Analyse

HSV macht Pause - Schicksalsspiele in Katar

Der HSV hat sich noch mal aufgerafft und ein wenig trainiert. Zumindest alle die, die gesund waren. Denn neben einigen Spielern fehlte heute auch Trainer Tim Walter…

HSV macht Pause - Schicksalsspiele in Katar

Der HSV hat sich noch mal aufgerafft und ein wenig trainiert. Zumindest alle die, die gesund waren. Denn neben einigen Spielern fehlte heute auch Trainer Tim Walter krankheitsbedingt. Und auch sonst passiert beim HSV abgesehen von ersten Sanierungsarbeiten am Stadion derzeit nicht viel. „Mehr als sonst während einer WM“, sagte heute ein weiblicher Fan. Und das mag richtig sein. Aber auch hier hat das Geschehen in Katar zumindest an diesem Wochenende Vorrang. Ob das auch über Sonntag und das zweite Gruppenspiel der Deutschen hinaus so gelten wird? Offen. Aber dazu hat unser Mann vor Ort, mein sehr geschätzter Kollege Wolfgang Stephan, seine eigene Meinung: 

Von Wolfgang Stephan

Es ist ein Schicksalsspiel des deutschen Fußballs. Am Sonntagabend (20 Uhr) muss die Nationalmannschaft beweisen, dass sie doch mit den Großen dieser Welt mithalten kann. Nur ein Sieg gegen Spanien hält die Tür zum Achtelfinale weit offen. „Wir haben keinen Schuss mehr frei“, sagt Bundestrainer Hansi Flick. 

„Wir sind in einer Scheiß-Situation und die Spanier kommen mit einem 7:0 im Rücken ins Stadion, aber das ist auch eine Chance für uns, die Stimmung zu drehen“ – das ist die optimistische Sichtweise, die Julian Brandt gestern im Medienzentrum verbreitete. Er ist sich sicher, dass die Mannschaft mit dem Druck umgehen könne und nannte das Beispiel von der EM 2021, als das Auftaktspiel gegen Frankreich verloren wurde. Brandt: „Dann liegen wir gegen Portugal hinten und gewinnen 4:2.“

Brandt und Kai Havertz und nicht einer aus dem Führungszirkel der Mannschaft mit Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan, Antonio Rüdiger oder Thomas Müller bestritten gestern die Pressekonferenz im Mannschaftshotel - durchweg mit ehrlich klingenden Sätzen. 
Das Duo berichtete von einer intensiven Mannschaftssitzung, die sehr konstruktiv gewesen sei. Ein möglicher Zwist wegen der öffentlichen Kritik von Ilkay Gündogan und Manuel Neuer gebe es nicht. Havertz wertete die Gündogan-Worte als konstruktiv. Havertz: „So eine Kritik tut der Mannschaft gut, deswegen ist auch niemand sauer.“ „In einem Team muss man nicht immer nett zueinander sein, so Havertz. Es gebe „gute Charaktere“ in der Mannschaft. Der Chelsea-Spieler: „Wir mögen es, direkt miteinander zu sprechen, uns ins Gesicht zu sagen, was falsch und was richtig war.“ „Wir sind alle mit dem Gefühl aus dem Besprechungsraum gegangen, dass wir das Spiel gewinnen“, sagte der gegen Japan nicht eingesetzte Brandt.
In dem Meeting sei vor allem das besprochen worden, was falsch gelaufen sei. Über die positiven Dinge sei kaum geredet worden, es gehe einfach darum, so Brandt, „das 1:0 zu verteidigen und dann halt unspektakulär zu gewinnen“.

Dass Deutschland vor zwei Jahren in Sevilla gegen die Spanier mit 6:0 verloren habe, spiele keine Rolle mehr, sagt Brandt: „Wir sind in einer anderen Situation, wir haben einen neuen Trainer, einen Umbruch eingeleitet und sind viel weiter, unabhängig, wie die letzten Ergebnisse waren.“

Dass der neue Trainer „zu nett“ sei, wie einige Kritiker glauben, ist für Havertz kein Thema. „Nett sein ist ein schönes Ding.“ Er müsse sich nicht anschreien lassen, er brauche eine klare Ansage und die gebe es von Hansi Flick.

Ob der Bundestrainer morgen Abend mit Leroy Sané rechnen kann, blieb gestern offen. Wegen Knieproblemen hatte Sané das erste WM-Spiel gegen Japan verpasst. Ansonsten gab es im Teamquartier keinerlei Hinweise auf personelle und taktische Veränderungen, die es aber geben wird.

Dass Flick erneut mit Nico Schlotterbeck in der Innenverteidigung antreten wird, gilt als ausgeschlossen, Niklas Sülle dürfte neben Antonio Rüdiger agieren. Spannend sind die Besetzungen der Außenpositionen in der Abwehr: David Raum ist offensiv gut, aber mit defensiven Mängeln behaftet, was gegen das Barca-Duo Gavi und Torres verhängnisvoll werden kann. Christian Günter könnte die Alternative sein. Rechts wäre es Thilo Kehrer, es sei denn, Flick greift zum Notfall-Plan B und beordert Kimmich auf die von ihm wenig favorisierte Außenbahn. Der Notfall ist eingetreten.

In der Offensive ist einiges noch offen. In der Statistik des Japan-Spiels stehen 26 Torschüsse der Deutschen – das Tor fiel nach einem Elfmeter. Gut möglich, dass Hansi Flick einen treffsicheren Stürmer ins Team bringt – und das wäre dann Niclas Füllkrug.
Mit einem Sieg gegen Spanien hätte das Flick-Team die Stimmung gedreht, aber noch keine Garantie fürs Achtelfinale.

Selbst bei einem weiteren Sieg gegen Costa Rica wäre das nicht sicher. Wenn die Spanier am letzten Spieltag gegen Japan gewinnen, hätten sie genau wie Japan (wenn die auch gegen Costa Rica siegen) und Deutschland sechs Punkte und es käme zum Dreiervergleich, in dem die Tordifferenz den Ausschlag geben würde. Spanien hätte dann durch das 7:0 gegen Costa Rica die beste Ausgangslage, so dass auch die Höhe der Siege gegen Spanien und Costa Rica für die Deutschen bedeutsam sind.

Die Argumentation ist doch klar: Deutschland ist eine Turniermannschaft und deshalb werden die Jungs von Hansi Flick es diesmal schon richten. Spanien ist schließlich nicht Südkorea. Unser Blogfreund Wolfgang Stephan ist bei der WM in Katar vor Ort und hat zehn Argumente zum Spielausgang gefunden:

Warum Deutschland gegen Spanien gewinnt:

  • Weil Spanien das liebste Reiseziel der Deutschen ist und es sich die Spanier mit den 6,3 Millionen gut zahlenden Touristen nicht verderben wollen. Gut Freund mit den Deutschen ist besser als sie aus dem Turnier zu werfen. Die Deutschen gelten als nachtragend, wie die Tourismus-Bilanz zu Südkorea zeigt. 
  • Weil Hansi Flick manchmal doch nicht nett ist. Mit Mats Hummels Nichtberücksichtigung hat er die Dortmunder um DFB-Vize Hans-Joachim Watzke düpiert. Mit Nico Schlotterbeck wollte er alles wieder gutmachen. Das passiert ihm nicht noch einmal. 
  • Weil Co-Trainer Danny Röhl den Auftrag übernimmt, die geplanten Auswechslungen von Hansi Flick zu verhindern. 
  • Weil bei einer erneuten WM-Blamage die Gefahr bestehen würde, dass der ehrliche Hansi seinen Job zur Verfügung stellt. Deshalb werden die deutschen Spieler alles geben, um Thomas Tuchel zu verhindern.
  • Weil Mario Götze der Welt beweisen muss, dass sein WM-Tor in Rio keine Eintagsfliege war, nach acht Jahren ist der Beweis einfach mal fällig. 

Warum Deutschland gegen Spanien ausscheidet/verliert:

  • Weil die Spanier sich mit einem überzeugenden Sieg elegant an 6,3 Millionen Deutschen rächen können, von denen die meisten mit offenen Shirts und weißen Socken Mallorca unsicher machen. 
  • Weil Hansi Flick seine Nettigkeit nicht ablegen kann und so ist, wie er ist. Das heißt: Thomas Müller und Serge Gnabry spielen immer. 
  • Weil die Deutschen es sich nicht weiter mit Fifa-Präsident Gianni Infantino verderben wollen, um die Ausrichtung der Frauen WM 2027 nicht zu gefährden.
  • Weil alle froh sein werden, dass die WM und damit die Debatte über das Einknicken vor der Fifa beendet ist. 
  • Weil diese Mannschaft einfach zu schlecht ist, um gegen die Großen erfolgreich zu kicken.
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