Analyse

Jetzt zählt nur noch eins: Punkte! Egal wie...

Wer sich den HSV in diesen Wochen anschaut, der merkt schnell: Die Mannschaft hat nicht mehr ganz die Leichtigkeit der vergangenen Monate. Das ist so! Die Abläufe wirken…

Jetzt zählt nur noch eins: Punkte! Egal wie...

Wer sich den HSV in diesen Wochen anschaut, der merkt schnell: Die Mannschaft hat nicht mehr ganz die Leichtigkeit der vergangenen Monate. Das ist so! Die Abläufe wirken manchmal schwerfälliger, das Tempo im Spiel schwankt, im letzten Drittel fehlt häufiger die Präzision. Es ist sichtbar, dass der HSV aktuell nicht mehr konstant am oberen Limit spielt. Aber vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt: Der HSV steht heute dort, wo er steht, weil diese Mannschaft über einen langen Zeitraum hinweg nahezu permanent an ihren 100 Prozent gespielt hat – und oft sogar darüber hinaus. Die Intensität dieser Saison war enorm. Viel Pressing, viel Laufarbeit, viele Zweikämpfe, ein enormes Arbeitspensum Woche für Woche. So etwas kostet Kraft. Und irgendwann fordert diese Spielweise ihren Preis.

Jetzt scheint genau dieser Moment gekommen zu sein. Müdigkeit, kleinere körperliche Probleme, dazu kommen Ausfälle – mal verletzungsbedingt, mal durch Sperren. All das sind Dinge, die eine Saison prägen. Vor allem die eines Aufsteigers. Denn genau das darf man bei all der Bewertung dieser Phase nicht vergessen: Der HSV ist ein Aufsteiger. Und Aufsteiger erleben fast immer genau diesen Moment in einer Saison. Den Moment, in dem nicht mehr alles so leicht von der Hand geht wie noch im Herbst oder Winter. Den Moment, in dem der Fußball ein bisschen härter wird.

Jetzt geht es nicht um Ästhetik, sondern um Zählbares

Jetzt geht es nicht mehr um Schönheit. Jetzt geht es darum, immer einen Millisekunde schneller zu sein, immer einen Zweikampf mehr zu gewinnen und nichts zuzulassen. Es ist die Phase, in der es auch darum geht, eklig für den Gegner zu sein - nicht schön aus dich selbst heraus. Jetzt geht es tatsächlich um die letzten Meter bis zum Ziel. Und dieses Ziel heißt schlicht und einfach: Klassenerhalt. Die Rechnung ist dabei ziemlich simpel. Fünf bis zehn Punkte. Mehr braucht es wahrscheinlich nicht, um endgültig durch zu sein. Fünf bis zehn Punkte – möglichst schnell.

Und ja: Egal wie. Wirklich egal wie.

Wenn der HSV diese Punkte mit spielerischer Dominanz holt, wunderbar. Wenn er sie sich mit Kampf, Leidenschaft und einem Moment individueller Klasse zusammensammelt, ebenso wunderbar. In dieser Phase zählt nur noch das Ergebnis.

Natürlich werden jetzt auch die spielerischen Defizite sichtbar, die den HSV im Grunde schon die gesamte Saison begleiten. Allen voran das Offensivproblem. Die Mannschaft tut sich schwer damit, aus dem Spiel heraus konstant Torchancen zu kreieren. Ein Blick auf die Zahlen zeigt ziemlich deutlich, warum: Von den bislang 29 HSV-Toren stammen 14 Treffer von Spielern, die eigentlich keine klassischen Stürmer sind. Fabio Vieira hat fünf Tore erzielt, Luka Vušković ebenfalls fünf, dazu kommen vier Treffer von Albert Sambi Lokonga. Drei Spieler also, die eigentlich hinter den Spitzen agieren – und die derzeit einen großen Teil der Hamburger Offensive tragen.

Die eigentliche Sturm-Abteilung hingegen kommt bislang nur schwer in Fahrt. Rayan Philippe enttäuscht auf ganzer Linie und scheint erst einmal hintendran.  Ransford Königsdörffer ist mit vier Treffern noch der erfolgreichste Mittelstürmer, während Robert Glatzel und Yussuf Poulsen bislang jeweils nur einmal getroffen haben. Letztgenannater ist sportlich ebenso eine Fehlinvestition wie Damion Downs, der ebenso wie Youngster Otto Stange  sogar noch komplett auf sein erstes Tor wartet.

Das ist - nüchtern betrachtet - eine verheerende Bilanz für eine Bundesliga-Offensive. Daraus ergibt sich für das Trainerteam eine Mängelverwaltung. Woche für Woche. Dass Polzin hier weiter auf Downs setzt, sehe ich als groben Fehler. Mit Downs spielst Du gefühlt jedes Mal in Unterzahl. Ich verstehe seine Nominierungen nicht. Bislang hat er sie jedenfalls noch in keiner Minute gerechtfertigt.

Aber auch hier lohnt sich ein zweiter Blick. Denn die Hamburger haben sich bewusst für eine Spielidee entschieden, in der die Offensive nicht nur Tore schießen, sondern vor allem auch intensiv gegen den Ball arbeiten muss. Pressing, Umschalten, Laufarbeit - all das ist zentraler Bestandteil des Spielplans. Stürmer, die all das auf höchstem Niveau leisten und gleichzeitig regelmäßig zweistellig treffen, sind auf dem Transfermarkt kaum zu bekommen - zumindest nicht zu Preisen, die für den HSV aktuell realistisch sind. Spieler dieses Profils kosten schnell 15 Millionen Euro oder mehr. Trotzdem: Mit einem anderen Spieler als Downs wird es sicherlich nicht schlechter...

Das Trainerteam betreibt Mängelverwaltung - und das sehr erfolgreich.

Deshalb setzt das Trainerteam um Merlin Polzin auf andere Qualitäten. Auf defensive Stabilität, auf mannschaftliche Geschlossenheit, auf Spieler, die aus verschiedenen Positionen heraus gefährlich werden können. Und trotz dieser bekannten Offensivprobleme gelingt es der Mannschaft immer wieder, Punkte einzufahren.

Genau deshalb verdient dieses Trainerteam, diese Mannschaft Respekt. Denn mit den vorhandenen Möglichkeiten holt der HSV derzeit ziemlich viel heraus. Vielleicht nicht immer spektakulär. Vielleicht nicht immer schön anzusehen. Aber effektiv. Und genau das ist jetzt entscheidend.

Wer jetzt fordert, der HSV müsse plötzlich wieder dominanten Offensivfußball spielen, verkennt ein bisschen die Realität einer Bundesliga-Saison – besonders die eines Aufsteigers. Entwicklung im Fußball verläuft selten linear. Es gibt Phasen, in denen vieles funktioniert. Und es gibt Phasen, in denen man sich durchkämpfen muss. Der HSV ist gerade in genau so einer Phase.

Und das Wichtigste: Das ist kein Rückschritt. Das ist kein Alarmzeichen. Das ist schlicht normal. Diese Mannschaft muss jetzt nicht schön spielen. Sie muss jetzt nicht jedes Problem lösen. Sie muss nur eines tun: diese letzten Meter gehen. Meter für Meter, Punkt für Punkt.

Und wenn der Klassenerhalt feststeht, dann beginnt die nächste Phase. Dann wird analysiert, verbessert, weiterentwickelt. Dann wird auch das Offensivspiel ein noch größeres Thema werden müssen, denn dass der HSV hier Entwicklungsschritte machen muss, steht außer Frage. Aber dafür ist später noch genug Zeit. Jetzt zählt nur der Weg ins Ziel.

Jetzt zählt Pragmatismus. Jetzt zählt der Kampf. Jetzt zählt jeder einzelne Punkt. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft an alle HSV-Fans: Die Ansprüche müssen jetzt denen eines Aufsteigers entsprechen. Nicht, weil der HSV klein denken soll. Sondern weil man manchmal zuerst überleben muss, bevor man wieder wachsen kann. Und genau darum geht es jetzt.

Ich bin bereit, meine ästhetischen Ansprüche dem Notwendigen unterzuordnen. Weil ich weiß, wie sich solche Phasen intern darstellen. Und wenn ich sehe, wie sich gestern in den letzten Minuten des Spiels das gesamte Stadion noch einmal von den Sitzen erhoben und die eigene Mannschaft gefeiert hat , dann sehe ich, dass ich damit alles andere als allein bin! Fakt ist: Jetzt ist auch die Zeit, in der die Unterstützung von außen noch einmal wichtiger wird...!

Die spannendste Frage für mich ist nur: Seid Ihr auch bereit, auf schönen Fußball zu verzichten? Oder seht Ihr das alles ganz anders als ich? Und wenn ja, wie seht Ihr es?

Nachdem ich zu meinem Blitzfazit nach dem Köln-Spiel schon so viele Reaktionen bekommen habe, freue ich mich jetzt schon auf Eure Antworten und Fragen!!!

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Sonntag!

Scholle

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