Analyse

HSV-Trainer und Mannschaft zeigen, wie es geht

Sechs Punkte weniger als in der Hinrunde zum gleichen Zeitpunkt, drei der vier letzten Spiele nicht gewonnen, von Holstein Kiel und dem VfL Bochum, der heute ebenfalls mit…

HSV-Trainer und Mannschaft zeigen, wie es geht

Sechs Punkte weniger als in der Hinrunde zum gleichen Zeitpunkt, drei der vier letzten Spiele nicht gewonnen, von Holstein Kiel und dem VfL Bochum, der heute ebenfalls mit einem Sieg auf nunmehr 42 Punkte gleichziehen konnte, eingeholt. „Geht das schon wieder los?“ oder noch besser: „Platz vier ruft!“ höre und lese ich wieder zunehmend oft. Und es wundert mich ehrlich gesagt nicht einmal. Denn der Verdruss, der sich bei vielen HSV-Fans breitmacht hat, wurde vom HSV in den letzten Jahren eben immer wieder auch erschreckend bedient. Hinzu kommt, dass man als unterkühlter Norddeutscher eh nicht zu Euphorie neigt – im Gegenteil. ABER: Das ist falsch, sage ich. Denn was bitte hat diese Saison mit der abgelaufenen zu tun? Ich behaupte: Nahezu nichts! Personell wie strukturell ist es wenig – sportlich fast nichts. Das einzig gebliebene ist die Hoffnung, in dieser Saison aufzusteigen. Und hier ist der HSV (weiter) auf Kurs. 

Und zwar auf einem Kurs, den man in jeder Sekunde der Trainingseinheiten wie in den Spielen nachjustieren muss. Immer wieder gilt es, den Fokus neu auszurichten auf das große Ziel. Und insbesondere die mannschaftlich Verantwortlichen werden nicht müde, das immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Nach Spielen wie gestern und/oder in Aue bedeutet das: Analysieren, warum das Spiel nicht gewonnen wurde. Nicht wie wir hier emotional – sondern zu 99 Prozent rational. Denn inhaltlich ist fast alles anders, personell allemal sehr viel. Vor allem aber hat der HSV eine neue sportliche Leitung mit Trainer Daniel Thioune. Was also soll der Vergleich mit der alten Saison?  In diesem Fall nämlich macht Thioune auch die Dinge anders, die seine Vorgänger noch gemeinsam hatten.

Vor allem hat Thioune das überbordende Selbstvertrauen („Wir entscheiden allein darüber, ob wir gewonnen oder verlieren“) aufgebrochen und die Mannschaft zu einem Zweitligisten heruntergebrochen, der selbstbewusst genug ist, an seine Stärke zu glauben. Aber niemand setzt hier etwas voraus. Was Thioune der Mannschaft eingeimpft hat, hat dieser Mannschaft bislang den größten Schub gegeben: Realitätssinn. Denn ALLE wissen, dass die vorherrschenden, besseren Voraussetzungen gegenüber den meisten Konkurrenten in dieser Liga nicht gleichzusetzen sind damit, dass man die Konkurrenz nach Belieben dominiert. Die Gleichung „mehr Geld = mehr Leistung“ mag auf allerhöchster Fußball-Ebene in Teilen gelten – nicht aber in der Zweiten Liga. Im Gegenteil: Die 2. Liga muss man komplett annehmen, um sie zu gewinnen. Ob als Millionenverdiener oder Nachwuchsprofi. Siehe Simon Terodde.

Der HSV ist aktuell ein Zweitligist - und redet das noch schön

Wie wichtig Terodde beispielsweise ist, lässt sich nicht allein an seinen Toren messen, sondern an seinem Gesamtauftritt. Der vermeintliche Star der Mannschaft ist komplett bodenständig. Dass er gefühlt schon zum 200. Mal Torschützenkönig wird, vielleicht bald der beste Torjäger der Zweitligageschichte ist, und dass er als personifizierte Aufstiegsgarantie gehandelt wird – es interessiert den Angreifer nicht. Er ist der erste, der beim Training auftaucht, der Letzte, der geht. Oder anders gesagt: Terodde ist sich für nichts zu schade. Er zeigt, wie man wichtig wird: Allein durch Leistung. Und das Tag für Tag. Alte Zeiten zählen nichts. Weder für ihn als  31-Jährigen Dauer-Totschützenkönig – noch für andere, jüngere Spieler. Für niemanden.

Das hatten beim HSV in den letzten Jahren einige noch anders gesehen. „Der große HSV gehört in die Erste Liga“, „der schlafende Riese“ und die „Strahlkraft“  – was da nicht alles gesagt wurde. Problem dabei: Anstatt Selbstvertrauen daraus zu ziehen, sorgte dies für Überheblichkeit. Und zu zwei Fehlversuchen, diese Liga wieder nach oben zu verlassen. Erst in dieser Saison hat der HSV diese Liga endlich angenommen. Und das vor allem auch, weil Daniel Thioune es vorlebt. Ein Beispiel war gestern. Anstatt sich über die unfassbar schlechten Schiedsrichterleistungen von Stegemann gestern und der Konkurrenten zuvor (Fürth’s und Holstein Kiel‘s Witzelfer  gegen Würzburg) aufzuregen oder zu betonen, wie überlegen der HSV war und trotzdem nicht gewonnen hat – lobte Thioune den Widerstand der Fürther und das eigene Spiel.

Zum Vergleich: In den Foren schreiben viele davon, dass Fürth schwach war. Aber sie verwechseln dabei Spielanteile mit Qualität. Letztere hatten die Fürther nämlich. Und sogar eine ganze Menge davon. Der HSV war nur einfach das noch bessere zweier guter Teams und dominierte die Gäste trotz derer guten Leistung. Und während viele Fans unzufrieden die vergebenen Chancen anmahnten, machte es Thioune schlauer: „Man darf das Spiel relativ schnell als Spitzenspiel definieren, weil beide Mannschaften auf einem ähnlichen Level unterwegs waren. Wir haben gegen eine richtig gute Mannschaft gespielt. Es lag sehr viel da. Wir hatten ein bisschen Pech, auch mit dem Tor, das nicht gegeben wurde. Mit dem Vortrag der Mannschaft bin ich mehr als einverstanden.“ Was ich sagen will? Ganz einfach: Mannschaft samt Trainerteam sind weiter als ihr Umfeld. Während wir noch glauben, der HSV müsse immer mit einem sicheren Vorsprung die Liga anführen, wissen es Trainer und Mannschaft besser. 

Stimmt nicht? Doch. Oder wie bitte kann man nach einem Spiel wie gestern davon ausgehen, dass die dominierte Mannschaft aus Fürth am Saisonende die dominierende Mannschaft HSV in der Tabelle tendenziell überholt, nachdem sich ja wirklich alle einig sind, dass der HSV das deutlich bessere Team war? Richtig: Weil man „vorgeschädigt“ ist… Aber wenn man ganz rational rangeht, kann man aus dem gestrigen Spiel folgende Schlüsse ziehen:

  1. Der HSV hat von der ersten bis zur letzten Minute den Gegner unter Druck gesetzt
  2. Gideon Jung hat fehlerfrei gespielt (vllt. eine dumme Gelbe – aber sonst gut!) und ist in der Verfassung kein Unsicherheitsfaktor
  3. Mittelfeld und Abwehr haben gut miteinander harmoniert. Sie haben defensiv stark zusammen gearbeitet und fast nichts zugelassen
  4. Aaron Hunt hat den Ausfall von Dudziak besser kompensiert, als es viele erwartet hatten
  5. Nach der (falschen) Gelbroten für den Fürther Ernst hat der HSV die Überzahlsituation so zu seinem Vorteil genutzt, wie es eine gute Mannschaft macht und die gerade etwas stärker gewordenen Fürther wieder hinten reingedrängt.
  6. Die Wechsel haben dem HSV-Drang keinen Abbruch getan, alle Einwechselspieler haben sich schnell und gut eingefunden, Umstellungen (Heyer zurück) griffen sofort.
  7. Der HSV hat zwar (zu) viele Chancen liegenlassen – aber er hat sie sich zumindest gut herausgespielt. An normalen Tagen macht allein Terodde schon mindestens einen Treffer daraus.
  8. Spieler wie Trainer waren nach dem Spiel nicht schönredend „falsch zufrieden“, dafür aber sehr differenziert in der Analyse. Fehler werden angesprochen und verbessert

Und wenn man mal die Tabellensituation nimmt, dann muss man festhalten, dass sich sowohl Fürth als auch Kiel in den letzten Wochen glücklich zu Siegen gehangelt haben. Dass Thioune das einen Scheiß interessiert und er stattdessen nur auf seine Mannschaft schaut – umso besser. Denn er weiß und lehrt alle tagtäglich, dass nichts von allein kommt. Egal wie hoch der Mannschafts-Etat ist. Und genau deshalb bin ich überzeugt davon, dass dieser HSV inzwischen deutlich stabiler ist, als die individuell vermeintlich stärkeren Kader der letzten zwei Jahre. 

Passend dazu äußerte sich Jonas Boldt gerade im Stadionmagazin zum Umstand, keine Neuen im Winter geholt zu haben. Der Sportvorstand im Wortlaut: 

„Mittlerweile ist ja ein regelrechter Hype um die Winter-Transferphase entstanden, bei dem es nur noch darum geht, wer wen holt – und weniger darum, was wirklich sinnvoll ist. Ich sage ganz offen: Ich bin kein großer Freund von Wintertransfers. Und im Idealfall musst du zu diesem Zeitpunkt auch gar keinen Spieler holen, weil du in der Saisonvorbereitung sehr gut gearbeitet hast, deine Mannschaft gut genug ist, du sie weiterentwickelt hast und keiner deiner Spieler den Verein verlassen hat. Letztes Jahr beispielsweise haben wir gemerkt, dass Bedarf da ist, daher haben wir drei Spieler geholt, die die Möglichkeit hatten, kurzfristig zu helfen. Dieses Jahr wiederum ist es so, dass zwei Spieler unzufrieden waren. Mit den Abgängen von Xavier Amaechi und Lukas Hinterseer haben wir sogar noch Geld eingenommen. Trotzdem sind wir selbst nicht aktiv geworden, weil wir der Meinung sind, dass wir diese Abgänge kompensiert bekommen und weil wir unserer Mannschaft vertrauen, denn wir sehen ihre Entwicklung.“

HSV-Sportvorstand Jonas Boldt in "HSVlive"

Bislang hat die Mannschaft Ausfälle gut aufgefangen. Wie es in Würzburg aussehen wird, wenn eine komplett neue Innenverteidigung aufläuft – es bleibt abzuwarten. Aber ich bin insbesondere in einem Punkt komplett bei der Analyse unseres Psychologen Dr. Olaf Ringelband, der am Freitag schrieb: „Auch wenn ich taktisch nicht alle Entscheidungen von Thioune nachvollziehen kann (…), finde ich die psychologische Arbeit von Thioune exzellent.“ Als Beispiel nannte er dabei das Beispiel, wie Thioune mit Einwechselspielern umgegangen ist (Kittel), und wie er weiter mit den Spielern umgeht, die zuletzt nicht erste Wahl waren und plötzlich dringend gebraucht würden. Apropos: Für mich waren Gideon Jung und Aaron Hunt im Fürth-Spiel übrigens sehr gute Beispiele dafür, dass Olaf in seiner Einschätzung richtig liegt.

Dieser HSV ist stärker als die letzten zwei Jahre

Von daher ist es alles andere als Gehüpfe, wenn ich hier berichte, dass der HSV diese Saison stärker ist. Und das werde ich auch nach dem oder den Spielen schreiben, die der HSV noch verliert. Entscheidend ist, ich habe meine Gründe, weshalb ich davon überzeugt bin. Und für alle, die anderer Meinung sind: Ich weiß auch, dass es ein sehr wackeliges Gerüst ist, weil die Ligaspitze dieses Jahr (nicht erst seit heute) sehr eng beieinander ist. Der HSV wird an seinem Limit bleiben müssen, um sein Ziel zu erreichen. Die Voraussetzungen dafür sind aber (endlich) da. Passend zu all diesen Ausführungen ist übrigens der neue Spieltagssong von Elvis frisch herausgekommen! Und das mit einer klaren Botschaft an alle Fußballfunktionäre da draußen, die ich inhaltlich komplett teile. Aber hört selbst:

In diesem Sinne, an den Wiederaufstieg zu glauben, ohne etwas als selbstverständlich vorauszusetzen wird der Schlüssel zum Aufstieg sein. Thioune und Co. leben es täglich vor. Und sie haben dabei mehr Vertrauen von außen verdient, als viele hier aktuell bereit sind, zu geben. Vielleicht ändert sich nach dem Team ja auch unsere Haltung irgendwann.

Bis morgen! 

Scholle

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