Jetzt haben alle gesehen, wie es klappen kann!
Dieser HSV, den ich am Sonntag gegen einen sehr guten 1. FC Magdeburg gesehen habe, macht Spaß. Das ist genau der HSV, den ich in den letzten Jahren immer wieder gefordert…

Dieser HSV, den ich am Sonntag gegen einen sehr guten 1. FC Magdeburg gesehen habe, macht Spaß. Das ist genau der HSV, den ich in den letzten Jahren immer wieder gefordert habe. Zugegeben: So sehr ich alle Aufstiegs-relevanten Zutaten auch gesehen habe, so wenig stimmig arrangiert waren sie. Denn während der HSV in der ersten Halbzeit eine taktisch hervorragende Partei spielte, musste er in der zweiten Halbzeit ob der dämliche Roten Karte von Sebastian Schonlau voll umstellen auf Kampf gegen Gegentore. Aber: Das machten die Mannen von Trainer Steffen Baumgart derart leidenschaftlich, dass es am Ende gutging. Soll heißen: Einmal war der HSV taktisch voll auf der Höhe – dann in der mannschaftlichen Geschlossenheit, die allerdings auch in der ersten Halbzeit zu sehen war.
Und das aus einer Not heraus, nachdem der HSV mit dem langfristigen Ausfall von Robert Glatzel den GAU in der Offensive verkraften musste. Entsprechend gespannt war auch ich, wie sich Davie Selke als Backup jetzt präsentieren würde. Und er enttäuschte nicht. Im Gegenteil, er traf und bejubelte seinen Treffer, indem er das Trikot seines verletzten Mitspielers und Offensiv-Konkurrenten Robert Glatzel in Richtung des HSV-Anhangs hochhielt und signalisierte: Wir sind für dich da. Es signalisierte aber auch: Durch die enorme Breite des Kaders kann der Club den bitteren Ausfall erstaunlich gut kompensieren.
Glatzel, Selkes Jubel - und Baumgart freut sich über Kampfgeist
„Bobby (Robert Glatzel, d. Red.) ist auf und neben dem Platz sehr wichtig für uns. Der Jubel mit dem Trikot sollte zum Ausdruck bringen, dass wir an ihn denken und uns freuen, dass die OP gut verlaufen ist“, sagte der 29-Jährige, der beim 3:1 bereits seinen vierten Saison-Treffer feierte und der mir neben dem Treffer auch wegen seiner mannschaftsdienlichen Spielweise und Art auf dem Platz sehr gut gefiel. Immer wieder motivierte er seine Mitspieler, feuerte sie an, klatschte mit ihnen ab und schmiss sich in die Bälle, die er gut festmachte. Dass da spielerisch noch Luft nach oben ist – okay. Aber es war ein sehr guter Startschuss für die Zeit ohne Glatzel.
Auch Trainer Steffen Baumgart lobte sowohl den Auftritt in der ersten Hälfte als auch die Einstellung seines Teams nach der Roten Karte für Kapitän Sebastian Schonlau (57. Minute) in der zweiten Hälfte. „So stelle ich mir das vor. So sind wir aus meiner Sicht auf dem richtigen Weg“, sagte der Coach, der nach Schlusspfiff auffällig freudig erregt alle seine Spieler herzte und jubelte. Auch er weiß: Die Richtung des HSV-Wegs deutet klar nach oben. Denn der Club setzte in seinem siebten Kapitel der zweiten Liga nach dem Abstieg 2018 zuletzt mehrere Ausrufezeichen. Zum ersten Mal in dieser Saison steht der Traditionsclub auf dem dritten Tabellenrang. Was auffällt, ist die Schlagkraft gegen die Konkurrenz: In den vergangenen drei Ligaspielen holten die Norddeutschen gegen Paderborn ein 2:2, in Düsseldorf siegte die Baumgart-Elf 3:0 und nun der dominante Erfolg gegen Magdeburg. Das lässt sich gut an.
Das Wichtigste neben den guten Ergebnissen ist für mich aber, dass der HSV immer in der Lage ist, seine Ausfälle zu kompensieren. Der große Konkurrenzkampf um die begehrten Startplätze ist voll entbrannt und führt dazu, dass der HSV eine Breite im Kader hat, die ihn jedes Spiel hinten raus noch mal verbessern lässt. Die kompromisslose Zweikampfführung in der Defensive ist ein weiterer Meilenstein, nachdem der HSV zuletzt unter Tim Walter immer wieder offensiv brillierte und defensiv zu offen stand. Hinzu kommt, dass Baumgart selbst die Spieler aktiviert bekommt, die schon abgeschrieben schienen. Nach Ransford Königsdörffer, der schon zu Saisonbeginn brillierte war diesmal Noah Katterbach das leuchtende Beispiel. Und das nicht allein wegen seines traumhaften Sololaufes, sondern auch, weil er einfach mutiger wird. „Das ist doch schön, wenn einer trainiert, trainiert, trainiert, eigentlich eher eine untergeordnete Rolle spielt, dann reinkommt und dann so eine Leistung abruft“, lobte Baumgart völlig zurecht.
Katterbachs Torjubel war seltsam - sein Spiel dafür großartig
Kurz dazwischengeschoben: Katterbach sorgte ja mit seinem Torjubel für ungewolltes Aufsehen. Der war ihm in sozialen Netzwerken teilweise als rechtsextreme Geste ausgelegt worden. Tatsächlich aber wollte er nach seinem Treffer den bei den Olympischen Spielen vielfach beachteten Sportschützen Yusuf Dikec nachahmen und mit seiner Hand eine Pistole formen. So erklärte er den seltsamen Torjubel. „Ich habe schon gesehen, dass das Internet wieder Faxen macht“, sagte Katterbach. „Ich weiß gar nicht, wie man darauf kommt», meinte der 23-Jährige, der sich parallel von rechtsextremen Werten klar distanzierte. Und wer ihn kennt, der glaubt ihm das auch sofort.
Nicht ganz sicher bin ich mir dagegen beim Umgang Baumgarts mit seinen beiden Torhütern. In der Torwart-Frage setzt der HSV-Coach derweil auf ein flexibles Modell. Eine klare Nummer eins werde es erst einmal unter seiner Führung nicht mehr geben, sagte er. Sowohl Daniel Heuer Fernandes als auch Matheo Raab sollen je nach Leistungsstand ihre Einsätze bekommen. „Ich werde mir das immer dann dementsprechend offenhalten, wie ich die Form sehe“, stellte der 52-Jährige klar.
In einer Phase wie jetzt mag das auch gut funktionieren. Dennoch halte ich sehr viel davon, wenn sich ein Trainer klar zu seiner Nummer eins bekennt – aus bereits mehrfach erwähnten Gründen. Denn zum einen bekommt die aktuelle Nummer eins so die volle Rückendeckung. Zum anderen weiß auch der Herausforderer, dass er auf den Trainer setzen kann, wenn dieser ihn schließlich irgendwann zur Nummer eins erklären sollte.
Baumgart macht richtig, was Walter falsch gemacht hat
Fakt scheint aber auch zu sein, dass die Baumgart oft nachgesagte, motivierende und nah an der Mannschaft gehaltene Art und Weise langsam durchschlägt. Dieser HSV ist sich nicht zu schade, dreckig zu spielen, wenn es dem Sieg nutzt. Sie kämpfen und schmeißen sich in die Bälle, niemand hat mehr den Anspruch jedes Spiel über die kompletten 90 Minuten zu dominieren. Weil das nicht funktioniert! Ich kann zwar nicht genau sagen, ob Baumgart das eh nicht so gemacht hätte, oder ob er aus den Fehlern seines Vorgängers gelernt hat – aber er macht es besser. Er ist nicht so verbohrt, sondern passt das eigene Spiel auch mal dem Gegner an – siehe das Spiel am Sonntag gegen Magdeburg! Das Spiel lässt mich nach sehr langer Zeit wieder hoffen, dass dieser HSV diese Saison cleverer spielt – und damit auch erfolgreicher…!
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