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HSV kann die neue Saison planen - aber kann er das auch?

Steffen Baumgart wusste erst gar nicht, wie ihm geschah, als die Jugendlichen am Girls- and Boys-Day ihm im Presseraum die Fragen um die Ohren schmissen. Schonungslos direkt,…

HSV kann die neue Saison planen - aber kann er das auch?

Steffen Baumgart wusste erst gar nicht, wie ihm geschah, als die Jugendlichen am Girls- and Boys-Day ihm im Presseraum die Fragen um die Ohren schmissen. Schonungslos direkt, so wie die Kinder oftmals sind, wurde der HSV-Coach nach seiner Hoffnung bezüglich des Aufstieges, nach seiner Mannschaft, seiner Kompatibilität zum Kader und selbstverständlich auch zu seiner eigenen beruflichen Zukunft gefragt. Und Baumgart lieferte die Antworten, die die Kids zufriedenstellten.

Allein er scheint bei allem, was er aktuell beim HSV erlebt und was er zusammen mit seiner Mannschaft umzusetzen vermag, nicht zufrieden zu sein. „Schlecht gemachte Hausaufgaben“ nennt er die elf unter ihm in acht Spielen eingesammelten Punkte und Tabellenrang vier. Er wolle zwar nicht aufgeben, aber die Niederlage gegen Holstein Kiel am vergangenen Wochenende, die die direkten Aufstiegsränge sicher abhakte und den Relegationsrang schier aussichtslos werden ließ, sitzt noch tief. „Wir haben alle mit dem Ergebnis gegen Kiel zu tun gehabt“, sagte Baumgart. „Auch ich musste mit der Situation umgehen können.“ 

 Und im Gegensatz zu nahezu all seinen Vorgängern machte Baumgart keinen Hehl daraus, dass die Stimmung scheiße ist. Hieß es sonst immer, dass die Mannschaft im Training aber wieder „sehr gut gearbeitet“ habe, sagte Baumgart, im Training sei bei den Spielern die Leichtigkeit und die Freude nicht so da gewesen. „Da musst du versuchen, dich wieder rauszuarbeiten. Und ganz ehrlich: Ich kann noch nicht sagen, ob das für Samstag gereicht hat.“

Begleitet wird diese Frustarbeit beim HSV aktuell wieder einmal mit der Suche nach den Verantwortlichen. Wer ist Hauptschuldiger an dem abermalig geplatzten Aufstiegstraum? Im Zentrum bislang vorrangig medial geführten Diskussion steht der sportlich höchstrangige Verantwortliche: Sportvorstand Jonas Boldt. „Das darf mich nicht stören. Ich sollte schon fokussiert sein und gucken, dass ich bei mir bleibe“, so Baumgart mit Blick auf die Unruhe im direkten Umfeld, die er in Hamburg geführt seit 20 Jahren von außen schon miterlebt habe.

Und während Baumgart in Bezug auf das nächste Spiel sicher recht hat, liegt er dennoch grundsätzlich falsch. Denn für ihn wäre es entscheidend, jetzt schon die neue Saison zu planen und damit auch, zu wissen, wer sein erster und entscheidender Ansprechpartner ist. Ich hatte es im Blitzfazit schon gesagt und im Blog dazu auch geschrieben: Der HSV tendiert leider immer wieder dazu, in wichtigen Entscheidungen zu lange zu brauchen und am Ende den Anschluss und auch sonst vieles zu verpassen. Stichwort: Schwacher Aufsichtsrat.

Aktuell ist zu hören, dass sich einige für Felix Magath als Sportvorstand stark machen. Zudem geistern Namen wie Sebastian Kehl und Jörg Schmadtke durch die Medien. Allesamt bekannte Gesichter – aber sind sie auch die Richtigen? Oder sind es die einzigen, die unserem fachlich endlos unterbesetzten Aufsichtsrat einfallen, weil sie eh bekannt sind? Aber wie dem auch sei - für mich steht fest, dass der HSV im Sommer einen mittleren Umbruch haben muss, wenn er sein Phlegma der letzten Jahre ablegen will. Und dazu gehört es auch, inhaltlich einen Umbruch mit dem richtigen Personal – also mit einem Plan – umzusetzen.

Weshalb man sich nie um Carsten Wehlmann bemüht hat, hatte ich zuletzt schon gefragt und kritisiert. So ein Mann, der bewiesen hat, aus wenig sehr viel machen zu können und der dazu sogar noch eine HSV-Vergangenheit als Hamburger hat, hätte Gold wert sein können. Es wäre eine mutige Entscheidung gewesen, weil sie eben nicht erwartbar war. Und vor allem hätte man mal nicht wieder oberhalb der eigenen Liga gesucht. Man hätte mal nicht den Eindruck vermittelt, sich Erfolg teuer einkaufen zu wollen.

Klar kann man jetzt sagen, diesen Weg ist man mit Boldt schon gegangen und er hat fünf Jahre in Folge nicht den notwendigen Erfolg gebracht. Aber ich sehe beim HSV seit vielen Jahren eine Faulheit in personellen Entscheidungen, die zum einen teuer sind und zum anderen vor allem auch: erfolglos. Boldt selbst hat versucht, diesen Weg zu durchbrechen, bleib dabei aber immer inkonsequent. Auf der einen Seite hat er jungen Trainern wie Hannes Wolf und Daniel Thioune sowie einem umstrittenen Coach wie Tim Walter Chancen gegeben. Auf der anderen Seite hat er aber bei Spielerverpflichtungen immer wieder auf teures Personal zurückgegriffen und wenig unverbrauchte Talente gefunden und hier ausbilden lassen.

Letzteres wird immer wieder gefordert – ist aber zweifellos auch nicht einfach, es bei der hiesigen Erwartungshaltung umzusetzen. Steffen Baumgart erteilte dem Einsatz junger Talente gerade eine Absage aus rein sportlichen Gründen. Und für mich ist das völlig nachvollziehbar, denn die jungen Spieler, die gerade beim HSV hintendran sind, sind eben nicht besser als die, die aktuell im Kader stehen. Und allein aus populistischen Gründen jungen Leute reinwerfen hat in den letzten Jahren beim HSV auch nie (lange) funktioniert.

Vielmehr muss man sich hier einer inhaltlichen Diskussion annehmen. Und die kann nur geführt werden, wenn man über Leistungsstände Bescheid weiß. Ich persönlich kenne den aktuellen Leistungsstand von einem Tom Sanne beispielsweise nicht, zugegebenermaßen. Er trifft in der Regionalliga häufiger – aber das ist eben auch zwei Klassen tiefer. Das ist ein großer Unterschied. Und da ich weiß, dass der ehemalige Bundesligastürmer Baumgart sehr wohl weiß, worauf es ankommt, hoffe ich mal, dass er richtig damit liegt, Sanne einzubauen. Andererseits fällt es mit angesichts der Performances von Andras Nemeth und Levin Öztunali sehr schwer, zu glauben, dass ein sehr guter Regionalliga-Angreifer nicht besser ist als ein seit Monaten dysfunktionaler Ex-Bundesliga-Spieler beispielsweise…

Aber noch mal zurück zum Status Quo, der sich an diesem Wochenende finalisieren könnte. Denn sollte der HSV erneut patzen und Düsseldorf sein Spiel gewinnen, wäre der Aufstieg sicher auch für Baumgart kaum mehr ein Thema. Allein, dass der HSV dann seinen neuen Weg verkünden kann, bezweifle ich. Denn die einzigen Personen in der Führung, die über sportliche Expertise verfügten, sind die, die zur Disposition stehen. Und die werden sich schwerlich selbst belasten, geschweige denn zurücktreten und dem HSV noch helfen, die bestmöglichen Nachfolger für sich selbst zu finden.

Von daher stellt sich die Frage: Wer soll beim HSV darüber entscheiden, wie und mit wem es ab Sommer weitergeht? Michael Papenfuß als Aufsichtsratsvorsitzender hat hier eine Verantwortung, die er mit seinen Ratskollegen allein nicht stemmen kann. Marcell Jansen, der sportlich sicher die größte Expertise mit sich brachte, gilt im Gremium als zu umstritten, als dass man auf ihn zurückgreifen wollen wird. Mit anderen Worten: Fußballerisch betrachtet sollen also Laien/Amateure die besten Profis für den HSV finden. Das klingt nicht nur unlogisch – das ist es auch… Vor allem ist das auch der Grund, weshalb man hier bis zuletzt darauf gehofft hat und noch immer hofft, dass es funktioniert…

Für Sonnabend in Braunschweig spielt das alles erst einmal keine Rolle – da hat Baumgart recht. Und der Trainer musste heute zwei schlechte Nachrichten hinnehmen (wobei eine gestern schon kommuniziert wurde): Ignace van der Brempt sowie Laszlo Benes werden ihm in Braunschweig fehlen. Das wiederum ist aus meiner Sicht bitter, weil van der Brempt die Reis-Position hinten rechts wieder hätte übernehmen können, damit Reis wieder in die Problemzone zentrales Mittelfeld rückt.

So aber wird Baumgart im Mittelfeldzentrum wieder darauf hoffen müssen, dass der ehemalige Braunschweiger Immanuel Pherai (dann wahrscheinlich neben Lukasz Poreba) zumindest an alter Wirkungsstätte mal funktioniert und für Torgefahr sorgt. Zumindest glaube ich, dass Baumgart das so handhaben wird, da die Eintracht zuletzt sehr defensiv und sehr kompakt agierte. Da können dribbelstarke Spieler wie Jean Luc Dompé über außen und Pherai durchs Zentrum helfen – wenn sie denn beide zu alter Form finden.

In diesem Sinne, Glückwunsch an den FC St. Pauli, der heute Rostock geschlagen hat und damit durch sein dürfte. Denn auch wenn Düsseldorf rechnerisch noch vorbeiziehen könnte, bin ich mir sicher, dass der Stadtteilclub sich das nicht mehr nehmen lässt. Apropos: Habt Ihr mal gesehen, wie wichtig einstudierte Standards sind? Der FC St. Pauli hat damit locker 12 – 15 Punkte eingefahren. Der HSV dagegen – null? Ich erinnere mich zumindest nicht…

Bis morgen! Dann wieder mit dem Blitzfazit nach dem Spiel!

Scholle

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