Meinung

Könnt Ihr nicht einfach ein bisschen mehr Thioune sein?

Ich hatte es in den letzten Tagen immer wieder mal geschrieben: Dieser HSV hat alle Situationen, die es zu meistern gilt für einen Aufstieg, schon mindestens einmal gemeistert.…

Könnt Ihr nicht einfach ein bisschen mehr Thioune sein?

Ich hatte es in den letzten Tagen immer wieder mal geschrieben: Dieser HSV hat alle Situationen, die es zu meistern gilt für einen Aufstieg, schon mindestens einmal gemeistert. Selbst eine Durststrecke von fünf Spielen in Folge ohne Sieg wurde ohne größeren Schaden durchlaufen und mit nunmehr acht ungeschlagenen Spielen (davon sechs Siege) beantwortet. Und das Beste daran: Weder in der „Krise“ noch jetzt beim Positivlauf hat der Chef des Ganzen seinen Pfad auch nur um einen Millimeter verlassen. Im Gegenteil: Daniel Thioune blieb in beiden Phasen abgeklärt und ruhig. Oder anders formuliert: Daniel Thioune ist als HSV-Coach genau das, was der HSV in Gänze und der HSV e.V. im Speziellen braucht. Und das nicht nur heute, wo das zerstrittene Präsidium am Abend tagt.

Wobei: Gerade heute wäre es sicher nötig, man hätte eine Art Mediator in der Runde. Thioune würde ich sowas zutrauen. Und das wäre wichtig. Zumindest ist völlig unabhängig von allem, was offiziell in Interviews oder Facebookposts proklamiert wird klar, dass dieses Präsidium inzwischen gegeneinander arbeitet. Es wird teilweise sogar offen gesagt – eben nur nicht laut für alle, sondern mit einem ekligen Schmunzeln im Hintergrund. Zur Erinnerung für alle: Auf der einen Seite steht Marcell Jansen als e.V.-Präsident, dem ein zu enger, zu vertrauter Draht zum HSV-Investor Klaus Michael Kühne angelastet wird. Und auf der anderen Seite steht Vizepräsident Thomas Schulz, gegen den alle Gremien im Schulterschluss einen Abwahlantrag gestellt haben. Schulz wiederum soll mit Moritz Schäfer ebenso wie mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann als angeblichen Strippenzieher im Hintergrund an dessen neuerlichen Comeback stricken. Die These der Schulz-Gegner: Alle die, die im Aufsichtsrat bei Hoffmanns Demission im März 2020 gegen ihn gestimmt haben, sollen deshalb abgewählt werden. Stattdessen sollen neue Räte eingesetzt werden, die Hoffmann den Weg freiräumen. Und das kann das zerstrittene Vereinspräsidium mit einer Mehrheit (die Schulz und Schäfer hätten) heute veranlassen.

Das Drehbuch für den Katastrophenfilm steht

Es ist also alles so, wie man es in Hollywood verlangt, wenn man Drehbücher für Schmierentheater in Auftrag gibt. Und der nächste Akt ist vorgezeichnet. Am heutigen Donnerstagabend soll auf der e.V.-Sitzung neben der Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung auch über die Abwahl der Räte Andreas Peters, Felix Goedhart sowie Michael Krall entscheiden werden. Und ganz ehrlich: Ich habe nicht umsonst meine Position als selbständiger Blogger dafür genutzt, mich diesem Thema zu entziehen. Das wäre für mich als Berichterstatter beim Hamburger Abendblatt nicht möglich gewesen. Denn so absurd alles oben genannte klingen mag – es ist tatsächlich viel Wahres dran. Hinzu kommt, dass sich sogar die zwei Supporters-Delegationen, die auf der Mitgliederversammlung die Nachfolge des scheidenden Tim Oliver Horn anstreben, jeweils einem dieser beiden Lager angeschlossen haben sollen. Mit anderen Worten: Es wird nicht nur heute mächtig politisch werden – es bleibt so…

Das Problem des HSV ist und bleibt einfach, dass es keinen geeigneten Vorstandsvorsitzenden gibt, der frei vom Verdacht der Selbstbereicherung und falschen Eitelkeiten das Thema lenkt und auf den Tisch haut, wenn sich wieder alle selbst zerlegen. Dieser HSV ist in der aktuellen Verfassung so unprofessionell wie eh und je. Auf Führungsebene – wobei ich die AG als Reaktive hier nur bedingt mit einbeziehen will. Aber was soll man erwarten, wenn der Hauptanteilseigner der AG – und das ist weiterhin der HSV e.V. - sich auf Führungsebene verhält wie Kleinkinder im Kindergarten beim Streiten um den besten Platz in der Sandkiste.

Ehrlich gesagt würde ich hier wirklich laut über die absurden und an Frechheit nicht zu überbietenden Vorstöße einiger lachen, wenn dahinter nicht das Wohl und Wehe des HSV stünde. Und so bekloppt einige Thesen auch klingen – es ist eben viel Wahres dran. Man schaue sich allein einmal die drei Räte an, die auf Antrag von Schulz (und Schäfer?) abgewählt werden sollen. Es sind nicht zufällig genau  diese drei. Denn diese drei hatten neben Marcell Jansen (er ist als Vereinspräsident automatisch delegiertes AR-Mitglied) und Kühnes Vertrauten Markus Frömming gegen Bernd Hoffmann gestimmt. Zuletzt gab es sogar Stimmen, die behaupteten, der zurückgetretene Max-Arnold Köttgen solle und wolle nach vollzogener Abwahl dieser Räte seinen Hut wieder in den Ring werfen. Noch Fragen? Ich habe keine mehr. Im Gegenteil...

Dem HSV fehlt die unverdächtige Führungsspitze

Das größte Problem des HSV ist und bleibt, dass er einfach keinen unantastbaren in seinen Reihen hat. Es fehlt jemand, der frei von jeglichem Verdacht ist, den HSV allein für sich und seine Vorteile nutzen zu wollen. Stattdessen kann sich hier wirklich jeder- egal wie oft er sich schon erfolglos beim HSV eingebracht hat- wieder in Position bringen. Oder besser gesagt: in Position bringen lassen. Es gibt auf Funktionärsebene einfach keinen Daniel Thioune, der mit seiner Ruhe überzeugt, der einen erkennbaren Plan hat und der beweist, dass er nicht nur labert, sondern sich an seine eigenen Vorgaben auch hält.

Womit ich nur zu gern zum eigentlich Entscheidenden übergehen möchte: Zum Fußball. Denn der funktioniert derzeit spielerisch wie auch im Ergebnis sehr gut. Heute fehlten im Training Jan Gyamerah und Sonny Kittel – vorsichtshalber. Ansonsten waren alle dabei. Auch Jonas David, bei dem weiterhin ein Verleihgeschäft im Raum steht. Ob der Youngster bis Montag (da endet das Transferfenster) noch verliehen wird, ist allerdings offener als die Favoritenrolle beim nächsten Spiel des HSV am Sonnabend gegen den SC Paderborn.

So sieht es zumindest Gästetrainer Steffen Baumgart, der heute in der „BILD“ sagt: „Für den HSV ist der Aufstieg ein Muss. Er spielt viel klarer und robuster als in den beiden ersten Zweitliga-Jahren. Der HSV lässt sich auch nicht mehr von einem Zwei-Tore-Rückstand wie in Braunschweig aus der Bahn werfen. Er macht so lange Druck, bis der Gegner Fehler macht und hat dann auch einen vorne im Sturm, der dann irgendwann richtig steht, seinen Fuß hinhält und trifft. Der Simon Terodde hat schon enorme Qualität. Er erinnert mich sehr an Alex Meier. Der stand auch immer richtig und vor allem da, wo niemand ihn erwartet hat“, schwärmt Baumgart, der ein bekennender HSV-Freund ist. Er weiß allerdings auch nicht, was alles so hinter den Kulissen abläuft.

Und dafür beneide ich ihn. 

In diesem Sinne, bis morgen. Drücken wir einfach mal alle die Daumen, dass sich der HSV doch noch mal auf das Wesentliche konzentriert und die Funktionäre deutlich weniger auf J.R. Ewing machen und deutlich mehr Daniel Thioune werden. Damit wäre zwar nicht allen in ihren Vorhaben geholfen – aber zumindest dem, um den es gehen sollte: Dem HSV.

Scholle

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