Meinung

Jatta ist wichtig - aber kein Topverdiener

Der Hang zum Überkorrekten ist etwas, was wir Deutsche sicher nicht exklusiv haben. Aber wir haben es. Und mich nervt es zunehmend. Um an dieser Stelle aber nicht zu weit ins…

Jatta ist wichtig - aber kein Topverdiener

Der Hang zum Überkorrekten ist etwas, was wir Deutsche sicher nicht exklusiv haben. Aber wir haben es. Und mich nervt es zunehmend. Um an dieser Stelle aber nicht zu weit ins Politische abzudriften, bleibe ich mal beim HSV, wo ein ähnlicher Fall vor einiger Zeit für viel Aufsehen gesorgt hatte. Denn hier war dem aus Gambia geflüchteten Bakery Jatta in einem Sportmagazin vorgeworfen worden, umfangreichen Identitätsbetrug begangen zu haben. Ein Vorwurf, der nie nachgewiesen werden konnte – der Jatta selbst aber über einen langen Zeitraum belastend begleitet hatte. „Du kannst sowas nicht raushauen, ohne den sicheren Beweis dafür in der Hand zu haben“, hatte ich damals zu meinem Kollegen gesagt, der die ganze Story initiiert hatte und der letztlich von seinen Chefs dazu angetrieben wurde, trotz derlei Bedenken daran festzuhalten. Ein gravierender Fehler, das war damals schon vorhersehbar. Heute ist dieser Fehler ein rechtlich begründeter Fakt.

Und auch ich habe mich damals hier an dieser Stelle ganz klar zum deutschen Recht bekannt und Jattas Unschuldsvermutung vorneangestellt. So, wie ich es immer machen werde. Ich fand es vorbildlich, wie sich seinerzeit der HSV zu diesem Thema positionierte und seinen Spieler im höchsten Maße unterstützte und schützte. Aber: Ich habe damals den entstehenden Hype um Jatta, um den herum in vielen Diskussionen plötzlich nur noch zwischen „Team Jatta“ und dessen Feinden unterschieden wurde, schon sehr kritisch gesehen. Denn darum durfte es nie gehen.

Zum Glück wussten die HSV-Trainer das sehr gut zu differenzieren. Noch mehr müssen das aber die Verantwortlichen der Sportlichen Leitung jetzt machen, wenn es um die Vertragsverlängerung des Publikumslieblings geht. Denn sportlich ist Jatta zweifellos diskutabler als menschlich. Und damit komme ich noch mal kurz zum Überkorrekten zurück. Denn wenn ich höre, dass Jatta „auf jeden Fall“ gehalten werden muss, und dann auf die Nachfrage, warum das so sei, dann die Antwort erhalte: „Der hat hier so viel durchgemacht und hat sich trotzdem immer reingehauen“, dann ist das menschlich nachvollziehbar und sicher auch nett gemeint – aber inhaltlich falsch. Denn die Entscheidung, ob Jatta bleibt oder nicht, muss immer eine Frage von Kosten und Nutzen für den Verein sein. Dass Jatta hier schon von Kollegen meinerseits in den Rang der Topverdiener geschrieben wird, sehe ich ebenfalls anders.

Ich sehe Jatta nämlich noch nicht auf der obersten HSV-Stufe, sondern eine darunter. Jatta ist ein Spieler mit Qualitäten, die kein anderer HSVer hat (Tempo, Zweikampf, Physis). Aber ach einer mit Schwächen, wie sie kein anderer hat (letzter Pass, Flanken-Quote, Torabschluss). Vor allem aber sehe ich den HSV hier in absolut gar keiner Bringschuld. Denn der Verein hat sich immer vorbildlich hinter seine Spieler gestellt – auch hinter Jatta. Und dem Verein kann und darf es nur um den sportlichen Erfolg gehen, wenn der begrenzte Etat verteilt wird. Und eines ist mal ganz klar: Dankbarkeit gibt’s im Profifußball nur in den allerseltensten Fällen. Die wird eigentlich immer nur dann proklamiert und medial gepusht, wenn es für irgendeine Entscheidung zuträglich ist und dem eigenen PR-Zeck dient.

Also: Jattas neuer Vertrag muss allein an seinen sportlichen Fähigkeiten festgemacht werden. Zumal dazu auch persönliche Eigenschaften wie die Einstellung, der Wille und die Teamfähigkeit mit einbezogen werden. Und in dieser Gesamtrechnung sehe ich Jatta nicht als Top-Spieler, sondern als einen Spieler mit besonderen Fähigkeiten – und ebensolchen Mängeln. Ich würde ihn definitiv versuchen zu halten. Aber ganz sicher nicht um jeden Preis.

Vielmehr muss man bei Jatta in den nächsten Wochen, Monaten und ggf. Jahren eben auch dort Fortschritte erkennen können, wo man jetzt noch deutlich zu oft die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Im Passspiel an sich, im taktischen Verhalten, in der Effizienz hat Jatta noch zu große Baustellen, als dass er für sich den Höchstsatz Gehalt beanspruchen darf.

Aber gut, hier ist der HSV entscheidend. Er muss sich so aufstellen, dass er in einer guten Verhandlungsposition ist. Und da man noch keinen Ausnahmespieler unter Vertrag hat, ist das für Jonas Boldt, Claus Costa und Co. Vom Schwierigkeitsgrad alles noch sehr überschaubar. Soll heißen: Man braucht Alternativen für die jeweils zu verhandelnde Position, mit der man ggf. genauso gut arbeiten kann. Hieran bemisst sich für mich die Qualität einer Scoutingabteilung/des Sportchefs. Dann wenn man hier gute Vorarbeit leistet, geht man völlig entspannt in die Verhandlung zur Vertragsverlängerung und macht die eigene Position ebenso deutlich wie die Haltung, den Spieler gern halten zu wollen. Und dann soll der entscheiden, ob er das Angebot annimmt oder nicht…

Am Ende ist und bleibt der Profifußball ein reines Rechenmodell. Soll heißen: Man bietet nur, was man bieten kann. Für nett sein gibt es im Profifußball leider kein Geld. Es sei denn, man errechnet sich einen geldwerten Vermarktungsvorteil durch die jeweilige Personalie. Aber auch der dürfte sich auf Zweitligaebene noch verhältnismäßig klein halten.

Deshalb kann ich von meiner Seite aus sagen, dass ich es ehr befürworte, Jatta zu halten. Ich glaube, dass er sogar in der ersten Liga helfen könnte mit seinem Tempo und seiner Physis. Aber im Gesamtpaket ist Jatta eben noch kein Glatzel, kein Heuer Fernandes und kein Reis oder Benes. Ergo: Kein Topverdiener.

Oder wie seht Ihr das?

Ich selbst bin übrigens die zwei Ferienwochen (noch bis Sonnabend) mit meiner Familie unterwegs. Ich werde mich aber spätestens am Freitag noch mal melden mit einem Bericht vor dem Topspiel beim 1. FC Kaiserslautern!

Bis dahin,

Scholle

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