Meinung

In eigener Sache: Nur ein nett gemeinter Versuch...

Wenn man den Namen Aaron Hunt mit etwas Positivem in Verbindung bringt, kann man die Uhr danach stellen, bis die ersten „er ist das Gesicht des Abstieges“ schreiben. Auch…

In eigener Sache: Nur ein nett gemeinter Versuch...

Wenn man den Namen Aaron Hunt mit etwas Positivem in Verbindung bringt, kann man die Uhr danach stellen, bis die ersten „er ist das Gesicht des Abstieges“ schreiben. Auch diesmal musste man bei dem ehemaligen Kapitän ebenso wenig darauf warten, wie es ansonsten vielleicht nur noch bei Gideon Jung und Bobby Wood der Fall ist. Diese drei sind auf jeden Fall durch bei Euch – zumindest bei den allermeisten. Und das ist für mich auch völlig okay, weil es jedem zusteht, seine eigene Meinung zu haben. Was ich sagen will: Ich respektiere die Meinung anderer. Ich teile sie aber längst nicht immer. Und manchmal geht mir die aufdringliche Art einfach so auf die Nerven, dass ich mich dazu an dieser Stelle mal äußere. Das werden diejenigen ertragen müssen, zumal sie ja selbst gern austeilen.

Immerhin werden hier unsägliche Begriffe wie „Versager“ und andere wenig schmeichelnde Begriffe gewählt, wenn beispielsweise Aaron Hunt genannt wird. Es wird sogar noch erklärt, dass dieser  Begriff gerechtfertigt sei. Eigentlich sei das sogar noch zu nett…! Findet derjenige. Und ich weiß, dass dieser HSV-Fan sich nicht traut, es Aaron Hunt direkt zu sagen. Hat er bisher nie, obgleich es Gelegenheiten dafür gab (beim Training, im Trainingslager). Aber hier im Netz ist das eben einfacher. Rechner an, bisschen was in die Tasten kloppen, abschicken – und fertig. Avatar statt Profilbild, Nickanstelle des Echtnamens. So läuft das heute. Von einigen gibt es dafür noch schriftlichen Applaus, der den/die Verfasser noch bestätigt.

Und damit verteidige ich nicht Hunts Leistungsstärke, die darf jeder für sich einstufen. Mach ich ja auch. Aber findet Ihr nicht, dass man das auch mit Niveau erledigen kann. Kann man nicht einfach davon sprechen, dass dieser Aaron Hunt dem HSV nicht mehr helfen kann und deshalb Eurer Meinung nach nicht spielen darf? Reicht das nicht? Wofür da noch das „Versager“?

Wobei: Genauso wiederkehrend wie das Jung-, Hunt- und Wood-Bashing ist der Satz „das kann er ja nicht schreiben, weil er es sich nicht mit denen verscherzen will“. Ich überlese diesen Satz eigentlich, denn ich weiß, dass viele von denen, die diesen Blödsinn schreiben, es anders (und besser) wissen. Noch mal Leute: ich zähle weder Klicks, noch habe ich irgendeinem HSVer gegenüber irgendeine Verpflichtung. Streng genommen habe ich nicht einmal Euch gegenüber eine Verpflichtung. Dass Meinungen auseinandergehen können – logisch! Das passiert immer wieder und gehört zur Essenz eines Blogs. Vor allem, weil man im Fußball trefflich über alles und jeden diskutieren kann. Ich schreibe hier ja auch jeden Tag, was ich denke und was ich mitbekomme.

Ich kritisiere die Spieler, die Vorstände, die Aufsichtsräte und die Fans, wenn ich das für angebracht halte – also wirklich alle, die irgendwie mitwirken. Auf der anderen Seite lobe ich genauso. Und ich habe hier und da mal eigene Thesen, die ich umschreibe. Wie gestern, wo ich geschrieben habe, dass Aaron Hunt angesichts der Personalnot beim HSV jetzt in der Pflicht ist, diese Mannschaft gegen Kiel auf den Platz zu führen. Er hat vor der Saison beim HSV gesagt bekommen, dass er nicht für 34 Spiele über 90 Minuten eingeplant wird, sondern dass man versucht, andere, (bestenfalls) deutlich jüngere Spieler aufzubauen. Kurzum: Hunt war plötzlich vom Mannschaftskapitän zum Backup degradiert worden. Und das war genau das, was ich vor der Saison geschrieben habe, dass ich es für richtig halte. Ergo: Wenn er gebraucht wird, muss er da sein.  Wie jetzt gegen Kiel. Wie gesagt, das ist meine Meinung.

Dass  von denen, die meine These „kritisieren“, kein Gegenvorschlag kommt ist schade. Aber vielleicht können diejenigen, die sich jetzt angesprochen fühlen, mir mal aufschreiben, wie sie sich das Mittelfeld gegen Kiel vorstellen. Das meine ich ehrlich so. Würde mich wirklich mal interessieren.

Gleiches gilt für das Thema „reinschreiben“. Ich solle einen Rangnick mit allem, was mir zur Verfügung steht, reinschreiben, wurde ich ernsthaft aufgefordert. Von Leuten, die noch nie ein Wort mit Rangnick gesprochen haben, die wahrscheinlich auch noch nie mit Leuten gesprochen haben, die mit Rangnick zusammengearbeitet haben. Einer meiner großen Vorteile an diesem Job ist es, dass ich genau das darf. Ich kann mit den Protagonisten selbst sprechen und ihnen Fragen stellen. Und auch wenn hier einige meine Aussage „Rangnick darf jetzt kein Thema sein“ so interpretieren, als würde ich Rangnick an sich ablehnen, bleibe ich bei dieser Aussage. Denn wenn dieser HSV eines ist, dann aktuell in einer sehr schwierigen Phase. Einige nenne es Krise, ich nenne es einfach „entscheidende Phase“. Und in einer solchen Phase darf nichts anderes zählen, als das, was auf dem Platz passiert. In dieser Phase muss der HSV – bitte nicht mit mir verwechseln! – alle Kräfte bündeln. Denn die nächsten Spiele werden das erfordern.

Da kann eine Diskussion weder von Seiten des HSV noch von außerhalb schwere Folgen haben. Zu oft haben wir hier schon erlebt, dass der HSV in entscheidenden Phase durch interne Unruhen Spiele verkackt hat, die er sonst vielleicht gewonnen hätte. Weshalb also sollte ich mich auf der einen Seite hinstellen und von den Verantwortlichen fordern, dass sie aus den Fehlern der Vergangenheit lernen sollen, während ich dieselben Fehler nicht nur gutiere, sondern sogar befeuere? Ich solle Rangnick reinschreiben – schreiben einige. Und ich sage Euch: Wenn  das funktionieren würde, wäre dieser HSV komplett im Arsch.

Und das NICHT wegen Rangnick an sich. Denn diesem traue ich auch sehr viel zu. Ich glaube tatsächlich, dass seine Autorität, sein Auftritt und seine Eloquenz für eine Position als Vorstandsvorsitzender reichen würde. Dass er fußballerisch über eine wahrscheinlich für alle deutschen Klubs interessante Expertise verfügt – unbestritten! Ich mag Rangnick sogar aus vielen Telefonaten. Kurze Anekdote: Als ich Rangnick 2004 das erste Mal angerufen habe, war er gerade Trainer des VfB Stuttgart und auf dem Weg zum Auswärtsspiel beim HSV. Es war 2004/2005 und ich erwischte Rangnick im Mannschaftsbus. Er sagte mir, dass er eigentlich keine Zeit habe und bat um Verschiebung des Gesprächs. Ich konterte, dass es schnelle gehen würde (ich brauchte seine Aussagen an dem Tag) – und Rangnick stimmte zu. Das Ende der Geschichte: Nach etwas mehr als einer Stunde musste ich Rangnick bitten, das Gespräch beenden zu dürfen, da ich einen Termin hatte. Aber: Das Gespräch bis dahin war außergewöhnlich gut. Rangnicks Anteil entsprach ungefähr dem Ballbesitz des FC Bayern gegen den Niendorfer TSV und inhaltlich hatte ich anschließend genug Stoff für ein Fußballlehrerhandbuch. Hätte ich mi8r alles merken können, ich hätte es geschrieben.

Was ich sagen will: Rangnick ist ein Fußballfanatiker, wie es fast alle Trainer von sich behaupten (aber längst nicht alle sind). Und ich habe jedes Jahr vor den HSV-Spielen gegen Rangnicks Mannschaften bei ihm angerufen. Manchmal klappte es nicht mit dem gewünschten Interview. Aber wenn es klappte, dann war es für mich ein Highlight. Und trotzdem sage bzw. schreibe ich heute: Er darf in diesem Moment kein Thema sein. Denn er würde mehr schädliche Unruhe auslösen, als hilfreiche Hoffnung. Das aber schließt bei weitem nicht aus, dass ich mir Rangnick beim HSV vorstellen kann.

Und, nur am Rande, weil es so traurig-schön dazu passt: Der nächste Gegner und Aufstiegskonkurrent hat auf der Position des Geschäftsführers gerade mit der Verlängerung von Wolfgang Schwenke, der schon seit 2009 im Verein ist, ein Zeichen für Kontinuität gesetzt. Aber das tatsächlich nur am Rande. Wichtiger ist nämlich das, was sich derzeit auf dem Platz des HSV abspielt. Und dazu werde ich morgen wieder kommen. Denn heute ist es schon zu spät. Heute bleibe ich einfach mal bei den paar Worten in eigener Sache. Alles in der Hoffnung, dass ich erklären konnte, was einige nicht verstehen (wollen).  

Bis morgen!

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