Analyse

HSV: Gute Stimmung ist wichtig - wird aber allein nicht reichen

Es sind noch 8 Tage, dann geht es wieder los für den HSV. Und das auch gleich mit einem sportlichen Schwergewicht, wenn der HSV am 2. August beim 1. FC Köln antreten muss. Dem…

HSV: Gute Stimmung ist wichtig - wird aber allein nicht reichen

Es sind noch 8 Tage, dann geht es wieder los für den HSV. Und das auch gleich mit einem sportlichen Schwergewicht, wenn der HSV am 2. August beim 1. FC Köln antreten muss. Dem Exklub von Trainer Steffen Baumgart, der die erste vollständige Vorbereitung mit dem HSV dann hinter sich hat und der von der Zusammenarbeit mit dem neuen Sportvorstand Stefan Kuntz schwärmt. Gegenüber „11Freunde“ sagte der HSV-Trainer „Ich habe das erste Mal in meiner Trainerlaufbahn einen Chef, der als Spieler im Fußball viel mehr erreicht hat als ich. Es macht schlicht Spaß zu kommunizieren, weil ich feststelle, dass da ein noch größeres Verständnis ist.“

Die Wertschätzung der beiden HSV-Entscheider beruht dabei offen hör- und sichtbar auf Gegenseitigkeit. So sagte Kuntz über den sehr impulsiv coachenden Baumgart: „Ich habe die innere Überzeugung, dass es mit ihm klappen kann.“ Und zum Team Baumgart/Kuntz sagte der neue Sportvorstand: „Auch auf die Mannschaft wirkt es sich positiv aus, wenn die merken: Der Alte ist positiv bekloppt und voller Fußballleidenschaft – und jetzt kommt noch einer vom Vorstand dazu, der hat sie auch nicht alle. Uns beiden entkommt man nicht.“ Eine Wortwahl, mit der sich der volksnahe und sympathische Kuntz bei den Fans im Trainingslager sofort beliebt machen konnte. Und ich bin mir sicher, dass das auch beim Rest der Fans früher oder später so passieren wird, weil der einst selbst sehr erfolgreiche ehemalige Europameister einfach der bodenständige, nahbare Typ ist, der hier in Hamburg gut ankommt. 

Aber was ist das alles sportlich wert? Immerhin steht und fällt die Stimmung wie überall auch beim HSV mit dem dazugehörigen Erfolg. Und um diesen mache ich mir weiterhin Sorgen.

Insgesamt scheint sich beim HSV aktuell sehr viel auf den Teamgeist zu fokussieren. Wenn ich mit den Kollegen sprechen, die im Trainingslager waren (heute ist Abreise), dann bekomme ich immer zu hören, dass die Stimmung auffällig gut ist. Und nein, das ist alles andere als unwichtig! Das braucht man als Team, um Erfolg zu haben! Das ist gut!  Aber wenn es ums Sportliche geht, mache ich mir weiterhin große Sorgen um die Leistungsfähigkeit dieser Mannschaft, bei der die neue Doppelspitze mit Robert Glatzel und Neuzugang Davie Selke noch gar nicht mitspielen konnte. Und das eine Woche vor dem Saisonstart…

Es fehlt weiterhin die stabile Defensive, wie die bittere Pleite gegen zweitklassige Waliser von Cardiff demonstrierte. Es fehlt das Aufbauspiel durchs Zentrum, wo beim HSV große Hoffnungen auf Neuzugang Adam Karabec liegen. Und ganz vorn – okay, das hatte ich eben schon. Dort ist noch nichts eingespielt. Wenn man sich in. Den nächsten Tagen anhört, was Spieler und Verantwortliche zum Trainingslager sagen, dann wird sich das alles sehr positiv anhören. „Der Veranstalter lobt immer die eigene Veranstaltung“, hat mein Opa in solchen Fällen immer gesagt. Und so ist es ja auch. Die HSVer selbst werden nie sagen: „Das war scheiße. Wir sind noch nicht ansatzweise so weit, dass wir gegen den 1. FC Köln bestehen und aufsteigen können.“

Die Konkurrenz aus Köln lobt sich selbst

Innerhalb von acht Tagen diese oben beschriebenen Missstände abzustellen, wird schwierig. Daher richtete sich mein Blick zuletzt zur Konkurrenz, die teilweise deutlich länger schon in der Vorbereitung steckt, als der HSV, der aus mir unverständlichen Gründen als vorletztes Team (nur Düsseldorf war später – hatte allerdings durch die Relegation auch erst acht Tage später Pause). Der erste Gegner beispielsweise ist eine Wiche vor dem HSV wieder auf dem Platz gewesen und ist in Sachen Eingespieltheit schon weiter. So heißt es zumindest aus Köln. Beim 2:1-Sieg der Kölner gegen Swansea (2. Englische Liga) überzeugte die A-Elf komplett und hätte zur Halbzeit deutlich höher führen müssen. Schwachstelle beim FC ist dagegen die zweite Reihe, die durch den Transferstopp ausgedünnt ist. Bleibt die Frage, inwieweit dem HSV das zu so einem frühen Saisonzeitpunkt hilft. Fakt ist: Meine Kölner Kollegen sind mit dem aktuellen Stand sehr zufrieden – sportlich wohlgemerkt. Was die Stimmung anbelangt, sei eh alles top. Na denn…

Letztlich muss der HSV eh zusehen, seine eigenen Baustellen zu lösen. Mit Karabec (und sicher auch einem gesunden Selke) will man den Abgang von Laszlo Benes und damit stattliche 24 Torbeteiligungen (13 Tore, elf Assists) kompensieren. Ein schweres Erbe für den 21-Jährigen, trotz seiner bereits 141 Profispiele. Karabec, der heute in der BILD ein Interview gegeben hat, in dem er sich selbst eine Führungsrolle zutraut, würde ich diese Rolle zumindest noch nicht andienen. Ebenso wie Benes wird er Zeit brauchen.

Was also macht Hoffnung? Die gute Stimmung, okay. Aber diese dreht sich sehr schnell, wenn verloren wird oder zumindest der gewünschte Erfolg ausbleibt. Ist das Baumgart-System zu erkennen? In Teilen, ja. Laufintensives Pressing soll es werden. Aber was passiert, wenn ein Gegner selbst den HSV früh attackiert, hat das Spiel gegen Cardiff gezeigt, in dem die Waliser den HSV unter Druck setzten und das Aufbauspiel des HSV zum Erliegen brachten. „Die hatten aber auch 120 Minuten vom Vortag in den Beinen – häng‘ das Ergebnis nicht zu hoch. Die sind auf einem guten Weg“, wurde mir geantwortet, als ich nachfragte, wie so ein schwaches Spiel zustandekommen konnte. Eine Antwort, die ich nicht gelten lassen kann.

Personell ist die Situation nicht zufriedenstellend

Beunruhigend ist, dass die Antworten, wenn man sich nach den personellen Lücken auf der Rechtsverteidigerposition sowie nach der Lücke in der Innenverteidigung erkundigt, sehr ähnlich ausfallen. Denn bei letzterer Lücke ist weiterhin unabsehbar, wann und vor allem was für ein Urteil im Dopingprozess um Mario Vuskovic gefällt wird. Kuntz selbst sagt gegenüber 11Freunde dazu: „Sollte es negativ für Mario ausgehen, würden wir auf seiner Position noch tätig werden.“ Aber:  Dass der Kroate dann nach knapp zwei Jahren ohne Spiel eh noch Zeit brauchen wird – logisch! Und genau deshalb sehe ich keinen Grund, hier nicht schon längst gehandelt zu haben. Außer: Man findet keinen geeigneten Spieler… 

Aber okay, ich habe mich jetzt in den letzten Tagen und Wochen mit Urteilen noch zurückgehalten – und das werde ich trotz der in den letzten und dem heutigen Blog angesprochenen Sorgen auch noch eine weitere Woche schaffen. Alle Verantwortlichen, auch Baumgart, sollen hier die faire Chance haben, bis zum Saisonstart ihren Plan durchzuziehen. Ich würde mich ja wie gesagt auch tierisch freuen, wenn ich mich wie letzte Saison vor dem Auftakt gegen Schalke irre.  Aber es darf sich am Ende niemand wundern, wenn es in dieser Verfassung nicht so funktioniert, wie es die Verantwortlichen von sich und dem HSV ofenkundig erwarten.

Aus der Not eine Tugend - davon profitiert die Jugend

Wobei, bei aller kritischer Betrachtung will ich auch nicht verhehlen, dass mir gefallen hat, was die Jungen Spieler in den Spielen gezeigt haben. Ich hatte mir nach Baumgarts Aussagen zum Ende der abgelaufenen Saison einige Sorgen gemacht, dass die Jugend bei ihm etwas hintendran bleiben könnte. Aber in diesem Trainingslager sind beispielsweise Baldé, Yalcinkaya und Oliveira wieder einen guten Schritt weitergekommen auf dem Weg zum gestandenen Profifußballer. Auch, weil der Kader mit ihnen so ergänzt wurde, dass ein ordentlicher Trainingsbetrieb möglich war, klar! Hier wurde eher nicht komplett freiwillig agiert und aus der Not eine Tugend gemacht. Aber: Genau das trägt ja bekanntermaßen manchmal die schönsten Blüten.

Zumindest bin ich ein großer Freund davon, die jungen Spieler so einzubinden, dass sie regelmäßig auf Profiniveau trainieren und am besten auch spielen können. In Vorbereitungsspielen noch mehr als im Laufe der Saison logischerweise. Denn nur über diese Regelmäßigkeit und die Chance zur Entwicklung für die Youngster bekomme ich wirklich heraus, wer am Ende den Sprung schafft und wer nicht. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wen wir von den Jungs im Laufe der Saison auf dem Platz sehen.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Donnerstag!

Scholle

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