Analyse

Interpretationsspielraum im Fußball: Warum der VAR seine Aufgabe verfehlt

Wir schreiben den 13.04.1995: Dortmund ist im Meisterschaftskampf und liegt gegen Karlsruhe mit 0:1 hinten. Die Borussen brauchen dringend ein Tor. Also setzt Andreas Möller zu…

Interpretationsspielraum im Fußball: Warum der VAR seine Aufgabe verfehlt

Wir schreiben den 13.04.1995: Dortmund ist im Meisterschaftskampf und liegt gegen Karlsruhe mit 0:1 hinten. Die Borussen brauchen dringend ein Tor. Also setzt Andreas Möller zu einer Schwalbe an. Schiedsrichter Habermann fällt drauf rein: Elfmeter! Dortmund gleicht aus, gewinnt am Ende das Spiel und die Meisterschaft mit einem Punkt Vorsprung.

14.12.2013: Hannover spielt gegen Nürnberg. In der 87. Minute steht Mame Diouf ca. 2 Meter im Abseits, erhält den Ball und erzielt ein Tor, welches als regulär gewertet wird. Das Spiel endet 3:3. Nürnberg steigt am Ende mit 1 Punkt Rückstand auf den 16. Tabellenplatz ab.

Saison 22/23: Dortmund spielt in Bochum. Es steht 1:1. Adeyemi wird von Suarez im Strafraum klar gefoult, normalerweise Elfmeter und gelb-rot. Doch Schiedsrichter Stegemann pfeift nicht. Dortmund holt nur einen Punkt und wird am Ende nur zweiter, da sie punktgleich mit den Bayern sind.

Wochenende, Topspiel: Leipzig führt mit 2:1 gegen Dortmund. Der BVB muss gewinnen, um irgendwie an den Bayern dranzubleiben. Adeyemi wird im Strafraum zu Fall gebracht, klarer Elfmeter, kein Pfiff. Am Ende spielt Dortmund 2:2, der Meisterschaftskampf ist damit so gut wie beendet.

All diese Situationen haben eines gemeinsam: Es sind Fehlentscheidungen des Schiedsrichters, die am Ende maßgeblich über Meisterschaft oder Abstieg entscheiden.

Es gibt aber 2 wesentliche Unterschiede. Alle 4 Situationen sind klare Fehlentscheidungen. Alles sind faktische Entscheidungen. Bei den ersten beiden Situationen gab es nur den Schiedsrichter, die letzten beiden Situationen werden vom Video Assistant Referee unterstützt. Und: Die ersten beiden Entscheidungen werden von allen als klar falsch eingestuft, bei den letzten beiden redet man vom „Interpretationsspielraum“.

Und hier kommen wir zum wesentlichen Problem der gesamten Sache. Dass ein Schiedsrichter Fehlentscheidungen trifft, ist menschlich. Kein Schiedsrichter ist eine Maschine, jeder übersieht mal etwas. Vor allem in der Dynamik des Spiels kann man einem Schiedsrichter häufig gar keinen Vorwurf machen, da es aus einigen Perspektiven einfach schwer zu sehen ist. Nico Kovac, Trainer von Borussia Dortmund, kommentierte Fall 4 am Wochenende bei Sky folgendermaßen: „Das kann man auch gar nicht sehen aus der Perspektive, vor der Benni Brandt steht, aber der im Studio hat die Bilder, die wir auch haben.“ Und damit trifft er den Nagel auf den Kopf.

Der VAR wurde eingeführt, um falsch getroffene Entscheidungen zu identifizieren und die Gerechtigkeit des Sports zu verbessern. Aber ist es wirklich gerechter, wenn dem BVB selbst mit Videoschiri jeweils Punkte nicht gegeben werden, die tendenziell zwei Meisterschaften kosten?

Der Videoschiri ist nicht von Grund auf schlecht, doch sein Einsatz ist weder einheitlich noch konsequent. Der Grundtenor ist, dass der VAR nur bei klaren Fehlentscheidungen eingreift. Nehmen wir beide Situationen von Adeyemi, greift der VAR bei beiden Situationen trotz klarer Fehlentscheidung nicht ein. Doch hier kommt dann eben das zum Greifen, was das ganze Regelwerk des Fußballs zerschießt: der Interpretationsspielraum. Im Fußball wird nicht jede Situation gleich bewertet. Der eine Schiedsrichter bewertet eine Situation anders als ein anderer Schiedsrichter.

Nehmen wir das Beispiel von Musiala und Cucurella bei der EM 2024. Musiala schießt aufs Tor, Cucurella spielt klar Hand und es gibt keinen Elfmeter. DFB-Schiedsrichter Patrick Ittrich argumentiert im Telekom-Studio, dass der Schiedsrichter hier Interpretationsspielraum hat, da Cucurella die Hand wegzieht. Diese Diskussion hätte es vor 10 Jahren nicht gegeben, weil es eben ein klares Handspiel ist. Aber das Schiedsrichterwesen entwickelt sich immer mehr dahin, die Schiedsrichter zu schützen, und daraus entwickelt sich ein Interpretationsspielraum, der nicht vorhanden sein sollte. Und dieser Interpretationsspielraum macht den VAR dann auch einfach überflüssig, denn im Grunde kann man alles so interpretieren, wie man will. Selbst Abseits ist nicht mehr klar. Nehmen wir mal das Beispiel Heidenheim gegen den HSV. Schimmer erzielt ein irreguläres Tor, weil er mit dem Arm im Abseits steht. Wer garantiert, dass er wirklich im Abseits stand, bzw ab wann zählt denn hier der Arm? Bei Demirovic ist die Auslegung dann wieder anders. Das macht es einfach undurchsichtig.

Hinzu kommt, dass der VAR auch nur bei bestimmten Situationen eingreifen darf. Und zwar nur, wenn es um eine rote Karte oder Regelverstöße in Bezug auf Elfmeter oder Tor geht. Bei einer möglichen gelb-roten Karte darf nicht eingegriffen werden.

Und da kommen wir auch zum Thema des HSV, denn am Ende treten all diese Dinge in vielen Spielen des HSV auf. Undurchsichtiges Abseits in Heidenheim, Interpretationsspielraum in Freiburg und in Berlin bei Union. Zudem zwei klare gelb-rote Karten, die nicht gegeben werden und auch vom Videoschiedsrichter nicht überprüft werden.

Das sind einfach Dinge, die den Wettbewerb verzerren. Irgendwo gleicht sich das am Ende eventuell wieder aus, da man in dem einen Spiel etwas für sich und in dem anderen Spiel etwas gegen sich entschieden bekommt. Aber was, wenn diese Entscheidungen gegen dich, gegen Konkurrenten getroffen werden und die Entscheidungen für dich gegen Bayern oder Dortmund, wo du dann nicht 4:0, sondern nur 4:1 verlierst?

Fehler eines Schiedsrichters sind menschlich und ich sage nach wie vor, vor allem bei der Entscheidung rund um Mame Diouf 2013, dass so eben der Fußball ist. Es gibt manchmal einfach Fehlentscheidungen. Aber wenn man in Zeiten des VAR sogar per Video draufschauen kann, dürfen diese Fehler so nicht mehr passieren bzw. sie müssen verbessert werden. Das Foul von Vieira gegen Querfeld am 5. Spieltag beschreibt es perfekt. Schiedsrichter Aytekin kann das Foul aufgrund der Position und der Dynamik nicht ahnden, hat dafür aber einen VAR, der das ahnden kann und ahnden muss. Er sagt selbst im Nachgang, dass er das Foul aufgrund der Dynamik gibt, aber im Nachhinein eventuell anders entschieden hätte. Doch der VAR verbessert diese Situation nicht, weil es ja diesen Spielraum gibt.

Es braucht eine klarere Linie, nach der gepfiffen wird. Und es braucht dann auch einen VAR, der bei jeder wichtigen Situation eingreift. Ein Beispiel: Abseits ist, wenn der Angreifer mit dem Trikot am Arm im Abseits steht. Das Trikot darf dann (ohne Unterziehshirt) maximal bis zum Ellenbogen gehen. Dann kann jeder seine Armlänge am Trikot selber bestimmen und wir haben eine einheitliche Regel.  

Auch bei der Linie der Leitung braucht es eine klare Vorgabe. Jeder Schiedsrichter sollte bei jedem Foul gleich pfeifen. Wenn der Spieler den Gegner oberhalb des Knöchels mit offener Sohle trifft, ist das rot und nichts anderes. Da kann es nicht sein, dass der eine Schiedsrichter eine lockerere Linie hat und nur Gelb gibt. Beim selben Foul sollte immer dieselbe Konsequenz folgen.

Und: Es braucht eine klare Regelung beim Eingriff des VAR. Wenn es wie beim HSV in Mainz um 2 klare gelb-rote Karten geht, muss der VAR eingreifen und den Schiedsrichter verbessern. Es kann nicht sein, dass Mainz in diesem Spiel mit 11 Mann weiterspielt.

Und auch bei Situationen wie die von Adeyemi muss der Schiedsrichter raus bzw. die Nachricht aufs Ohr bekommen, dass er da falsch lag. Wenn man diese technischen Hilfsmittel hat, muss man sie auch nutzen und darf sie nicht nur teilweise einsetzen.

Ich weiß, das war heute weniger HSV bezogen, aber das ist ein grundlegendes Problem, das den Fußball und in letzter Zeit vor allem den HSV betrifft. Deswegen wollte ich das hier mal loswerden. Schreibt doch gerne mal eure Meinung dazu in die Kommentare.

Tom

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