Meinung

Kommunikationsdesaster gefährdet die Entwicklung des HSV

Der HSV steckt wieder in alten Machtkämpfen. Könnte man meinen. Aber ist es auch so? Spricht man mit den verantwortlichen selbst, geben diese sich alle „entspannt“ ob der…

Kommunikationsdesaster gefährdet die Entwicklung des HSV

Der HSV steckt wieder in alten Machtkämpfen. Könnte man meinen. Aber ist es auch so? Spricht man mit den verantwortlichen selbst, geben diese sich alle „entspannt“ ob der aktuellen Situation. Auch die Aufsichtsratssitzung am Mittwoch sei alles andere als ein Machtkampf gewesen. Vielmehr habe man sich grundsätzlich vereinbart, weiter miteinander arbeiten zu wollen. Nur: Mitgeteilt wurde das mal wieder nicht offiziell. Oder wie meine geschätzte Kollegin Britta Kehrhahn völlig zurecht anmerkte: „Es ist so dilettantisch. Ein kleines Statement des AR-Vorsitzenden Jansen nach einer langen Sitzung mit ein paar kurzen Worten „wir werden gemeinsam das 5. Jahr in der zweiten Liga angehen“…. das hätte was abgefedert. #Siekönnenihrenjobnicht #einenummerzugroß #wüstefeld #jansen“

Recht hat sie, die werte Britta Kehrhahn von NDR90,3.

Denn dieser HSV steuert geradezu fahrlässig in das aus meiner Sicht schlimmste Dilemma, das man sich vorstellen kann: nämlich in ein völlig unnötiges und leicht vermeidbares! Diese sich anbahnende Krise ist nichts anderes als ein Kommunikationsdesaster. Wüstefeld gegen die Angestellten, Boldt gegen Mutzel, oder auch Jansen/Wüstefeld/Mutzel gegen Boldt und Walter – und die Fans laufen im Internet Sturm. Sie fordern das, was der HSV – mit übrigens ALLLEN vorig genannten Entscheidungsträgern - seit Beginn der abgelaufenen Saison gebetsmühlenartig propagiert - Konstanz. Oder anders formuliert: Genau da, wo sich alle einig sein und den nächsten Schritt in Angriff nehmen müssen, reißen diese alles ein? Das ist verheerend. Dilettantisch. Und irgendwie HSV…

Zwei Baustellen gilt es derzeit zu erledigen. Wüstefeld soll Probleme mit einem großen Teil der Belegschaft haben. Dass inzwischen Interna an die Öffentlichkeit gelangen, wie heute in der BILD: „An Wüstefeld scheiden sich die Geister. Mehrfach wurde der Unternehmer dabei ertappt, wie er schummelte. Zuletzt Dienstag, als er in einer Medienrunde erzählte, er habe die Mannschaft gerade in die Sommerferien verabschiedet. Dabei war er bei dem Treffen gar nicht dabei“ zeigt, dass hier intern schon gegeneinander gearbeitet wird. Immer zum eigenen Vorteil wohlgemerkt. Der HSV an sich spielt hierbei eine absolut untergeordnete Rolle. Gleiches gilt für die Parteien AR (Jansen vorneweg) sowie dem Vorstand Boldt und Trainer Walter. Aber noch mal kurz zusammengefasst, worum es geht:

Wüstefeld wird u.a. nachgesagt, durch seine Ankündigungen von Einsparmaßnahmen die halbe Belegschaft gegen sich aufgebracht zu haben.

Das stimmt. Aber das ist auch völlig normal angesichts der Maßnahmen, die er treffen muss. Denn er hat das Erbe angetreten, die Belegschaft um knapp 40 Prozent zu reduzieren. Auch auf Direktorenebene trifft das Mitarbeiter, die nicht gehen wollen, aber um ihren Job bangen müssen. Diesen Mitarbeitern, die ihrerseits viele (zum Teil ebenfalls verängstigte) Mitarbeiter unter sich haben, jetzt auch noch so die Chance zu bieten, sich einer Fraktion auf höchster Ebene gegen Wüstefeld anzuschließen, ist fatal und der Untätigkeit des Aufsichtsrates zu verdanken. Denn der AR mit seinem Finanzausschuss ist in diesem Fall derjenige, der aufpassen muss, dass sich die Ausgaben den Einnahmen endlich anpassen. Von daher hätte der Auftrag von ihnen nicht nur innerhalb des Gremiums kommuniziert und als Maßgabe für den Vorstand formuliert werden müssen, um Lagerbildung zu vermeiden. So aber ist Wüstefeld der Böse. Und Boldt, der den Stellenabbau vermeiden will, ist der Gute. Fakt ist und bleibt aber, dass der HSV sich einen Mitarbeiterapparat leistet, der in der Liga seinesgleichen sucht.

Dass Wüstefeld zudem vieles angekündigt aber eben nicht umgesetzt haben soll – es gehört zu den Dingen, die jetzt zunehmend lanciert werden. Vor allem von denen, die Wüstefeld damit schaden wollen. Aber: Auch Wüstefeld selbst muss nach außen erkennbarer und transparenter wirken. Bislang hat er in Interviews nur Ansätze genannt – umgesetzt hat er davon aber noch nichts. Zumindest nichts, was bekannt geworden ist. Dafür wäre auch die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim HSV unter Mediendirektor Christian Pletz zuständig, die nicht nur eine ausführende sondern auch eine beratende Aufgabe im Klub haben, wann was nach außen zu veröffentlichen ist. Da diese Abteilung aber zu denen gehört, wo der Direktor eingespart und es zudem massiv personelle Einsparungen geben soll, wird Wüstefeld hierauf eher nicht zählen können.

Der Aufsichtsrat hatte im Laufe der Saison – insbesondere nach der Pleite bei Holstein Kiel - Zweifel an der Arbeit der sportlich Verantwortlichen durchblicken lassen.

Auch das stimmt. Aber ist das schlimm? Nein, richtig kommuniziert ist das sogar förderlich und völlig normal. Der AR soll schließlich kontrollieren und dazu gehört es, alles und jeden immer wieder zu hinterfragen. Um das möglichst gut machen zu können, müssen sich die Kontrolleure mit allen Entwicklungen möglichst umfangreich vertraut machen. Und wenn man Zweifel an der Entwicklung des HSV hat, dann muss man diese auch ansprechen dürfen. Aber: Intern und konstruktiv – denn nur dann entwickelt man wirklich etwas zusammen. Dies alles aber wie geschehen hinter vorgehaltener Hand zu machen ist ausgewiesener Bullshit. Und völlig unabhängig davon, ob Jansen letztlich nach Kiel Trainer und Sportvorstand auswechseln wollte, oder nicht: Er wusste um das Gerücht und hätte diesem entgegenwirken müssen. Hat er aber nicht. Und das Ergebnis sind die jetzt entstandenen, völlig überflüssigen Fronten. Selbst die Fans des HSV machen in den Internetforen mobil und übernehmen die Spekulationen meiner Kollegen als gegebene Fakten.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass der Aufsichtsrat als einziges, dauerhaft unabhängiges und für die Kontrolle des HSV zuständiges Gremium hier Gefahren heraufbeschworen, diese dann unterschätzt und zu guter Letzt auch noch vernachlässigt behandelt hat. Anstatt intern an einem Strang zu ziehen und die letztlich gute Saison zusammen vernünftig zu analysieren, heißt es hier Boldt/Walter gegen den Aufsichtsrat unter der Führung von Marcell Jansen. Wäre man hier die gesamte Zeit über intern transparent mit der Vorgabe verfahren, am Saisonende zusammen alles auf den Tisch zu legen, hätten Boldt (und dieser für seinen Trainer) überhaupt keine Basis, Verlängerungen ihrer noch ein Jahr laufenden Verträge zu „fordern“ und den AR damit sogar öffentlich unter Druck zu setzen.

Noch mal: Ich würde mit Boldt und mit Walter weitermachen. Weshalb das so ist, habe ich schon mehrfach erklärt. Trotz meines Zuspruches für die beiden, würde ich aber deren Verträge nicht unnötig früh verlängern. Schon gar nicht, wenn ich berechtigte Zweifel hätte. Sollten diese (in der Natur des Amtes als guter Kontrolleur liegenden) Zweifel dazu führen, dass Boldt und Walter Front und Politik in eigener Sache machen – ich würde beide sofort gehen lassen. Das geht in diesem Fall aber nicht mehr, da der Aufsichtsrat diesen Boden und diese Möglichkeit erst geschaffen hat, indem man hinter vorgehaltener Hand Walter und Boldt gefühlt schon ausgetauscht hatte.

Kommunikationsdesaster des AR gefährdet HSV

Oder anders formuliert: Jeder kann die Skepsis von Boldt und Walter nachvollziehen. Denn dass die beiden dadurch mit diesem Kontrollgremium und ihrem Vorsitzenden nicht mehr vertrauensvoll zusammenarbeiten können – logisch. Dass diese beiden nach den letzten, zweifellos erfolgreichen Wochen als Gewinner der Situation gelten, auch nachvollziehbar. Dass nicht alle zusammen diese Situation dafür nutzen können, um mit frischem Schwung, sowie dem Schulterschluss mit den Fans einheitlich in die Zukunft zu gehen – das ist einfach nur DUMM, DILETTANTISCH und vor allem völlig UNNÖTIG!

Jansen sprach bei seinem Amtsantritt und bei seiner Wiederwahl auch in seinem Programm „Vereint 2025“ davon, endlich alte Machtkämpfe abstellen, Egoismen hintenanstellen und den HSV an sich ganz nach oben stellen zu wollen. Er betonte, immer im Sinne des HSV eine Einheit bilden zu wollen. Und jetzt, wo sich diese Situation besser anbietet und wichtiger wäre denn je, sind er und seine Kontrolleure in der öffentlichen Wahrnehmung die einzigen, die das nicht machen. Oder anders formuliert: Jansen hat das Gegenteil von dem erreicht, wofür er stehen wollte und dem HSV droht wieder eine Diskussion, die alles andere als inhaltlich geführt wird. Und das ist nie gut.

Es wird Zeit, dass dieser HSV endlich lernt, was es bedeutet, eine Hochleistungskultur zu schaffen. Dazu gehört neben der reinen Leistung auch ein klarer Fahrplan, wie man intern Dinge bewertet. Lebt man diese Werte konsequent, wird man nie unter falschen Druck geraten, Dinge aus irgendeinem anderen als ausschließlich sachlich-fachlichen Gründen zu bewerten und zu entscheiden. Ich habe den Präsidenten und AR-Vorsitzenden leider weder gestern noch heute zu einer persönlichen Stellungnahme erreichen können, daher stelle ich ihm gern die Frage an dieser Stelle: Herr Jansen, wie geht es jetzt weiter?

In diesem Sinne, ich kann die aktuellen Probleme schwer nachvollziehen und noch weniger verstehen. Trotzdem wünsche ich Euch allen jetzt erst einmal einen schönen Freitagabend. Bleibt gesund!

Scholle

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