Analyse

HSV vor Neustart in der Bundesliga: Warum jetzt Weitsicht und Struktur wichtiger sind als je zuvor

Der HSV ist zurück in der Bundesliga. Doch wer glaubt, dass der Aufstieg allein Grund genug ist, nun mit breiter Brust auf Einkaufstour zu gehen, verkennt die Realität – und…

HSV vor Neustart in der Bundesliga: Warum jetzt Weitsicht und Struktur wichtiger sind als je zuvor

Der HSV ist zurück in der Bundesliga. Doch wer glaubt, dass der Aufstieg allein Grund genug ist, nun mit breiter Brust auf Einkaufstour zu gehen, verkennt die Realität – und die Bundesliga. Denn wenn der HSV in der neuen Saison bestehen will, dann nicht mit Zauberfußball, nicht einmal mit dem offensivorientierten Stil aus Zweitligazeiten, sondern mit einem klaren Plan. Und der beginnt hinten in der Defensive.

Workshop auf Mallorca: Kaderplanung mit Verstand

Beim dreitägigen Strategie-Workshop auf Mallorca wurde bei den HSV-Verantwortlichen vieles besprochen – darunter auch die Ausrichtung der Kaderplanung. Sportvorstand Stefan Kuntz und Sportdirektor Claus Costa setzen in diesem Sommer auf neue Schwerpunkte: Laufstärke, Zweikampfverhalten, Tempo – und das ist auch bitter nötig.

Hier im Blog schreiben wir das Jahr für Jahr: Der HSV muss bei seinen Neuzugängen auf Tempo achten. Mit den physischen Werten der Aufstiegsmannschaft würde der HSV in der Bundesliga untergehen: Letzter Platz bei den intensiven Läufen, Vorletzter bei den Sprints, Rang 13 bei der Laufdistanz. Wer so antritt, bleibt nicht drin.

Endlich wieder eine Kaderplanung mit Substanz?

Dass mit Nicolai Remberg ein robuster, fleißiger und taktisch disziplinierter Spieler als erster Neuzugang vorgestellt wurde, zeigt: Hier beginnt etwas, das man beim HSV lange vermisst hat. Weitsicht. Strategie. Realismus.

Dass Costa und Chefscout Sebastian Dirscherl die Gespräche führen, dass die Scoutingstruktur differenziert ist, dass man mehrere Ligen gezielt beobachtet – all das klingt vernünftig. Und es ist auch vernünftig. Zumal der HSV nicht mehr der Verein ist, der jeden Wunschspieler bekommt. Die Mittel sind begrenzt, das Vertrauen bei manchem Berater angekratzt.

Lernen aus den Fehlern der Vergangenheit

Bevor überhaupt Spieler verpflichtet werden, muss sich der HSV fragen: Wozu sind wir in der Lage? Kann man offensiv und defensiv gleichzeitig so aufrüsten, dass man mutigen Bundesliga-Fußball anbieten kann? Oder muss man Schritt für Schritt aufbauen und zunächst akzeptieren, dass der erste Schritt der Klassenerhalt ist – und dieser nun mal mit einer kompakten, widerstandsfähigen Defensive beginnt?

In der Vergangenheit hat der HSV immer wieder aufs falsche Pferd gesetzt: Hochglanz-Transfers auf Kredit, Nebelkerzen für die Fans. Verzinstes Geld von Klaus-Michael Kühne floss, verpuffte in Personalien, die mehr nach Marketingstrategie als nach Fußballplan aussahen. Das führte zum Abstieg – sportlich wie finanziell.

Schluss mit Show, her mit Struktur

Was der HSV jetzt braucht, ist das genaue Gegenteil: Nüchternheit. Vernunft. Und die Bereitschaft, erst mal ein solides Fundament zu bauen. Ein Beispiel: Der FC St. Pauli hat gezeigt, wie gut sich mit einem defensiv orientierten Kader die Klasse sichern lässt – sogar deutlich früher, als es das Punktekonto am Ende vermuten ließ. Ja, der Vergleich mit dem Stadtrivalen gefällt vielen nicht. Aber er ist naheliegend – weil man die Abläufe dort kennt und der strukturelle Aufbau funktioniert hat.

Der HSV hat bewiesenermaßen bessere Möglichkeiten als viele andere Klubs. Größere Strahlkraft, mehr finanzielle Power. Genau deshalb darf man auch mehr erwarten: Mehr Klarheit. Mehr Sachverstand. Mehr Ergebnis.

Es bringt nichts, Millionen für einen Top-Stürmer zu zahlen, wenn hinten alles offen ist. Was der HSV jetzt braucht, ist ein Kader, der eine Basis für Erfolg schafft. Ein System, das trägt. Und das bedarf Spieler, die es umsetzen können. Nicht nur für eine Saison, sondern als Projekt.

Costa & Dirscherl: Hoffnung durch Methode

Dass Costa und Dirscherl faktenbasiert und zielgerichtet arbeiten, ist ein positives Zeichen. Dass Kuntz sich bei Personalien wie Selke oder Karabec persönlich einbringt – nachvollziehbar. Die Verantwortung für den gesamten Kader liegt bei der sportlichen Leitung. Dort wirkt es, als hätte man aus den Fehlern gelernt. Die Transfers der vergangenen Winterpause (Soumahoro, Rössing-Lelesiit, Mebude) wirkten gut gedacht, aber schlecht gemacht. Denn der Zeitpunkt stimmte nicht. Weniger Lasogga, mehr Otto Stange – das hätte dem HSV womöglich ein Transfermodell gebracht, das nicht nur sportlich, sondern auch finanziell tragfähig gewesen wäre.

Jetzt oder nie: HSV am Scheideweg

Was ich sagen will: Der HSV hat heute sein Momentum. In Personal Kuntz, Costa, Dirscherl, Polzin und Co. Nach sieben Jahren Zweitklassigkeit bietet die Bundesliga nicht nur Chancen, sondern verlangt auch klare Antworten: Klassenerhalt – und nachhaltige, langfristige Planung. Die Bundesliga ist kein Selbstbedienungsladen für Traditionsclubs. Der Anspruch in einem Club dieser Größe muss über das bloße Überleben hinausgehen. Aber: Der Weg dahin muss klar definiert sein. Ziel für 2025: Klassenerhalt. Alles darüber hinaus ist ein Bonus.

Klar ist auch: Die einst so wahrgenommenen Milliarden von Klaus-Michael Kühne wird es diesmal nicht geben. Und das ist auch gut so. Denn das viele Geld aus der Vergangenheit war ein Trugschluss. Es machte bequem. Die Formel war simpel und falsch: Viel Geld = viele gute Spieler = viel Erfolg = keine Notwendigkeit für gutes Scouting.

Die neue HSV-Gleichung: Wenig Geld = viel Strategie

Jetzt ist die Realität eine andere. Die Formel lautet: Wenig Kapital erfordert viel Arbeit, gutes Scouting und einen soliden Plan. Einen Plan, den der Aufsichtsrat vom Vorstand einfordert. Einen Plan, den der Vorstand seiner sportlichen Leitung auferlegt. Aber: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Das Problem hierbei: Im Aufsichtsrat steckt derzeit kaum sportliche Kompetenz. Das erschwert das Einfordern und Umsetzen eines funktionierenden Plans.

Ein Club muss sich selbst tragen

Was der HSV jetzt braucht, ist kein Gönner. Sondern eine Struktur, die ohne externes Geld funktioniert. Eine Idee, wie man sich selbst in der Bundesliga etablieren kann. Unbequemer, ja. Aber auch der einzig gesunde Weg. Gut ist: Die Verantwortlichen müssen jetzt diesen Weg gehen. Früher wurde viel geredet – selten gehandelt. Jetzt aber entscheidet sich: Hat der HSV gelernt, sich selbst am Leben zu halten? Oder fällt er in alte Muster zurück?

So platt es klingt: Das Momentum ist da. Der HSV kann jetzt ein Planungsverein werden. Kein Panikverein. Nutzen muss er es selbst.

UND ZWAR JETZT.
So, das war mein Wort zum Wochenende. Vom HSV kam dann noch eine Meldung, dass man seine ersten beiden Testspiele terminiert hat. Am 5. Juli testen Polzin und Co. beim Bezirksligisten TSV Elstorf und am 6. Juli geht es zum Regionalligisten VfB Oldenburg. Sollte heute nichts weiter überraschendes passieren, war es das von meiner Seite für heute. Euch allen wünsche ich ein schönes Wochenende! Und: Bleibt gesund!

Scholle

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