Meinung

Jansen in der Zwickmühle: Nichtstun ist auch keine Lösung

Es ist ein Satz von einem Mann, dem man das zu 100 Prozent sofort abnimmt. Weil er so war. Damals 2009 sagte er diesen Satz zu mir, als es im Streit zwischen den Vorständen…

Jansen in der Zwickmühle: Nichtstun ist auch keine Lösung

„Ich hätte denen gesagt, reißt Euch zusammen – das ist Euer Job und kein Hobby. Und dann hätte ich eine Lösung gefunden.“

Der ehrenwerte Ex-Aufsichtsratsboss Udo Bandow im Interview 2009

Es ist ein Satz von einem Mann, dem man das zu 100 Prozent sofort abnimmt. Weil er so war. Damals 2009 sagte er diesen Satz zu mir, als es im Streit zwischen den Vorständen Dietmar Beiersdorfer und Bernd Hoffmann eskalierte. Weil er so den Verein führte bzw. damals geführt hätte. Er war es auch, der den HSV als Chef des Aufsichtsrates von 1996 bis 2007 in die schönste Phase der letzten 30 Jahre: Udo Bandow, seines Zeichens Aufsichtsratsboss des HSV a.D. und heute 90 Jahre junger Pensionär, der sich noch immer sehr mit dem HSV befasst. Zu sehr, wenn es nach seiner Frau geht. „Die Situation ist traurig. Der Verein ist finanziell am Boden, das Stadion marode. Man spielt ein fünftes Jahr in Liga 2. Das macht keinen Spaß“, klagte der 90-Jährige, unter dem der einstige Bundesliga-Dino acht Jahre in Serie im Europokal gespielt hat, zuletzt zurecht bei den Kollegen der BILD.

Als besonders bitter empfand der langjährige HSV-Funktionär schon Anfang Juli die atmosphärischen Störungen zwischen Sportvorstand Jonas Boldt (Sport) und Finanzvorstand Dr. Thomas Wüstefeld. „Das hätte es zu meiner Zeit als Aufsichtsratschef nicht gegeben. Ich hätte die zwei Vorstände zu mir gebeten, sie aufgefordert, sich zusammenzuraufen. Wenn nicht, hätte ich schon eine Lösung gefunden“, erklärte Bandow, der in diesem Zusammenhang auch seinen späteren Nachfolger Marcell Jansen als Boss des Kontrollgremiums massiv mit in die Kritik einbezog. „So eine Situation darf ein starker Aufsichtsratschef einfach nicht zulassen. Sie schadet auf Dauer dem ganzen HSV.“

Und Bandow hat – wie fast immer – Recht behalten.

Heute wissen nach dem ersten Arbeitsgerichtstermin des HSV in der Causa Michael Mutzel alle, wie zerrüttet das Verhältnis auf Vorstandsebene ist. Der beruhigende Versuch Jansens, dass man alles im Griff habe und der Zoff nur eine Erfindung der Medien sei, wurde bemerkenswert klar widerlegt. Inzwischen wurde (BILD berichtet heute) auch bekannt, dass nicht nur Mutzel in der Kabine der Spieler und beim Trainerteam nicht mehr auftauchen soll, sondern auch Wüstefeld selbst. Der hat sich offenbar nicht nur bei Boldt mit falschen finanziellen Versprechungen verbrannt, sondern auch gegenüber Walter. Und glaubt man den Kollegen des Hamburger Abendblattes (was ich tue!), dann scheint diese Art bei Wüstefeld durchaus übergreifend zu sein. Zuletzt hatten die HA-Kollegen berichtet, dass auch aus der Wirtschaft einige Unternehmer bei Wüstefeld noch immer auf Begleichung ihrer Rechnungen warten.

Aber okay, selbst das ist nur ein Teil des Problems, das sich beim HSV abspielt und auf mich noch immer den Eindruck macht, als habe Udo Bandow untertrieben, als er andeutete, der HSV-Aufsichtsratschef Marcell Jansen agiere zu schwach. Beim HSV dürfen sich mal wieder Egos austoben auf eine Art, mit der selbige bei jedem Dorfverein nach ‘ner Viertelstunde mit ’nem kräftigen Arschtritt vor die Tür gesetzt worden wären. Die Konstellation Boldt/Walter/Mannschaft vs. Mutzel/Wüstefeld/Jansen ist mehr als untragbar.

Warum unternimmt der Aufsichtsrat nichts?

Problem hierbei: Glaubt jemand, dass sich Jansen selbst vor die Tür setzt? Mitnichten. Und das nicht einmal, weil Jansen nur an sich und ein Amt denkt. Vielmehr hat Jansen selbst wirklich daran geglaubt, dass hier noch etwas zu retten ist. Er hatte zuletzt sogar versucht, was zum Scheitern vorgezeichnet war und ist: Er wollte die beiden Vorstände noch einmal auf eine Linie bringen, auf der sie sich zumindest so in Ruhe lassen, wie es zuvor Frank Wettstein und Boldt gehandhabt hatten. Und dieser Versuch scheitert täglich zunehmend laut. Jansen im Abendblatt: „Wir haben beiden Vorständen das Vertrauen ausgesprochen. Jetzt geht es auch darum, dass es gelebt wird. Es scheint dort Themen zu geben und die werden wir sachlich aufarbeiten. Mein Appell: Es muss dabei immer um den HSV gehen.“

Stimmt! Warum also ergreift er nicht zusammen mit seinen Ratskollegen das Mandat, das ihnen zuteilwurde und kontrolliert bzw. reguliert die Missstände zum Wohle des HSV? Die Antwort darauf ist ebenso simpel wie verheerend: Weil er tatsächlich an Wüstefeld glaubte. Ich bin mir sicher, dass Jansen nichts Böses im Kopf hat - was sein Zögern aber auch nicht besser macht. Im Gegenteil: Offenbar glaubt Jansen sogar noch immer daran, obwohl die Stimmen intern immer lauter und eindeutig werden. Ich glaube, es ist die verzweifelte Hoffnung, sich nicht geirrt zu haben. Und das auch, weil er natürlich weiß, dass sein Name ganz eng mit der Berufung Wüstefeld in den Vorstand verbunden wird. Spätestens jetzt, wo die internen Missstände offengelegt wurden und er trotzdem zu dem Finanzvorstand hielt, heißt es:

Scheitert Wüstefeld – scheitert auch Jansen.

Erkennt Ihr das Dilemma? Jansen kann die komplette sportliche Leitung bis hin zu Nachwuchschef Horst Hrubesch austauschen und damit der Saison quasi schon heute die Aufstiegschancen nehmen. Und das weiß Jansen. Alternativ könnte er natürlich Wüstefelds Position neu besetzen. Aber wie schon geschrieben: Damit brächte er sich bzw. sein eigenes Amt in Gefahr. Das Ergebnis sehen wir heute: Jansen und die Ratskollegen zögern und sorgen – durch intensives Zutun der Vorstände - dafür, dass am Ende einer auf jeden Fall verliert: Und das ist mal wieder der HSV.

Apropos, um wenigstens etwas sportlich zu sein in diesem heutigen Blog, ein paar Bilder von heute:

In diesem Sinne,

Scholle

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