Analyse

Kittel soll kein Teilzeitheld mehr sein

Dass der HSV Simon Terodde vor dieser Saison an den FC Schalke 04 abgeben musste, hatten wir hier schon oft genug thematisiert. Darum wird es in diesem Artikel daher auch nicht…

Kittel soll kein Teilzeitheld mehr sein

Dass der HSV Simon Terodde vor dieser Saison an den FC Schalke 04 abgeben musste, hatten wir hier schon oft genug thematisiert. Darum wird es in diesem Artikel daher auch nicht gehen. Vielmehr stört mich die sehr oberflächliche Beurteilung seines positionellen Nachfolgers Robert Glatzel. „Das ist eben kein Knipser“ heißt es immer wieder über den Mann, der in sieben Spielen immerhin dreimal traf. Ein ordentlicher Wert, wenn auch ausbaufähig angesichts der Vielzahl an Torchancen, die noch ungenutzt geblieben sind. Martin Harnik hatte zuletzt versucht, Partei für Glatzel zu ergreifen und nannte den läuferischen Aufwand als einen der Gründe für die fehlende Genauigkeit im letzten Moment. Trainer Tim Walter widersprach umgehend.

Fakt ist, dass Glatzel fleißig ist. Er läuft für einen Mittelfeldspieler überdurchschnittlich viel, hat beim HSV nach Tim Leibold und Jonas Meffert die meisten Zweikämpfe bestritten. Drei Tore sind angesichts der vielen vergebenen klaren Torchancen noch zu wenig – aber das weiß Glatzel selbst. Dennoch ist das HSV-Spiel lange nicht mehr so auf die zentrale Spitze als Passempfänger ausgerichtet wie noch mit Terodde. Vielmehr soll Glatzel auch Räume schaffen für die nachrückenden, sehr offensiv ausgerichteten Außen und Mittelfeldspieler.

Glatzel ist fleißig - und schafft Räume für andere

Bei Moritz Heyer funktioniert das aktuell unerwartet gut. Der defensive Mittelfeldspieler rangiert in der Torschützenliste der Zweiten Liga auf Rang fünf. Zusammen mit so illustren Namen wie Marvin Ducksch, Rouwen Hennings und Karlsruhes Philipp Hofmann, den der HSV lange Zeit nach Hamburg lotsen wollte. Aber es ist davon auszugehen, dass das nicht so bleibt. Und das ist okay, solange der HSV weiterhin über die Vielzahl an Torschützen zu glänzen weiß. Momentan verteilen sich die 12 erzielten Ligatreffer auf sieben Personen, wobei fünf davon je einen Treffer erzielt haben. „Nur“ muss man sagen, wenn man bedenkt, dass darunter auch ein Sonny Kittel ist, der seiner Topform aktuell ein wenig hinterherläuft.

Chancen, sich zu zeigen, hat Kittel vom neuen Trainer Tim Walter genügend bekommen. Kittel kam bislang in jedem Liga-Spiel in dieser Saison für den HSV zum Einsatz. Am dritten Spieltag beim 2:3 gegen St. Pauli traf er das erste und letzte Mal in dieser Saison. Allerdings bereitete er zudem noch drei Treffer vor – und das wiederum klingt in Summe schon wieder ganz ordentlich, Ist angesichts der Möglichkeiten, die sich Kittel bislang geboten haben, tatsächlich auch zu wenig. Denn Kittel kann viel mehr. Oder eben nicht?

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In den letzten zwei Saisons habe ich immer wieder betont, welch Freudensprünge m9en Fußballerherz macht, wenn Kittel spielt und gt drauf ist. In der abgelaufenen Saison hat Kittel sogar Spiele dabeigehabt, wo er sein Hasenfuß-Image abzustreifen versuchte. Zuletzt aber schien es sich alles rückläufig zu entwickeln. Vor kurzem hieß es, dass der HSV versuchen würde, seinen besten Fußballer wieder „zur Topform zu streicheln“. Und genau das darf man nicht machen, wenn man ansonsten einen so intensiven Fußball spielen lassen will, wie es Walter macht. Sage ich.

Zu zart? Kittel meidet weiter Zweikämpfe

„Triffst Du, bist Du der Held – triffste nicht, biste der Depp“, sagt Kittel selbst. Und er hat damit nicht komplett Unrecht. In der öffentlichen Wahrnehmung wird es oft so oberflächlich beurteilt. Andererseits muss gerade er sich mit seiner manchmal phlegmatischen Spielweise eben auch an den Statistiken messen lassen. Denn Kittel ist nicht der Typ, der Spiele rumreißt, weil er seine Mitspieler über seinen Einsatz mitreißt. Er ist vielmehr der Mann für die besonders schönen Momente. Dafür schont er sich in der einen oder anderen Situation schon einmal, wenn es darum geht, den langen Sprint defensiv zu machen oder Zweikämpfe zu bestreiten. Bezeichnend für Kittels bisherige Saison: Mit 34 Prozent gewonnener Zweikämpfe hat der Feinfuß den schlechtesten Wert aller HSV-Spieler. Nur Maxi Rohr und Anssi Suhonen haben unwesentlich weniger Zweikämpfe angenommen – aber dafür prozentual mehr gewonnen und teilweise nur ein Drittel der Spielzeit von Kittel auf dem Platz gestanden. 

Fußballerisch, daran gibt es keinen Zweifel, ist der 28-jährige Techniker das Nonplusultra in dieser Mannschaft. Freistöße, Flanke, Pässe – und vor allem der Abschluss zählen zu seinen besonderen Stärken. Kittel lebt davon, Spiele mit seinen genialen Momenten entscheiden zu können. Und daran hapert es momentan. Zuletzt gab es für Kittel vier Startelf-Einsätze ohne Torerfolg. Nur gut, dass jetzt einer seiner Lieblingsgegner kommt, möchte man meinen. Denn in den Spielen gegen den 1. FC Nürnberg hat Kittel eine Top-Bilanz. In sechs Ligaspielen gegen die Franken war Kittel bislang an sieben Toren beteiligt, drei Treffer hat er dabei selbst erzielt. Verloren hat er gegen Nürnberg (vier Siege, zwei Remis) sogar noch nie. Aber das nur am Rande.

https://soundcloud.com/user-36211795/fr-24-09-21-hecking-erwartet

Denn mir geht es hier vielmehr darum, dass genau die Spieler wie Kittel natürlich besser funktionieren müssen, wenn man so spielen lässt, wie es Walter tut. Soll heißen: Wenn man einen Glatzel immer wieder aus dem Zentrum zieht, um davor Bälle prallen zu lassen, abzulegen und zu passen, dann muss die zweite Reihe effektiver werden. Und im Gegensatz zu Bakery Jatta, der erst noch zeigen muss, dass er neben schnell auch wirklich torgefährlich sein kann, muss man das gerade von einem Spieler wie Kittel erwarten. Er solle Verantwortung übernehmen, hatte Trainer Tim Walter vor dieser Saison gesagt und ist seither nicht müde geworden, Kittel starkzureden. Und vielleicht ist das auch der richtige Weg – aber Kittel muss endlich dauerhaft zünden.  Wenn er es noch einmal in die Erste Liga – mit oder ohne HSV – schaffen will, dann muss er vom Teilzeithelden zum Dauerbrenner werden.

Kittel muss zulegen - an Konstanz

Ansonsten droht auch ein so begnadeter Fußballer wie Kittel seinen Stammplatz an weit weniger talentierte, dafür aber deutlich fleißigere Spieler wie Manuel Wintzheimer zu verlieren. Wobei – ich sehe Wintzheimer eh nicht so schwach wie einige hier. Dass er deutlich zu wenig aus seinen Torchancen bislang gemacht hat, ist unbestritten. Aber abgesehen davon, dass er dieses Schicksal mit anderen beim HSV teilt, muss man auch sehen, dass Wintzheimer auffällig oft an Torchancen beteiligt ist, die er nicht nur aufgelegt bekommen hat, sondern die er sich über seinen Einsatz erarbeitet. Und so unterschiedlich die fußballerischen Voraussetzungen dieser beiden auch sind, sehe ich hier eine Parallel zu Luca Waldschmidt, den ich seinerzeit immer wieder gefordert hatte, weil er einfach auffällig oft an Torraumszenen beteiligt war.

Dennoch, für das Spiel gegen Nürnberg rechne ich mit Kittel in der Startelf. Nicht, weil es sein Lieblingsgegner ist oder so ein Schnickschnack, sondern weil ich (wie gestern schon geschrieben) auch glaube, dass es durchaus sinnvoll ist, möglichst wenig gegenüber der Startelf aus dem Werder-Spiel zu verändern. Ob Mickkel Kaufmann, der gegen Werder spät eingewechselt wurde, bis dahin wieder dabei sein kann, ist allerdings noch offen. Der Däne leidet weiter an einem Magen-Darm-Infekt und fiel auch heute wieder im Training aus.

HSV darf schon Sonntag 25.000 Fans reinlassen

In diesem Sinne, zum Ende hin noch die späte Nachricht der Stadt Hamburg an den HSV: Am Sonntag dürfen nach 3-G-Regelung bis zu 25.000 Zuschauer ins Stadion. Bislang waren immer nur 19950 Zuschauer erlaubt. Die entsprechenden Tckets gibt es ab sofort im freien verkauf zu erwerben. 

Ich wünsche Euch allen einen schönen Abend und sage: bis morgen! Dann wieder mit dem MorningCall und allem, was Ihr zum HSV wissen solltet, wie gewohnt um 7.30 Uhr.

Scholle

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