Königsdörffer: „Und letztlich ist mein Traum wahr geworden.“
Heiser war er. Immer wieder stockte die Stimme bei Cotrainer Merlin Polzin, während er eine komplexe Abschlussübung nicht immer wieder nur erklärte, sondern dabei auch noch die…

Heiser war er. Immer wieder stockte die Stimme bei Cotrainer Merlin Polzin, während er eine komplexe Abschlussübung nicht immer wieder nur erklärte, sondern dabei auch noch die Spieler anfeuerte. Und während die rund 40 Anhänger am Rand schon genügend Probleme hatten, den heißen Temperaturen an sich zu trotzen, marschierten die Spieler auf dem Platz in der zweiten Einheit des Tages sehr ordentlich. Die meisten zumindest, denn ein paar Spieler wurden wieder individuell (geschont) trainiert. Belastungssteuerung. Dennoch, den Zuschauern bot sich heute ein weiteres neues Gesicht: Ransford Königsdörffer war nach bestandenem Medizincheck am Montag ins Trainingslager nachgereist und absolvierte am Dienstag seine ersten Einheiten. „Der kann richtig was“, sagte mir einer der Fans. Und das glaube ich auch.
Aber: In den letzten Wochen hat sich der Hype um den jungen Ex-Dresdner gefühlt mit jeder Woche, die die Verhandlungen andauerten, gesteigert. Und genau wie ich es schon im Laufe der Saison immer wieder mal geschrieben hatte: Königsdörffer ist ein extrem spannender Spieler, der der Fantasie nur wenig Grenzen setzt. Aber er ist eben auch noch ein Talent, das zum ersten Mal auf Profiebene wechselt. Schon deshalb wird man Königsdörffer Zeit geben müssen, sich im neuen Team, seinem neuen Umfeld einzuleben. „Je länger es gedauert hat, desto mehr kam der Gedanke, dass der HSV vielleicht doch abspringt“, sagte Königsdörffer heute in der Presserunde und gab zu: „Das wäre scheiße gewesen. Aber Hamburg hat mir immer gesagt, dass sie dranbleiben. Deshalb waren wir immer zuversichtlich. Und jetzt will ich erst einmal ankommen.“
Aktuell ist der 20-Jährige sogar noch dabei, seinen Abschied zu verarbeiten. Mit großen Worten gen Dresdner Fans und Umfeld. Auf Instagram verabschiedete sich der Stürmer emotional vom Zweitliga-Absteiger, für den er drei Jahre lang gespielt hatte:
„Liebe Dynamos, wie einige von euch vielleicht bereits mitbekommen haben, werde ich den Verein verlassen und mich dem Hamburger Sportverein anschließen“, startete Königsdörffer sein Statement und fuhr fort: „Ich bin Dynamo auf ewig dankbar dafür, mich in meiner schwierigsten Phase aufgenommen und aufgebaut zu haben. Dynamo Dresden hat mir meinen Wunsch Profifußballer zu werden erfüllt und dafür werde ich dem Verein und den Verantwortlichen für immer dankbar sein. Ich habe jedes Spiel im Dresden Trikot genossen und habe stets 100% gegeben. Gemeinsam mit dem Verein und euch Fans habe ich zahlreiche emotionale Momente erlebt. Ich werde die Spiele der SGD weiterhin verfolgen und glaube fest an einen schnellen Wiederaufstieg. In diesem Sinne wünsche ich dem Verein alles gute für die Zukunft“.
Große Worte hatte dann auch Jonas Boldt gefunden, als er auf seinen vierten Zugang in diesem Transferfenster angesprochen wurde: „Wir freuen uns sehr, dass wir mit Ransford einen weiteren jungen, entwicklungsfähigen Spieler vom HSV und unserem Weg überzeugen konnten. Er ist ein schneller, technisch sehr gut ausgebildeter Spieler, der in der Offensive flexibel einsetzbar ist und nicht umsonst zuletzt für die U21-Nationalmannschaft nominiert wurde“, sagte der Sportvorstand auf der vereinseigenen Homepage und Königsdörffer verriet, wie sich die letzten Wochen für ihn gestaltet hatten: „Das Thema HSV hatte schon im Urlaub begonnen, da hatte der HSV Kontakt aufgenommen. Am Anfang hatte ich nicht gedacht, dass ich nicht mehr bei Dynamo zum Training erscheinen würde. Ich hatte Manager Ralf Becker dann keinen Wunsch mitgeteilt, dass ich gern gehen möchte. Wir haben offen geredet. Ich habe Gas gegeben und parallel gehofft, dass es klappt mit dem HSV. Und letztlich ist mein Traum wahr geworden.“
Einer, auf den er warten musste. „Der HSV hat sich ganz früh bei mir gemeldet, daher gar nicht mehr groß mit anderen Klubs beschäftigt“, erzählte Königsdörffer heute. Unmittelbar nach der Relegationspleite gegen Kaiserslautern habe sich der HSV bei ihm gemeldet. Und bei ihm gepunktet: „Ich war echt sehr überzeugt. Die Gespräche liefen sehr gut, ich hatte ein super Bauchgefühl. Über Tim Walter habe ich nur Gutes gehört, das war für mich auschlaggebend.“ Und jetzt, wo er hier ist – wo soll es für ihn hingehen? „Hamburg ist für mich ein Riesenverein, den kennt man halt. Als ich den Kontakt bekam, war das eine Ehre für mich, mich mit so einem Klub zu unterhalten. Alle wissen, dass der HSV nicht in die Zweite Liga gehört. Genau so wie Dresden nicht in die Dritte Liga gehört“, so der Stürmer, der verriet, dass er nach dem Abstieg Tränen vergossen hat und eine Weile gebraucht hat, den Abstieg zu verdauen, um jetzt wieder neue Ziele zu verfolgen: „Ich will mit dem HSV will ich natürlich aufsteigen. Das sind die kleinen großen Ziele, die ich mir gesetzt habe.“
Ich weiß, das es makaber klingt. Und ich gönne es auch niemandem bzw. noch weniger wünsche ich es einem jungen Fußballer. Aber die Karriere des Offensivallrounders hat vielleicht auch deshalb gerade noch einmal richtig Fahrt aufgenommen, weil er sein Glück zu schätzen weiß. Diesen Eindruck vermittelt Königsdörffer , der in jungen Jahren schon drei Meniskus-Operationen (zwei als Spieler bei Hertha BSC, eine bei Dynamo) hinter sich gebracht hat. „Ich war bei Hertha insgesamt zwei Jahre verletzt. Damals hatte Hertha mir gesagt, dass ich mir einen neuen Klub suchen sollte. Und ich habe dafür immer Verständnis gehabt und bin bei Hertha niemandem böse. Zumal ich daraufhin bei Dynamo ein Probetraining hatte – und dann hat vieles geklappt.“ Aber auch noch nicht alles, weshalb er letztlich auch nicht in der ersten Liga sondern beim HSV gelandet ist. Was er selbst glaubt, dringend verbessern zu müssen? „Ich muss Schuss verbessern, den ersten Kontakt – aber ich bin ja noch jung. Deshalb bin ich ja auch hier, um zu lernen.“
Und ich freue mich auf ihn. Ich freue mich auf einen Typen, der mich spielerisch und optisch ein wenig an Serge Gnabry erinnert, als der noch auf seinen Durchbruch hinarbeitete. Bei Königsdörffer ist das alles noch ein wenig roh und muss geformt werden – aber Walter hat bewiesen, dass er einiges aus Talenten herausholen kann. Ob das schon morgen das erste Mal auf dem Platz zu sehen sein wird, wenn der HSV gegen Hajduk Split zum ersten Testspiel der neuen Saison antritt? Walter selbst habe ihm noch keine Zeichen gegeben, ob oder ob nicht, so Königsdörffer, ehe er mit einem verschmitzten Lächeln ganz vorsichtig für sich Werbung macht: „Ich kann spielen, ich bin fit.“
Und er wird spielen, da bin ich mir sicher. Wenn nicht schon morgen, dann sicherlich am Freitag im zweiten Test. Dafür machte er auch heute schon einen zu fitten Eindruck, als dass man sich da noch Sorgen machen müsse. Und ich werde Euch morgen von diesem ersten Spiel berichten.
Bis dahin,
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