HSV vor Bayern: Suspendierung von Dompé verschärft Personallage
Der HSV steht vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern München vor einer angespannten sportlichen Situation. Erstmals seit mehr als acht Jahren gastiert der Rekordmeister wieder…

Der HSV steht vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern München vor einer angespannten sportlichen Situation. Erstmals seit mehr als acht Jahren gastiert der Rekordmeister wieder zu einem Bundesliga-Spiel im Volksparkstadion, doch die Vorbereitung darauf wird für die Mannen von und um Merlin Polzin herum von erheblichen personellen Problemen überschattet. Vor allem in der Offensive muss der HSV-Trainer so viele Ausfälle verkraften wie noch zu keinem Zeitpunkt in dieser Saison.
Auslöser der jüngsten Entwicklung ist die Suspendierung von Jean-Luc Dompé. Der Franzose war am vergangenen Sonntag im Rahmen einer Verkehrskontrolle alkoholisiert am Steuer angetroffen worden. Nach einer Blutprobe wurde sein Führerschein beschlagnahmt, zudem leitete die Polizei ein weiteres Verfahren ein, nachdem Dompé die Wache später mit einem E-Scooter verlassen hatte. Der HSV sprach von einem erheblichen Fehlverhalten und zog die Konsequenz, den 30-Jährigen bis auf Weiteres vom Trainings- und Spielbetrieb auszuschließen. „Das hilft uns gerade auch mit Blick auf die sportliche Situation nicht“, räumte Polzin ein, betonte jedoch zugleich, dass der Verein bei solchen Verstößen konsequent handeln müsse. „Keiner ist größer als der Verein.“
KOMMENTAR
Jetzt zeigt sich, ob der HSV vorbereitet ist
Der HSV steckt spätestens seit der Sufffahrt von Jean-Luc Dompé in einer selbstverschuldeten Zwickmühle. Die logische und alternativlose Suspendierung des Franzosen ist sportlich ein herber Einschnitt – und genau darin liegt das Dilemma. Denn jeder weiß: Die Qualitäten von Dompé kann im aktuellen Kader niemand auch nur annähernd auffangen. Kein anderer Spieler bringt diese Mischung aus Tempo, Unberechenbarkeit und Eins-gegen-eins-Gefahr über die Außenbahn mit. Wer ihn aus dem Spiel nimmt, nimmt dem HSV einen entscheidenden Teil seiner Offensiv-DNA.
Dass sich der HSV mit der Suspendierung sportlich massiv schwächt, ist die Konsequenz eines notwendigen Schrittes. Daran gibt es nichts zu deuteln. Werte, Regeln und Glaubwürdigkeit standen zu Recht über allem. Aber genau hier beginnt die kritische Betrachtung: Dass man auf eine solche Sufffahrt nicht vorbereitet war, mag noch erklärbar sein. Dass man jedoch die wiederkehrende Undiszipliniertheit des Spielers über einen langen Zeitraum hinweg hingenommen hat, hätte zumindest dazu führen müssen, ein solches Szenario mitzudenken.
Jetzt zeigt sich, wie gut der HSV wirklich vorbereitet ist.
Denn schon vor der Suspendierung Dompés war völlig klar: Der Kader ist auf den Außenbahnen zu dünn, zu verletzungsanfällig und zu einseitig aufgestellt. Dompé selbst war über weite Strecken dauerverletzt, immer wieder fraglich, nie wirklich planbar. Allein daraus hätte sich zwingend ergeben müssen, dass man für den Winter Qualität über die Flügel vorbereitet – nicht reaktiv, sondern strategisch. Stattdessen steht bislang lediglich ein Neuzugang zu Buche. Der allerdings ist im zentralen Mittelfeld vorgesehen, und dazu noch angeschlagen. Dementsprechend wird der dem HSV nicht sofort helfen können.
Der Transfer an sich mag sportlich auf Sicht sinnvoll sein, löst aber kein einziges der akuten Probleme. Weder auf den Außenbahnen noch im Zentrum der Offensive. Und genau das ist der Punkt: Der HSV sucht weiterhin Außenstürmer, weiterhin einen echten Knipser – und das nicht erst seit Dompés Sufffahrt. Das sind alte Baustellen, keine neuen. Und sie gefährden den Klassenerhalt fahrlässig.
Dass man Sportdirektor Claus Costa frühzeitig langfristig gebunden hat, wurde auch damit begründet, dass der Aufsichtsrat sich dessen Transferstrategie – insbesondere für den Winter – detailliert habe aufzeigen lassen wollen. Umso spannender wird jetzt die Frage: War das alles Teil eines belastbaren Plans oder lediglich eine theoretische Skizze?
Denn faktisch hat sich durch Dompés Suspendierung personell gar nicht so viel verändert. Die Schwachstellen waren vorher da, sie sind jetzt nur unübersehbar. Wenn es dem HSV in diesem Winter wieder einmal nicht gelingt, lang bekannte Lücken zu schließen – diesmal die Außenbahn, Durchschlagskraft, Abschlussqualität –, dann darf man das Ergebnis nicht schönreden.
Mit anderen Worten: Gelingt es dem HSV wieder nicht, diese lange schon bekannten Defizite rechtzeitig zu beheben, dann hat man in der sportlichen Leitung rund um Claus Costa seinen Job schlichtweg zum wiederholten Mal verfehlt. Nicht wegen Dompé. Sondern weil man längst hätte wissen müssen, dass offensiv Handlungsbedarf besteht. Und genau daran wird sich die sportliche Führung messen lassen müssen.
Sportlich trifft die Suspendierung den HSV zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Neben Dompé fehlen in der Offensive auch Yussuf Poulsen und Alexander Røssing-Lelesiit, die langfristig verletzt sind. Fabio Baldé und Damion Downs gelten als angeschlagen, Emir Sahiti steht vor einem möglichen Winterwechsel. Hinzu kommt, dass Robert Glatzel nach einer Erkrankung nur eingeschränkt einsatzfähig ist. Polzin sprach von einer ungewöhnlichen Häufung an Ausfällen: „Ich weiß nicht, ob es das in dieser Vielzahl in dieser Saison schon mal gab.“ Jammern wolle er dennoch nicht. Entscheidend sei es, Lösungen zu finden – gerade im Volkspark, wo „schon Dinge passiert sind, die woanders vielleicht nicht möglich sind“.
Polzin muss wieder Mängelverwaltung betreiben
Die personellen Engpässe zwingen den Trainer dazu, bei der Startelf kreativ zu werden. Besonders auf der linken Außenbahn ist die Situation angespannt. Bekanntermaßen. Und leider konnte die sportliche Leitung noch immer keine Verstärkung präsentieren. Und so bleibt es für Polzin eine Art Mängelverwaltung in der Offensive. Als Alternativen gelten unter anderem Rayan Philippe oder Bakery Jatta, der zuletzt jedoch auf der rechten Seite eingeplant war. Auch eine defensivere Lösung, etwa mit einem vorgezogenen Außenverteidiger wie William Mikelbrencis, ist denkbar, zumal gegen die Bayern ohnehin viel Defensivarbeit gefragt sein dürfte. Was ich von Mikelbrencis' Qualitäten, insbesondere defensiv, halte, ist hier aber hinlänglich bekannt.
Entlastung könnte perspektivisch der nächste Winterzugang bringen. Der dänische Offensivspieler Albert Grønbæk absolvierte seinen Medizincheck im Volkspark und soll zeitnah einen Vertrag beim HSV unterschreiben. Geplant ist eine Leihe bis zum Sommer vom französischen Erstligisten Stade Rennais mit Kaufoption. Polzin zeigte sich zuversichtlich, dass der Transfer zustande kommt, mahnte aber zur Geduld. Grønbæk war in dieser Saison an den CFC Genua ausgeliehen, kam dort jedoch nur zu vier Ligaeinsätzen und fiel zuletzt mit einer Muskelverletzung aus. Entsprechend dürfte er zunächst Zeit benötigen, um sportlich eine Rolle zu spielen.
Eine positive Nachricht gibt es aus der Defensive: Warmed Omari wird nach seiner schweren Sprunggelenksverletzung erstmals wieder im Kader stehen und könnte zunächst auf der Bank Platz nehmen. Darüber hinaus schließen die Verantwortlichen weitere Transfers nicht aus. Das Winterfenster ist noch bis Montag geöffnet, und Polzin bestätigte, dass der Verein im Offensivbereich „sehr wachsam“ sei und mehrere Gespräche führe.
Insgesamt zeigt sich der HSV wenige Tage vor dem Bayern-Spiel personell stark gefordert. Die Mischung aus Verletzungen, angeschlagenen Spielern und der Suspendierung Dompés hat die ohnehin angespannte Lage weiter verschärft. Gleichzeitig unterstreichen die Aussagen des Trainers und die laufenden Transferaktivitäten, dass der Verein bemüht ist, kurzfristig handlungsfähig zu bleiben und die Situation zumindest abzufedern.
In diesem Sinne, Euch allen jetzt erst einmal einen schönen Donnerstagabend!
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