Analyse

HSV nach Verletzungsschock - kommt jetzt endlich die Zeit des Immanuel Pherai?

Der HSV steht am Sonntag vor einer echten Bewährungsprobe. Wenn um 17.30 Uhr Mainz im Volksparkstadion antritt, geht es für die Mannen von Trainer Merlin Polzin nicht nur um…

HSV nach Verletzungsschock - kommt jetzt endlich die Zeit des Immanuel Pherai?

Der HSV steht am Sonntag vor einer echten Bewährungsprobe. Wenn um 17.30 Uhr Mainz im Volksparkstadion antritt, geht es für die Mannen von Trainer Merlin Polzin nicht nur um drei Punkte, sondern auch um den Nachweis, dass sie trotz schwerer Rückschläge konkurrenzfähig bleiben. Denn mit Fabio Vieira und Warmed Omari fehlen ausgerechnet die beiden Spieler, die aus meiner Sicht am schwersten zu ersetzen sind – schlimmer hätte es den HSV kaum treffen können.

Vieira war bislang der Denker und Lenker im Mittelfeld. Seine Übersicht, seine Technik und die Fähigkeit, das Tempo eines Spiels zu bestimmen, haben die Hoffnung geweckt, dass der HSV eine neue Qualität hat. Doch nach der Roten Karte in Berlin ist er für zwei Spiele gesperrt – und dazu zwingt ihn eine schmerzhafte Kniestauchung ohnehin zu einer Pause. Trainer Merlin Polzin betonte zwar, dass die Verletzung weniger dramatisch sei, doch vor der Länderspielpause wird der Portugiese definitiv nicht mehr zurückkehren. Spätestens gegen Wolfsburg Ende Oktober soll er dann wieder einsatzbereit sein.

Noch schwerer wiegt für mich der Ausfall von Warmed Omari. Der Franzose hatte sich in kürzester Zeit zum Abwehrchef entwickelt: ruhig am Ball, schnell im Antritt und mit feinem Auge für die Spieleröffnung. Er strahlte eine Souveränität aus, die man beim HSV (nicht nur in der Bundesliga) lange vermisst hat. Doch die schlimme Sprunggelenksverletzung beim 0:0 in Berlin beendet seine Hinrunde. Für ihn ist es persönlich bitter - für die Mannschaft aber ein echter Nackenschlag. Polzin sprach von einem „brutalen Schlag“. Und er hat recht. Denn auf der Position der Innenverteidiger hat der HSV zwar Quanitätat – aber auch Qualität? Datan zweifle ich noch immer…

Trotzdem: Es bringt jetzt nichts, sich in Selbstmitleid zu verlieren. Gerade jetzt zeigt sich, ob die Kaderplanung wirklich so clever war, wie Claus Costa und Stefan Kuntz immer wieder betont haben. Beide haben von Breite gesprochen, von Spielern, die Druck machen und Alternativen bieten. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem diese Worte auf dem Platz Realität werden müssen.

Die naheliegendste Lösung ist Albert Sambi Lokonga. Der Belgier, ebenfalls von Arsenal ausgeliehen, musste lange wegen Muskelproblemen pausieren und wurde deshalb nur behutsam aufgebaut. Matchpraxis fehlt ihm noch – und genau das macht die Situation spannend. Denn trotz dieses Nachteils bringt Lokonga ein enormes fußballerisches Potenzial mit. Technisch stark, pressingresistent, mit guter Übersicht und sauberem Passspiel – er ist im Prinzip wie geschaffen für die Rolle neben Nicolai Remberg. Es könnte also der perfekte Zeitpunkt sein, ihn endlich ins kalte Wasser zu werfen. Dass er in den letzten Spielen als Einwechselspieler solide Minuten geliefert hat, spricht ebenfalls dafür, dass er nun bereit für mehr Verantwortung sein könnte.

Und dennoch: Mein Wunsch wäre es, dass Immanuel Pherai endlich die Gelegenheit ergreift, sich im HSV-Mittelfeld festzubeißen. Seit Sommer warfen ihn ein Innenbandriss, Länderspielreisen und zuletzt familiäre Verpflichtungen immer wieder zurück. Ähnlich den jähren zuvor: Kaum war er wieder im Training, fehlte er erneut. Doch Pherai ist ein Spieler, der dem HSV mit seiner Art sofort eine andere Facette liefern könnte. Er ist nicht nur technisch versiert, sondern auch mutiger und offensiver ausgerichtet als Vieira. Während der Portugiese das Spiel eher ordnet und lenkt, sucht Pherai häufiger den direkten Weg nach vorn, drängt mit Ball am Fuß, geht ins Dribbling und sucht den Abschluss.

Gerade gegen Mainz, die bekanntlich intensiv anlaufen und viel Druck im Mittelfeld ausüben, könnte so ein Offensivdrang wertvoll sein. Er würde das Spiel des HSV unberechenbarer machen und Räume für die Außenstürmer öffnen. Natürlich bleibt das Risiko, dass Pherai noch nicht wieder bei 100 Prozent ist - aber wenn er körperlich fit ist und die mentale Blockade der letzten Wochen ablegt, wäre er für mich die aufregendste Alternative.

Es läuft also auf eine spannende Entscheidung hinaus: Setzt Polzin auf die nüchterne, sichere Lösung mit Lokonga – oder traut er sich, Pherai das Vertrauen zu geben, der die Mannschaft mit seiner Spielfreude sofort nach vorn tragen könnte? Ich persönlich hoffe, dass der Niederländer endlich ins Rollen kommt. Denn er hat das Potenzial, dem HSV im Offensivspiel eine ganz neue Facette zu geben. Und genau solche Momente, in denen man über sich hinauswächst, braucht der HSV in dieser schwierigen Phase.

In der Abwehr ist die Lage noch heikler. Guilherme Ramos hat in Berlin gezeigt, dass er jederzeit bereit ist, einzuspringen. Jordan Torunarigha kehrt nach Achillessehnenproblemen zurück, und auch Aboubaka Soumahoro ist wieder eine Option. Für mich ist er sogar die spannendste Lösung: jung, dynamisch, mutig – und mit einer guten Vorbereitung im Rücken. Während Torunarigha bislang noch gar nichts zeigen konnte und weiterhin nach seiner Form sucht, hat Soumahoro bewiesen, dass er das Potenzial dazu hat, das Niveau mitzugehen. Vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem er den nächsten Schritt macht.

Natürlich bleibt die Aufgabe schwer. Stefan Kuntz hat kürzlich selbst gesagt, dass dies die härteste Bundesliga-Saison im Abstiegskampf seit Jahrzehnten werden könnte. Fünf Punkte aus fünf Spielen sind ein ordentlicher Start, aber kein Polster. Umso wichtiger ist es, den positiven Trend aus den letzten beiden Partien, dem Sieg gegen Heidenheim und dem Punkt in Berlin, mit einem Heimsieg fortzusetzen.

Hierbei wird es massiv darauf ankommen, wie die Mannschaft die Rückschläge annimmt. Jammern bringt nichts. Mainz wird intensiv, aggressiv und gnadenlos auftreten - und der HSV muss beweisen, dass er nicht nur eine gute erste Elf hat, sondern dass die Breite im Kader wirklich trägt. Wenn das gelingt, könnte das Spiel gegen Mainz ein Schlüsselmoment werden: nicht nur für die Tabelle, sondern für das Selbstverständnis der Mannschaft.

Denn vielleicht gilt gerade jetzt das alte Fußballgesetz: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter eines Teams. Und das Fehlen solcher Qualitätsspieler wie Vieira und Omari ist eben immer auch die Chance für andere, sich ins Rampenlicht zu spielen. Hoffentlich nutzen es die Spieler aus der zweiten Reihe. Schon am Sonntag gegen Mainz!

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