Analyse

Kiel kommt zum HSV - ein Spitzenspiel zum richtigen Zeitpunkt

Der Kampf um die Aufstiegsplätze ist in eine Phase eingetreten, die mir immer wieder sehr viel Spaß macht. VfL Bochum (48 Punkte) schlägt den Tabellendritten SpVgg Greuther…

Kiel kommt zum HSV - ein Spitzenspiel zum richtigen Zeitpunkt

Der Kampf um die Aufstiegsplätze ist in eine Phase eingetreten, die mir immer wieder sehr viel Spaß macht. VfL Bochum (48 Punkte) schlägt den Tabellendritten SpVgg Greuther Fürth (43). Und jetzt spielt  der HSV als Tabellenvierter (42) gegen den  Zweiten Holstein Kiel (45). „Abendspiel, Flutlicht - fehlen nur noch die Fans. Ich glaube, dann wäre das eine Eins Plus mit Sternchen“, sagte Holstein-Stürmer Fabian Reese, der mir in den letzten Wochen extrem gefallen hat, über die Partie im Volksparkstadion, von dem wir Euch natürlich wieder von vor Ort berichten werden. Und von ich überzeugt bin, dass es für den HSV zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Klar, dass man sich nach zuletzt zwei Niederlagen und zwei Remis keine weiteren Ausrutscher erlauben kann, wissen. Alle. Und heute hat Fortuna Düsseldorf mit einem 3:1-Sieg gegen weiter schwächelnde Nürnberger bis auf drei Punkte zum HSV aufgeschlossen. Und verliert der HSV, wären es zudem sechs Punkte Rückstand auf das Führungsduo. „Wenn ich Erster bin und noch zehn Spiele zu spielen habe, kann ich nicht sagen, dass ich Vierter werden will. Natürlich will ich aufsteigen“, sprach Bochums Torhüter Manuel Riemann nach dem 2:1-Erfolg im Spitzenspiel gegen Verfolger Greuther Fürth einmal Tacheles. Und die Tabellenkonstellation und der Spielplan meinen es gut mit der Revier-Elf, die vor dem Nordduell der Verfolger HSV und Holstein Kiel (45) mit 48 Punkten drei Zähler Vorsprung haben. Am Freitag könnten sie dann im direkten Duell gegen den HSV dann einen ganz gewaltigen Schritt gen Erstligaaufstieg gehen.

Der HSV hat noch alles selbst in der Hand

Ein Szenario, das HSV-Trainer Thioune noch nicht interessiert. Sagt er. Ebenso wenig wie der Umstand, dass im Umfeld des HSV eine Krise ausgemacht wird, nachdem man durch die Niederlage im prestigeträchtigen Stadtderby gerade erst auf Rang vier zurückgefallen war. „Wenn man Spiele nicht gewinnt, ist immer schnell von einer Krise die Rede. Ich sehe es eher als Bruch. Aber was im Moment fehlt, sind die Ergebnisse“, sagte uns der 46-Jährige heute auf der Pressekonferenz (s. Video). Diplomatisch. Aber eben auch korrekt, da der HSV es sehr wohl noch selbst in der Hand hat, für den Aufstieg zu sorgen.

Denn genau das bringen die Topspiele gegen Kiel und Bochum, vor deren Gefahr sich so viele Fans grauen, ebenfalls mit sich: große Chancen! Zwei Siege und die Welt ist ginge nicht mehr unter, sondern ist plötzlich wieder wieder rosarot? Zuvor hatte sich der ehemalige Kiel- und HSV-Sportchef Ralf Becker via Mopo gemeldet und versucht, alle Hamburger ein wenig zu beruhigen: „Selbst bei einer Niederlage ist dem HSV noch alles zuzutrauen. Sie haben jederzeit die Qualität, eine Siegesserie zu starten“, sagte Becker dort - und ich stimme ihm zu 100 Prozent zu. Allerdings ist dem HSV auch eine Niederlage gegen Kiel zuzutrauen – schon allein ob der Qualität der Kieler wegen. Denn die sind für mich zusammen mit Bochum und dem FC St. Pauli derzeit das konstanteste Team der Liga.

Und die Kieler, das hatte ich Euch ja nach meinem Telefonat mit meinem Bekannten bei Holstein schon geschrieben, sind derzeit selbstbewusster denn je. Zum einen nach dem Halbfinaleinzug im DFB-Pokal am Mittwoch. Zum anderen hat die KSV Holstein in den bisherigen fünf Zweitliga-Vergleichen noch nie gegen den HSV verloren. Zwei Siege, drei Unentschieden, 11:6 Tore. Im Hinspiel reichte der Treffer in der Nachspielzeit, um dem HSV den sicher geglaubten Sieg noch zu entreißen. „Auf Serien geben wir nicht allzu viel“, sagt der dortige, sehr sympathische Trainer Ole Werner. „Wir können uns für die vergangenen Auftritte gegen den HSV nichts kaufen.“ Auf jeden Fall sei gegen „den großen HSV“ Anspannung da. „Es gibt ein besonderes Kribbeln“, beschreibt Werner die Vorfreude und verspricht: „Wir werden die Lockerheit behalten. Wir wissen, woher wir kommen.“

Fällt Euch was auf? Mir schon: Werner und Thioune sind sich im Umgang mit der für beide zweifelsfrei spannenden Situation sehr ähnlich. Beide strahlen Ruhe aus und betonen, dass man diese beibehalten müsse und vor allem: Dass man sie auch beibehalten werde. „Wir sind auf einem guten Weg. Wir werden nicht nervös“, sagte Thioune heute. Die Mannschaft ist überzeugt von dem, was wir tun. Sie ist überzeugt von dem, was wir vorhaben.“, sagte Thioune heute und beugte so auch Gerüchten vor, die Mannschaft könne angefangen haben, an der eigenen Leistungsstärke zu zweifeln. „Das Innenleben der Mannschaft ist genauso ausgerichtet wie meines hier“, so Thioune. Und er sei überzeigt-optimistisch, dass seine Mannschaft sich von dem „Bruch“ erholen wird.

Thioune verleiht der Mannschaft Ruhe und Selbstvertrauen

Thioune betonte heute noch einmal, dass die spielerische Leistung nicht den Ergebnissen der letzten Spiele entspräche – und dass sich das wieder ändern wird. „Auch die Partie am vergangenen Montag, auch wenn es weh getan hat, da war es ja nicht so, dass wir nicht gewollt haben. Wir haben gezeigt, dass wir Spiele gewinnen können und wollen. Wir wollen maximal aktiv sein und haben Bock, Spiele wieder zu gewinnen und Tore zu schießen. Wir hatten eine hohe Intensität im Training und im besten Fall bringen wir es auch wieder auf dem Platz.“ Am besten gleich morgen gegen Kiel.

Auch in Sachen Gegner-Analysen machten es Werner und Thioune gleich. Beide lobten den jeweiligen Gegner. „Uns ist aufgefallen, dass der HSV in den letzten Wochen immer relativ gut ins Spiel gekommen ist, dass er die stärkste Phase häufig gleich zu Beginn hatte“, legte Werner gestern bereits vor und sprach dabei ungewollt auch ein Problem des HSV an: Nämlich die Zeit nach der Anfangsphase. Denn dort hat der HSV zuletzt nur allzu schnell nachgelassen. Oft reichte eine heikle Szene in der eigenen Defensive, um dem ganzen HSV Stabilität zu nehmen. 

Wer gerade in solchen Phasen vorausgehen könne und solle, wollte ich heute vom Trainer wissen. Aber Thioune vermied es, Namen zu nennen. Oder er hatte keinen, was ich angesichts der Ausfälle von Gjasula, Leistner, Leibold sowie der schwächelnden Ulreich und Hunt glaube. „Vielleicht haben wir nicht den Schreihals auf dem Platz“, so Thioune diplomatisch, „aber wir dafür ganz viele Spieler, die Verantwortung übernehmen.“ Es sei das Kollektiv, das den HSV stark mache, nicht der einzelne Leader.

Aber zurück zum Kiel-Spiel. Nach Werners Lob für den HSV legte Thioune heute nach. „Sie haben eine sehr gute Entwicklung genommen unter Ole Werner“, lobte er seinen morgigen Kontrahenten an der Seitenlinie ganz direkt. Allein den Begriff „Angstgegner“ wollte Thioune nicht gelten lassen. „Ich wüsste nicht, woher die Angst resultieren sollte. Angst habe ich grundsätzlich vor gar nichts. Das Spiel  ist ein Duell auf Augenhöhe.“

Kiels Trainer Werner lobt den HSV - Thioune lobt Kiel

Einen besonderen Stellenwert besitzt die Partie sicher für David Kinsombi, von dem ich annehme, dass er den HSV morgen als letzter verbliebener Mannschaftsrat in der Startelf anführen wird. Trotz zuletzt schwacher Leistungen, die Thione mit „schwankend“ und „er hat sicher Potenzial nach oben“ umschreib. „Es ist eine logische Schlussfolgerung aus den letzten Jahren, dass Kiel da oben steht.“, sagte Kinsombiu, der vor dem HSV für zwei Jahre in Kiel spielte und dort als Kapitän agierte. „Ich denke, dass die Jungs dort sehr befreit aufspielen können und den Schwung aus den letzten Jahren mitnehmen können“, so der 25-Jährige. „Sie werden versuchen, frech aufzutreten. Es liegt an uns, das von Beginn an zu unterbinden. Wir müssen spielbestimmend sein und dann werden auch die starke Mannschaft auf dem Platz sein“, meint der einst für drei Millionen von der Förde an die Alster gewechselte defensive Mittelfeldakteur. „Es geht nur darum, dass wir das wieder abrufen, was wir schon gezeigt haben.“

Hmmm, das sind genau die Worte, die ich in Hamburg lieber nicht mehr hören würde. Aber okay, gegen Kiel gilt es, die Aussagen mit Taten zu unterfüttern. Auch – nein: gerade von Kinsombi, dem man bei dessen Verpflichtung das Potenzial nachgesagt hatte, dass er die Mannschaft führen könne. Leider bleib er den Beweis dafür noch schuldig,. Wobei, mal andersrum gedacht: So wird aus dem schwierigen Spiel gegen Kiel, in dem man so viel verlieren kann, auch und gerade für Kinsombi ein Spiel, in dem er ebenso schnell ebenso viel  gewinnen kann. Ich weiß, dass es beim HSV-Fan an sich durch die letzten Jahre Usus ist, vom Negativverlauf auszugehen. Aber ich kann und will mich dieser Art zu denken noch nicht anschließen.

Denn: Ich sehe einen Sven Ulreich, der auf der Linie zu den stärksten Keepern der Liga gehört. Rechts dürfte Josha Vagnoman beginnen, der physisch noch stärker ist, als er es bisher einzusetzen vermochte und hoffentlich sein Tempo ins Spiel einbringen kann. Dazu hat der HSV mit Kinsombi einen der besten Zweikämpfer und mit Heyer einen der flexibelsten und intelligenteren Verteidiger der Liga. Links sehe ich einen Jan Gyamerah, der in guter Verfassung von hinten raus das Spiel schnell machen kann. Defensiv im Mittelfeldzentrum wird dann Amadou Onana mit seinem Tempo und seiner Zweikampfstärke darauf brennen, seine Minusleistung aus dem Würzburg-Spiel wettzumachen und dabei auf Unterstützung von Kinsombi setzen, der als Kapitän aufliefe. Ich würde Jatta als schnellsten Spieler der Liga rechts beginnen lassen, während der wichtigste Mann für das Kreativspiel des HSV, Jeremy Dudziak, zentral alle Freiheiten bekäme. Dazu noch Kittel auf der  linken Außenbahn. Mit etwas mehr Abschlussglück und der einen oder anderen Flanke könnte er das Spiel allein entscheiden. Ebenso wie Simon Terodde, über dessen Torjägerqualitäten auch jetzt in dessen kurzer Durststrecke kein Zweifel bestehen darf.

Ein Spitzenspiel auf Augenhöhe - ich freue mich drauf!

Ihr seht also : Die Qualität ist da. Und da ebenso klar ist, dass man die starken Kieler nicht unterschätzt. Schon deshalb ist das Spitzenspiel morgen für mich eine Partie auf Augenhöhe, auf die ich mich richtig freue. Weil sie die riesige Chance bietet, verlorenen Boden wiedergutzumachen. Thioune weiß das. Hoffen wir mal, dass er genau das auch der Mannschaft vermitteln kann.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich dann nach dem Spiel mit Blog und Blitzfazit wieder bei Euch!

Scholle

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