Ist der HSV wirklich so planlos?
Der SV Elversberg ist Tabellenführer. Und das ist ebenso überraschend wie es seinerzeit der Aufstieg von Heidenheim, Darmstadt und anderen war – nämlich eher nicht mehr. Es…

Der SV Elversberg ist Tabellenführer. Und das ist ebenso überraschend wie es seinerzeit der Aufstieg von Heidenheim, Darmstadt und anderen war – nämlich eher nicht mehr. Es sind immer die Mannschaften, die defensiv stabil spielen, die am Ende oben stehen. Ob das für Elversberg auch nach 34 Spieltagen gelten wird, vermag zum jetzigen Zeitpunkt niemand zu sagen. Und ich will hier auch gar nicht hämisch wirken, sondern einfach nur einmal loswerden, wie sehr es mich nervt, dass beim HSV noch immer alle denken, dass sie mit überrollendem Offensivfußball alles in Schutt und Asche spielen können. Denn das hat jetzt auch im siebten Jahr Zweite Liga nicht funktioniert. Anstatt den Fokus auf einen Mittelfeldspieler zu legen, hätte der HSV endlich einen Vuskovic-Ersatz - einen schnellen, zweikampfstarken Verteidiger - dringend nötig.
Wobei man diesmal dazu sagen muss, dass Interimstrainer Merlin Polzin versucht, diese Balance aus stabiler Defensive und schneller Offensive beim HSV herzustellen. Er setzte zuletzt aber leider wiederholt auf's falsche Personal. Wiederholt setzte Polzin Totalausfälle (Jatta, Richter) ein, die dem HSV die Balance nahmen, neben einer stabilen Defensive auch über schnelle Gegenstöße gefährlich zu werden. Einzig Jean-Luc Dompé und Ransford Königsdörffer zeigten zuletzt annähernd Normalform – und Letztgenannten ließ Polzin beim 1:1 in Ulm 86 Minuten auf der Bank. Warum auch immer.
So gehören Richter und Jatta nicht auf den Platz
Es ist kein Geheimnis, das ich die Rolle von Marco Richter im HSCV-System nicht verstehe. Von Beginn an habe ich diesen Transfer als problematisch angesehen. Richter war für mich ein Spieler mit einer Vita, die mehr verspricht, als er sportlich zu halten imstande ist. Seine technischen Vorzüge gehen im mangelnden Tempo verloren, seine Abschlussqualitäten, die ihm Sportvorstand Stefan Kuntz nachsagt, konnte er bislang noch nicht zeigen. Er legt zwar immer mit die meisten Kilometer pro Spiel (knapp 12 Kilometer) zurück, aber eben ohne entscheidende Wirkung. In Summe bleiben so neun Startelfeinsätze und drei Einwechslungen, die bis auf wenige Ausnahmen für den HSV keinen Mehrwert hatten. Im Gegenteil.
Dass in dieser Zeit ein Spieler wie Immanuel Pherai auf der Bank sitzt und teilweise gar nicht eingesetzt wird, erschließt sich mir nicht. Selbst Lukasz Poreba, der im Spiel gegen den Ball seine Kernqualitäten hat, ist ein belebenderer Faktor, wenn er reinkommt. hat für mich in jedem seiner Einsätze mehr Impact auf das HSV-Spiel gehabt als Richter. Und nein, dies ist kein Richter-Bashing, sondern mein ausgedrücktes Unverständnis. Selbst Emir Sahiti, dessen Auftritt beim HSV bislang auch sehr durchwachsen ist und dem noch eine ganze Menge zu fehlen scheint, wäre für mich eher einer der Spieler, die man über einen gewissen Zeitraum mit Spielzeit aufbaut.
Gleiches gilt für Bakery Jatta, dessen Auftreten seit seiner Rückkehr aus der Verletzung an Verweigerung grenzt. Wenn ein Spieler, der so mono-qualifiziert ist wie der Gambier, genau diese eine große Qualität einfach nicht mehr bereit ist, einzusetzen – dann darf er keine Einsatzzeiten erwarten. Dann darf er nicht mehr eingesetzt werden. Und so sehr ich Jatta in Normalform auch immer wieder verteidigt habe und verteidigen würde, bis dahin hatte sich Jatta immer auch über seinen Einsatzwillen definiert und sein Tempo genutzt, um den Gegner unter Druck zu setzen. Aber inzwischen macht er das einfach nicht mehr. Stattdessen ist Jatta seit seiner Vertragsverlängerung bis 2029 im Verwaltungsmodus unterwegs. Mehrwert: Null.
Der HSV hebelt das Leistungsprinzip wieder aus
Das so oft zitierte Leistungsprinzip hat beim HSV auch diese Saison kaum Durchsetzungsvermögen. Jatta, Richter – statt Pherai, Poreba oder ach ein Otto Stange. Der HSV verpasst es, durch interne Reizpunkte die eigene Mannschaft am Leben zu erhalten. Der Trainer wurde stattdessen gewechselt und erst einmal auf Bewährung im Amt bestätigt. Bis nach Fürth.
„Letzte Chance für Polzin“ – heißt es immer wieder. Und mich kotzt das ehrlich gesagt an. So ahnungslos und planlos darf eine Führung einfach nicht sein, dass sie eine solch elementare Entscheidung wie die des Trainers von einzelnen Spielen abhängig macht. Denn Fakt ist auch: Polzin ist alles andere als neu beim HSV. Er kam mit Thioune, blieb auch bei Walter und Baumgart und ist nun schon seit dreieinhalb Jahren im Trainerteam dabei. Da sollten ihn die sportlich Führenden wie Kuntz und vor allem auch Claus Costa so gut einschätzen können, dass sie unabhängig vom Ausgang dieses Fürth-Spiels eine Entscheidung treffen. So oder so.
Flickschusterei - dem HSV fehlt ein stringenter Plan
Nein, dieser HSV hat wieder keinen roten Faden. Anstatt hier etwas Neues mit Kuntz aufzubauen, flickschustert man so weiter wie in den letzten Jahren. Einen schnellen Innenverteidiger hat man seit drei Jahren nicht gefunden. Der einzig wirklich gelungene Transfer ist bislang Daniel Elfadli. Okay, Davie Selke trifft auch. Acht Tore und einen Schnitt von 110 Minuten pro Treffer sind gut. Leider vergab er zuletzt aber auch entscheidende Chancen und nimmt ansonsten nur sehr bedingt am Spiel teil. Der Vergleich zu dem verletzten Robert Glatzel kann er so nicht standhalten, aber im Ligavergleich ist er einer der Topangreifer. Dagegen sind Hefti, Sahiti und Karabec alles Spieler, bei denen man immer noch sagt, dass sie ganz großartiges Potenzial haben und eigentlich viel mehr könnten, als sie bislang zeigen. Und das nach dem 16. Spieltag…
Aber noch mal zu Polzin: Dass sich der HSV noch nicht für oder gegen Polzin entschieden hat, schreibe ich dem Umstand zu, dass man seinen absoluten Wunschtrainer noch nicht hat festmachen können. Denn eines ist auch klar: Auf der Trainerposition darf Kuntz nicht noch mal eine Kompromissentscheidung durchgehen lassen. Von dieser Position hängt einfach zu viel ab. Dass sich der Sportvorstand im Sommer wider eigene Meinung zur Zusammenarbeit mit Steffen Baumgart überreden ließ, dürfte er schnell bereut haben. Jetzt muss der nächste Griff sitzen – auch wenn es der erste eigene Wunschkandidat ist. Dass er sich via Polzin als Interimscoach etwas Zeit verschafft hat – okay. Aber auch nur, wenn der nächste Trainer passt. Und das wiederum wird sicher nicht das eine Spiel gegen Fürth klarmachen können.
In diesem Sinne, ich hoffe sehr auf ein erfolgreiches Spiel am Wochenende gegen Fürth. Noch mehr aber hoffe ich darauf, dass die sportliche Führung des HSV einen deutlich klareren, durchdachteren Plan hat, als es aktuell den Anschein macht.
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