Spielbericht

HSV kann 30 Minuten gegenhalten - dann geht's mit 0:4 raus

Ernüchternd. Nach dem 0:3 gegen den FC St. Pauli folgte ein 0:4 in Leipzig in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Der HSV begann zwar stark – war aber letztlich deutlich…

HSV kann 30 Minuten gegenhalten - dann geht's mit 0:4 raus

Ernüchternd. Nach dem 0:3 gegen den FC St. Pauli folgte ein 0:4 in Leipzig in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Der HSV begann zwar stark – war aber letztlich deutlich unterlegen. Per Doppelpack hat der dänische Fußball-Nationalspieler Poulsen schon vor der Pause für die Entscheidung gesorgt. Mohamed Simakan (68. Minute), der zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr auf dem Platz hätte stehen dürfen (siehe Einzelkritik Schiedsrichter) und Benjamin Henrichs (82.) sorgten schließlich mit weiteren Treffern für den Achtelfinaleinzug des Titelverteidigers. 

Hamburgs Sportchef Jonas Boldt zeigte sich nach dem Abpfiff von einer Szene kurz vor der Halbzeit genervt, bei der aus seiner Sicht RB-Profi Mohamed Simakan nach einer mutmaßlichen Tätlichkeit gegen Bakery Jatta Rot hätte sehen müssen. „Ich weiß nicht, warum er es nicht geahndet hat“, sagte Boldt bei Sky über den Schiedsrichter. „Es fällt schwer, sich da nicht aufzuregen darüber.“ Und in diesem Punkt gebe ich ihm zu 100 Prozent recht. Denn der Schiedsrichter ahndete die Tätlichkeit – mit Gelb. Was für ein Fehler!

Ansonsten war der HSV vor 44.787 zu Spielbeginn zwar spielbestimmend und hätte das 1:0 durch Bakery Jatta machen müssen, als dieser den Ball am/im Sechzehner frei zugespielt bekam und selbigen vertändelte. Aber quasi im Gegenzug fiel das 0:1 aus HSV-Sicht. Der starke Dominik Szoboszlai bediente Außenverteidiger Mohamed Simakan, dessen Hereingabe Poulsen ins leere Tor schob. Drei Minuten später war es nahezu dasselbe Muster, mit dem Hamburg übertölpelt wurde. Szoboszlai eroberte den Ball, schickte André Silva (während Schonlau-Ersatz Jonas David am Ball vorbeischlug) - und wieder schob Poulsen den Ball ins leere Tor. Leipzigs Trainer Marco Rose hatte das Spiel des HSV vorher als „kein Hexenwerk“ bezeichnet - und der Halbzeit-Stand gab ihm ebenso recht wie der weitere Spielverlauf, in dem der HSV sein eindimensionales Spiel ohne weitere Akzente setzen zu können runterspielte.

Leipzig reichte es sogar, auf Konter zu setzen. Emil Forsberg (57.) scheiterte an HSV-Torwart Daniel Heuer Fernandes. Auf der anderen Seite hielt Janis Blaswich (58.) einen Kopfball von Ransford Königsdörffer glänzend. Die Entscheidung fiel dann nach einer Forsberg-Ecke. Der Schwede fand den Kopf von Simakan, der längst unter Dusche hätte stehen müssen, und der HSV war endgültig besiegt. Nach einem weiteren Konter sorgte Henrichs per Flachschuss für den Endstand. Das Bitterste an dieser einzukalkulierenden Niederlage: Jatta und Heyer mussten angeschlagen das Feld verlassen. Und bei beiden sahen die dazugehörigen Szenen zuvor nicht gut aus…

DIE EINZELKRITIK:

Daniel Heuer Fernandes: Chancenlos bei den Gegentoren, ansonsten stark wie immer. Note: 2 

Moritz Heyer (bis 74.): Er hatte seine Seite gut im Griff und schaltete sich auch offensiv häufiger mit ein. Vor der Auswechslung hart, aber regelkonform umgegrätscht worden – das sah schmerzhaft aus. Ich hoffe für den HSV, dass er nicht ausfällt. Für seine Position hat der HSV keinen Ersatz.  Note: 2

William Mikelbrencis (ab 74.): Er wurde eingewechselt, das habe ich gesehen. Danach aber war er irgendwie weg…

Jonas David: Bis zum 0:2 sah es ganz ordentlich aus – aber vor allem bei dem zweiten Poulsen-Treffer sah der Schonlau-Ersatz ganz schlecht aus. So reicht das leider nicht Note: 5

Mario Vuskovic: Bei vier Gegentoren kann nicht alles gut gewesen sein. Wirkliche Fehler habe ich von dem Kroaten zwar nicht gesehen, aber Note: 4

Miro Muheim: Einfache Tore sind nicht seins – wenn er trifft, dann muss es spektakulär sein. Und das wäre es in der 20. Minute fast schon wieder geworden. Was für ein Strahl ans Lattenkreuz! War leider früh gelbverwarnt und musste anschließend vorsichtiger sein. Vor allem aber ist er zweimal nicht auf dem Posten gewesen, als über seine Seite die ersten beiden Tore vorbereitet wurden. In der zweiten Halbzeit wurde er besser. Daher Note: 4

Jonas Meffert: Der Ersatzkapitän war on fire – ist aber wie viele andere auch an seine Grenzen gestoßen.  Note: 4

Ludovit Reis (bis 74.): Wieder hatte er den ersten Torschuss – obwohl er in dieser Szene früher hätte auf Jatta ablegen müssen. Dann hätte es noch gefährlicher werden können. Insgesamt war er mir etwas zu eigensinnig und verpasste zu oft das rechtzeitige Abspiel. Ihn rauszunehmen und zu schonen beim Stand von 0:3 war schlau. Note: 4

Elijah Krahn (ab 74.): Kam, als das Spiel gelaufen war. Trotzdem: Der Junge hat was im Fuß. Er spielt sehr schlau, hat vernünftiges Tempo und ist relativ robust. Sobald er genug Spielzeit und Entwicklungszeit bekommt, wird der dem HSV helfen. Eine Note zu geben, wäre heute unfair. 

Anssi Suhonen: Hatte anfänglich große Probleme mit dem Spieltempo und leistete sich zu viele unnötige Ballverluste. Kam auch nach der Halbzeit nicht gut ins Spiel. Aber das sei ihm entschuldigt nach der langen Verletzungspause. Er wird dem HSV auf Sicht wieder mehr helfen können Note: 5

Jean Luc Dompé (bis 59.):  Machte zu Beginn einen guten Eindruck und hatte Tempo im Spiel. Er traf sogar spektakulär - schade nur, dass der Franzose (der wohl auch abseits war) seinem Gegenspieler auf die Zehen gestiegen war. Defensiv ist er dagegen keine Hilfe. Und wie zuletzt auch: Mir fehlt bei ihm die Durchschlagskraft. Note: 4

Sonny Kittel (ab 60.): Was soll ich noch sagen? Wenn man in ein Spiel reinkommt nach 60 Minuten sollte man frischen Schwung von einem so tollen Fußballer erwarten können. Aber stattdessen versteckt sich der vielleicht fußballerisch beste HSVer.  Er verschuldete mit einem unnötigen Ballverlust das 0:4. Nachsetzen in der Szene? Nicht mit Kittel…!! Im Vergleich zu Kittel hat selbst ein Regenwurm mehr Körperspannung. So ist er nicht mehr tragbar. Note: 6

Bakery Jatta (bis 68.): Man kann sich gar nicht vorstellen, wo dieser Mann spielen könnte, wenn er technisch mehr draufhätte. Allein sein Tempo ist Weltklasse und ein Problem - selbst für Nationalspieler wie Leipzigs David Raum. Hätte er diese Technik – er hätte in der 32. Minute das 1:0 gemacht. Wobei, scheiß auf diesen dauerhaften Konjunktiv: Das Ding MUSSTE !! er machen, als er im 16er frei vom Gegner den Ball geschenkt bekommt. Genau diese Momente entscheiden über Sieg und Niederlage. So aber geriet der HSV wenige Sekunden später in Rückstand. Bittere Kombiwirkung! Noch bitterer war sein Aus durch Verletzung. Das sah nicht gut aus. Ergo: Daumen drücken! Note: 3

Xavier Amaechi (ab 68.): Er kam, als alles durch war und Leipzig das Spiel austrudeln ließ. Machte es aber ordentlich auf der rechten Seite. In der Hoffnung, dass er sich noch weiter steigern kann, bekommt er ebenfalls keine Note.

Ransford Königsdörffer (bis 74.): Siehe Jatta: Sein erster Ballkontakt bleibt sein großes (technisches) Manko. Ansonsten hat er alle Fähigkeiten, um die generischen Abwehrreihen verzweifeln zu lassen: den Körper, das Tempo, den Instinkt. Man stelle sich vor, er würde das jetzt auch mal wieder zeigen… Verlor das Kopfballduell gegen Simakan vor dessen 3:0 für die Leipziger. Kein guter Tag für ihn. Note: 5

Filip Bilbija (ab 74.): Er ist fleißig. Und ich glaube, er wird in den nächsten Spielen seine Chance bekommen. Eine Note für diese 15 belanglosen Minuten erspare ich ihm. 

Schiedsrichter Benjamin Cortus: Schwach!! ER muss Simakan unmittelbar vor dem Pausenpfiff mit Rot runterstellen! Gelbe Karte in dieser Situation ist inkonsequent – nein: regulär betrachtet ist es ein Witz! Die hätte er theoretisch Jatta geben können für sein Generve. Aber ein Kopfstoß ist KEIN GELB! DAS IST NUR ROT! So konnte der Leipziger sogar noch das 3:0 machen. Note: 6

Trainer Tim Walter: Er hatte seine Mannschaft gut eingestellt und sah wie wir alle 30 starke Minuten. Aber noch mal: Wer als Trainer nur ein System hat, wer nie auf Spielverläufe reagiert, sondern gegen alle Mannschaften (ob Zweitliga-Abstiegskandidat oder Champions-League-Teilnehmer) dem fehlt einfach etwas. Zu glauben, dass man gegen einen so starken Erstligisten durchgehend Powerplay aufziehen kann ist einfach vermessen. Und es lässt vermuten, dass Walter gar nicht dazulernen will. Ergo: So, wie Sportvorstand Jonas Boldt nach starken Spielen (Siegen) die Vertragsverlängerung von Tim Walter angesprochen hatte, müsste er jetzt davon sprechen, diese erst einmal aussetzen zu müssen. 

HSV-Fans: Wahnsinn, was da für ein Support in Leipzig vor Ort war. Weit mehr als die 5000 dem HSV zur Verfügung gestellten Tickets hatten sich HSV-Anhänger gesichert, um eine mögliche Sensation zu begleiten. Verdient hätten sie es allemal gehabt angesichts dieses friedlichen und lautstarken Supports bis nach Spielschluss.

DIE DATEN ZUM SPIEL:

RB Leipzig: Blaswich - Simakan (70. Schlager), Orban (46. Gvardiol), Diallo, Raum - Henrichs, Kampl, Szoboszlai (60. Novoa), Forsberg (82. Ba) - Silva, Poulsen

HSV: Heuer Fernandes - Heyer (74. Mikelbrencis), Vuskovic, David, Muheim - Meffert, Suhonen, Reis (74. Krahn) - Jatta (68. Amaechi), Königsdörffer (74. Bilbija), Dompé (60. Kittel)

Tore: 1:0 Poulsen (33.), 2:0 Poulsen (36.), 3:0 Simakan (68.), Henrichs (82.)

Zuschauer: 44.787

Schiedsrichter: Benjamin Cortus

Gelbe Karten: Henrichs, Simakan, Raum / Muheim, Meffert, Bilbija

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