Meinung

Ich könnte heulen, so dumm ist das!

Ich hätte heute wirklich nur zu gern ausschließlich über Fußball geschrieben, aber das funktioniert leider nicht. Denn leider gibt es in diesem Verein immer noch Menschen, die…

Ich könnte heulen, so dumm ist das!

Ich hätte heute wirklich nur zu gern ausschließlich über Fußball geschrieben, aber das funktioniert leider nicht. Denn leider gibt es in diesem Verein immer noch Menschen, die ohne jede Rücksicht auf Verluste ihr eigenes Ego voranstellen. Wobei „voranstellen“ das Ganze nur unzureichend beschreibt. Denn in diesem Fall geht es um gekränkte Eitelkeiten, Rache, Macht und um vieles mehr. Nur um eines geht es hierbei nicht: Um das Wohl des HSV. Das einzig Positive an dem Inhalt des entlarvenden Berichtes meines Kollegen Kai Schiller von heute im Hamburger Abendblatt („Greift die alte HSV-Spitze wieder nach der Macht?“) ist: Es gibt eigentlich keine Geheimnisse mehr. Inzwischen wird klar, wer für welche Idee steht und wo der ganze Konflikt tatsächlich begraben liegt.

Die Gremien betonen dabei weiter ihren Vorwurf, e.V.-Vizepräsident Thomas Schulz würde es nicht um den HSV gehen. Unvermindert. Sie nehmen in diese Parteienbildung aktuell auch Moritz Schäfer mit auf – ebenso wie die Namen, die wiederkehrend ins Spiel geworfen werden. Denn es sind die Namen von Personen, die schon in vergangenen Machtkämpfen Hauptrollen eingenommen hatten: Max Arnold Köttgen zum Beispiel. Der hatte sich aus Loyalität zu Bernd Hoffmann im März vergangenen Jahres zum Rücktritt aus dem Aufsichtsrat entschlossen. Dazu gesellt sich inzwischen Katrin Sattlmair, die schon einmal als enge Vertraute von Bernd Hoffmann beim Versuch, für den Aufsichtsrat zu kandidieren, scheiterte bzw. abgelehnt worden war.

Es seine die Namen von Kandidaten, deren Ziel eindeutig sei, Bernd Hoffmann ein drittes Mal an die HSV-Spitze zu hieven. So zumindest argumentieren viele. Mein Kollege Alexander Laux, der seit knapp drei Jahrzehnten über den HSV berichtet und hier schon viele Machtkämpfe erlebt hat, hat es heute in seinem Kommentar im Hamburger Abendblatt ganz gut beschrieben: 

„Das Vorgehen des Lagers Schulz und Schäfer erinnert dabei an das legendäre Brettspiel ‚Stratego‘, bei dem die Spieler mit taktischer Raffinesse versuchen müssen, mit ihren verschiedenen Spielsteinen die Fahne des Gegners zu erobern.“

Kommentar Alexander Laux, HH Abendblatt vom 4. Februar 2021

Das Pikante daran: Bei Stratego geht es nie um Zusammenhaltund Gemeinsamkeit – sondern immer nur um Einzelinteressen. Mit anderen Worten: Es gewinnt zwar eine/r – aber es verlieren viele. Wie jetzt beim HSV mal wieder. Dass sich aktuell so viele Befürworter des im März 2020 geschassten Vorstandsvorsitzenden intern stark machen und weitere Gleichgesinnte in Gremien hieven wollen, stärkt dabei den Verdacht, dass Bernd Hoffmann hier der Drahtzieher hinter dieser neuerlichen „Schlacht um die Macht“ (O-Ton Laux im Abendblatt) sei. Allein Hoffmann selbst leugnet das, während die „BILD“ berichtet, dass Katja Kraus von Vizepräsident Moritz Schäfer gefragt worden sein soll, ob sie sich eine Position im HSV-Vorstand vorstellen könne.

Wobei, nein, nicht eine Position, sondern DIE Position an der Spitze, wie die Kollegen vermuten. Ob Kraus selbst dazu bereit ist, ist offen. Fakt ist aber, dass Kraus in ihrer ersten Amtszeit als rechte Hand und somit engste Vertraute von – natürlich: Bernd Hoffmann galt. Auch diese Personalie, so Unrecht man der geschäftsführenden Gesellschafterin der Sportmarketing-Agentur Jung von Matt/Sports auch damit tun mag, sie wird dem „Team Hoffmann“ zugeordnet. Denn es heißt inzwischen nur noch: Team Hoffmann gegen den Rest (alle Vereinsgremien, Aufsichtsrat, Vorstand der AG). Bitter, oder?

Noch bitterer ist: Ich habe heute lange mit Personen telefoniert, die jeweils in dieses Szenario involviert sind. Gewollt oder ungewollt finden sich beide inmitten des neuerlichen Machtkampfes, den die Mitglieder auf der ersten virtuellen, außerordentlichen Mitgliederversammlung letztlich beurteilen müssen. Ihnen obliegt am Ende, den Gremien zu folgen und Schulz abzuwählen, oder diesem Vorschlag zu widersprechen. Denn hiervon wird es abhängen, welches „Team“ am Ende seine Interessen vertreten darf. Mit anderen Worten: Es wird mühsam werden. Denn der Weg dahin wird ein Indizienkampf werden, den jede/r für sich beurteilen muss. Aber das kennt man hier in Hamburg ja leidlich.

Ich wiederhole mich, wenn ich Euch schreibe: Mich nervt dieses Theater. Zunehmend. Vor allem, weil selbst die offensichtlichsten Vorgehensweisen von den Protagonisten geleugnet werden. Wenn ich wie heute mit den verschiedenen Parteien (schlimm genug, dass man so innerhalb des HSV schon unterscheiden kann) telefoniere, wird mir immer deutlicher, wie verloren dieser HSV auf Führungsebene mal wieder ist. Vor allem wird deutlich wie einfach es ist, sich und seine Interessen über alle(s) zu stellen. Hintergrund dieser Behauptung: Ich kenne die Protagonisten teilweise schon viele, viele Jahre. Und trotzdem versucht man mir immer wieder Dinge zu verkaufen, von denen sogar der Erzähler weiß, dass ich es nicht glauben werde – weil ich es besser weiß. „Trumpismus“ nenne ich das, wenn man derartig dummdreist versucht, die Leute für die eigenen Belange zu gewinnen. Schlimm nur, dass das ja auch anfänglich funktioniert hat…

Dabei könnte man aktuell über so viele Dinge sprechen, die den HSV voranbringen. Der Fußball funktioniert endlich so, wie man ihn vor drei Jahren in der Zweiten Liga spielen wollte. Man entwickelt eine Identität, die gut angenommen wird von den Fans. Die Zeiten des Prassens sind vorbei, im Vorstand wird allem Anschein nach vernünftig zusammen – und nicht mehr gegeneinander gearbeitet. Der sportliche Erfolg stimmt und parallel werden Talente ausgebildet von einem der erfolgreichsten DFB-Entwickler: Horst Hrubesch. Der wiederum schätzzt den aktuellen HSV-Trainer Daniel Thioune nicht nur, sondern unterstützt ihn mit Rat und Tat. Oder anders formuliert: Auf sportlich-operativer Ebene sind Jugend, Nachwuchs und Profis so eng miteinander verknüpft, wie ich es in meinen mehr als 20 Jahren als HSV-Reporter nicht erlebt habe. Und obwohl der HSV morgen ein schwieriges Auswärtsspiel beim FC Erzgebirge Aue vor sich hat, dominieren Machtkämpfe die Schlagzeilen –

ich könnte heulen, so dumm ist das.

Aber so wenig sich dieses Theater leider leugnen lässt, so wenig Bock habe ich darauf. Ich hatte ehrlich gesagt auch gedacht, der HSV würde es intern schneller, reibungsloser und ohne einen derartigen Schaden abgewendet bekommen. Aber ich lag hier leider falsch.

Richtiger liege ich sicher mit meiner Behauptung, dass der HSV sportlich unter Trainer Daniel Thioune funktioniert. Dennoch weiß ich, dass die Partie am morgigen Freitag in Aue richtig schwer wird. Nicht, weil man letzte Saison dort 3:0 verloren hat, sondern weil Aue einfach gut ist. Es wird ein Kampfspiel auf tiefem Geläuf mit einem HSV, der defensiv umbauen muss. Und bitte, ohne es despektierlich verstanden zu wissen: Dass Bobby Wood mit Knieproblemen ausfällt, ist schade – es schwächt den HSV in seiner Startelf allerdings nicht so, wie es der Ausfall von Toni Leistner könnte. „Könnte“ schreibe ich, weil ich glaube, dass Moritz Heyer neben einem Stephan Ambrosius die Viererkette (sofern Thioune nicht wieder auf Dreierkette umstellt) nicht minder sicher organisieren kann. Interessant hierbei wird für mich, wie sich Ambrosius ohne seinen Mentor Leistner präsentiert.

Ebenso interessant ist für mich die Frage, ob Thioune im defensiven Mittelfeldzentrum mit dem jungen Amadou Onana beginnt oder doch die erfahrenere Lösung mit Gideon Jung als Abräumer oder mit Hunt neben Kinsombi als Doppelsechs löst. Ich persönlich – auch das ist für geneigte Leserinnen und Leser hier lange kein Geheimnis mehr – würde auf Onana setzen und möglichst wenig gegenüber den Vorwochen verändern. Meine Startelf sähe so aus: 

Ulreich – Gyamerah, Ambrosius, Heyer, Leibold – Onana – Jatta, Kinsombi, Dudziak, Kittel – Terodde.

Oder wie seht Ihr das?

In diesem Sinne, anbei noch das HSV-Orakel, bei dem die Partie des HSV in Aue schon einmal digital vorempfunden wurde. Wie es ausgegangen ist? Seht selbst! Ich melde mich dann morgen wieder mit dem Blog und dem Blitzfazit nach dem Auswärtsspiel in Aue bei Euch. Bis dahin wünsche ich Euch allen einen schönen Abend!

Scholle

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