Spielbericht

HSV siegt 2:0 im ersten Test - und hat seit zwei Jahren ein Defensivproblem

Erstes Testspiel, erster Sieg – das Jahr 2025 beginnt im Ergebnis positiv. Das 2:0 gegen Alemannia Aachen durch die Treffer von Emir Sahiti und Bakery Jatta war optisch…

HSV siegt 2:0 im ersten Test - und hat seit zwei Jahren ein Defensivproblem

Erstes Testspiel, erster Sieg – das Jahr 2025 beginnt im Ergebnis positiv. Das 2:0 gegen Alemannia Aachen durch die Treffer von Emir Sahiti und Bakery Jatta war optisch definitiv kein Leckerbissen – dennoch fand Trainer Merlin Polzin lobende Worte für sein Team: „Heute wollten wir relativ hoch verteidigen, wollten Druck auf den Ball bekommen. Wir waren uns dann auch bewusst, dass relativ viele lange Bälle kommen werden. Dann geht es darum: Wie verteidigen wir das, sowohl in der Luft als auch auf den zweiten Ball, dass wir da gut abgesichert sind, dass wir vor die Gegenspieler kommen. Das haben die Jungs top gemacht und das ist auch das, was uns in der Liga erwarten wird.“

Nun ja, übersetzt bedeutet dieses Trainerdeutsch für mich: Es war ganz okay. Und so würde ich das Spiel gegen den zweifellos harmlosen Drittligisten aus Aachen auch beurteilen. Mit dem ersten und einzigen Torschuss in der ersten Halbzeit schaffte Sahiti (sehenswert) das 1:0 in der 17. Minute, während ausgerechnet der gestern thematisierte Bakery Jatta nach einem schnellen Gegenstoß per Schlenzer das 2:0 (57.) in der zweiten Halbzeit besorgte.

Zuvor hatte Polzin, der neben Königsdörffer, Dompé sowie dem Langzeitverletzten Robert Glatzel auch kurzfristig auf Davie Selke verzichten musste, zur Halbzeit komplett gewechselt. Aber weder in der ersten noch in der zweiten Halbzeit kam wirklich Spielfluss zustande. Das Spiel war somit nur unter ganz speziellen Sichtpunkten interessant. Für den allgemeinen Zuschauer bot die Partie indes kaum bis keine Highlights. Und auch deshalb verzichte an dieser Stelle mit der Hervorhebung einzelner Leistungen – sie ist gar nicht darstellbar. Wobei ich mir sicher bin, dass niemand den Spielern verboten hat, neben einer taktisch guten Leistung auch fußballerisch gut aufzutreten….

Emir Sahiti muss weiter zulegen

Wobei: Dann doch noch ein Wort zum Torschützen Sahiti. Der bietet immer wieder Ansätze, die darauf hoffen lassen, dass er nach einer Anlaufzeit, wie sie Dompé beispielsweise brauchte, auch so funktioniert. Ich erinnere mich noch an die ersten Spiele des Franzosen, in denen er regelmäßig am Gegenspieler hängenblieb, abprallte, oder einfach abgelaufen wurde. Das war so wenig, dass ich echte Zweifel an dem Transfer äußerte. Bis er aufdrehte. Ähnlich ist es bei Sahiti, der dribbelstark ist, sich aber nur durchsetzen kann bislang, wenn es gegen schwächere Gegner wie heute mit Alemannia Aachen geht.

Allerdings bekommt er seine Spielweise noch nicht dem Niveau der Zweiten Bundesliga angepasst. Hoffen wir mal, dass er ähnlich wie Dompé die nächsten Schritte nimmt und dann viell3eicht als Pendant zum Franzosen über rechts die Gegner vor Probleme stellt. Noch ist das – trotz des Tores – nicht ausreichend – womit ich die Überleitung zu den Defensivspielern des HSV perfekt hergestellt habe, oder?

Angefangen bei Neuzugang Lucas Perrin. Der sollte mit seiner Erfahrung der Abwehr Stabilität geben. Der Abwehr, die mit Schonlau zwar über Routine, aber eben kein Tempo verfügt, sollte ein eher sprintschwächerer, 26 Jahre junger Innenverteidiger, Stabilität verleihen. Merkt Ihr selbst, oder?  Das konnte nicht funktionieren. Und es funktioniert auch nicht. Drei von 14 Partien von Beginn an, einmal ausgewechselt, dreimal eingewechselt – das ist nicht die Bilanz eines Stabilisators.

Lucas Perrin macht den HSV breiter - aber noch nicht besser

Dabei waren die Partien des Franzosen genauso, wie wir es hier im Talk mit Mats Beckmann anhand der Daten vorhergesagt hatte: Mit ihm stellt sich der HSV breiter auf – aber nicht besser in die Spitze. Übrigens: Selbst Defensivverweigerer Dompé hat mit 51,68% gewonnener Zweikämpfe einen besseren Zweikampfwert als Perrin (50%). Mit jedem zweiten Zweikampf zu gewinnen, führt im Ligavergleich auf Rang 143 – und das als Innenverteidiger. Aus meiner Sicht war Perrins Transfer positionell sinnvoll und inhaltlich komplett vorbei. Ergo: Note 6 für die Kaderplaner, während Perrins gezeigten Leistungen die Note: 4,5 rechtfertigen.

Fest verpflichtet war schon vorher Dennis Hadzikadunic. Der in Malmö geborene Bosnier ist beim HSV der Mann neben Schonlau. Zumindest spielt er am meisten. Und das auch zumeist so, wie das Spiel heute: ganz okay. Wirklich gut ist bei ihm die Ausnahme. Denn die Nummer 5 des HSV hat zumeist genug damit zu tun, nach gewonnenen Zweikämpfen den Ball sicher weiterzugeben. Zumindest ist er der Spieler, den die Gegner zunächst frei lassen, um Anspiele auf ihn zu provozieren. Bekommt er den Ball, wird er attackiert.

Bislang ist das noch schadlos geblieben, was für Hadzikadunic spricht. Gegen ihn spricht seine Zweikampfquote. Ligaweit rangiert er mit 55,4% gerade einmal auf Rang 75 und hat als Innenverteidiger noch eine schwächere Quote als die beiden defensiven Mittelfeldspieler Meffert und Elfadli (diese beiden bewerte ich im „Mittelfeld-Blog“), Schonlau und Katterbach. Insgesamt ist Hadzikadunic ein biederer, relativ konstanter Innenverteidiger. Weder überragend noch zu schwach. Einfach dazwischen. Er ist der etwas bessere Perrin, mit Betonung auf „etwas“. Note: 4.

Muheim entwickelt sich zum Leistungsträger

Auf den Außenbahnen ist das etwas besser als innen. Angefangen mit dem aus meiner Sicht konstantesten Spieler in der Viererkette, Miro Muheim. Zehn Assists in 17 Spielen sind Topwert! Dazu ist er defensiv stabiler geworden und hält dem Defensiv-Verweigerer Dompé immer wieder den Rücken frei, während er sich offensiv dazu einschaltet. Das ist im Gesamtpaket gut. Note: 2

Auf der rechten Verteidigerseite durfte Noah Katterbach zwischen dem siebten und dem 13. Spieltag hinten vor der Dreierkette links ran – und er machte das teilweise sogar richtig gut. Ein Tor, ein Assist, dazu eine Zweikampfquote von 59,43% - nur Schonlau ist beim HSV mit 66,14% besser. Er hat offensiv zweifellos seine Stärken und ist eher kein Rechtsverteidiger wie teilweise unter Baumgart. Aber insgesamt ist das schon echt okay.  Note: 3

Katterbachs Gegenüber im Zuge der Dreierkette-Phase von Alttrainer Steffen Baumgart ist/war Silvan Hefti. Der Schweizer war im Sommer für die stattliche Ablösesumme von 1,2 Millionen Euro verpflichtet worden, was in der 2. Liga dem Marktwert von Top-Verteidiger Felix Götze entspricht. Aber das nur, damit hier alle solche Summen mal einschätzen können. Für diesen Preis muss es der Anspruch des HSV sein, eine Sofortverstärkung bis hin zum Leistungsträger zu verpflichten. Das aber ist Hefti sicher noch nicht. Der oft etwas hektisch agierende Rechtsfuß braucht noch immer, um die Zweite Liga für sich zu adaptieren. Er macht wenig falsch, hat Potenzial - er ist aber auch noch keine Stütze. Deshalb gibt es für ihn (noch) die Note: 4.

Heyers Aussortierung war/ist aktionistisch

Nicht zu bewerten ist Moritz Heyer, der bei drei Einwechslungen und einer Startelfnominierung auf gerade 144 Minuten kommt. Für mich war der Allrounder in den letzten Jahren nicht schlechter, als es ein Perrin, Hefti oder bis vor kurzem William Mikelbrencis war. Dass er aussortiert wurde, halte ich für aktionistisch. Es wäre zu rechtfertigen, wenn der HSV andere, bessere Spieler auf seinen Positionen hätte und es für ihn keine Verwendung mehr gäbe. Dass dem so ist, bezweifle ich. Für eine Note reicht es bei Heyer aber ebenso wenig wie bei Nicolas Oliveira, der es auf bislang gerade zwei Spielminuten bringt.

Wobei einer gerade immer besser wird: William Mikelbrencis. Der junge Franzose ist für mich der Aufsteiger in der defensive – und das auch erst seit dem Abgang von Steffen Baumgart. Mit einer (überraschenden) Unterbrechung am 16. Spieltag in Ulm war er unter Polzin gesetzt. Und er rechtfertigte das mit immer mutigeren, besser werdenden Auftritten. Im Ligavergleich ist er sicher noch nicht über dem Schnitt – aber die Tendenz ist klar positiv.

Sollte Mikelbrencis das die Rückrunde über fortsetzen, würde er mich Lügen strafen. Denn ich hatte ihn bis vor kurzem immer als zu leicht und zu zweikampfschwach empfunden.  Ich hätte Mikelbrencis im Sommer sogar verliehen, um ihm mehr Spielpraxis zu geben, weil ich ihn beim HSV als chancenlos gesehen hatte. Gegen Fürth aber hat er für mich das erste Mal sogar gut gespielt. Ich bin sehr gespannt, wie weit sich Mikelbrencis noch entwickeln kann. Bis dahin ist es noch ist es die Note: 3.

Der HSV hat sein Defensivproblem 2,5 Jahren nicht gelöst bekommen

Schaut man sich meine Bewertungen für die Defensivspieler im Schnitt an, wird schnell deutlich, wie ich sie einschätze: Sehr durchschnittlich. Und auch wenn ich mich hier wiederhole: Dass der HSV es in zweieinhalb Jahren nicht geschafft hat, einen Ersatz für den gesperrten Mario Vuskovic zu finden, ist schwach.

In diesem Sinne, in den nächsten Tagen kommen noch Mittelfeld und der Sturm, ehe es zu den Bewertungen der Trainer geht. Zudem gibt es morgen ein spannendes, neues Video mit vielen Daten, Fakten, Tendenzen und einer Aussicht von MoinVolkspark, worauf der HSV in der Rückrunde besonders Wert legen muss, was noch besser werden muss. 

Bis dahin Euch allen einen schönen Abend!

Scholle

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