Ihr seid nichts Besonderes - aber ihr könnt es werden!
Wenn ich an Freitag denke, freue ich mich. 19 Grad und um 18.30 Uhr ertönt im Volksparkstadion der Anpfiff für das 109. Stadtderby zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli. Dabei…

Wenn ich an Freitag denke, freue ich mich. 19 Grad und um 18.30 Uhr ertönt im Volksparkstadion der Anpfiff für das 109. Stadtderby zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli. Dabei hat der HSV die große Chance, sich fünf Spieltage vor Schluss bis auf neun Punkte vom vierten Tabellenplatz zu distanzieren. Und ich hatte es bereits geschrieben: dazu gehört für mich, dass alle Spieler alles raushauen, was in ihnen steckt. Also immer lieber etwas mehr als auch nur einen Millimeter zu wenig. Und ich habe gehofft, dass Tim Walter dieses Gefühl in die Mannschaft transportiert. „Es ist eines der schönsten Spiele“, sagte der 47-Jährige heute auf der Pressekonferenz. Es gebe nicht viele Stadtderbys in Deutschland. „Es ist etwas Besonderes.“
Okay, das war schon einmal ein guter Anfang – der sich dann aber leider nicht bestätigte. Denn dann kam einer der Sätze, die mich immer wieder killen. Sätze, die aufzeigen, dass dieser HSV seine falsche Arroganz noch immer nicht abgelegt hat. Nicht einmal jetzt, wo man 11 Punkte in elf Spielen auf den FC St. Pauli verloren hat. „Wir sind der HSV und wir stehen für was“, sagte Walter, um dann die besondere Stellung seiner Mannschaft zu betonen. Auf die Frage, wie er denn die Äußerung seines Gegenübers, Fabian Hürzeler, interpretiere, der davon sprach „auch den Ball“ haben zu wollen, antwortete er: „Alle versuchen, was Besonderes gegen uns zu machen“. Was für ein Blödsinn!!
Schmaler Grat zwischen selbstbewusst und arrogant
Die meisten Gegner haben es leicht, weil der HSV eben nicht unausrechen- sondern ob seiner Eindimensionalität komplett berechenbar ist. Zuletzt haben das nicht einmal mehr die gegnerischen Trainer verleugnen wollen, obgleich man sich untereinander sehr solidarisch verhält und nie etwas Negatives über den anderen Trainer und dessen Spielart sagt. Warum Tim Walter hier noch so vehement darauf setzt, dass man sich null am Gegner orientieren müsse, erschließt sich mir nicht. Aus einer Überzeugung wurde ein Selbstzweck – und ich halte diesen Walter-Habitus inzwischen auch für unprofessionell.
Warum muss der HSV immer was Besseres sein? Er ist es nicht, wie Niederlagen gegen Teams wie Kaiserslautern, Rostock oder auch das 0:3 im Hinspiel gegen den FC St. Pauli verdeutlichen. Der HSV ist auch nicht mit zehn Punkten Vorsprung sicherer Tabellenführer, sondern „nur“ Dritter. Mit der Tendenz zum vierten Tabellenplatz. Zumindest zeigt die Formkurve der letzten Wochen beim HSV nicht nach oben. Und hier ist der Grat zwischen großem Selbstvertrauen und Arroganz sehr schmal.
Was ich meine: Dass Walter hier versucht, seine Jungs starkzureden, finde ich gut. Er soll sich weiterhin mit der Mannschaft als Einheit präsentieren. Aber er darf nicht so tun, als sei man per se etwas Besonderes, wenn man der HSV ist oder für ihn spielt. Nicht, solange man das nicht in Ergebnissen bewiesen hat und mit weitem Abstand die Tabelle anführt. Aber okay, jeder Trainer hat so seine Art. Und obgleich das Hamburger Stadtderby selten so brisant war wie heute, (Pauli kann bis auf drei Punkte an den HSV ranrücken), will Walter von Druck will nichts wissen. Vielleicht funktioniert das ja.
Kühler Kopf - und heißes Herz?
Aber spätestens mit dem Einlaufen ins mit 57.000 Zuschauern ausverkaufte Volksparkstadion wird sich das alles ändern. Erstmals seit der Corona-Pandemie findet das Traditionsduell wieder vor einer solchen Kulisse ab. „Man muss in einer solchen Atmosphäre kühlen Kopf bewahren“, sagte Walter – und hat recht. Aber ein kühler Kopf muss eben mit einer explosiven Mentalität verbunden sein. Nach Ansicht seines jungen St. Pauli-Kollegen Fabian Hürzeler wird insbesondere die mentale Verfassung über den Spielausgang entscheiden. „Ich glaube, dass der Kopf eine große Rolle spielt“, sagte er. „Der HSV will seit vielen Jahren aufsteigen, deshalb glaube ich definitiv, dass da etwas im Kopf passiert“, meinte Hürzeler und fügte hinzu: „Genauso wie bei unseren Spielern, da wird auch etwas im Kopf passieren. Wichtig ist, dass wir diese mentale Stärke und Klarheit im Kopf haben.“
Zumal beide Teams mit Negativerlebnissen in das von der Polizei als Risikospiel eingestufte Duell gehen. Für Walter kein Grund, nicht sein Lieblingszitat rauszuschmettern: „Das Wichtige ist, dass wir bei uns bleiben“, so der HSV-Coach, eher er ergänzte: „Wir dürfen nicht denken, wir müssen etwas Besonderes machen, nur weil alle es erwarten.“ Man müsse eigene Fehler akzeptieren – was ich zu 100 Prozent genauso sehe. Ebenso wie die meisten Anhänger übrigens, die in den letzten Jahren immer denen am schnellsten verzeihen konnten, die sich ansonsten immer zu 110 Prozent reinhauen. Siehe den nimmermüden Anssi Suhonen – oder ganz aktuell nach seinen beiden Patzern in Lautern auch: Ludovit Reis. Diese beiden haben sich ein Polster erarbeitet. Mit der Betonung auf „Arbeit“.
Gut hierfür ist, dass Walter am Freitag auf seinen fast kompletten Kader zurückgreifen kann. Der in Kaiserslautern im defensiven Mittelfeld schmerzlich vermisste Jonas Meffert ist wieder fit. Ebenso wird Moritz Heyer spielen (können). „Ich habe überall die Qual der Wahl, Ich bin froh, dass ich diese Situation habe“, sagte Walter.
Für ihn ist es nicht die erste Begegnung mit dem erst 30 Jahre alten St. Pauli-Trainer Fabian Hürzeler. Bei einem Spiel 2017 von Hürzelers FC Pipinsried gegen den von Walter trainierten Club Bayern München II in der Regionalliga Bayern waren beide aneinandergeraten. Und das fällt mir nicht schwer zu glauben, da Walter zwar heißblütig und verbal alles andere als zurückhaltend ist – aber Fabian Hürzeler dem in nichts nachsteht. Ich habe Hürzeler als Spieler auf dem Platz erlebt und kann sagen, dass er ganz klar zu der Kategorie gehört, die man nicht als Gegner haben will. Hürzeler liebt den Trashtalk, provoziert, wo er kann, und langt ordentlich zu. Im Duell mit Walter damals war er nicht nur Spielertrainer, sondern auch Siegtorschütze. „Wir haben ein gutes Verhältnis“, bekräftigte Walter heute zwar, aber wirklich glauben tue ich das nicht. Zumindest hört man da andere Dinge.
Öffentlich zeigen werden die beiden das erstmal nicht. Und das ist gut so. Hier geht es erst einmal um Fußball. Deswegen lobte Walter seinen jungen Kollegen heute auch für die guten Ergebnisse in der Rückrunde – und der Pauli-Trainer lobte zurück: „Individuell ist der HSV sehr gut besetzt.“ Dennoch habe er einen Plan: „Wir haben auch in den letzten Spielen gesehen: Speziell die Gegner, die sehr mutig waren gegen den HSV, die waren meist erfolgreich. Wir wollen jetzt nicht nur reagieren auf das, was der HSV macht, sondern wir fahren bewusst dorthin, um das Spiel zu gewinnen.“
Klingt irgendwie normal, oder? Zumindest nicht so, als würde der FC etwas Besonderes planen. Nicht einmal in diesem zweifellos besonderen Saisonspiel. Weil sie wissen, dass man mit vergleichsweise einfachem Fußball (hinten massiert, vorne lauernd) dem HSV am meisten wehtun kann.
Was ich glaube? Ich hoffe eher. Ich hoffe weiter darauf, dass Walter nach außen anders argumentiert als nach innen. Und ich hoffe, dass der Trainer seinen Spielern klarmacht, dass sie nur mit 110 Prozent etwas erreicht. Erst machen – dann reden! Das gilt für Freitag – aber auch sonst! Denn erst wenn sie das schaffen, schaffen sie die Basis, etwas Besonderes erreichen zu können.
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