HSV-Keeper Heuer Fernandes: „Diesen Spielstil wählen wir, davon sind wir überzeugt.“
Auch am Tag danach muss ich zugeben, dass sich in mir ein Hauch von Optimismus breitmacht. Nicht allein, weil der HSV beim Erstligisten 1. FC Köln gewonnen hat. Die Nachwirkung…

Auch am Tag danach muss ich zugeben, dass sich in mir ein Hauch von Optimismus breitmacht. Nicht allein, weil der HSV beim Erstligisten 1. FC Köln gewonnen hat. Die Nachwirkung der Sensation an sich ist für mich etwas, was schnell verflogen ist. Dafür sind die Tagesgeschäfte dann schlichtweg wieder zu fordernd und erdend, wenn man diese entstandene Euphorie nicht in weitere positive Ergebnisse ummünzen kann. Soll heißen: Wenn der HSV am Freitag gegen den FC St. Pauli wieder so auftritt wie letzten Freitag in Dresden, dann ist dieser Pokalsieg auch nur ein kleiner Ausriss nach oben. Nicht mehr.
Aber: Die Mannschaft hat mich gestern auf andere Art und Weise dazu veranlasst, an sie zu glauben. Zu sehen, wie ein Tim Walter am Rand abgeht, gefällt mir. Er fordert es immer wieder von seinen Spielern ein und nutzt dafür keine komplizierte, hochgestochene „Konzept-Trainer“-Sprache sondern einfaches Deutsch. Walter sagt geraderaus, was Phase ist. Vielleicht auch, weil er gar nicht anders kann – was ich in diesem Fall absolut als Vorteil empfinde. Walters einfache Art ist authentisch. Und das ist er auch am Rand. Mir zeigt so ein teilweise auch überzogen lauter Auftritt, dass der Coach so bei der Sache ist, wie er es von seinen Jungs verlangt.
Walter macht es einfach - und das passt
Und so lässt er auch Fußball spielen. Das treibt mich immer wieder zur Weißglut, wenn ich sehe, wie sich die Mannschaft mit dem oft gezwungen wirkenden Kurzpassspiel in Schwierigkeiten bringt, klar! Dabei bleibe ich auch, denn ich bin überzeugt, dass der Walter-Fußball auch mit einer Modifizierung noch genauso spektakulär und trotzdem weniger riskant sein könnte. Aber: Die Mannschaft hat auch in Köln 30 Minuten Druckphase der Kölner (mit viel Glück!) heil überstanden und daraus dann aber wenigstens das Selbstvertrauen gezogen, dem Erstligisten über die restlichen 90 Minuten Paroli bieten zu können. Denn das haben sie getan.
Dieser HSV glaubt an das, was der Trainer will – und das wiederum ist schon tausendmal besser als alles das, was wir in den letzten Jahren im Laufe der jeweiligen Saison immer wieder feststellen mussten: Zweifel untereinander. Hannes Wolf verlor im Laufe des Wintertrainingslagers neben den Spielern, die hintendran hingen immer mehr auch den Zugriff auf die Führungsspieler. Dieter Hecking reichten seine natürliche Autorität und seine Meriten nicht mehr, um die Führungsspieler mitzunehmen und Daniel Thioune verlor den Rückhalt bei der Klubführung, da er selbst Zweifel am Erreichen der Ziele geäußert haben soll.
Und jetzt eben Walter. Der sture Bock, der gegen alle Widerstände sein System durchzieht und dabei sicher auch viel Glück hatte. Aber Walter erzeigt viele Veränderungen im sportlichen Bereich. Über junge Spieler, die er reinwirft bis hin zum spektakulären Offensivspiel, das er immer wieder einfordert. Und das alles ohne große Umschweife und mit einfachen Worten. Walter hat sich ein Profil erarbeitet, das sicher nicht jeder mag. Aber zumindest kann jeder damit umgehen, weil er authentisch ist. Auch die Mannschaft kann das. . Kurzum: Alle wissen, was Walter meint. Und man glaubt es ihm.
Selbst Dr. Wüstefeld hüpft mit - und auch das passt...
Noch wichtiger aber ist, dass die Mannschaft mitzieht. Die wenigen klaren Führungsspieler wie Daniel Heuer Fernandes, Sebastian Schonlau, Sonny Kittel, Jonas Meffert und (in großen Teilen auch) Robert Glatzel folgen Walter nicht nur, sondern verteidigen ihn und sein System auch gegen Kritik von außen. Und das nicht nur in öffentlichen Interviews, die alle lesen und die vom HSV vor deren Veröffentlichung gegengelesen werden, sondern auch in den Off-Gesprächen. Hinzu kommen Youngster wie Mario Vskovic, Jonas David, Anssi Suhonen und jetzt sogar das einstige Enfant terrible, Faride Alidou, die allesamt einwandfrei funktionieren und Leistung abliefern, wenn sie auf dem Platz stehen. Ein insgesamt sehr stimmiges Konstrukt, dem ich den überschwänglichen Jubel gestern nach Spielende zu 100 Prozent abnehme.
Apropos: Habt Ihr gesehen, wie Jonas Boldt und Michael Mitzel erst Tim Walter zurückhalten mussten nach dem Elfer in der 122. Minute, um anschließend selbst heftig zu protestieren? Oder habt Ihr gesehen, wie selbst der neue Vorstand Dr. Thomas Wüstefeld im Kreis der Mannschaft mithüpfte nach Spielschluss? Ich weiß, dass sehr viele höhere Offizielle sowas kacke finden, weil es nicht abgeklärt genug wirkt. Als Vorstand sei man immer auch ein Repräsentant und müsse offiziell wirken. Aber mich freuen solche Bilder, weil sie mir zeigen, dass dort neben Kalkül eben auch Pathos für den HSV vorhanden ist. Und genau den braucht dieser HSV auf dem langen Weg zurück, den man einschlagen will.
Und diesen Weg habe ich nicht nur ewig eingefordert – sondern diesen Weg gehe ich jetzt nur zu gern mit. Ohne den Status, aufsteigen zu müssen. Denn das kann dieser HSV nicht von sich erwarten. Aber dieser HSV kann sehr wohl aufsteigen – und dafür wiederum muss er nicht nur alles tun. Dafür macht er auch alles, wenn ich das gestrige Spiel als Grundlage nehme. Ich bin und werde auch weiterhin nicht 100prozentug einverstanden mit Walters Art, Fußball spielen zu lassen sein – aber das muss ich auch nicht. Ich habe früher als Mannschaftskapitän immer eines von meinen Mannschaftskameraden eingefordert: Wenn wir uns alle trotz Bedenken daran auf einen Weg einigen können, werden wir erfolgreicher sein, als wenn wir allesamt versuchen, unsere allerbesten Wege aufs Feld zu bekommen. Soll heißen: Ein halbrichtiger Weg gemeinsam gegangen ist erfolgversprechender als fünf verschiedene, nahezu perfekte Wege zugleich auf den Platz gebracht.
Er habe verlängert, weil er einfach richtig Bock auf die Mannschaft habe und zu 100 Prozent davon überzeugt sei, dass der HSV in dieser Form der absolut richtige Verein für ihn ist. Das sagte Daniel Heuer Fernandes heute, der sich nach einem Patzer zu Spielbeginn am Ende ein Sieggarant für die Mannschaft war. „Wir sind sehr stolz auf die Mannschaftsleistung“, freute sich der formstarke Keeper, „wir haben konsequent unser Spiel durchgezogen. Es ist unser Spielstil, dass wir so mutig spielen. Diesen Spielstil wählen wir, davon sind wir überzeugt.“ Grundsätzlich seien auch lange Bälle ein Mittel, „das wägen wir auch immer ab. Aber wie man an unseren Chancen sieht, die aus dem mutigen Spiel hinten raus entstanden sind, lohnt sich der Mut.“ Der Walter-Style hat sich in der Mannschaft ganz offenkundig durchgesetzt.
Auslosung fürs DFB-Pokal Viertelfinale ist am Sonntag
Heute Abend werden übrigens nach dem HSV, dem KSC, dem FC St. Pauli sowie dem Erstligisten VfL Bochum die übrigen Viertelfinalisten ausgespielt, ausgelost werden soll die nächste Runde dann am Sonntag im Rahmen der ARD-Sportschau (ab 19.15 Uhr). Und wenn wir schon beim Viertelfinale sind, noch ein kurzer Rückblick ins Archiv:
Denn erstmals seit gut 25 Jahren stehen der HSV und der FC St. Pauli gemeinsam im Viertelfinale des DFB-Pokals. Den Einzug in die Runde der letzten acht Mannschaften machte Zweitliga-Tabellenführer St. Pauli am Dienstagabend mit einem 2:1 über den Bundesliga-Zweiten und Pokalverteidiger Borussia Dortmund perfekt. Es ist überhaupt erst das dritte Mal, dass beide Hamburger Vereine diese Runde gemeinsam erreicht haben.
Zuletzt standen beiden Mannschaften im November 1996 gemeinsam im Viertelfinale. Damals schied der FC St. Pauli durch ein 4:5 nach Elfmeterschießen bei Energie Cottbus aus, während der HSV mit einem 2:1 beim VfL Bochum ins Halbfinale vordrang. In der Vorschlussrunde scheiterte der HSV dann am späteren Pokalsieger VfB Stuttgart (1:2). Der erste gemeinsame Auftritt im Viertelfinale war beiden Teams in der Saison 1965/66 gelungen. Damals unterlag der HSV dem FC Bayern München mit 1:2, St. Pauli schied gegen den 1. FC Nürnberg (0:1) aus.
Und für alle, die es interessiert, hier noch ein kurzer Artikel zu Florian Kainz und seinen Elfmeter:
Florian Kainz hatte nach seinem kuriosen Millionen-Fehlschuss vom Elfmeterpunkt gleich ein ungutes Gefühl. „Ich habe gemerkt, dass ich ausgerutscht bin mit dem Standfuß. Es hat komisch ausgeschaut, wie der Ball ins Tor geflogen ist“, beschrieb der Flügelspieler des 1. FC Köln die kuriose Szene nach dem letzten Schuss im Elfmeterschießen zum vermeintlichen 4:4-Ausgleich im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den HSV. Doch Schiedsrichter Daniel Schlager hatte die nicht erlaubten Doppelberührung des Schützen bemerkt, den Treffer nicht gewertet und für Jubelstürme auf der Bank des HSV gesorgt. FC-Trainer Steffen Baumgart war perplex: „Im Elfmeterschießen mit zwei Kontakten auszuscheiden, habe ich auch noch nicht erlebt.“
Nicht allen Beteiligten war die Sachlage klar. „Der Schütze darf den Ball erst wieder spielen, nachdem dieser von einem anderen Spieler berührt wurde“, heißt es im Regelwerk, und Referee Schlager erklärte die Konsequenz. „Im Spiel hätte es indirekten Freistoß gegeben, im Elfmeterschießen ist der Elfer eben verwirkt. Es war eine bittere Situation, es kommt vielleicht einmal in 500 Elfmetern vor“, erklärte der Unparteiische beim TV-Sender Sport1.
Kuriose Szenen beim Ausführen eines Elfmeters gab es natürlich schon häufiger. Immer noch legendär ist der Pokal-K.o. des FC Bayern München vor sieben Jahren gegen Borussia Dortmund, als Philipp Lahm und Xabi Alonso beim Elfmeterschießen ausrutschten und auch Mario Götze und Manuel Neuer patzten. Nur: Diesmal landete der Ball trotzdem im Tor. Sogar die HSV-Profis hatten Mitleid mit dem österreichischen Fehlschützen der Kölner. „So gewinnst du nicht alle Tage. Es tut mir leid für den Burschen, aber ich freue mich natürlich für uns“, sagte Sebastian Schonlau, der den entscheidenden Elfmeter zum 4:3 für den HSV zuvor verwandeln konnte.
Auch Trainer Tim Walter konnte sich gut die Gefühlslage der Kölner versetzen. „Das ist halt einfach Pech, das habe ich auch noch nie erlebt“, sagte der Coach. Über fehlenden Spott in den sozialen Netzwerken konnten sich die Kölner später nicht beklagen. So befand das Online Fußball-Magazin FUMS in einem Tweet: „Mal hat man Glück, mal hat man Kainz“. Aber wie heißt es so schön - und ist insbesondere dem gemeinen HSV-Fan bestens bekannt: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen...
In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder mit frischen Stimmen von Trainer Tim Walter zum bevorstehenden Derby am Freitag gegen den FC St. Pauli. Und natürlich mit dem MorningCall morgen frühe. Bis dahin!
Scholle
Zeig deine Farben
Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.
Shirt HAMBURG ALLSTARS
Eine Startelf aus Hamburger Legenden, großflächig auf dem Rücken.
39 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print HAMBURG ALLSTARS
Dieselbe Startelf als Fine-Art-Print — A3 oder 50 × 70.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print COMEBACK DES DINOS
Mai 2025, das 6:1 — nach sieben Jahren zurück in der Bundesliga.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print UNS UWE
Uwe Seeler nach dem verlorenen Wembley-Finale 1966.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.
Lies weiter
Meinung
HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem
Weiterlesen

Diskussion
0 KommentareDiskutier mit!
Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.
Jetzt kostenlos registrierenAnmelden