Meinung

HSV: Der Kampf wider den schmalen Grat

Ich hatte in den letzten Monaten und Jahren immer wieder meine Probleme mit der Art und Weise, wie Tim Walter Fußball spielen lässt. Dabei war und ist mir wichtig zu erwähnen,…

HSV: Der Kampf wider den schmalen Grat

Ich hatte in den letzten Monaten und Jahren immer wieder meine Probleme mit der Art und Weise, wie Tim Walter Fußball spielen lässt. Dabei war und ist mir wichtig zu erwähnen, dass für mich Erfolg allein ebenso wenig der Beweis für die Richtigkeit ist, wie Misserfolg eine Taktik falsch sein lässt. Aber so sehr ich bei Walter die Taktik auch kritisiert habe und sie fürs Scheitern im Aufstiegskampf verantwortlich gemacht habe, so sehr fühle ich mich in dem Gedanken bestätigt, dass längeres Festhalten an einem Weg schneller zum Erfolg führen kann als ständige Kurswechsel.  Und absolut sicher war ich mir immer und bin ich mir, dass Walters Mut für diesen HSV essenziell ist. Insbesondere in Bezug auf die eigene Nachwuchsarbeit.

Okay, zugegeben: Finanziell bleiben ihm und dem HSV auch kaum andere Wege. Aber: Walter macht es eben auch. Walter lässt auffällig häufiger als die meisten seiner Vorgänger Talente „ganz oben“ mittrainieren. Dem 47-Jährigen geht es dabei darum, dass der HSV auch im Nachwuchs für eine klare fußballerische Identität steht. Das machte er noch einmal sehr deutlich: „Wir wollen, dass die Jungs mutig sind, sich im Aufbauspiel trauen, Situationen fußballerisch zu klären. Es ist nicht das Ziel, die Bälle – wenn Druck herrscht – einfach wegzukicken. Weil dann entwickeln sich die Jungs nicht weiter. Wir wollen einfach Fußball implementieren, und das schaffen wir so. Die Jungs kriegen eine gewisse Aura und ein gewisses Selbstvertrauen, und das ist wichtig für uns. Denn wenn sie dann zu uns kommen, können sie viel und hauen den Ball nicht weg, sondern können auch Fehler verarbeiten und mit ihnen umgehen.“ 

Es ist im Grunde genommen der Weg, den der HSV schon zu meiner Zeit als Jugendspieler ging. Auch damals wurde uns erzählt, dass der HSV weniger Wert darauf legen würde, mit den einzelnen Mannschaften gut in der Tabelle zu stehen, als einzelne Topspieler auszubilden.  „Das beißt sich ja nicht, Spiele gewinnen und trotzdem gut Fußball spielen zu wollen. Der Weg dahin ist das Entscheidende, und der ist nicht kurz- sondern langfristig.“ Vor allem führt er dazu, dass die Spieler Verantwortung lernen. „Wenn die Jungs Fehler machen, machen sie halt Fehler, daraus lernen sie“, so Walters Ansatz. Ihm ginge es vor allem darum, Spieler bis in den Profifußball zu bekommen. 

Und ja, darum geht es sicherlich in allererster Linie bei Bundesligisten bzw. Profiklubs. Sie wollen sich ihre eigenen Stammspieler entwickeln. Bei uns früher ging das so weit, dass die Trainer am Rand applaudierten, wenn ein Spieler fünf Spieler nacheinander ausspielte und am sechsten scheiterte, anstelle den vielleicht längst schon freistehenden Mitspieler zu sehen. Und so ging diesen Spielern – und auch das war immer wieder zu erkennen, wenn man mit den Hamburger Auswahlmannschaften mit HSV-Junioren zusammen antrat – oft der Teamplay-Gedanke ein Stück weit verloren.

Und das ist heute nicht wirklich anders. Die jungen Spieler bekommen schon in sehr jungen Jahren erzählt, dass sie eh die allerbesten sind. Nicht selten haben schon 12- oder 13-Jährige ihre eigenen Berater am Rand stehen, die ihnen immer wieder einbläuen, die eigene Entwicklung über das Wohl der Mannschaft zu stellen. Hauptsache, sie schaffen es ins Profitum! Und das ist auch nur logisch aus Sicht des Beraters, der eben nur dann Geld mit seinem Schützling verdient.

Aber es führt nicht selten dazu, dass diese Spieler einen Mangel an sozialer Kompetenz mitbringen, wenn sie erwachsen werden. Und zugegeben, ich habe viele solcher Spieler kennengelernt. Es gab sie, es gibt sie aktuell – und es wird sie sicherlich auch immer geben. Die besten von ihnen waren und sind aus meiner Sicht aber noch immer die, die es gelernt haben, ihre Mitspieler besser zu machen. Oder anders formuliert: Ich sehe lieber einen Zinedine Zidane spielen als einen Cristiano Ronaldo…

Und auf den HSV bezogen bleibt festzuhalten, dass er selten gut beraten war, wenn er auf Einzelkönner setzte. Nicht die Mannschaften mit den besten Namen waren in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten die erfolgreichsten, sondern die, die den besten Teamgeist hatten. Aktuell würde ich dieser Mannschaft des HSV genau das unterstellen: Teamgeist zu haben. Angefangen bei Tim Walter und Jonas Boldt. Dass die das (auch über die Grenzen des Vertretbaren hinaus) die eigenen Spieler bedingungslos schützen. So geschehen bei Jatta, Vuskovic und Dompé… 

Und sollte der HSV diesen Zusammenhalt beibehalten, stehen ihm diese Saison Tore offen, die man sich in den letzten Jahren selbst immer wieder verschlossen hat. Die große Kunst hierbei ist aber eben auch, dass man alles im gesunden Maß haben MUSS. Allein Zusammenhalt bringt nichts, wenn man nicht kritisch miteinander umgeht. Aber so soll es beim HSV weiter intern zugehen. Auch nach der Aufholjagd in Heidenheim soll Walter meinen Informationen (und seiner Aussage) nach intern deutliche Worte für die ersten 60 Minuten gefunden haben.

Und genau darin wird sich entscheiden, wie dieser HSV diese Saison abschneidet. Denn Fakt ist auch, dass der Grat zwischen Erfolg bringendem Selbstbewusstsein und fataler Überheblichkeit sehr schmal ist. Gerade beim HSV weiß man das aus den letzten Jahren. Stichwort: „Wir entscheiden, wer aufsteigt“.

Und dann noch kurz etwas zum Training, das Johnny aktuell leider nicht filmen kann, weil er privat verhindert ist. Neben Johnny fehlte auch Jonas Meffert, der weiter an Knieproblemen laboriert.

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