HSV zeigt in Leipzig großen Entwicklungsschritt – da war sogar mehr als ein 1:2 drin
Der HSV hat beim 1:2 (0:1) in Leipzig zwar keine Punkte geholt, dafür aber etwas, das sich nicht in Tabellenständen oder Statistiken messen lässt: ein weiteres Stück…

Der HSV hat beim 1:2 (0:1) in Leipzig zwar keine Punkte geholt, dafür aber etwas, das sich nicht in Tabellenständen oder Statistiken messen lässt: ein weiteres Stück Bundesliga-Reife. Trotz der Niederlage beim Champions-League-Teilnehmer zeigte der Aufsteiger eine Vorstellung, die Mut macht. Eine, die verdeutlicht, dass dieser HSV inzwischen mehr ist als ein williger Herausforderer. In Leipzig war spürbar: Diese Mannschaft wächst zusammen, sie wächst über sich hinaus – und sie ist gekommen, um zu bleiben. Schon vor dem Anpfiff war klar, wie hoch der Berg sein würde, den es zu erklimmen galt. Leipzig hatte bis dahin in 37 Spielen gegen Aufsteiger nie verloren – 32 Siege, 5 Remis. Eine Serie, die in dieser Form einmalig in der Bundesliga-Geschichte ist. Und doch: Wer in der Red-Bull-Arena an diesem Samstagnachmittag genau hinsah, merkte schnell, dass diese Statistik zu wackeln begann.
Die Mannen von Trainer Merlin Polzin traten mutig auf, selbstbewusst und mit einer klaren Spielidee. Sie stellten Leipzig mit aggressivem Pressing, variabler Defensive und schnellen Umschaltmomenten immer wieder vor Probleme. Trainer Merlin Polzin, der seine Elf im Vergleich zum 4:0 gegen Mainz nur auf einer Position verändert hatte - Mikelbrencis ersetzte den leider unglücklich verletzten Gocholeishvili -, hatte sein Team bestens eingestellt. Und der HSV wirkte gefestigt, fokussiert, als wäre er schon seit Jahren Teil dieser Liga.
HSV gerät in Rückstand - und macht mutig weiter
Leipzig kam zwar früh durch einen Freistoß von David Raum zu einer ersten Gelegenheit, doch der HSV hielt diszipliniert dagegen. Immer wieder kombinierten die Hamburger gefällig durchs Mittelfeld, setzten Nadelstiche und waren dem Führungstor näher, als es den Gastgebern lieb sein konnte. Ransford-Yeboah Königsdörffer verpasste das 1:0 nur um Haaresbreite, ehe Christoph Baumgartner kurz vor der Pause die Leipziger mit seinem Kopfball in Führung brachte (45.). Ein Rückschlag - aber keiner, der die Hamburger umwarf. Im Gegenteil: Er weckte sie.
Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, schlug der HSV zurück - und wie! Nach einer energischen Aktion von Miro Muheim über links landete der Ball bei Albert Sambi Lokonga, dessen Schuss abgefälscht im langen Eck einschlug (48.). Der Jubel der über 10.000 mitgereisten Hamburger Fans war ohrenbetäubend, und er war mehr als verdient. Für einen Moment schien es, als könne der HSV tatsächlich das schaffen, was seit Jahren keinem Aufsteiger gelungen war.
Doch Leipzig antwortete im Stile einer Spitzenmannschaft. Nur zwei Minuten nach dem Ausgleich traf erneut Baumgartner (50.) und stellte auf 2:1. Bitter für Luka Vuskovic, Capaldo und Co., aber erneut kein Bruch im Spiel. Stattdessen kämpften die Rothosen weiter, mutig und mit offenem Visier. Jean-Luc Dompé setzte mit einem wuchtigen Freistoß an den Außenpfosten ein Ausrufezeichen, Philippe und Königsdörffer vergaben aussichtsreiche Chancen, und Leipzig geriet zusehends ins Schwimmen.
„Man sieht eine klare Entwicklung bei uns.“
Daniel Heuer Fernandes
Dass es am Ende trotzdem nicht zu einem Punkt reichte, lag an Nuancen und an der Effizienz eines Gegners, der seit Jahren auf Champions-League-Niveau spielt. Der HSV dagegen ist noch auf dem Weg dorthin. Aber dieser Weg ist klar erkennbar. „Wir haben über 90 Minuten sehr gut mitgehalten, es haben nur Kleinigkeiten gefehlt“, sagte Torhüter Daniel Heuer Fernandes nach dem Abpfiff. „Man sieht eine klare Entwicklung bei uns.“ Weshalb Polzin seine Kopfballspieler erst so spät brachte, erschlioss sich mir allerdings nicht. In der besten Phase, als Flanken in den Sechzehner flogen, war dort nur Königsdörffer, der köpfen kann - bei dem das allerdings sicher nicht dien Kernkompetenz ist.
Dennoch: Auch Trainer Polzin konnte stolz auf das sein, was seine Mannschaft in Leipzig gezeigt hatte: Leidenschaft, Mut, taktische Reife und den unbedingten Willen, mitzuhalten. In Phasen des Spiels war der HSV sogar das aktivere Team – und das gegen eine Mannschaft, die in den letzten Jahren Titel gewann und in Europa für Furore sorgte. „Leipzig hat den Anspruch, die Champions League zu erreichen und wir schaffen es, eine solche Mannschaft komplett hinten reinzudrängen", freute sich Miro Muheim nach dem Spiel über sein Team. „Das ist gut und ein Beleg für unsere Entwicklung und mit dem Spiel könnten wir eigentlich total zufrieden sein. Aber am Ende geht es um das Ergebnis, und das stimmt eben leider nicht. Leipzig war sehr effizient, das fehlt uns noch ein bisschen, da müssen wir noch weitere Schritte nach vorn machen. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.“
Emotional wurde es zudem vor dem Anpfiff: Yussuf Poulsen, inzwischen HSV-Stürmer, wurde bei seiner Rückkehr nach Leipzig mit einer riesigen Choreographie gefeiert. Der 31-Jährige, der zwölf Jahre für RB gespielt, zwei Pokale gewonnen und 425 Spiele für die Sachsen absolviert hatte, wurde von Fans, Mitspielern und Funktionären geehrt – und stand am Ende doch symbolisch für den Wandel. Für das, was der HSV verkörpert: Tradition, Leidenschaft, Bodenständigkeit. "Es war für mich etwas sehr Besonderes heute. Wie die Leipziger Fans mich empfangen und nachträglich nochmal verabschiedet haben, das war außergewöhnlich und hat mir sehr viel bedeutet. Trotzdem wollten wir hier etwas holen, haben auch ein sehr gutes Spiel gemacht und waren über weite Strecken auch das bessere Team, wie ich finde. Das haben hier noch nicht viele Aufsteiger geschafft und wir haben auf jeden Fall gezeigt, dass wir in die Bundesliga gehören", freute sich Poulsen.
Und so bleibt am Ende dieses Abends ein Ergebnis, das auf dem Papier nach Niederlage aussieht – sich aber nicht so anfühlt. Der HSV hat sich beim Bundesliga-Spitzenteam nicht nur teuer verkauft, sondern über weite Strecken auf Augenhöhe agiert. Er hat gezeigt, dass er auch in den größten Arenen des Landes bestehen kann.
Vielleicht war es also mehr als nur ein Spiel. Vielleicht war es ein kleiner Meilenstein. Denn wer den HSV an diesem Abend gesehen hat, spürte: Diese Mannschaft entwickelt sich weiter, Spiel für Spiel, Schritt für Schritt – und irgendwann werden aus solchen Leistungen nicht nur Komplimente, sondern Punkte. In Leipzig war mehr drin – aber das Wichtigste bleibt: Der HSV ist endgültig in der Bundesliga angekommen.
DIE EINZELKRITIK:
Heuer Fernandes: Er war da, wenn er gebraucht wurde. Trotzdem musste er zweimal hinter sich greifen, wobei er zumindest beim zweiten Gegentreffer an seinen besten Tagen mehr erreichen kann. Trotzdem: Solider Rückhalt ohne Fehler heute. Note: 2,5
Capaldo (bis 90.): Bekam zu früh gelb, weil er von seinem Vordermann Mikelbrencis defensiv kaum bis keine Unterstützung erfuhr. Beim1:2 lässt er sich locken und ist dann sprinttechnisch unterlegen. Note: 4
Ramos (ab 90.): Ohne Wirkung. Auch, weil er bei hohen Bällen nicht vorn im Sechzehner war, wo ich ihn erwartet hätte nach seiner Einwechslung.
L. Vuskovic: Er ist angekommen und ein ganz wesentlicher Faktor für stabile Sicherheit. Pennt er einmal – wie beim 0:1 – hat der HSV gleich mächtig Probleme. Aber: Trotz der Niederlage war das heute wieder ein Schritt nach vorn! Note: 3
Elfadli: Unauffällig gutes Spiel. Note: 3
Mikelbrencis (bis 84.): Er fällt einfach ab. Im direkten Zweikampf hat er kein Bundesliga-Niveau. Und ohne Gegenspieler läuft er immer wieder in die absolut falschen Räume, während er am Ball nichts zustande bekommt und einen Großteil der Bälle verliert. Die Trainer scheinen irgendwie etwas anderes als ich bei ihm zu erkennen. Anders ist seine Einsatzzeit nicht mehr zu erklären. Zudem fehlte heute die Alternative, die ich deutlich früher in Pherai versucht hätte, zu bringen. Note: 4,5
Baldé (ab 90.): Er sollte mehr Schwung entwickeln, als er schaffte. Aber dafür hatte er auch nur 5 Minuten.
Lokonga (bis 76.): Zweites Spiel von Beginn an, zweiter Treffer und dazu defensiv im Mittelfeld sehr umsichtig und effektiv. Bereitete seinen Treffer mit einem schönen pass in die Tiefe auf Muheim mit vor. Das war insgesamt absolut okay. Auch wenn ich mir noch mehr von ihm verspreche, als er heute zu zeigen imstande war. Note: 3
Pherai (ab 76): Er deutete an, dass er gut drauf ist, mutiger wird. Ich würde mich freuen, wenn er mehr Spielzeit bekommt.
Remberg: was für eine Kampfmaschine. Kein Sprinter, aber ein Beißer, der alles aus sich herausholt. Spannender Spielertyp, der dem HSV sehr hilft. Note: 3
Muheim: Als er einmal mit Capaldo die Seite gewechselt hatte, fiel das 1:0 für Leipzig, weil er die Flanke nicht zu verhindern wusste. In der zweiten Halbzeit wurde es deutlich besser, als der HSV mehr und mehr Spielanteile bekam. Note: 3,5
Philippe (bis 89.): Immer mit Ansätzen, aber heute leider lange ohne Ideen und eigene Aktionen. Note: 4
Glatzel (ab 90.): Er wird gebracht und der HSV spielt hinten quer, zurück, vor, zurück, quer… Warum er erst so spät kam, erschließt sich mir nur so, dass die Trainer mit Poulsen schon gehofft hatten, die Strafraummitte besetzt zu haben. Hatten sie aber nicht.
Königsdörffer (bis 76.): Er hat physische Vorteile – aber wenn er die nicht nutzt, ist er keine Hilfe. Heute hatte er zwei, drei richtig gute Gelegenheiten im Sechzehner, bei denen ich Vorteile bei einem Robert Glatzel sehe. Andererseits: Macht Königsdörffer einen davon, hat er seine Aufstellung wieder gerechtfertigt. Das war heute nicht wirklich schwach – aber es gab zu viele Phasen und Situationen, wo ein anderer Stürmertyp an seiner Stelle vielleicht mehr aus der jeweiligen Aktion gemacht hätte. Note: 4
Poulsen (ab 90.): Er kam spät. Zu spät sogar. Allein die nachträgliche Verabschiedung seitens der RB-Fans war ein Highlight für ihn.
Dompé: Er wird immer besser. Wenn es beim HSV gefährlich wurde nach vorn, dann war er beteiligt. Note: 2,5
DAS SPIEL IN ZAHLEN UND FAKTEN:
RB Leipzig: Gulacsi – Baku, Orban, Lukeba, Raum – Seiwald, Ouedraogo (61. Banzuzi), Baumgartner (78. Schlager) – Bakayoko (61. Diomande), Romulo (90. Harder), Nusa (90. Klostermann)
HSV: Fernandes – Capaldo (90. Ramos), Vuskovic, Elfadli – Mikelbrencis (84. Balde), Sambi Lokonga (76. Pherai), Remberg, Muheim – Philippe (90. Glatzel), Königsdörffer (76. Poulsen), Dompe
Tore: 1:0 Baumgartner (45.), 1:1 Sambi Lokonga (48.), 2:1 Baumgartner (50.)
Zuschauer: 47.800 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Tobias Welz (Wiesbaden)
Gelbe Karten: Baumgartner, Diomande, Harder / Capaldo
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