Krise? Nein - aber Zeit für den nächsten Entwicklungsschritt
Mit der Meinung ist das immer so eine Sache. Denn diese verändert sich nicht selten im Laufe der Zeit. Oder es verändert sich derjenige, über den man sich eine Meinung gebildet…

Mit der Meinung ist das immer so eine Sache. Denn diese verändert sich nicht selten im Laufe der Zeit. Oder es verändert sich derjenige, über den man sich eine Meinung gebildet hat. Auf den HSV bezogen ist es aus meiner Sicht so. Ich hatte vor Saisonbeginn immer wieder davon gesprochen, dass der HSV die Entwicklung eigener Talente endlich wirklich in den Fokus stellen müsste. Und das tat der HSV. Ob es so letztlich gewollt oder auch finanziell erzwungenermaßen stattfand ist nicht hundertprozentig nachweisbar. Aber der HSV hat es geschafft, eine Homogenität innerhalb der Mannschaft (inklusive Trainerteam und Staff) herzustellen. Oder wie sagte Michael Mutzel gerade: „Das musste natürlich schon etwas zusammenwachsen, aber jetzt habe ich schon das Gefühl, dass die Truppe sich mag und schätzt – und das sieht man auch auf dem Platz.“
Fakt ist jedenfalls, dass sich der HSV zunehmend davon löst, auf Namen zu setzen und stattdessen mutig ausbildet. David, Suhonen, Krahn, Rohr, Reis, Alidou – das sind erste Namen dieser neuen Strategie, die bei allem Kompliment für Trainer Tim Walter noch nicht mehr als am Anfang steht. Aber: Wer diesen Weg ebenso wie ich fordert, der muss ebenso wie ich die Kollateralschäden dafür in Kauf nehmen. Also auch solche Rückschläge wie den in Nürnberg, aus dem heute alle wieder eine allgemeine Entwicklung ableiten wollen.
Der HSV verfällt nicht in alte Muster
Der „kicker“ kann sich weiter nicht entscheiden, wo der HSV aktuell steht. Woche für Woche stehen Spiele oder Spieler sinnbildlich für den HSV. Mal für alte Probleme – und mal dafür, dass man diese endgültig abgelegt hat. Und auch sonst schwanken die Bewertungen der Außenstehenden deutlich erkennbarer, als dies Daniel Heuer Fernandes macht (Titel Mopo heute: „Wankender Rückhalt“).
Natürlich gibt es auch die beiden krassen Seiten. Einige sehen alles schwarz - andere alles rosarot. Aus Prinzip. Oder wie hier bei uns vorkommend, auch, um einfach nur zu provozieren. Wenn ich lese, dass dieser HSV noch immer kein Leistungsprinzip anwendet, dass die Mannschaft untertrainiert ist, dass Boldt und Mutzel unfähig sind und dergleichen, dann nehme ich das als Meinung wahr. Aber auch als die Meinung von Leuten, die etwas glauben – nicht wissen. Wobei letzteres eh nie zutrifft. Aber diejenigen, die diese Leute kennen, oder diese wiederholt bei der Arbeit erleben, haben eine deutlich breitere Erfahrungsspanne, um ein wenigstens annäherndes Urteil fällen zu können.
Aber alles das interessiert mich nicht wirklich. Ich freue mich über Diskussionen und sortiere wie jeder andere auch selbst, wen ich ernst nehme und wen weniger. Von daher interessiert es mich auch nicht, ob Leute meine Bewertungen mögen oder nicht. Denn ich treffe sie, weil ich davon überzeugt bin. Auch jetzt, wo hier viele im Misserfolg nach dem Nürnberg-1:2 den HSV wieder auf dem Weg in alte Muster sehen. Denn das ist dieser HSV definitiv nicht. Er ist nur tabellarisch nicht auf einem Aufstiegsplatz – den hier offenbar einige noch erwarten.
„Teuerster Kader“ wird hier von einigen fälschlich geschrieben. Den hat der HSV nicht. Werder Bremen ist teurer. Auch der FC Schalke hat seinen Etataufwand im Winter mit vier neuen Spielern noch mal erhöht und dürfte über dem HSV liegen. Was diese Etataufwendungen aber in beiden Fällen nicht garantieren: Tabellenplätze. Denn dafür ist mehr nötig als teure Spieler. Es muss ein Gesamtkonstrukt erstellt werden, das stimmig ist. Schafft man das, hat man Erfolg. Und den hat Walter. Noch nicht ausreichend, um so sicher aufzusteigen wie ich es bei Werder Bremen erwarte. Aber Walter hat einen neuen Weg eingeleitet, der schlechter hätte laufen können. Ich nenne so etwas einen „Teilerfolg“. Aber ich erkenne in den letzten Spielen auch keine Rückschritte, sondern relativ vorhersehbare Schwankungen.
Walters Weg war und ist wackelig, mutig - und gut
Denn der Weg von Walter war von Anfang an wackelig – das war allen Beteiligten klar. Vom Spielsystem bis hin zur Personalauswahl musste sich hier vieles erst finden – und das brauchte eine ganze Weile. Auch ich habe das Spielsystem von Walter inzwischen mögen gelernt – abgesehen von übertriebenem riskantem Kurpassspiel hinten raus. Walter hat zudem einige unerfahrene Spieler erfolgreich ein- und zuletzt schwächelnde Spieler (Kittel, Heuer Fernandes) aufgebaut und zu Führungsspielern gemacht. Neben neuen Spielern wie Schonlau, Vuskovic, Meffert und auch Glatzel, der immerhin als Ersatz für Zweitliga-Nonplusultra Simon Terodde gekommen ist, bilden diese beiden inzwischen das „konstante Gerüst“ – das aktuell etwas wackelt.
Kurzum: Der HSV hat einen Kader, mit dem er jedes Spiel gewinnen kann, aber nur die wenigsten Spiele gewinnen muss. Apropos „Müssen“: Dieser HSV muss nur eines machen, und das ist, immer an seine 100 Prozent rankommen, um die Spiele zu gewinnen. Und genau diese Einsicht hat Walter beim zuletzt chronisch arroganten HSV eingepflanzt. Und das nenne ich schon einen „Erfolg“, weil es für mich eine ebenso schwierig zu erreichende wie zwingend notwendige Basis darstellt, hier überhaupt etwas Neues aufbauen zu können.
Walter hatte wenigstens den Mut, diesen Weg einzuschlagen. Und mein erster Gedanke nach Niederlagen wie gegen Werder und Nürnberg war/ist: Lasst ihn das weitermachen. Erst, wenn man hier keine Entwicklung mehr erkennen kann, sollte man den Trainer überhaupt in Frage stellen. Womit wir zu den nächsten Spielen kommen. Denn in denen werden wir sehr genau erkennen können, ob der HSV seine positive Entwicklung fortsetzen kann.
Düsseldorf in zwei Wochen wird noch einmal eine kleine Ausnahme darstellen, da die Rheinländer mitspielen. Aber Aue am kommenden Sonnabend wird wie zuletzt schon die Partie in Sandhausen zeigen, ob der HSV gelernt hat, gegen destruktive Mannschaften zu spielen. Zudem werden wir in den nächsten Wochen erkennen können, ob der Kader die laufintensive Spielweise wieder gehen kann oder ob er wie zuletzt nur noch teilweise funktioniert.
„Warum kann der HSV nur noch eine Halbzeit?“ fragten die Kollegen der BILD heute. Zurecht. Denn aktuell wirken einige Spieler müde. „Müdigkeit im Kopf“ hatte Walter selbst bei seinen Spielern in Nürnberg ausgemacht. Ob das so war oder nicht – es bewirkte zweifellos eine reduzierte Handlungsgeschwindigkeit im HSV-Spiel. Und Fakt ist: Aktuell bekommt der HSV keine 90 Minuten Powerfußball auf den Platz gebracht. Besser gesagt: nicht mehr. Das MUSS aber funktionieren, wenn man Erfolg haben will. Denn genau das war und ist ein entscheidender Faktor im HSV-Spiel bei Tim Walter.
Mehr Training klingt gut - ist aber nicht immer richtig
Ich weiß, dass es hier selbst ernannte Trainingswissenschaftler gibt, die alles besser wissen als alle HSV-Trainer der letzten Monate. Und ich selbst behaupte nicht, die Wahrheit zu kennen. Ich kann aber aus meiner Erfahrung heraus sagen, das Saisons immer dreigeteilt waren, was das Krafttraining betraf: Es gab den Aufbau in den Saisonvorbereitungen, das reaktive Training auf erkannte Defizite im Verlauf der Saison. Und dann kommt im letzten Drittel, meist sogar erst in den letzten sechs, sieben Spielen die Phase, in der man die Kraft mit Belastungssteuerung möglichst nah am Leistungslimit hält. Oftmals auch mit Pausen, um leergelaufene Akkus aufzuladen.
Von daher nervt selbst mich als Verfechter von vielen Trainingseinheiten dieser offenbar natürliche Reflex auf freie Tage hier. Er ist bei Walter nämlich populistisch, nicht faktenorientiert. Zustimmen würde ich dagegen beim individuellen Training. Hier ist auch unter Walter längst nicht alles ausgeschöpft. Angefangen bei Ricardo Moniz, der ob seiner Eigenwilligkeit offenbar nicht Walter-kompatibel ist bis hin zum Training mit einzelnen Spielern. Wenn ich mir überlege, wie oft beispielsweise Heung Min Son nach den Trainingseinheiten seine Laufwege inklusive Torabschlüsse übte oder David Jarolim trotz Laufverbotes joggen ging – sowas sieht man heutzutage selten. Dabei wäre es beispielsweise schon sehr spannend zu sehen, wie weit man einen Bakery Jatta in Sachen finalen Pass und Torabschluss mit effektivem Training noch bringen kann.
Aber, und deshalb schreibe ich das hier: Dieser HSV macht seine Aufgabe bislang gut. Noch nicht sehr gut – aber er hat Hindernisse nicht nur in Kauf genommen, sondern er hat diese größtenteils erfolgreich gemeistert. Auch Dank Walters Mut nach Misserfolgen unbeeindruckt weiterzumachen. Walter hat bislang Wort gehalten. Und die Mannschaft präsentiert sich dieses Jahr als solche. In Sachen Mentalität ist diese Mannschaft die sympathischste der letzten Jahre. Ergo: Nimmt man alles zusammen, dann hat sich dieser HSV wenigstens einen Vertrauensvorschuss, mindestens aber meine Geduld verdient.
In diesem Sinne, bis morgen. Dann auch wieder mit der Möglichkeit, Eure Fragen für den Communitytalk zu stellen (via Email an [email protected] oder per Instagram). Bis dahin!
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