Analyse

HSV und seine Youngster - so wird Mut belohnt

Eben gab es noch größte Nöte – und schon wird von einem Luxusproblem gesprochen. „Der HSV-Kapitän ist zurück – wohin jetzt mit Tim Leibold?“ titelt die Mopo heute und spricht…

HSV und seine Youngster - so wird Mut belohnt

Eben gab es noch größte Nöte – und schon wird von einem Luxusproblem gesprochen. „Der HSV-Kapitän ist zurück – wohin jetzt  mit Tim Leibold?“ titelt die Mopo heute und spricht eine Personalfrage an, die aus meiner Sicht durchaus  interessant ist – die mir persönlich aber absolut keine Bauchschmerzen bereiten würde, wenn ich Trainer wäre. Ganz im Gegenteil: Zwischen zwei funktionierenden Varianten wählen zu können ist das Beste, was einem Trainer passieren kann. Sagen alle zumindest immer. Und auch wenn ich glaube, dass jeder Trainer froh ist, wenn er auf einer Positionen einen gesunden, unumstritten gesetzten Spieler hat – in dieser Phase der Saison kann Daniel Thioune hoffen, auf der linken Seite so noch einmal neue Kräfte zu setzen.

Mehr noch: Diese neue Konkurrenz kann sogar für den bislang gesetzten Kapitän leistungsfördernde Auswirkungen haben. Denn eines ist für mich klar: Ich würde den jungen Vagnoman nicht aus dem Team nehmen, solange er so stark spielt. Ähnlich wie bei Amadou Onana verhält es sich auch bei Vagnoman so, dass dieser sich mit jeder Spielminute weiterentwickelt. Jede Erfahrung auf dem Platz lässt ihn Automatismen entwickeln, ihn abgeklärter werden. Und das wiederum lässt ihn mental stärker werden.

Der Mut zu den Jungen wird belohnt

Genauso zerbrechlich sind in dieser jungen Phase der Karrieren andererseits auch die gerade frisch gewonnenen Prozente Selbstsicherheit. Soll heißen: Nehme ich als Trainer junge Spieler wie diese beiden in den Phasen wieder vom Platz, in denen sie genau das zeigen, was ich vorher von ihnen verlangt habe, kann das kontraproduktiv wirken. Ich weiß von einigen jungen Talenten, die nie das Talent entwickeln konnten, das unzweifelhaft in ihnen steckte. Nur, weil die Trainer hierzulande erstaunlich selten darauf setzen, dass auch 16-, 17- oder 18-Jährige schon soweit sind, dass die ihren Mannschaften helfen können.

In Spanien, Frankreich, England, Holland und sogar in Belgien ist das kurioserweise häufig anders. Dort gibt es immer wieder diese „Ausnahmetalente“, die einfach reingeworfen werden. Und das nicht erst heute, wo diese Länder die besseren Junioren-Nationalmannschaften stellen. Andersrum wird ein Schuh draus: Ich behaupte, genau weil diese Länder mutiger mit ihren Jugendlichen sind, haben sie einen besseren Nachwuchs. Denn Fakt ist: Wenn ich Beispiele dafür habe, dass sich Fleiß lohnen wird, fällt es mir leichter, fleißig zu sein. Und umso mehr Nachahmer finden diese Beispiele.

So auch beim HSV. Welche Sogwirkung es haben kann, wenn sich Youngster wie Vagnoman, Onana und Ambrosius hier zu Topspielern entwickeln, wissen wir. Der HSV würde sportlich plötzlich zu einer guten Adresse für die besten Talente – zumindest sportlich. Finanziell ist der HSV auf lange Sicht nicht in der Lage, bei Europas Toptalenten mitbieten zu können – logisch! Aber mit der Entwicklung eigener Talente wäre der HSV in der Situation, über deren Verkäufe gutes Geld zu verdienen.

Aber zurück zur Personalie Vagnoman/Leibold: Ich sage, beide sollten auf dem Platz bleiben, wenn es am kommenden Sonnabend im Volksparkstadion gegen Heidenheim geht. Und dafür müsste der HSCV nicht einmal Jan Gyamerah vom Feld nehmen, denn die Dreierkette ist ein absolut probates Mittel. Mit Gyamerah, Heyer und Ambrosius sowie Vagnoman rechts und Leibold links dürfte man offensiv zudem variabler auftreten können. Onana als Sechser, Dudziak als Achter davor sowie  Kittel links offensiv und Jatta (harmoniert besser mit Vagnoman als Narey) rechts offensiv ein kleines Stück hinter der einzigen Spitze Simon Terodde – das wäre meine Startelf – Stand heute.

Hunt braucht Pausen - die sollte er bekommen

Ich weiß dabei sehr wohl, dass diese Phase der Saison nicht die ist, in der ein Trainer viel experimentiert. Im Gegenteil: In solchen Phasen setzen die allermeisten auf Erfahrung und die vermeintlich weniger riskanten Aufstellungen. Damit glauben sie, dem entstehenden Druck besser begegnen zu können. So haben es auch Hannes Wolf und zuletzt Dieter Hecking gehandhabt. Ich glaube aber, dass der HSV in diesen Phasen von dem Jugendlichen in diesen Spielern profitieren kann. Wie in Bochum. Von daher hoffe ich, dass Thioune und sein Team den Mut haben, in den nächsten Wochen den Faktor Erfahrung nicht zu stark zu gewichten – sondern rein nach Leistung aufzustellen. Egal, ob jung oder alt.

Denn was passiert, wenn die erfahrenen Spieler zwar auf dem Platz stehen, dort aber nicht stattfinden, war in Bochum zu sehen. Dort bestätigte sich meine Befürchtung, dass beispielsweise Aaron Hunt immer für ein Spiel richtig gut und wichtig sein kann, dann aber wieder eine Pause braucht. Gegen Bochum war Hunt zwar noch 20 Minuten präsent, was zweifelsfrei wichtig war gegen aggressive, Pressing spielende Bochumer. Aber danach tauchte er ab. „Das ist wahrscheinlich der fitteste Aaron Hunt, den wir je gesehen haben“ , hatte Trainer Daniel Thioune zuletzt gesagt. Genauso wie Hecking, Wolf, Titz, Gisdol vorher auch schon. Eine Aussage, die unter der Rubrik „Respekt vor Erreichtem“ verbuche – und die leider noch zu oft dem förderlichen Leistungsprinzip widerspricht.

Aber zu diesem Thema sollte inzwischen alles gesagt worden sein. Mehrfach. Ebenso wie zum Thema BILD/Jatta, das gerade durch die Stellungnahme des Springerverlages bezüglich BILD-Chefredakteur Julian Reichelt berechtigt an Fahrt aufnimmt. Meine Meinung zur Causa Jatta hat sich seit dem ersten Tag nullkommanull verändert. Allein der Ekel vor der Scheinheiligkeit vieler Kollegen nimmt von Tag zu Tag zu.

Dennoch: Euch allen einen schönen Sonntag! Und bis morgen!

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