Analyse

HSV-Offensive stockt: Polzin zwischen Loyalität, Trotz und Erkenntnis

Es gibt Niederlagen, die sich schlimm anfühlen, weil sie wiederholt Schwächen offenlegen, die gefährlich werden können. Und es gibt die, die sich einfach nur schlimmer…

HSV-Offensive stockt: Polzin zwischen Loyalität, Trotz und Erkenntnis

Dieser 1:0-Sieg in Heidenheim fühlt sich gut an. Trotz des umstrittenen Elfers, der letztlich den Sieg brachte. Weil es ein verdienter Sieg war. Und dieses wichtige Weiterkommen im DFB-Pokal kann sich im doppelten Sinne auszahlen, denn es hat dem HSV im Angriff wieder eine Option geöffnet, die zuletzt verschlossen schien. Denn es gab zuletzt auch Niederlagen, die unnötig waren. Unnötig, weil der HSV jeweils die bessere oder mindestens gleichwertige Mannschaft war. Das waren Niederlagen, die sich einfach nur schlimmer anfühlten, als sie auf dem Papier stehen. Das 0:1 gegen Wolfsburg zum Beispiel. Ein Spiel, das der HSV über weite Strecken dominierte, kontrollierte, bestimmte – und trotzdem verlor. 25:5 Torschüsse, 31:3 Flanken, klare Überlegenheit. Und doch blieb der Ertrag gleich null. Ärgerlich hoch hundert. Denn das ist bitter, aber auch gefährlich. Wer so viel investiert, so dominant auftritt und am Ende trotzdem ohne Punkt dasteht, muss sich nicht neu erfinden – aber sehr genau hinschauen.

Ransford Königsdörffer verkörpert derzeit das HSV-Offensivproblem in seiner kompliziertesten Form. Der 24-Jährige arbeitet, läuft, kämpft, öffnet Räume und übernimmt Verantwortung. Sein verschossener Elfmeter gegen Wolfsburg war kein Zeichen von Schwäche, sondern von Mut. Zum falschen Zeitpunkt – aber eben der Mut, Verantwortung für den HSV übernehmen zu wollen. Auch deshalb darf sich die Debatte um ihn nicht verselbstständigen. Sie war zuletzt schon völlig überhöht.

Königsdörffer steht im Mittelpunkt – aber er darf nicht zum Symbol werden

Seine Leistungen müssen sachlich bewertet werden - ohne die ständigen Nebengeräusche von außen. Denn genau hier lauert die größte Gefahr: Wenn öffentliche Diskussionen zu laut werden, wenn Medien, Fans oder Stimmen aus dem Umfeld beginnen, Entscheidungen zu diktieren, entsteht Druck. Und dieser Druck führt oft zu einer Form von Trotz bei Trainern - gerade auf diesem hohen Niveau. Für sie käme ein Umdenken einem Eingeständnis gleich. Fatalerweise.

Aber: Eine der größten Stärken Polzins ist seine Wandelfähigkeit. In seiner ersten Trainersaison ließ er sie walten anstelle der falschen Sturheit, die beispielsweise Tim Walter den Job und den HSV den Aufstieg gekostet hatte. Merlin Polzin war bislang das genaue Gegenteil eines sturen Trainers. Einer, der zuhört, reflektiert und sich nicht zu schade ist, Entscheidungen zu hinterfragen - selbst dann, wenn das ein Umdenken bedeutet. Genau darin lag zuletzt eine seiner größten Stärken. Diese Offenheit darf er jetzt nicht verlieren.

Denn beim HSV darf es keine Grundsatzentscheidungen über Personalfragen geben. Es darf nicht darum gehen, wer recht behält, sondern wer dem Team in der jeweiligen Situation am meisten hilft. Entscheidungen müssen sich immer an den nächsten Ansprüchen, an der nächsten Aufgabe orientieren - nicht an alten Loyalitäten oder vermeintlichen Prinzipien.

Das Wolfsburg-Spiel rief nach Glatzel - in Heidenheim hörte Polzin es dann

Das Wolfsburg-Spiel war prädestiniert für einen klassischen Strafraumstürmer. 31 Flanken, unzählige Hereingaben, ein Dauerfeuer auf den Sechzehner – und kein Zielspieler, der die Bälle verwertet. Genau hier hätte Robert Glatzel der Unterschied sein können. So, wie er der richtige Mann war für die zweite Halbzeit in Heidenheim, als der HSV die Gastgeber in der eigenen Hälfte längst festgenagelt hatte.

Dass der beste Torjäger des Vereins zuletzt gar nicht im Kader stand, erklärte Polzin mit einer „sportlichen Entscheidung“. Eine Erklärung, die harmlos klingt – und doch tief blicken lässt. Denn sie weckte eine Befürchtung: dass sich Trainer und Spieler in der sportlichen Bewertung voneinander entfernen könnten. Polzin verneinte das vor dem Heidenheim-Spiel deutlich,. Und was umso wichtiger wurde: Glatzel kam in Heidenheim nach rund 60 Minuten für den offenbar vom Abschlusspech verfolgten Königsdörffer ins Spiel – und traf per Elfmeter. Fast hätte er sogar noch einen Treffer aufgelegt, doch Vieira vergab freistehend.

Am Ende reichte es trotzdem zum wichtigen Weiterkommen im DFB-Pokal – und jetzt geht es nach Köln. Bei allem Respekt vor Glatzel darf die Diskussion aber nicht in ein „entweder oder“ ausarten, sondern muss immer sachlich an den jeweiligen Bedürfnissen und Herausforderungen des nächsten Spiels gemessen werden. Und dass die Spielweisen mit Königsdörffer bzw. mit Glatzel (statt Königsdörffer) gänzlich andere sind, das muss dem neutralem Beobachter auch klar sein. Der Druck, der vom HSV mit Königsdörffer ausgeht ist nicht derselbe, den Glatzel im Sturmzentrum mittragen würde.

Soll heißen: Kommt der HSV in Sechzehnernähe und kann Flanken schlagen – dann ist Glatzel eine sehr valide Option! Ist der HSV im Anlaufen und im schnellen Umschalten gefordert, wäre ein Königsdörffer erste Wahl. Beides lässt sich übrigens in sehr, sehr vielen Spielen wunderbar kombinieren. Siehe Heidenheim. Und genau das beherrscht Polzin. Er ist flexibel und reagiert auf Spielverläufe, er kann seine Spieler bei Laune halten und sie auf das gemeinsame Ziel einschwören. Und so sehr er das zuletzt hatte vermissen lassen, vielleicht hat er diese Gewinn bringende Eigenschaft ja jetzt wiedergefunden…

Denn jetzt ist nicht die Zeit für Eitelkeiten

Der HSV hat sich mit seinem mutigen Fußball, seiner spielerischen Reife und seiner Geschlossenheit Respekt in der Bundesliga erarbeitet. Doch genau deshalb darf man sich jetzt keine Eitelkeiten leisten – weder von Trainer- noch von Spielerseite. Es geht nicht darum, alte Entscheidungen zu rechtfertigen. Es geht darum, die nächsten richtig zu treffen. Denn dieser HSV ist zu stark, um an sich selbst zu scheitern. Es fehlt nicht viel - nur diese berühmten paar Prozent, die aus gutem Fußball auch wieder erfolgreiche Spiele machen.

Das Fazit fällt hier recht eindeutig aus, wie ich finde: Der HSV spielt attraktiv, mutig und mit klarer Idee – aber zu ineffizient.
Das Problem liegt nicht im System, sondern im Feinschliff: bei der Chancenverwertung, bei der Flexibilität, bei der Bereitschaft, den richtigen Moment für Veränderung zu erkennen. Merlin Polzin und sein Team haben bisher bewiesen, dass sie diesen Spagat beherrschen – zwischen Treue und Konsequenz, zwischen Vertrauen und Mut zur Veränderung. Jetzt sollten sie ihn wieder gehen.

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