HSV-Trainer Walter hat sein Team im Blick - und erreicht das Halbfinale
wollen. Aber die Zweite Liga und der HSV in seiner unnachahmlichen Art machen eben auch das möglich. Dass ich in der Halbzeit dann schon wieder abgeschaltet hatte, ist wiederum…

Wie wahrscheinlich sehr viele hier habe ich gestern Abend das Spiel vom Darmstadt gegen Aue gesehen. Ich hätte vor einigen Jahren noch alles dagegen gewettet, jemals freiwillig und vor allem mit so viel gespannter Vorfreude diese Paarung sehen zu wollen. Aber die Zweite Liga und der HSV in seiner unnachahmlichen Art machen eben auch das möglich. Dass ich in der Halbzeit dann schon wieder abgeschaltet hatte, ist wiederum den Begleiterscheinungen des Endspurts gewidmet. Denn diese Phase der Saison hat selten etwas mit Normalität zu tun. Auch deshalb wird es jetzt noch zweimal spannend. Also, sofern der HSV seine Hausaufgaben weiter so zuverlässig erledigt wie in Ingolstadt.
Und was noch vor Wochen fatal an die drei misslungenen Spielzeiten zuvor erinnerte, nimmt diesmal einen anderen Verlauf. Nach dem souveränen 4:0 beim schnell demotivierten FC Ingolstadt und nach nunmehr drei Siegen in Serie sind Sebastian Schonlau und Co. als Tabellenvierter in Griffweite zu den Aufstiegsplätzen vorgerückt. Lediglich drei Punkte trennen die Mannschaft von ihrem großen, bislang unerreichten Ziel. Fünf Spieltage zuvor waren es noch neun Zähler. „Wir freuen uns über das heutige Spiel, aber wir haben noch nichts erreicht. Aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Trainer Tim Walter nach dem Erfolg in Oberbayern. Sportvorstand Jonas Boldt erwartet ein großes Finale: „Mit zwei Siegen kann noch etwas gehen. Das Wichtigste ist, dass die Jungs wollen.“
Und noch etwas ist anders: Der HSV hat weder zum Saisonstart noch jetzt öffentlich vom Aufstieg als Ziel gesprochen. Stattdessen bestimmt Walter seit Monaten die verbale Ausrichtung mit den immergleichen Sätzen: „Wir wollen uns entwickeln“ und „Wir müssen bei uns bleiben. Was die anderen machen, interessiert uns nicht.“ Und die Spieler haben diesen Umgangston schon komplett angenommen. Sebastian Schonlau gestern: „Wir wollen bei uns bleiben. Wir bleiben im Hier und Jetzt.“ Plattitüden, die nichts bringen, wenn drumherum nicht danach gehandelt wird.
Beim HSV aber scheint zumindest die operative Führung weiterhin fest davon überzeugt zu sein, auf dem richtigen Weg zu wandeln. Und was durch die fortwährende Wiederholung zur Plattitüde geworden ist, scheint einen großen Effekt auf die Psyche der Profis zu haben. Es hat den Eindruck, als schafften sie es tatsächlich, in ihrer Welt zu bleiben und das Getöse drumherum auszublenden. Schonlau, der auch den herausragenden Teamgeist in der Mannschaft lobt, sieht den Walter-Kurs als zielführend. „Es zeigt, dass diese Entwicklung, von der wir die ganze Saison reden, auch stattfindet“, betont der Innenverteidiger. Auch Boldt sieht das so. „Wenn wir in dieser Konstellation zusammenbleiben, dann kann hier richtig etwas wachsen. Und genau das ist, was dem HSV die letzten zehn bis 20 Jahre gefehlt hat.“
Auch ich bleibe dabei, dass eine Beibehaltung der aktuellen Konstellation mehr bringt, als wieder alles auf Null zu stellen und neu auszurichten. ABER MIT EINEM KLAREN ZUSATZ: Auch das wird nur dann funktionieren, wenn sich die Verantwortlichen nicht zu schade sind, ihre eigenen Maßnahmen stetig zu hinterfragen und ggf. auch nachzujustieren. So, wie es Tim Walter in der Hinrunde gemacht hatte und wie er es jetzt wieder machen sollte. In Ingolstadt kann man davon schon einen ersten Vorgeschmack wahrgenommen habe, da die Mannschaft durchaus vermehrt mit dem klärenden bzw. auch mal längeren ball agierte, wenn es eng wurde und/oder der Gegner hoch presste. Letzteres aber kam kaum vor, weil der HSV dem bereits feststehenden Absteiger schon sehr früh mit seiner aggressiven, dominanten und intensiven Spielweise auch den letzten Funken Motivation raubte. Aus meiner Sicht war das der Schlüssel zum klaren Sieg gestern.
Aber noch ist nichts gewonnen – und auch noch nichts verloren. Noch stehen zwei Spiele aus. Der HSV erwartet am Sonnabend Hannover 96 im (hoffentlich wieder ausverkauften) Volksparkstadion und reist am letzten Spieltag zum FC Hansa Rostock. Danach wird abgerechnet. „Ich habe es ab dem ersten Spieltag gesagt, dass wir nicht auf die Tabelle gucken. Dabei bleiben wir. Wir sind gut beraten, dass wir auf uns schauen“, bestätigt Trainer Walter und verteilt Streicheleinheiten. „Die Jungs machen es einfach gut. Sie haben eine geile Energie.“
Zu sehen war die in Ingolstadt auch nach dem vierten Treffer. Denn den erzielte mit Mikkel Kaufmann ein Spieler, der hier bei mir auch immer wieder Thema war. Denn ich konnte absolut nicht nachvollziehen, warum der Däne, dessen leihvertrag im Sommer endet, immer wieder aufgeboten und sogar Manuel Wintzheimer vorgezogen wurde. Jetzt weiß ich warum. Und ich kann es tatsächlich sehr gut nachvollziehen. Denn Walter hat nicht allein den sportlichen Faktor im Blick gehabt, sondern auch den sozialen, der für Homogenität verantwortlich ist.
Wie im Blitzfazit schon angedeutet, war erkennbar, dass sich die Mannschaft sehr für den Dänen freute und sich wirklich alle auf ihn stürzten. „Kaufi ist ein beliebter Spieler. Er hat sich das verdient, weil er immer Gas gibt. Immer für die Mannschaft spielt. Viel ackert, viel kämpft. Schön, dass er sich endlich mal belohnt hat“, bestätigte Schonlau dann auch meinen ersten verdacht – und der Kapitän lieferte damit auch eine schlüssige Erklärung, weshalb Kaufmann immer wieder vorgezogen behandelt wurde von Walter. „Wir freuen uns für ihn, dass er es endlich geschafft hat, ein Tor zu erzielen. Man spürt, dass die Mannschaft dahintersteht“, sah sich auch Walter in seinem Handeln bestätigt. Und ich bin tatsächlich erneut überrascht von Walter. Positiv! Denn die allerwenigsten – aber nicht selten die besseren Trainer – handeln noch so.
Und es spricht für Tim Walter, dass er die Stimmung in seiner Mannschaft kennt. Er setzt neben der reinen sportlichen Leistungsfähigkeit auf den Charakter der Mannschaft und erzeigt damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie es gestern nach dem Kaufmann-Tor zu sehen und zu spüren war. Und das ist richtig gut. Denn Charakter war in den letzten Jahren immer wieder ein zentrales Thema beim HSV. Diesmal im positiven Sinne. Vor allem aber ist das in etwa das Gegenteil von dem, was man Walter nachsagte, als er nach Hamburg wechselte. Auch hier scheint es eine Entwicklung gegeben zu haben. Eine gute wohlgemerkt. Ob die sportliche Entwicklung positiv ist, soll am Saisonende analysiert werden. Und das werde auch ich hier genau so machen, auch wenn einige schon wieder anfangen, unbelegt (und unbelegbar) Gerüchte zu streuen.
Walter hat beim HSV vieles positiv verändert. Dabei bleibe ich. Aber in Sachen Saisonverlauf die aktuelle Situation als besser zu bezeichnen, halte ich für schwierig. Früher büßten die Hamburger in den letzten Partien wichtige Punkte ein und stürzten aus den Aufstiegsrängen, diesmal kommen sie von hinten. Und das ist besser? Es nicht in der eigenen Hand zu haben? Nein! Denn diesmal ist der HSV im März kollabiert. Und jetzt hofft man wieder. Für mich gibt es da kaum bis keinen Unterschied. Entscheidend für mich ist nur, dass die Mannschaft heute homogener wirkt – und dass sie im Saisonfinale die Nerven behält. Oder wie mir ein netter User gestern schrieb: Das Viertelfinale in Ingolstadt haben wir überstanden. Jetzt geht’s ins Halbfinale gegen Hannover. Danach soll das Finale gegen Rostock steigen. Wird auch das gewonnen – dann… Abwarten.
In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder früh mit dem MorningCall für alle, die schon am Frühstückstisch alles über den HSV wissen wollen.
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