Meinung

Kippt die Stimmung unter den Fans, oder nicht?

Am Sonnabend schließt sich die Halbserie. Zeit für eine interne Analyse, die recht klar sein dürfte. Allein die Konsequenz ist noch unklar. Zumindest für die Verantwortlichen,…

Kippt die Stimmung unter den Fans, oder nicht?

Am Sonnabend schließt sich die Halbserie. Zeit für eine interne Analyse, die recht klar sein dürfte. Allein die Konsequenz ist noch unklar. Zumindest für die Verantwortlichen, während das Umfeld des HSV recht eindeutig für einen Trainerwechsel votiert. Zweieinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt steht HSV-Trainer Tim Walter so stark wie nie in der Kritik. Wobei, auch nicht überall. Denn es gibt diejenigen, die sich mit der Situation abfinden, sie sogar besser finden. Ich habe heute von Dieter W. einen solchen Leserbrief zugeschickt bekommen, den ich als Kontrast zum Gastbeitrag von heute mit veröffentlichen möchte. Here we go:

Hi Scholle und die Anderen,

Zunächst zu mir, bin vor ca 60 Jahren als Uwe Seeler Fan zum HSV Fan geworden. 

In der Zeit habe ich Höhen und Tiefen erlebt. 

Viele Spieler und Trainer kommen und gehen sehen.

Was mir zZ, an dir Scholle, missfällt ist diese destruktive Fundamentalkritik. Ok, du bist so ehrlich zuzugeben, dass du den Trainer nicht magst.

Aber was willst du? Wieder 2x pro Saison nen Wechsel? Und wie man in München sieht, sind auch die Größten nicht perfekt.

Der HSV, die Mannschaft und der Trainer stehen für attraktiven Fußball! Das keiner Fehlerfrei ist,

was soll es. 

Die Bude ist voll, endlich schwarze Zahlen und mir ist lieber, die stehen mit an der Spitze in BL 2, als am Arsch wie Köln oder Darmstadt. 

Und Kritiker wie du, Hamann, Loddar, Basler und wie sie alle heißen,  übernehmt Verantwortung, macht den Trainerschein und zeigt was ihr besser könnt.

Ich wünsche mir Freiburger oder Heidenheimer Gelassenheit im Bezug Trainer!

Ps, welches Mittel hättest du gegen die vielen Verletzungen?

In diesem Sinne, nur der HSV!

Gruß aus dem Westerwald

Grüße zurück in den Westerwald, lieber Dieter. Und eine kurze Reaktion auf Deine Ausführungen. Denn ich glaube, es muss nicht jeder beim HSV erst selbst Trainer werden, um diesen in seinem Wirken beurteilen zu dürfen. Zumal ich nicht beanspruche, dass meine Meinung auch umzusetzen ist. Ich äußere sie hier, weil dies mein Blog ist, in dem ich mich mit Euch austauschen kann.

Und nein, ich will keine Wechsel, solange ich Entwicklung sehe. Aber die fehlt beim HSV seit längerem. Und aktuell macht Walter noch mal sehr deutlich, dass er seinen bisherigen Weg null verändern will. Und mit der Haltung ist er untragbar, weil diese Spielweise bewiesen hat, dass sie nicht zum Aufstieg führt.

Und drittens akzeptiere ich es, dass Du fein damit bist, dass der HSV in der Zweiten Liga spielt und dort ein paar mehr Spiele gewinnt als in der Ersten Liga. Auch ein sehr netter HSV-Freund hat mir gegenüber diese Meinung geäußert. Aber: Ich kann mich bei den hier gegebenen Möglichkeiten eben nicht damit abfinden, dass der HSV zweitklassig bleibt. Und: Ein volles Stadion hätte dieser HSV wahrscheinlich ebenso in der Dritten Liga, ganz sicher aber in der Ersten Liga. Und das unabhängig davon, ob der Trainer Walter, Mourinho oder Scholle hieße. Denn den Fans geht es um die Mannschaft, um den Klub. 

Achja, noch was: Es ist definitiv nicht korrekt, dass ich Walter nicht mag. Tim Walter als Mensch kenne ich gar nicht ausreichend. Es steht mir weder zu noch will ich ihn überhaupt persönlich beurteilen. Ich bewerte ausschließlich sein sportliches Wirken. Und obwohl ich von Walters erstem Tag an dessen zu riskante Spielweise kritisiert habe, habe ich mich zwischendurch für seinen Verbleib ausgesprochen. Weil ich seinerzeit ebenso an Konstanz als leistungssteigerndes Stilmittel geglaubt hatte, wie daran, dass Walter irgendwann erkennt, dass er defensiv stabiler werden muss.  Beides hat sich nicht bewahrheitet, ich habe mich also geirrt. Deshalb stehe ich eine Fortsetzung der Zusammenarbeit aktuell sehr kritisch gegenüber.

Kritisch sieht es auch mein Blogfreund Robert Hoyer, der folgenden Beitrag für Euch verfasst hat: 

Die Stimmung ist gekippt

Die Stimmung ist gekippt. Nach einem glücklichen Punkt im Derby folgten ein unnötiges Pokalaus und die erste Heimniederlage seit über einem Jahr. Schon nach dem Pokalspiel zeigten die Fans im Stadion ihren Unmut. Dass nun auch zuhause nicht mehr gewonnen wird, bringt in der Berichterstattung die erste heftige Trainerdiskussion in Tim Walters HSV-Zeit ins Rollen. Und das zurecht. Lange habe auch ich mich für Walter ausgesprochen. Die Kontinuität war wohltuend und von vielen Seiten hörte man, dass Walter es schafft, den Verein zu einen. Hinzu kamen immer wieder begeisternde Auftritte inkl. maximaler Dominanz. Auch von Rückständen ließ man sich nicht unterkriegen und zeigte, dass man in jeder Situation zurückkommen konnte. Nun aber zeigt die Entwicklung bedenklich nach unten. Schon die Siege gegen Magdeburg und Braunschweig waren nicht mehr souverän. Gegen die Aufsteiger holte man einen mickrigen Punkt. Seit September ist der HSV ergebnistechnisch nur noch Mittelmaß. Klar, es ist einfach, dem Trainer dafür die Schuld zu geben. Aus meiner Sicht sprechen aber mehrere Gründe für eine Mitverantwortung. 

Oft wird angeführt, dass nicht das System, sondern individuelle Fehler für Niederlagen sorgen. Neben dem Anspruch, dass der HSV in der zweiten Liga fähig sein sollte über 90 Minuten hinweg diese ausgleichen zu können, sind es für mich doch auch systematische Fehler. Natürlich rutscht Hadzikadunic unglücklich weg und lässt den Stürmer so frei aufs Tor zulaufen. Er verteidigt auf der letzten Linie jedoch auch im Eins gegen Eins, wobei jeder Kreisligatrainer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Gleiches gilt für die Notbremse von Muheim, wo ein tiefer stehender Innenverteidiger Rot verhindert hätte. Diese Konterabsicherung ist unter Tim Walters Regie von Beginn an ein Problem. Zwar gab es mit Mario Vuskovic auch Zeiten, in der der HSV die beste Defensive stellte und diese Absicherung besser funktionierte. Diese Qualität ist aber nach dessen Ausscheiden nicht mehr vorhanden.

Damit wären wir beim zweiten Argument, welches von der Pro-Walter-Fraktion gezogen wird: Zu viele Ausfälle. Ja, über die Saison hinweg fehlten mit Reis, Schonlau und Van der Brempt wichtige Spieler. Wenn ich mir den Kader jedoch anschaue, bin ich der Meinung, dass dieser auch ohne diese Spieler mehr als konkurrenzfähig ist. Gerade in der Innenverteidigung hat man vier Spieler mit Stammspieleranspruch. Für Reis hätten auch Poreba und Heyer defensivere Optionen gegenüber Pherai geboten. Hinzu kommen totale Leistungsausfälle – vor allem auf den offensiven Flügeln. Dass für mich momentan Dompé noch der Beste ist, will einiges heißen. Jattas Aktionen im Strafraum gegen Hertha und Paderborn waren fahrlässig schlecht. Öztunali fehlt jegliches Selbstvertrauen. Königsdörffer ist in dieser Saison in einer langen veritablen Formkrise. Dennoch befinden sich auch hier vier Spieler, die eigentlich den Anspruch haben (und auch formuliert haben #ransi) in der Startelf zu spielen. Insofern geht die Kaderplanung für mich hier nominell auf. Lediglich auf den Außenverteidigerpositionen ist man dann doch mit Ansage etwas dünn besetzt, was ein Fabian Reese brutal gezeigt hat.

Fabian Reese bringt mich zu dem Punkt, der bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Für mich war es in Ordnung, dass man im Pokal rotiert. Wenn man jedoch über 120 Minuten hinweg weder taktisch (Dopplung durch rausrückenden Achter/zurückfallenden Außenspieler) noch mit der Forderung von taktischen Fouls auf eine klare Schwachstelle reagiert und somit ein Spiel sogar zweimal wegwirft, zweifele ich dann doch sehr am gesamten Trainerteam. Dass bei dem verbliebenden Teilnehmerfeld gerade in dieser Saison noch vieles möglich gewesen wäre – sehr bitter, aber geschenkt! Verschenkt hat man in jedem Fall knapp zwei Millionen Euro, die gut und gerne im Winter für den einen oder anderen Reizpunkt im Kader nützlich gewesen wären. So stellt sich die Frage, ob dieser Reizpunkt woanders gesetzt werden muss. Denn diesen hat die Mannschaft bitter nötig. Sie braucht neue Lösungen und frische Ideen, wenn sie noch oben mitspielen will. Dazu auch noch eine Beobachtung aus dem Olympiastadion. Nach dem Spiel bedankte sich lediglich Matheo Raab noch zaghaft bei den ebenso lautstarken HSV-Fans auf der anderen Seite des Marathontors. Der Rest der Mannschaft zog nach der kalten Schulter der Ultras relativ schnell wieder ab.

Doch wer kann dieser Mannschaft neues Leben einhauchen? Ein weiteres Argument, welches im ersten Schritt für Walter spricht. Einen Trainer, der Erfolg garantiert, gibt es nicht – schon gar nicht auf dem Markt der Vereinslosen. Dennoch gibt es für mich drei alternative Strategien zu einer Weiterbeschäftigung Walters. 

Eine erste naheliegende wäre Pit Reimers aus der U21. Für ihn spricht eine herausragende letzte Saison, sowie die Stabilisierung der Mannschaft nach einem großen Umbruch im Sommer und einem schwierigen Saisonstart. Es würde zudem zeigen, dass auch Trainer die Chance haben sich beim HSV zu entwickeln und ein weiteres Zeichen für die Verzahnung mit der Jugend sein. Dagegen spricht, dass Reimers noch keine Erfahrungen im Profibereich hat. Der nächste Trainer muss jedoch aus Sicht von Boldt sitzen, um in diesem Jahr endlich aufzusteigen. Anderenfalls sind wohl auch die Tage des Sportvorstands gezählt. 

Die zweite Möglichkeit wäre eine Art „Projekttrainer“. Die Geschichte ginge so, dass ein erfahrener Trainer für die Rückrunde geholt wird und den Aufstieg garantieren soll. Im Sommer wird sich dann mit einem für die Bundesliga passenden Trainer neu aufgestellt. Bei Hertha ist dieses Projekt, wenn auch knapp und sehr glücklich, mit Magath einmal gelungen. Andere Kandidaten aus der Kategorie wären Funkel und Hrubesch, welche der Mannschaft wieder mehr Klarheit geben sollen. Die innovative Spielidee ginge damit sicher erst einmal verloren. Dennoch brauchen auch die „Alten Hasen“ Ideen, um die zumeist tief stehenden Gegner zu knacken. Zumindest Hrubesch ist aber wohl „leider“ erst einmal mit der Nationalmannschaft der Frauen beschäftigt. 

Abschließend noch die Wahl eines gestandenen Trainers, der auf dem Markt ist. In der Bundesliga sind die ersten Trainer entlassen worden. Bo Svensson, Thomas Reis und Urs Fischer sind auf Jobsuche. Möglicherweise sucht auch Niko Kovac demnächst eine neue Herausforderung. Hinzu kommen noch Namen wir Andre Breitenreiter oder Bruno Labbadia – wobei letzterer schon fast in die Kategorie „Projekttrainer“ fällt. Insgesamt alles Trainer, die einen nicht wirklich vom Hocker hauen. Für Lösungen aus dem Ausland (siehe Schalke) kenne ich die Märkte zu wenig. Letztlich erhoffe ich mir einen Trainer, der aus einer guten Defensive heraus agiert. Huub Stevens reloaded. Die Qualität dann auch noch vorne Tore zu schießen, gibt der Kader aus meiner Sicht her. Sollte man wirklich aufsteigen, würden zudem die defensiven Grundtugenden noch einmal wichtiger werden. 

Allem in allem muss jedoch kurzfristig etwas passieren. Mit der aktuellen „Entwicklung ins Nichts“ (Kicker) verspielt der HSV auch den nächsten Aufstieg. Der Aufsichtsrat wird nun sicher das Gespräch mit Jonas Boldt suchen. Bekanntermaßen sind in dem Gremium ja auch einige, die an Tim Walter zweifeln. Um am Ende selbst nicht vor der Tür zu landen, muss Boldt nun Lösungen anbieten. Ob er den AR noch einmal von Walter überzeugen kann oder es eine neue Idee werden muss, bleibt abzuwarten. Am Ende gewinnt Walter in Nürnberg doch überzeugend und sichert sich so zumindest die Winterpause. Sorgen, dass Boldt Walter aus persönlichen Gründen nicht freistellt, habe ich nicht. Dass er über Leichen gehen kann, hat er schließlich schon mehrmals bewiesen. In diesem Sinne bin ich gespannt, was vor Weihnachten noch passieren wird. All der Aufregung zum Trotz wünsche ich allen eine entspannte Weihnachtszeit.

Vielen lieben Dank, Robert! Und Euch allen einen schönen Abend!

Scholle 

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