Spielbericht

Königsdörffers Traumsolo besiegelt HSV-Sieg in Hannover

Der HSV-Vorstand, also Jonas Boldt als letzter Mohikaner, hat es vorgemacht: Heute sollte das Thema Wüstefeld rund um dieses Spiel kein Thema sein. Man wolle sich erst einmal…

Königsdörffers Traumsolo besiegelt HSV-Sieg in Hannover

Der HSV-Vorstand, also Jonas Boldt als letzter Mohikaner, hat es vorgemacht: Heute sollte das Thema Wüstefeld rund um dieses Spiel kein Thema sein. Man wolle sich erst einmal intern in aller Ruhe aufstellen und Themen so anschieben, dass sie schnellstmöglich erfolgreich würden. Gut so. Zumal auch ich absolut keine Lust habe, mich heute an so einem Top-Spieltag, wenn die ersten vier sich duellieren, über irgendwas anderes zu unterhalten als über Fußball. Zumal der heute sehr ansehnlich gespielt wurde. Vor allem vom HSV.

Selbst ein bitterer Ausrutscher von Miro Muheim, den die Hannoveraner durch Muroya (4.) mit dem 1:0 an dem weit vor seinem Kasten stehenden Daniel Heuer Fernandes vorbei zur frühen Führung nutzten, reichte nicht, um den HSV tiefer zu verunsichern. Im Gegenteil: Der HSV übernahm das Kommando und kam seinerseits glücklich durch ein Eigentor des Hannoveraners Börner (15.). Am Ende war es dann der eingewechselte frische A-Nationalspieler Ghanas, der mit einem unfassbar geilen Solo aus der eigenen Hälfte den Siegtreffer zum 2:1 erzielte. Ein verdienter Sieg – und inzwischen schon der achte Auswärtssieg in Folge. Und so glücklich der eine oder andere Sieg im Zustandekommen auch gewesen sein mag – Zufall ist das nicht mehr.

Vor der Erstliga-Kulisse von 49.000 Zuschauern war die spielerische Überlegenheit des HSV zeitweise so groß, dass den 96ern kaum etwas anderes übrigblieb, als die Räume zu verengen und kompakt zu verteidigen. Zu ihrem eigenen Offensivspiel fanden die Niedersachsen dabei kaum. Und jeden Hamburger Angriff zu stoppen, gelang ihnen auch nicht: So vergaben Sonny Kittel (13./19./66.), Robert Glatzel (41./52.), Pechvogel Muheim (41.) und Ransford-Yeboah Königsdörffer (86.) mehrere gute Chancen für den HSV oder scheiterten am starken 96-Torwart Ron-Robert Zieler. Hannover brach diese Dominanz erst nach einer Stunde ein wenig, war im Angriff aber nicht annähernd so gefährlich wie der HSV, der sich in der Nachspielzeit mit dem Traumtor von Königsdörffer belohnte und nunmehr drei Punkte Vorsprung auf den Tabellenzweiten SV Darmstadt hat. Ein schöner Fußballabend aus HSV-Sicht.

Die Einzelkritik:

Daniel Heuer Fernandes: Was für ein undankbares Spiel für einen Torhüter. Gänzlich schuldlos ist ein Keeper nicht, wenn er so weit vor seinem Kasten steht wie beim 0:1. Allerdings ist das so eben auch vom Trainer gefordert. Ansonsten fast beschäftigungslos. Note: 3 

Moritz Heyer: Fehlerlose erste 45 Minuten mit einigen guten Aktionen (wie die Flanke zum Eigentor zum 1:1). In der zweiten Halbzeit nicht mehr so oft zu sehen. Aber: Defensiv sicher, offensiv gefährlich – das gibt die gute Note: 2

Sebastian Schonlau: Problemlose erste Hälfte. Wenig gefordert in der zweiten Hälfte – dafür aber einmal Retter in höchster Not. Note: 3

Mario Vuskovic: Früh gelbverwarnt – dann ein wenig im Glück. Nicht, weil ich das als Gelb ahnden würde, sondern weil sehr viele Schiedsrichter heutzutage Arme im Gesicht des Gegners nahezu prinzipiell mit Gelb ahnden. Insofern wäre er nach etwas mehr als einer halben Stunde schon fast wieder vom Platz gegangen. Umso mutiger die Entscheidung von Walter, den Kroaten weiterspielen zu lassen. Nicht so souverän wie zuletzt, aber er blieb ohne Platzverweis. Note: 3

Miro Muheim: Bitter, aber er verschuldete mit seinem Ausrutscher das 0:1 und war auch (oder deshalb) im Anschluss daran ein Unsicherheitsfaktor. Fing sich aber Mitte der ersten Halbzeit wieder und spielte die restliche Zeit solide. Note: 4

Jonas Meffert: Hatte das Zentrum eigentlich gut im Griff und dementsprechend auch eine gute Note verdient. Aber: Diese Torabschlüsse sind schon hart. Das habe ich in der Form das letzte Mal von David Jarolim ähnlich harmlos gesehen… Note: 3

Ludovit Reis: Der Fighter, der keinem Zweikampf aus dem Weg geht. Und der Techniker, denn was der Niederländer auf engem Raum und mit hohem Tempo am Ball macht, ist schon erstklassig! Trotzdem brauchte er heute in einigen Situationen zu lang, um den nächsten Mann anzuspielen. Note: 3

Laszlo Benes (bis 76.): Fand gut ins Spiel. Mal wieder. Blieb auch zu Beginn der zweiten Halbzeit ein Aktivposten, ehe er langsam abbaute und ausgewechselt wurde. Seine Formkurve steigt weiter. Langsam – aber stetig. Note: 3

Anssi Suhonen (ab 76.): Endlich wieder zurück. Mit einem durchwachsenen Kurzeinsatz. Aber, mit Willkommens-Bonus die Note: 4

Sonny Kittel (bis 69.):  Was für ein geiler Fußballer – wenn er Bock hat. Und heute hatte er in der ersten Halbzeit von Beginn an Bock. Weshalb Walter ihn runternahm, weiß ich nicht. Hätte ich heute nicht gemacht. Note: 3

Ransford Königsdörffer (ab 70.):  Fand erst in den letzten fünf Minuten ins Spiel und war dann mit einem unfassbaren Solo aus der eigenen Hälfte bis zum sicheren Abschluss zum Siegtreffer der Matchwinner. Da geht nichts anderes als Note: 1

Bakery Jatta (bis 90.): Hatte mit Köhn einen extrem schnellen Gegenspieler – was nicht wirklich auffiel. Denn Jatta war auf der rechten Seite immer wieder frei durch und setzte offensiv mit seinem Tempo Akzente. Der offensiv aktivste und initiativste HSVer.  Note: 2

Jonas David (ab 90.): Durfte sich noch die Siegprämie abholen.

Robert Glatzel: Arbeitete viel, hatte viele Ballkontakte, suchte den Abschluss – und vergab eine der besten Kontermöglichkeiten in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Es war kein schwaches Spiel, aber ein eher unglückliches. Trotzdem: Note: 3

Trainer Tim Walter: Wenn es mal läuft, dann aber auch richtig. Dass er Vuskovic auf dem Platz ließ, war mutig – und wurde belohnt. Dass er mit Königsdörffers Einwechslung den richtigen Riecher und eine Mannschaft auf dem Platz hatte, die Hannover über weite Strecken dominierte – top! Achtmal in Folge auswärts zu gewinnen, mag mal glücklich zustandekommen – ist aber auf Strecke kein Zufall. Note: 2

Schiedsrichter Felix Brych: Setzte sich selbst früh mit harten Gelben Karten unter einen ungesunden Zugzwang. Die Folge waren (viel zu) viele Gelbe Karten. Zum Glück war er bei Vuskovic nicht so streng wie die meisten seiner Kollegen. 

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

Hannover 96: Zieler - Neumann, Börner, Krajnc - Muroya, Köhn, Leopold, Kunze (88. Besuschkow), Nielsen - Tresoldi (70. Weydandt), Teuchert (53. Kerk)

HSV: Heuer Fernandes - Heyer, Vuskovic, Schonlau, Muheim - Reis, Meffert (76. Suhonen), Benes - Jatta (90.+5. David), Glatzel, Kittel (69. Königsdörffer)

Tore: 1:0 Muroya (4), 1:1 Börner (ET, 15.), 1:2 Königsdörffer (90.+2.)

Zuschauer: 49.000 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Felix Brych (München)

Gelbe Karten: Börner, Kunze, Köhn / Vuskovic, Benes, Kittel, Schonlau

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