Klaus-Michael Kühnes historische Bedeutung für den HSV
Zum Tod von Klaus-Michael Kühne blicken wir auf das Wirken des streitbaren Unternehmers, Mäzens und leidenschaftlichen HSV-Fans zurück.

Bei aller Kritik, die wir hier – und da schließe ich mich zu 100 Prozent mit ein! – in den vergangenen Jahren am Engagement und am Einfluss von Klaus-Michael Kühne beim HSV geäußert haben, habe ich immer auch erkannt, wie sehr er dem Verein gerade in seinen schwierigsten Phasen geholfen hat.
Es gehört sich nicht, im Moment des Todes auf einen Menschen einzutreten. Ganz im Gegenteil: Jetzt ist die Zeit, innezuhalten, das Geleistete anzuerkennen und Danke zu sagen. Das fällt im Fall von Klaus-Michael Kühne auch nicht schwer. Er hatte eine historische Bedeutung für den HSV – und wird sie für immer behalten. Kühne war da, als der Verein ihn am dringendsten brauchte. Darüber hinaus hat er als Unternehmer und großzügiger Mäzen Außergewöhnliches für seine Heimatstadt Hamburg geleistet.
Nachruf auf Klaus-Michael Kühne
Hamburg hat einen seiner bedeutendsten Unternehmer und großzügigsten Förderer verloren. Der HSV trauert um einen seiner leidenschaftlichsten, einflussreichsten und zugleich streitbarsten Unterstützer. Klaus-Michael Kühne ist am 23. August 2026 im Alter von 89 Jahren in seinem Haus im schweizerischen Schindellegi gestorben. Er hinterlässt seine Ehefrau Christine – und ein Lebenswerk, dessen wirtschaftliche, gesellschaftliche und sportliche Dimension weit über seine Geburtsstadt hinausreicht.
Klaus-Michael Kühne war einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer der Nachkriegsgeschichte. Er war ein Visionär, ein Globalisierer und ein Mann, der früh erkannte, welche Bedeutung internationale Warenströme und weltumspannende Logistiknetzwerke einmal bekommen würden. Aus dem von seinem Großvater August Kühne und Friedrich Nagel im Jahr 1890 gegründeten Familienunternehmen formte er einen der weltweit führenden Logistikkonzerne.
Nach einer Bank- und Außenhandelslehre trat Kühne 1958 in das Familienunternehmen ein. Bereits mit 26 Jahren wurde er persönlich haftender Gesellschafter, mit gerade einmal 29 Jahren übernahm er den Vorstandsvorsitz. Es war eine Verantwortung, auf die er nach eigenem Bekunden nicht in jeder Hinsicht vorbereitet war. Kühne machte Fehler, räumte sie später offen ein und lernte daraus. Der missglückte Einstieg in das Reedereigeschäft zu Beginn der 1970er-Jahre brachte das Unternehmen zeitweise in eine existenzbedrohende Lage. Kühne musste die Hälfte des Konzerns an einen britischen Partner abgeben. Erst viele Jahre später gelang es ihm, diese Anteile zurückzuerwerben.
Diese Erfahrung prägte ihn. Sie machte ihn vorsichtiger, aber nicht weniger entschlossen. Kühne führte das Unternehmen früh nach Asien und Amerika, baute internationale Standorte auf und entwickelte Kühne+Nagel von einer norddeutschen Spedition zu einem Weltkonzern. Heute ist das Unternehmen in rund 100 Ländern vertreten, beschäftigt mehr als 80.000 Menschen und gehört zu den führenden Dienstleistern in der See- und Luftfracht.
Kühne war dabei niemals nur ein Verwalter seines Vermögens. Er wollte gestalten, Einfluss nehmen und Entwicklungen vorantreiben. Wo er investierte, mischte er sich ein. Er stellte Fragen, übte Kritik, verlangte Ergebnisse und scheute auch öffentliche Auseinandersetzungen nicht. Halbherzigkeit entsprach nicht seinem Wesen. Diese Klarheit machte ihn erfolgreich, bisweilen aber auch unbequem.
Über seine Kühne Holding wurde er zu einem der einflussreichsten Investoren Europas. Zu seinen bedeutenden Beteiligungen gehörten Kühne+Nagel, Hapag-Lloyd und die Lufthansa. Hinzu kamen Engagements unter anderem bei Brenntag, Flix und Aenova sowie Investitionen in Immobilien und Hotels. Sein Vermögen wurde zuletzt auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Doch Kühne selbst konnte mit solchen Ranglisten wenig anfangen. Für ihn bestanden diese Milliarden vor allem aus langfristig gehaltenen Unternehmensanteilen – nicht aus Geld, das beliebig verfügbar war.
Verbundenheit mit Hamburg
Seine Heimatstadt Hamburg blieb dabei stets ein Mittelpunkt seines Denkens und Handelns. Zwar lebte Kühne seit den 1970er-Jahren in der Schweiz, doch innerlich blieb er Hamburger. Er bezeichnete Hamburg als seine Heimat und die Schweiz als den Ort, an dem er zu Gast sei. Diese Verbundenheit zeigte sich in zahlreichen Projekten.
Als Hapag-Lloyd 2008 in eine schwere Krise geriet und eine Übernahme durch ausländische Investoren drohte, stellte Kühne rund 360 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen bereit. Er spielte damit eine entscheidende Rolle bei der Rettung der traditionsreichen Reederei und knüpfte sein Engagement an das Ziel, Hapag-Lloyd in Hamburg zu halten. Es war eine unternehmerische Investition – aber ebenso ein klares Bekenntnis zu seiner Geburtsstadt.
Auch als Mäzen hinterlässt Kühne gewaltige Spuren. Über die Kühne-Stiftung förderte er Wissenschaft, Forschung, Medizin, Ausbildung, Kultur und Klimaforschung. Die Kühne Logistics University in Hamburg war für ihn eine besondere Herzensangelegenheit. Mit ihr schuf er einen international anerkannten Ort für Forschung und Ausbildung in der Logistik.
Gemeinsam mit seiner Ehefrau Christine unterstützte er zudem medizinische Projekte. Kultur war für beide ein bedeutender Bestandteil ihres Lebens. Kühne engagierte sich für die Elbphilharmonie, für Literatur und Musik. Mit der Zusage von rund 330 Millionen Euro für ein neues Opernhaus in der HafenCity verband er seinen Namen schließlich mit einer der größten privaten Schenkungen in der Geschichte Hamburgs. Nach der Fertigstellung soll das Opernhaus der Stadt übergeben werden.
Zu seinem Leben gehörten aber auch Rückschläge und Widersprüche. Sein Engagement bei der später zusammengebrochenen Immobiliengruppe Signa Prime kostete ihn nach eigener Aussage etwa eine halbe Milliarde Euro. Bemerkenswert war, dass er seinen Irrtum nicht schönredete. Kühne räumte offen ein, sich von René Benko und dessen Auftreten blenden gelassen zu haben.
Ein dunkler Schatten blieb zudem die Rolle von Kühne+Nagel während der nationalsozialistischen Herrschaft. Das Unternehmen war am Transport geraubten jüdischen Eigentums beteiligt. Dass Klaus-Michael Kühne eine umfassende unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte nicht zuließ, wurde zu Recht kritisiert. Auch dieser Teil gehört zu einer vollständigen Betrachtung seines Lebens und seines Familienunternehmens. Eine große Lebensleistung wird nicht dadurch kleiner, dass man ihre Widersprüche benennt. Aber sie darf auch nicht dazu führen, schwierige Kapitel auszublenden.
Der Herzensverein HSV
Für viele Hamburger war Klaus-Michael Kühne trotz seiner internationalen Bedeutung vor allem eines: ein leidenschaftlicher Anhänger des HSV.
Der HSV war sein Herzensverein. Schon als Junge besuchte er die Spiele im Volkspark. Später verfolgte er die Entwicklung des Vereins mit einer Emotionalität, die nicht immer zu dem nüchternen und kalkulierenden Unternehmer passen wollte. Beim HSV handelte Kühne nicht allein nach wirtschaftlichen Maßstäben. Er handelte aus Liebe, Hoffnung, Enttäuschung und manchmal auch aus Ungeduld.
Seit 2010 unterstützte er den Verein in unterschiedlichen Formen mit weit mehr als 100 Millionen Euro. Er finanzierte Transfers, gewährte Darlehen, wandelte Forderungen in Anteile um, schloss Sponsoringvereinbarungen ab und beteiligte sich an der ausgegliederten HSV Fußball AG. Nach dem Verkauf eines Teils seiner Beteiligung hielt seine Kühne Holding zuletzt noch rund 13 Prozent der Anteile und war damit nach dem HSV e.V. der zweitgrößte Gesellschafter.
Seine Rolle beim HSV wurde kontrovers diskutiert. Viele kritisierten seinen Einfluss, seine öffentlichen Äußerungen und die Abhängigkeit, in die sich der Verein durch die wiederholte Annahme seiner finanziellen Hilfe begab. Kühne drohte nach sportlichen Enttäuschungen mitunter mit einem Rückzug, kritisierte Trainer, Vorstände und Spieler und machte keinen Hehl daraus, wenn er Entscheidungen für falsch hielt. Seine Ungeduld und seine deutlichen Worte sorgten immer wieder für Unruhe.
Mindestens genauso viele Anhänger feierten ihn aber dafür, dass er den HSV in seinen schwierigsten Phasen nicht fallen ließ. Wenn es wirtschaftlich eng wurde, wenn neue Spieler ohne zusätzliches Geld kaum zu finanzieren waren oder wenn dem Verein an anderer Stelle der Handlungsspielraum fehlte, war Kühne immer wieder bereit, zu helfen. Seine Finanzspritzen hielten den HSV über Wasser – auch in Jahren, in denen sportliche Fehler, schlechte Entscheidungen und strukturelle Probleme den Verein zunehmend belasteten.
Nicht jede Investition zahlte sich aus. Im Gegenteil: Viele der von ihm mitfinanzierten Transfers erfüllten die Erwartungen nicht. Kühne selbst sprach gelegentlich über mögliche Renditen, doch am Ende war sein Engagement beim HSV vor allem emotional und keineswegs profitorientiert. Er wollte seinen Verein zurück an der Spitze sehen – dort, wo er ihn aus den erfolgreichen Jahren Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre in Erinnerung hatte.
Diese Hoffnung erfüllte sich lange nicht. Statt um Meisterschaften und internationale Titel spielte der HSV gegen den Abstieg. Schließlich folgte 2018 der erstmalige Gang in die Zweite Bundesliga. Auch dort dauerte die Rückkehr wesentlich länger, als Kühne und alle anderen HSV-Anhänger es sich vorgestellt hatten. Die wiederholten sportlichen Enttäuschungen trafen ihn sichtbar. Er schimpfte, kritisierte und zog sich öffentlich immer weiter zurück. Seine emotionale Bindung an den Verein aber blieb bestehen. Auch nach den bittersten Niederlagen verfolgte er das nächste Spiel wieder mit neuer Hoffnung.
Eine seiner schönsten und nachhaltigsten Entscheidungen für den HSV hatte nichts mit einem Spielertransfer zu tun. 2015 erwarb Kühne die Namensrechte am Stadion und gab der mehrfach umbenannten Arena ihren ursprünglichen Namen zurück: Volksparkstadion. Damit erfüllte er nicht nur sich selbst einen Wunsch. Er gab dem HSV und seinen Anhängern ein bedeutendes Stück Identität zurück. Dafür sind ihm viele Fans bis heute dankbar.
Sein letzter Besuch bei einem Heimspiel lag am Ende mehr als elf Jahre zurück. Dennoch blieb er dem HSV verbunden. In seiner Wahlheimat Schweiz freute er sich über die Rückkehr in die Bundesliga und erlebte noch, wie sich der Verein nach den schweren Jahren stabilisierte und den Klassenerhalt schaffte. Er sah, dass im Volkspark wieder ruhiger, strukturierter und verantwortungsvoller gearbeitet wurde. Vielleicht war dies für ihn eine späte Genugtuung.
Persönliches Fazit
Auch für mich war und bleibt Klaus-Michael Kühne eine der prägenden Figuren in der jüngeren Geschichte des HSV. Sein Engagement wurde häufig diskutiert, teilweise scharf kritisiert und manchmal auf misslungene Transfers oder öffentliche Wortmeldungen reduziert. Doch bei aller berechtigten Kritik darf eines nicht vergessen werden: Klaus-Michael Kühne hat dem HSV in seinen schwierigsten Jahren überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, sich halbwegs zu erholen, wirtschaftlich handlungsfähig zu bleiben und schließlich wieder in die Bundesliga zurückzukehren.
Ohne seine Unterstützung hätte der Verein manche Krise möglicherweise nicht in dieser Form überstanden. Kühne hat nicht alle Probleme gelöst. Einige seiner Investitionen und die damit verbundenen Erwartungen haben neue Konflikte geschaffen. Aber er war da, als der HSV ihn brauchte. Er stellte sein eigenes Geld zur Verfügung, während andere lediglich erklärten, was im Verein alles falsch lief.
Sollte der HSV seinen heute eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen, aus eigener Kraft wirtschaftlich gesunden und sich durch selbst geschaffene Maßnahmen vollständig entschulden, dann wird man Klaus-Michael Kühne rückblickend als den Menschen würdigen müssen, der den Verein durch seine allerschwierigste Phase begleitet hat. Als jemanden, dessen Hilfe überhaupt erst mitermöglichte, dass dieser HSV in der Form, in der er heute wieder in der Bundesliga antritt, am Leben geblieben ist.
Seine Bedeutung für den HSV lässt sich deshalb nicht allein in Anteilen, Darlehen oder Millionenbeträgen ausdrücken. Sie liegt auch in seiner Treue. In einer Treue, die emotional, fordernd und manchmal widersprüchlich war. Aber sie war echt.
Klaus-Michael Kühne war ein großer Unternehmer, ein mutiger Investor, ein großzügiger Mäzen und ein leidenschaftlicher Hamburger. Er war kantig, streitbar und unbequem. Er konnte begeistern und provozieren, helfen und zugleich hohe Erwartungen erzeugen. Aber Gleichgültigkeit war ihm fremd. Wenn er sich für etwas entschied, dann tat er es mit ganzer Kraft.
Sein wirtschaftliches Lebenswerk wird in den Unternehmen weiterbestehen, die er geprägt hat. Sein gesellschaftliches Vermächtnis lebt in den von ihm geförderten Einrichtungen, Forschungsprojekten und Kulturstätten fort. Und im Volkspark wird sein Name für immer mit einem Stadion verbunden bleiben, dem er seine Identität zurückgegeben hat.
Hamburg verliert einen seiner größten Unternehmer und Mäzene. Der HSV verliert einen treuen Gesellschafter, einen großzügigen Unterstützer und einen leidenschaftlichen Anhänger. Und viele werden erst jetzt Kühnes Bedeutung erkennen, wo er nicht mehr da ist.
Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Ehefrau Christine sowie allen Menschen, die ihm nahestanden.
Ruhen Sie in Frieden, Klaus-Michael Kühne.
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