Analyse

HSV-Trainer Walter will weiter mutig spielen. Aber ist das auch schlau?

Die Profis des HSV werden ein wenig bockig unter den Weihnachtsbaum sitzen. Es war zweifellos mehr drin, hätte man seine Normalform erreicht. „Wir sind sauer und enttäuscht“,…

HSV-Trainer Walter will weiter mutig spielen. Aber ist das auch schlau?

Die Profis des HSV werden ein wenig bockig unter den Weihnachtsbaum sitzen. Es war zweifellos mehr drin, hätte man seine Normalform erreicht. „Wir sind sauer und enttäuscht“, grantelte Rechtsverteidiger Moritz Heyer nach dem 1:1 gegen Bundesliga-Absteiger FC Schalke 04. Zum Jahresausklang wollten die Hamburger mit einem Sieg ein Zeichen im Rennen um die direkten Aufstiegsplätze setzen. So bleiben sie dahinter - punktgleich mit den Schalkern - und vertagen die Attacke auf das nächste Jahr. „Unser Ziel ist, dass wir uns weiterentwickeln»“, formulieren Sportvorstand Jonas Boldt und Trainer Tim Walter geradezu mantraartig, wenn sie nach dem Aufstieg befragt werden. Man will der Mannschaft so die Last von den Schultern nehmen, die sie in den drei Vorjahren stets zusammenbrechen ließ. 

Trainer Tim Walter, der gegen Schalke erstmals in der Saison mit ansehen musste, wie seine Strategie von Ballbesitz, Offensivpower und Dominanz erstickt wurde, sieht Saisonziel und Zwischenbewertung zum Jahresende ohnehin als nervige Spielerei von Medien und Fans an. „Ob wir im Soll sind oder nicht, der Fußball ist letztendlich gerecht. Und darum stehen wir da, wo wir stehen“, befand Walter bei Sport1. „Es geht nicht um die Tabellenstände, es geht nicht um Ergebnisse, sondern es geht darum, wie die Art und Weise ist. Und es geht darum, sich von Ergebnissen freizumachen und endlich mal eine Philosophie zu implementieren. Und da sind wir auf einem sehr guten Weg.“ 

Grammozis' Respekt lässt zu Wünschen übrig

Mit seinem neunten Unentschieden ist der HSV mit jenem Ergebnis in die Rückrunde gestartet, das er am besten kann. Wobei man in diesem Fall sagen muss, dass dieser eine Punkt sicher mehr Punktgewinn als Punkteverlust ist. Auch wenn sich Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis gestern nach dem Spiel noch immer nicht beruhigt zu haben schien, dürfte auch er mit einem Punkt zufrieden sein, angesichts des Zustandekommens mit dem Ausgleich drei Minuten vor Ultimo. Zudem muss man auch klar festhalten, dass sich die Schalker neben dem Tor keine echte Torchance herausspielte.

„In der zweiten Halbzeit hatte nur eine Mannschaft den Sieg verdient - und das waren wir. Der Gegner war Mitte der zweiten Halbzeit komplett platt, hat nur noch hinten gestanden und auf Konter gelauert. Und selbst die haben wir super unterbunden.“ Worte, die nach 50 Prozent der bisherigen Spiele von Walter hätten kommen können – aber nicht kamen. Weil der HSV-Trainer Respekt vor dem Gegner hat und diesen nicht kleinreden mag. Anders Grammozis, der genau diese Sätze gestern nach dem Spiel sagte. Aber okay, der Ex-HSV-Profi mit der großen Klappe hat auch gerade mächtig Druck, weil er weit hinter den Erwartungen hängt. Und: Er interessiert mich auch einfach nicht…

Ich bleibe beim HSV. Und dort geht es am 30. Dezember wieder ins Training, ehe am 14. Januar das nächste Punktspiel bei Dynamo Dresden ansteht. Trainer Walter hielt sich gestern wie gewohnt daran, den Blick und die Kommentare auf die eigene Mannschaft zu beschränken. Und er ist guter Dinge. „Wir haben eine gute Basis“, sagt der 46-Jährige. Sein Team lobt er als die „laufstärkste Mannschaft“ und die „defensivstärkste Mannschaft“ der Liga. Mit 18 Gegentoren, haben Walter und Co. trotz zahlreicher verletzter Leistungsträger in der Defensive (Heuer Fernandes, Vagnoman, Leibold, Ambrosius, David, Muheim) zuletzt tatsächlich eine erstaunliche Konstanz auf hohem Niveau nachgewiesen. Auch gestern gegen Schalke hielt die Defensive lange stand.

Mut ist nicht gleich klug - Walter braucht einen Plan B

Was ich leider nie verstehen werde, ist, warum der HSV sich selbst das Leben schwerer macht, indem er gnadenlos einen Weg durchzieht. Gestern gegen Schalke beispielsweise war schon in der ersten Hälfte zu sehen, dass Walters Plan A, nämlich das bedingungslose Kurzpassspiel, nicht funktionierte. Immer wieder brachte der fußballerisch nicht so starke Keeper Marko Johansson sich und seine Kollegen mit gefährlichen Pässen in gefährliche Situationen. Einen Plan B aber scheint es weiter nicht zu geben. „Diese Art gehört einfach zur DNA des Systems“, wurde mir gestern von jemandem gesagt, der es wissen muss. Und Walter selbst antwortete bei der Pressekonferenz: „Den Mutigen gehört die Welt. Da gehöre ich dazu.“ Und das finde ich gut. Aber Mut ist nicht gleichbedeutend mit klug.

https://soundcloud.com/user-36211795/mo201221-rassismus-skandal-um-opoku-unmoralisches-angebot-fur-alidou-und-winterpause?si=3066f9b1f9f64fe8900131a138c16f09&utm_source=clipboard&utm_medium=text&utm_campaign=social_sharing

Und den schlauen Fußball vermisse ich weiterhin unter Walter. Das reagieren auf veränderte Voraussetzungen. Gegen Schalke beispielsweise hätte man klarer auf Konter setzen können, nein: müssen. Oder noch etwas deutlicher formuliert: Es gibt keine Situation, in der ein Jatta wertvoller ist, als in der Phase, in der der Gegner hoch attackiert und hinten Räume offenlegt. Aber der HSV hatte keine klaren Abläufe mehr, als er defensiv unter Druck geriet. Er spielte seinen Stiefel runter, was überhaupt nicht mehr funktionierte. Ein Beispiel für die Planlosigkeit: Während hinten Johansson, Schonlau und Co. weiter zwanghaft Kurpassspiel praktizierte, das immer wieder schiefging, wurde im Mittelfeld, wo das deutlich weniger gefährlich wäre, immer wieder der Befreiungsschlag als Lösungsmittel eingesetzt. 

https://open.spotify.com/episode/7sgUS7IU7qbryg1Sndrgvo?si=5d876f9de2a54953

Eines ist klar, und auch gut so: Seinen Offensivdrang wird Walter auch im neuen Jahr beibehalten. Und wenn er es schafft, auch hier eine Balance herzustellen aus klarem Plan und notwendiger Reaktion im Spielverlauf, dann wird der HSV noch einen Schritt nach vorn machen können. Allein, dass die erzwungene defensivere Denkweise durch die vielen Ausfälle und Umstellungen zuletzt für einen Aufschwung gesorgt hatte, sollte Walter Beweis genug sein, dass Flexibilität keine Schwäche ist, sondern stärker machen kann. Sportlich wäre es mein Wunsch, dass Walter das für sich und den HSV zumindest in Betracht zieht…

Ich werde in den nächsten Tagen meine persönlichen Fazits ziehen. Torhüter, Abwehr, Mittelfeld, Angriff, Trainer(-team), Vorstand, Aufsichtsrat – einmal den HSV in Gänze. Bis dahin wünsche ich Euch erst einmal einen schönen Sonntag und einen schönen Start in die Woche.

Scholle

HSV-Profi Aaron Opoku schlimm beleidigt!

Drittligapartie nach Rassismus-Eklat abgebrochen!

Die Partie der 3. Fußball-Liga zwischen dem MSV Duisburg und dem VfL Osnabrück ist wegen eines rassistischen Vorfalls abgebrochen worden. Schiedsrichter Nicolas Winter hatte das Spiel am Sonntagnachmittag zunächst unterbrochen, nachdem nach Angaben der Gäste VfL-Profi Aaron Opoku von den Zuschauerrängen beleidigt worden war. „Der VfL Osnabrück - und das ist mehr als nachvollziehbar - kann nicht mehr antreten, der Junge ist fix und alle, die ganze Mannschaft ist fertig, wir sind es ehrlicherweise auch nach diesem unfassbaren Vorfall“, sagte MSV-Sprecher Martin Haltermann bei Magenta TV. „Im Moment sind wir alle ziemlich sprachlos.“

VfL-Geschäftsführer Michael Welling berichtete: „Aaron ist tatsächlich sehr, sehr fertig und nicht mehr in der Lage zu spielen. Das war mit ein Grund, dass wir gesagt haben, dann treten wir nicht mehr an.“ Welling betonte, das dürfe „nicht zur Gesellschaft und deswegen auch nicht zum Fußball gehören».

Schiedsrichter Winter beschrieb die Szene nach gut einer halben Stunde: „Es gab einen Eckstoß für den VfL Osnabrück, und als der ausführende Spieler zum Eckstoß laufen wollte, wurden Affenlaute von der Tribüne gerufen. Das hat er sofort wahrgenommen und auch der Assistent. Beide haben mir den Vorgang geschildert.“ Das sei etwas, „wo wir sehr sensibel sind und auch direkt reagieren“, sagte der Unparteiische. „Ich habe versucht, mich direkt um ihn zu kümmern und habe gesehen, wie schockiert er war.“ (dpa)

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