege. Beim HSV war es meistens sogar das Gegenteil. Das war früher bei den Nordduellen mit Werder schon so. Und das gilt jetzt auch für die Stadtderbys. Und es passt auch so gar nicht zur Mentalität dieses HSV, der mit selbstkritischen Spielern wie Robert Glatzel, Jonas Meffert und Leisetretern wie Sebastian Schonlau einen sehr fokussierten Eindruck macht. Oder anders formuliert: Dieser HSV hat die große Fresse gar nicht nötig. Das könnte maximal ablenken. Denn Fakt ist: Die Nummer eins der Stadt zu sein ergibt sich automatisch daraus, die Nummer eins der Zeitligatabelle zu sein. 

Deshalb freue ich mich umso mehr, dass keine Interviews á la Aaron Hunt, Tim Wiese und Co. beim HSV rauskommen. Nur ein paar selbstbewusste Antworten der Trainer – das war’s. Und das ist auch okay, denn einer pro Team muss ja sprechen. Beim Gegner ist das deren Trainer Timo Schultz, der in vier Derbys zwei Siege, ein Remis und bislang nur eine Niederlage eingefahren hat. „Ich spüre bei meiner Mannschaft eine Entschlossenheit und Vorfreude auf das Derby. Wenn ich beobachte, was für ein Feuer diese Woche im Training war, glaube ich, geht es den Jungs wie mir - wir können den Freitag kaum erwarten“, sagte der 45 Jahre alte Ex-Profi.

Nun denn. Im letzten Duell drehte der HSV ein 0:1 in ein 2:1. Allerdings im Volksparkstadion vor coronabedingt nur 2000 zugelassenen Zuschauern. Diesmal wird auch das anders. Der HSV muss auswärts ran. Und das Millerntorstadion ist mit knapp 30.000 Zuschauern ausverkauft. „Unsere Fans werden natürlich ein Faktor sein und eine große Rolle spielen. Ich weiß, dass sie uns von Anfang an nach vorne pushen und auch in schwierigen Phasen ins Spiel zurückholen werden“, sagte Schultz, der froh ist, dass seine Kapitäne Leart Paqarada und Jackson Irvine wieder fit sind und als Anführer zurückkehren werden. Mit Irvine verlängerte Sportchef Andreas Bornemann am Donnerstag noch vor dem Derby dessen Vertrag vorzeitig über 2024 hinaus, ohne Angaben über die genaue Laufzeit zu machen. Ein Zeichen für Konstanz beim Nachbarn, der auch jetzt in schwierigen Zeiten ruhig bleibt.

Schultz lobt den HSV - Walter setzt auf eigene Stärken

Langweilige Ruhe? Finde ich nicht. Ich finde den bedachten Umgang beider Klubs sehr realistisch, sportlich und respektvoll. Feuer (nicht im wörtlichen Sinne!) wird es von außen, von den Fans eh genug geben. Und ja, ich weiß, dass man das hier nicht gern hört/liest, aber: Ich mag nicht nur den Umgang des HSV mit dem Derby, sondern auch die immer sehr respektvolle Art von Schultz, den ich seit vielen Jahren kenn und dessen Entwicklung mich null verwundert. „Der HSV hat eine gute Mannschaft, die über die letzten Jahre zueinander gefunden hat“, lobte Schultz die Entwicklung des HSV, um mit Blick aufs Derby hinzuzufügen, was vor ihm schon alle anderen Gegner-Trainer des HSV sagten: „Die offensive Spielweise bietet immer wieder Möglichkeiten. Sie gehen immer ein gewisses Risiko ein, lassen Räume offen, die man gerade nach Ballgewinnen sehr gut bespielen kann.“

Und ja, das stimmt. Aber um das zu unterbinden, muss man schon defensiv stark agieren und einen vergleichsweise guten Tag erwischen, wie es Lautern am vergangenen Sonnabend geschafft hat. Auch HSV-Trainer Tim Walter hat seine Lehren aus der Partie gegen den FCK gezogen und betonte nicht umsonst: „Wir müssen immer an unsere Grenze gehen, sonst hat jeder Gegner in dieser 2. Liga eine kleine Chance gegen uns. Aber wenn wir unser Potenzial abrufen, dann wird es für jeden Gegner sehr schwer, uns zu besiegen.“

Vor allem dann, wenn sich der HSV nicht wie zu oft in den letzten Jahren in großen Tönen verliert, sondern wie aktuell auf das einzig wichtige fokussiert: Den Fußball auf dem Platz. Und das auch mit dem richtigen Schuhwerk, um Ausrutscher zu vermeiden. Solche wie von Heyer und Muheim in Hannover bzw. gegen Lautern. Aber vor allem solche in den verloren gegangenen Derbys. Und weil das so ist, freue ich mich noch ein Stück weit mehr auf das Derby morgen Abend mit zwei Mannschaften, die den Sport und nicht die Rivalität vor dem Spiel in den Vordergrund gehoben haben.

Bis morgen. Da melde ich mich nach Spielschluss wieder mit der Einzelkritik und dem Blitzfazit. 

Scholle

P.S.: Personell kann der HSV aus dem Vollen schöpfen. Heute im Abschlusstraining hatte Trainer Walter zusätzlich Angreifer Tom Sanne mit dabei. So, wie schon am vergangenen Freitag beim letzten Abschlusstraining. Und auch diesmal gehe ich davon aus, dass Sanne nicht im Kader stehen wird. Ebenso, wie ich davon ausgehe, dass Walter weiter an seinem viel diskutierten Feinfuß Sonny Kittel festhält.  Ich glaube, dass Walter morgen mit der Startelf aus der Partie gegen den FCK beginnt. Einzig Daniel Heuer Fernandes wird wieder in die Startelf rücken und dort den zuletzt überzeugenden Matheo Raab ersetzen. Ansonsten glaube ich an eine unveränderte Startelf.

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