HSV-Trainer Tim Walter und die Crux mit dem Plan B...
Neues Jahr, alte Leier. Wieder nur unentschieden, wieder zwei Punkte verschenkt. Der Hamburger SV hat beim 1:1 (1:0) gegen Dynamo Dresden am Freitagabend seinen Ruf als…

Neues Jahr, alte Leier. Wieder nur unentschieden, wieder zwei Punkte verschenkt. Der Hamburger SV hat beim 1:1 (1:0) gegen Dynamo Dresden am Freitagabend seinen Ruf als Remismeister der 2. Fußball-Bundesliga tüchtig aufpoliert. Die zehnte Punkteteilung im 19. Spiel dieser Saison stoppte die Aufholjagd der Norddeutschen im Rennen um die direkten Aufstiegsplätze. „Wir haben einfach zu wenig auf den Platz gebracht von dem, was wir uns vorgenommen hatten“, sagte Trainer Tim Walter enttäuscht. Denn das war „Vollgasfußball“. Walter enttäuscht: „Grundsätzlich hatten wir zu wenig Ballbesitz. Das war von meiner ganzen Mannschaft zu wenig.“
Das stimmt. Statt eines Fußballfeuerwerks demonstrierten die Dresdner, wie man den HSV aus dem Rhythmus bringt. Mit aggressivem Pressing kauften sie Sonny Kittel und Co. in der ersten Halbzeit den Schneid ab. „Nur so kann man gegen Hamburg bestehen“, befand Dynamo-Torschütze Christoph Daferner. Obgleich diese Gangart Körner kostete. „Mit der Zeit haben wir ein bisschen Verschleiß gespürt“, gestand der Dynamo-Torjäger und gab HSV-Coach Walter damit eine Steilvorlage: Denn warum sollte der HSV jedes Spiel zu 100 Prozent dominieren müssen? Wenn man eine wirklich gute Mannschaft ist, sollte es auch den Plan B geben – und den servierte Dynamo-Coach Schmidt: Konterfußball. Aber in dieser Hinsicht wird Walter sich nicht mehr verändern, befürchte ich.
Der HSV kann auch Konter - wenn er es denn will
Obgleich der Führungstreffer am Freitag aus eben genau so einem schnell vorgetragenen Gegenstoß entstanden war und als Blaupause für das Spiel des HSV gelten könnte, das der HSV gegen Schalke und eben gestern ebenso gebraucht hätte, wie er es aller Voraussicht nach am Dienstag beim favorisierten Pokalgegner 1. FC Köln brauchen wird. Zumal diese Spielweise auch noch den Vorteil hat, dass man Käfte sparen kann, wenn die Kräfte mal nachlassen. Oder eben in Phasen, wo die Belastung ob dreier Spiele in sieben Tagen (Dresden, Dienstag Köln, Freitag FC St. Pauli) hoch wird.
Und: Wer auch immer der Meinung ist, dass der HSV ohne Jatta oder zwei weitere neue, schnelle Außenstürmer vorn nicht genug Tempo hat, den kann ich beruhigen. Mit Kittel, Alidou und Glatzel hat der HSV auch ohne Jatta gestern absolut ausreichend Tempo auf dem Platz gehabt, um solche Gegenstöße abzuwarten und sie dann eiskalt zu nutzen. So gesehen bei dem schön herausgespielten 1:0 durch Reis, Kittel und Glatzel als Vollstrecker.
Eine so kontrolliert-defensive Spielweise im Repertoire zu haben, würde auch Überraschungsmomente wie gestern vermeiden. Denn dass die Dresdner unmittelbar vor dem HSV-Tor das Aufbauspiel der Walter-Mannen so früh störten, hatte wohl auch Walter überrascht, denn es riss ihn schon in den ersten Minuten von seinem Platz. „Wir sind enttäuscht über das Ergebnis, aber auch über die Art und Weise, wie wir gespielt haben“, gestand Torhüter Daniel Heuer Fernandes. Am Ende standen 18:9 Torschüsse, mehr abgespulte Kilometer und eine höhere Zweikampfquote für die Sachsen in der Statistik. „Es gibt immer wieder Situationen, die wir mal nicht lösen», sagte der Trainer bei Sky. Jedoch verspüre er „gar keinen Druck“ aufgrund des nächsten verpassten Sieges, behauptete Walter und riet: „Ganz entspannt bleiben. Am Ende wird abgerechnet.“
HSV-Trainer Walter muss seine Taktik flexibler gestalten
Tabellenstände zwischendurch will der 46-Jährige ignorieren und so seinen Profis nach drei gescheiterten Aufstiegsversuchen die Angst vorm Versagen nehmen. Vor allem der Vergleich mit den Vorjahren offenbart: Früher stand der HSV nach 19 Spielen besser da. Zweimal hatte er zu dem Zeitpunkt 40 Zähler auf dem Konto, einmal 34. Jetzt sind es 31. Schon 14 Punkte verspielte das Team in dieser Saison nach Führungen, spielte zehnmal remis - so oft wie keine andere Mannschaft. Eine bessere Rückrunde als in den Serien zuvor ist bei den Hanseaten weiterhin möglich. Zumal man die Messlatte in den letzten Jahren hier sehr tief gehängt hatte. „Ich weiß, was in meiner Mannschaft steckt. Ich weiß, was sie kann“, sagte Walter. Auch Positives kann die Statistik belegen: Der HSV hat weiterhin die beste Defensive der 2. Liga. Nur zwei Niederlagen und 19 Gegentore - keiner kann weniger bieten. Aber letztlich ist das alles nichts, wenn man seine eigenen Ziele verpasst. Vor allem, wenn es nur ein wenig mehr Flexibilität bedurft hätte…
Noch hat der HSV dafür alle Möglichkeiten. Auch, weil die Konkurrenz seinerseits patzt. Werder Bremen zog zwar mit einem Sieg vorerst am HSV vorbei, aber der FC St. Pauli schaffte zuhause nur ein 2:2 gegen Aue und Nürnberg verlor gegen Paderborn. Dass der HSV aktuell die schwächste Punkteausbeute der bisherigen Zweitligajahren geholt hat darf daher alarmieren, aber es ist eben noch kein Indiz für das sichere Scheitern. Zumal der SV trotz des enttäuschenden Auftaktes in Dresden noch alles in der eigenen Hand hat. Den Verbleib im Pokal am Dienstag in Köln. Und die Schlagdistanz im Ligabetrieb kann man mit einem Sieg im Heimspiel am kommenden Freitag auf den FC St. Pauli sogar selbst verkürzen. Fakt ist aber, und das hat Heuer Fernandes ganz richtig moniert nach dem gestrigen Spiel: Die Zeit dafür wird immer knapper.
Und bevor ich den heutigen Blog beende, dann noch ein paar Worte zur Kaderplanung. Hier im Blog gibt es einige, die immer wieder Dinge „wissen“, die man meiner Meinung nach zwar „glauben“, aber eben nicht wissen kann. Diesmal auch im Hinblick auf die Kaderplanung. Ich persönlich bin weiter der Meinung, dass der HSV bei einem Verbleib von Alidou weiterhin genügend Qualität hat, um seine Ziele zu erreichen. Ich bin sogar der Meinung, dass es gestern nicht die Offensive war, an der das HSV-Spiel gescheitert ist. Das 1:0 war ein schneller Gegenstoß, der eben so simpel wie schön herausgespielt war. So einen Treffer kann diese Mannschaft IMMER WIEDER erzielen, wenn sie darauf ausgerichtet ist. Mit Jatta – aber wie gestern bewiesen auch ohne Jattas Tempo.
Winterzugänge sind unter Umständen sinnvoll - aber nicht die Lösung
Um das klarzustellen: Ich habe absolut nichts gegen talentierte, junge Außenstürmer, die kaum was kosten, dafür aber die Fantasie auslösen, dass sie mal große Kicker werden können. Ich glaube sogar, dass die richtigen Spielertypen als Zugänge im Winter auch in einen offenbar funktionierenden Kader wie diesen HSV-Kader frischen Wind und zusätzliche Aufbruchsstimmung bringen können. Sie können Weiterentwicklung symbolisieren. Aber ich halte absolut nichts davon, immer wieder den Kader als Ursache für Ergebnisse zu nehmen. Denn dieser Kader ist stark genug.
Die Hinrunde hat bewiesen, dass dieser Kader gegen ALLE Mannschaften in dieser Zweiten Liga gewinnen kann. Schon deshalb würde ich meine entscheidenden Stellschrauben nicht im Kader suchen, sondern im System. In der Hinrunde wurde Walter vom Kader durch Verletzungen dazu gezwungen, etwas vorsichtiger spielen zu lassen – und prompt wurde das eigene Spiel besser und es stellten sich Erfolge ein. Walter selbst hatte das so erkannt. Schon deshalb sollte dieses Beispiel dem HSV-Trainer deutlich machen, dass man eben nicht stur an einem einzelnen Weg festhalten sollte, egal wie sehr man von diesem überzeugt ist…
Mit anderen Worten: Mich stört es null, wenn Walter in jedem Spiel versucht, seine Mannschaft von der ersten bis zur letzten Minute an dominant spielen zu lassen. Der Trainer muss aber so viel Realitätssinn haben, um zu wissen, dass das eben keine 34 Spieltag durchgehend gutgehen kann. Jede Mannschaft, ganz sicher auch dieser HSV, kann solch überraschende Spielverläufe wie gestern in Dresden erleben – und er muss für einen solchen Fall einen Plan B haben. Den sehe ich aber noch immer nicht.
In diesem Sinne, bis morgen. Eich allen jetzt erst einmal einen schönen Sonnabendabend!!
Scholle
P.S.: Ich habe es in den Kommentaren auch schon geschrieben: Eine Trainerdiskussion ist dieser Blog nullkommanull! Dieser Blog beschäftigt sich aber nunmal mit allem, was beim HSV passiert. Dazu zählt eben auch der Trainer, sein System und alles, was sonst Einfluss auf das Spiel des HSV hat.
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