Längst nicht nur ein Betriebsunfall.
So dicht können Glück und Grauen in einem Fußball-Spiel eng beieinander liegen. Der Abend in Doha fing so gut für die Deutschen an und endete mit einem tragischen WM-Aus.…

Leider konnte ich den Blog von unserem Freund und geschätzten Kollegen Wolfgang Stephan gestern Abend nach Schlusspfiff nicht direkt hochladen. Ebenso wie einige hier im Forum konnte ich mich nicht anmelden. Jetzt sollte das Problem aber repariert sein, wie mir versprochen wurde. Entschuldigt bitte, wenn Ihr zu denen gehört habt, die sich nicht anmelden konnten. Als kleine Entschädigung gibt's dafür heute die volle Dosis - inklusive Kommentar und Kolumne. Here we go:
DOHA. So dicht können Glück und Grauen in einem Fußball-Spiel eng beieinander liegen. Der Abend in Doha fing so gut für die Deutschen an und endete mit einem tragischen WM-Aus. Obwohl die Deutschen mit 4:2 gegen Costa Rica siegten, müssen sie die Heimreise antreten, denn Spanien verlor gegen Japan mit 2:1. Bitter, bitter, dieser Abend.
Schon nach elf Minuten schien der Drops gestern Abend gelutscht, denn gleich in zwei Stadien war das Glück zunächst den Deutschen hold. Das einzige Problem: Es mussten noch gut achtzig Minuten Fußball gespielt werden.
Die erste Überraschung am Abend lieferte Hansi Flick vor dem Anpfiff: Dass er auf Niclas Füllkrug in der Startelf verzichtet und lieber Thomas Müller spielen lässt, war zu erwarten, dass er aber Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger aufstellt, hatte niemand auf dem Zettel. Neben Kimmich, Goretzka und Manuel Neuer standen mit Leroy Sané, Jamal Musiala, Serge Gnabry und Thomas Müller weitere vier Bayern-Spieler als Offensivkräfte in der Startelf – ein Bayern-Block mit sieben Akteuren, Flick setzte auf seine Hausmacht.
Die Deutschen übernahmen bei angenehmen 21 Grad und vor 67..000 Zuschauern im Stadion von Anfang an die Initiative und versuchten sich mit spielerischen Mitteln durch die Fünfer-Abwehrkette der Südamerikaner zu kombinieren.
Was nach zehn Minuten erfolgreich war: Musiala passte auf David Raum, der flankte das Spielgerät butterweich auf den Kopf von Serge Gnabry, 1:0. Deutschland führte und war eine Minute später endgültig im frühen Glück, denn die Spanier gingen durch Alvaro Morata im Parallelspiel auch in Führung.
An der Statik des Spiels änderte sich bis zur Halbzeit nichts, Costa Rica stand teilweise mit neun Mann in zwei Linien in der Defensive und die Deutschen versuchten es weiter mit Kurzpassspiel. Auffallend, dass David Raum und Serge Gnabry auf links deutlich besser im Spiel waren als Leroy Sané und Joshua Kimmich über die rechte Seite. Gnabry hatte nach 39 Minuten mit einem Schlenzer Pech, der Ball verfehlte das Tor knapp.
Danach der Scheckmoment: Mit einem Doppel-Patzer verfehlten David Raum und Antonio Rüdiger den Ball, Fuller stand plötzlich frei vor Neuer, der den Schuss aus kurzer Entfernung noch über die Latte lenken konnte. Wenig später zeigte Niclas Süle sein Talent zur tölpelhaft falschen Entscheidung in Defensivverhalten, völlig unbedrängt haute er im Strafraum über den Ball, was selbst den gegnerischen Angreifer überraschte. Zwei Aktionen die die anfällige Abwehr dieser Mannschaft zeigten, die wie gegen Japan alles im Griff zu haben schien und sich dann fast wieder um den Lohn der Arbeit gebracht hätte. 70 Prozent Ballbesitz und 12:1 Torschüsse belegten zur Pause die Überlegenheit der Flick-Truppe, die zur Halbzeit noch auf Kurs war.
Zur Pause wechselte Flick, für Goretzka kam Klostermann für die rechte Abwehrseite, Kimmich spielte auf seiner Stammposition vor der Abwehr. Das Unheil drohte aber im Spiel der Spanier, Japan schaffte nach 48 Minuten den Ausgleich und ging nach 52 Minuten gegen Spanien in Führung. Damit war Deutschland raus. Flick brachte Niclas Füllkrug für Goretzka. Die Hoffnung auf eine Wende durch die Spanier war dann erstmals vergebens, denn nach einem Fehlpass von Raum ging alles zu schnell für die deutsche Abwehr. Am Ende patzte noch Neuer, den Abpraller versenkte Tejeda zum 1:1. Damit waren die Deutschen mausetot. Nach 67 Minuten wurden Müller und Raum durch Götze und Havertz ersetzt, gleich danach traf Musiala nur den Pfosten. Aber es kam noch dicker: Nach einem weiten Freistoß landete der Ball auf Umwegen im Fünfmeterraum, Neuer patzte erneut und bugsierte den Ball in der 70. Minute selbst über die Linie: 2:1 für Costa Rica. Danach wurde es dramatisch: Drei Minuten später der Ausgleich durch Kai Havertz, der zehn Minuten später mit dem 3:2 nach einer Flanke von Gnabry nachlegte.
Jetzt fehlte wieder nur ein Tor im eigenen Spiel und der Ausgleich der Spanier. Wer sonst: Niclas Füllkrug sorgte in der 90. Minute nach Zuspiel von Sané für das Ergebnis: 4:2, jetzt gingen alle Blicke zum Spanien-Spiel. Doch um 32.53 Uhr Ortszeit war das Schicksal der deutschen Mannschaft besiegelt. Japan gewann mit 2:1 und zieht mit Spanien ins Achtelfinale.
Kolumne 16
Die WM ist nicht vorbei
„Fliegst Du mit der Mannschaft zurück oder musst Du noch bleiben?“, fragt mein Freund Günther aus Spanien noch in der Nacht nach dem Debakel. Nein, ich bin noch hier, die Mannschaft ist weg, entrückt. Die mit hohen Ambitionen nach Katar gestarteten Deutschen sind nach vogelwilden Turbulenzen auf dem Rasen wie ein trudelnder Satellit irgendwo im Strudel der geplatzten Träume am Persischen Golf untergegangen.
Es war bezeichnend für den Auftritt des DFB, dass sie nicht einmal die Chuzpe hatten, am Tag nach dem Ausscheiden sich den Fragen der Medien zu stellen. Am Airport gab DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Mittag vor dem Abflug ein Statement ab. Geschenkt. Hingefahren wäre ich nur, wenn er Rücktritte verkündet hätte. Aber das war bei den weichgespülten DFB-Schönrednern nicht zu erwarten.
Nichts, aber auch gar nichts ist diesem DFB in Katar gelungen. Weder dem Bundestrainer, der unter anderem in drei Spielen vier Innenverteidiger ausprobierte, noch der Führung um Bernd Neuendorf und Oliver Bierhoff, die es nicht geschafft haben, wenigstens außerhalb des Spielfeldes Zeichen zu setzen. Ihr Krisen-Management bei der One-Love-Binde war unterirdisch, ihr Kniefall vor der Fifa bezeichnend.
Oh ja, sie haben der Fifa dann die Stirn gezeigt, sind zur Pressekonferenz vor dem Spanien-Spiel nicht mit dem vorgeschriebenen Spieler erschienen. Wow. Der DFB begehrte auf, eine weite einstündige Anreise sei einem Spieler nicht zuzumuten. So ein Blödsinn.
Das „Zulal Wellness Resort“ im entfernten Norden des Landes stand sinnbildlich für die Entrücktheit der deutschen Mannschaft, die in ihrer eigenen Blase lebte und in der die Spielerfrauen mehrmals nächtigen durften. Die andere Hälfte der Mannschaft ging alleine ins Bett. Mit Ohrstöpsel.
Dass zum Costa Rica-Spiel dann eine weite Anreise kein Problem war und Lukas Klostermann mit Flick auftreten musste, war so inkonsequent wie die Nominierung von Thomas Müller in drei WM-Spielen.
Jetzt sind sie weg, morgen können sie am 2. Advent die Kerzen anzünden, nachdem sie in Katar das Licht des deutschen Fußballs gelöscht haben. Und am Montag in Urlaub fahren.
Ach ja, Günther, deine Frage: Ich muss nicht hierbleiben, ich will hierbleiben. Eine Fußball-WM ist nicht beendet, wenn die Deutschen ausgeschieden sind.
Kommentar von Wolfgang Stephan zum WM-Aus
Es gibt eine Alternative zu Hansi Flick
Deutschland war einmal eine große Fußball-Nation. Doch jetzt hat sich die Nationalmannschaft zum dritten Mal in Serie vorzeitig aus einem großen Turnier verabschiedet. 2016 wurde bei der EM in Frankreich noch das Halbfinale erreicht, danach scheiterte die deutsche Mannschaft vor allem an sich selbst. 2018 und im vergangenen Jahr war der Sündenbock in Joachim Löw schnell gefunden, jetzt ist die Analyse etwas komplizierter.
Fakt ist: Das blamable Ausscheiden passt in Deutschland zu dieser Weltmeisterschaft. Alles Schlechte diese Welt vereint sich in Katar. Gut, dass das jetzt vorbei ist. Ist es aber nicht. Eine Weltmeisterschaft findet auch ohne die Deutschen statt. Daran muss sich Fußball-Deutschland gewöhnen.
Das ist das Problem: In eineinhalb Jahren soll im Land wieder ein Sommermärchen geschrieben werden. Die Euro 2024 steht vor der Tür und der DFB vor einem Scherbenhaufen.
Nächste Woche soll es eine Krisensitzung geben. Wie 2018 nach der Pleite in Kazan. Weiter so, war damals die Devise. Mit Joachim Löw. Der versuchte den Umbruch mit harten Entscheidungen, drei seiner Weltmeister wurden degradiert, nach öffentlichem Druck holte er Thomas Müller und Mats Hummels zurück. Half auch nichts.
Sein Nachfolger Hansi Flick startete mit acht Siegen in Serie überragend. Der Hoffnungsträger war gekürt. Doch als dann die richtigen Härteprüfungen gegen Italien, Niederlande, Ungarn und England kamen, fehlten die Siege - bis auf das 5:2 gegen Italien wurde nicht mehr gewonnen. Als Alarmzeichen wurde dies nicht gewertet, Hansi Flick hatte schließlich mit den Bayern sechs Titel in Serie gewonnen, er werde es schon richten.
Ein fataler Glaube. Der nette Herr Flick hat in Katar vieles in die falsche Richtung gerichtet. Taktische Fehler im Spiel und bei den Aufstellungen, fehlender Mut im Umgang mit seinen Stars, eine unsinnige Wohlfühlatmosphäre mit Spielerfrauen im Luxus-Quartier und offenbar wenig Durchsetzungsvermögen gegenüber der DFB-Führung, als es galt, der korrupten Fifa die Stirn zu zeigen. Weiter so?
Hansi Flick hat recht, wenn er mit Blick auf die Ausbildung beim DFB beklagt, dass er keinen Mittelstürmer von internationalem Format hat. Aber den einzigen Torjäger, den er in letzter Minute in Bremen fand, lässt er nicht spielen.
Hansi Flick hat auch recht, wenn er die Qualität seiner Kicker benennt, von denen viele in Top-Vereinen spielen und ein Talent wie Jamal Musiala preist, ein fußballerischer Schöngeist, der die Poesie auf den Platz bringen kann. Aber ist ein Trainer nicht dafür verantwortlich, wenn diese Ansammlung von Top-Stars nicht funktioniert?
Er ist es. 2018 gab es nach dem WM-Aus keine ernsthafte Alternative zu Joachim Löw. Jetzt gibt es eine: Thomas Tuchel, Fifa-Welttrainer das Jahres 2021. Ein Unbequemer. Wie einst Jürgen Klinsmann, der 2016 für das Sommermärchen verantwortlich war.
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