„Ich weiß, mein Ruf eilt mir voraus“
Wenn man eines in Hamburg inzwischen gut beurteilen kann, dann die Qualität von Trainerpräsentationen. Denn davon gab und gibt es leider noch immer deutlich mehr, als allen…

Wenn man eines in Hamburg inzwischen gut beurteilen kann, dann die Qualität von Trainerpräsentationen. Denn davon gab und gibt es leider noch immer deutlich mehr, als allen hier in Hamburg recht ist. Dass sich aus guten Präsentationen nicht ableiten lässt, dass auch der Trainerjob im Nachgang gut erledigt wird – das hat die Vergangenheit mehrfach bewiesen. Von daher bleibt auch heute die Hoffnung, dass diese Trainervorstellung nicht dem Niveau der anschließenden Arbeit entspricht. Zumindest habe ich die heutige Vorstellung von Tim Walter als recht uninspiriert empfunden.
Walter, der in Hamburg einen Zweijahresvertrag unterschrieben hat, kam pünktlich um 14 Uhr auf die Empore im Presseraum des Volksparkstadions. Mittig zwischen Pressesprecher Philipp Langer und Sportvorstand Jonas Boldt platziert, wirkte der 45-Jährige gut gelaunt. Und er hat auch Grund dafür, denn nach nunmehr 18 Monaten Pause ist der einstige Jugendcoach des Karlrsuher SC, des FC Bayern sowie der Profitrainer von Holstein Kiel und zuletzt VfB Stuttgart endlich wieder aktiv auf dem Platz. Was er in der Zwischenzeit gemacht hat, wollte ich von ihm heute wissen. Und Walter berichtete, dass er sich viel um die Familie, Bücher und das Homeschooling seiner Kinder gekümmert habe.
18 ereignisarme Monate Pause liegen hinter Walter
Fortbildungen etc. gab es für Walter nicht. Die Corona-Zeit habe es ihm schwer gemacht, sich per Hospitationen anderweitig fortzubilden, berichtete der neue HSV-Trainer. Logisch. Weniger logisch war für mich, dass Walter parallel dazu von so anstrengenden letzten Wochen sprach, dass er in den nächsten Wochen erst einmal Urlaub machen müsse. Aber: Es sei ihm gegönnt. Dass Homeschooling sehr anstrengend sein kann, kann ich bestätigen. Auch ich habe wie Walter drei schulpflichtige Kinder. Wobei ich das große Glück habe, dass meine Frau 99,99 Prozent des Schulens übernommen hat. Walter erklärend: „Es ist oft schwieriger, mit seinen eigenen Kindern umzugehen und sich zu regulieren, als die Spieler in der Kabine abzuholen.“
Aber egal wie, wie überall gilt auch hier: Entscheidend ist eh auf dem Platz. Und da soll Walter den HSV in der vierten Zweitliga-Saison als nunmehr schon sechster HSV-Trainer - das Tempo der Trainerentlassungen beim HSV bleibt hoch – zurück in die Erste Liga führen. Und Walter weiß um die rüden Rochaden an der Elbe. Zuvor waren Christian Titz, Hannes Wolf, Dieter Hecking, Thioune und auch der 70 Jahre alte Nachwuchschef Hrubesch am ehrgeizigen Projekt gescheitert. Mehr noch: Ein Blick auf die Liste der Fußballlehrer seit der Jahrtausendwende beeindruckt. 21 Chef- und sieben Interimstrainer gaben sich in flotter Folge die Klinke im Volksparkstadion in die Hand.
Walter, der nach seiner letzten Trainerstation in Stuttgart anderthalb Jahre beschäftigungslos war, gilt als Mann der klaren Linie. Mitstreiter beschreiben ihn als emotional explosiv, als jemanden, der Entscheidungen nicht nur trifft, sondern im Anschluss daran auch festhält. Wer bei ihm einmal unten durch ist, hat keine Chance mehr. Ein Ruf, der Walter vorauseilt, wie er selbst weiß. Und das scheint ihn auch längst nicht mehr zu schocken. Vielleicht sagte er deshalb mit Blick auf die Mannschaft und auf sich, dass „die Menschlichkeit ein wichtiger Aspekt ist. Die Spieler wollen abgeholt, wollen mitgenommen werden. Dafür braucht man die Bereitschaft der Jungs.“
Krach mit Walter ist nicht unerwünscht...
Der frühere Coach des VfB Stuttgart (Juli 2019 - 23. Dezember 2019) und von Holstein Kiel (Juli 2018 - Juni 2019) hat in der Öffentlichkeit ebenso wie hier bei uns seinen Stempel weg: der „wilde Walter“, so nannte ihn die BILD heute. „Mir eilt ja ein Ruf voraus“, gesteht Walter. Und damit meinte er weniger den offensiven, attraktiven Fußball, den er durchaus spielen lässt. Er weiß, dass er sich in Hamburg auch dem Ruf des beratungsresistenten, wenig empathischen Trainers erwehren muss. Heute aber lenkte er die Diskussion clevererweise voll auf den Sport: „Es ist richtig, dass ich gern den Ball habe. Grundvoraussetzung ist aber trotzdem die Defensive“, sagt Walter. „Da ist die Qualität der Spieler nicht entscheidend, sondern mehr die Bereitschaft.“
Fakt ist, der HSV hat einen Trainer verpflichtet, der von sich und seiner Arbeit absolut überzeugt ist. So überzeugt, dass er die Pressekonferenz heute ein wenig unterschätzte und in einigen Punkten nervös und unvorbereitet wirkte. Gleich ein paarmal schob er Teile der Antwort rüber zum neben ihm sitzenden Boldt, der dann auch übernahm. Walter, dem ob seiner sehr selbstbewussten Art in der Vergangenheit der Hang zur Arroganz nachgesagt wurde, lässt sich zudem nur ungern ins Geschäft reden. Wie die meisten Trainer zwar – aber wohl noch etwas ausgeprägter. Und damit wird der nicht minder selbstbewusste Sportvorstand Jonas Boldt leben müssen. Dass es in diesem Bereich häufiger krachen wird, ist daher mehr als wahrscheinlich. Und offenbar ist diese nach den letzten Jahren mit eher emphatischen Trainertypen auch alles andere als ungewollt. Es ist mutig.
Ob das letztlich eine wirklich fundiert-vernünftige Entscheidungsgrundlage darstellt, das lasse ich mal dahingestellt. Wie Ihr wisst, hätte ich einen ganz anderen Ansatz bei der Trainersuche gewählt. Und ginge ich nach allen Reaktionen aus meinem direkten und indirekten Umfeld, dann ist die Verpflichtung von Walter ein Fehler. So eindeutig ist hier die Meinung. Interessanterweise werden auch die HSV-Verantwortlichen nicht viel anderes gehört haben.
Insofern sollte man davon ausgehen können, dass dahinter zumindest ein Plan steckt. Der wiederum setzt darauf, dass Walter gelernt hat. Gelernt aus dem Rauswurf beim VfB Stuttgart nach einer halben Saison und trotz eines dritten Tabellenplatzes (punktgleich mit dem Zweiten HSV), weil der Coach sich mit dem Sportdirektor überworfen hatte. Ob die Hoffnung berechtigt ist oder nicht, das wird sich zeigen. Auf dem Platz wie gesagt. Walter selbst spricht davon, sich „weiterzuentwickeln und zu verbessern, aber sich nicht zu verbiegen“.
Also, was bleibt? Neben viel Skepsis bleibt die Hoffnung, dass sich Walter tatsächlich weiterentwickelt hat. Dass er mit der Mannschaft besser zusammen agiert als heute allein auf dem Podium. Wobei Letztgenanntes auch nie ein Gradmesser sein darf...
In diesem Sinne, bis morgen!
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