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HSV geht mit Walter und Boldt in die neue Saison

Bakéry Jatta und Tom Mickel saßen auf der HSV-Spielerbank, weit nach vorn gebeugt, die Gesichter in den Händen vergraben, die Körper vibrierten. Kapitän Sebastian Schonlau…

HSV geht mit Walter und Boldt in die neue Saison

Bakéry Jatta und Tom Mickel saßen auf der HSV-Spielerbank, weit nach vorn gebeugt, die Gesichter in den Händen vergraben, die Körper vibrierten. Kapitän Sebastian Schonlau konnte die tröstende Umarmung von Trainer Tim Walter nicht ertragen, sonst wären ihm die Tränen gekommen. Aber das alles ist mehr als nachvollziehbar, wenn man 0:2 im Relegationsrückspiel gegen ein verunsichertes Team aus Berlin verliert. „Das tut einfach weh“, gestand Schonlau und schluckte. Aber vorweg, weil sich hier immer wieder Gerüchte um Schonlau ranken: Der Kapitän wird (Stand heute) bleiben. 

Nun steht der Verein vor seiner fünften Saison in Liga zwei und ist dort vom anfänglichen Gast zum Stammpersonal geworden. Kein Bayern München, kein Borussia Dortmund, kein Werder Bremen. Wieder Sandhausen, wieder Regensburg, wieder Paderborn. Das ist hart. Das wird noch ein paar Tage dauern, bis alle das wieder akzeptiert haben. Das Kopfkino, das der Hinspielsieg in Berlin ausgelöst hatte, muss erst einmal wieder von der Realität eingeholt werden. Also bei den Fans zumindest. Die Verantwortlichen selbst müssen heute schon an morgen denken und dürfen sich den Luxus der Trauer nur kurz erlauben. Einer, der geduldig bleibt, ist Vereinslegende Uwe Seeler. „Sie müssen die Mannschaft weiter aufbauen und gezielt verstärken. Dann können sie einen neuen Anlauf nehmen, und dann schaffen sie es hoffentlich“, sagte die Vereinsikone am Dienstag nach Schlusspfiff.

Obwohl der HSV knapp am großen Ziel vorbeigeschrammt ist, wird es wohl diesmal kein Tabula rasa mit Trainerrauswurf und Runderneuerung der Mannschaft geben. Die Fans haben unmittelbar nach der bitteren Niederlage abgestimmt über die Zukunft des eingeschlagenen Kurses. Die Nordkurve verabschiedete das Team mit Beifall, Sprechchören und Spruchbändern („Vielen Dank für die tolle Saison!“). „Wir hätten den Leuten gerne viel, viel mehr zurückgegeben“, sagte Schonlau und schob das aus meiner Sicht viel wichtigere hinterher: „Ich glaube schon, dass wirklich was zusammenwächst hier bei uns in der Truppe, im gesamten Verein, mit den Fans, wo wir gut drauf aufbauen können.“ Und daran kann auch Aufsichtsrat mit Ex-Profi Marcell Jansen bei seiner bevorstehenden Analyse nicht vorbei.

Mit dem Saisonfinale von fünf Siegen, dem Aufholen von sieben Punkten und dem Einzug in die Relegation hat der Walter-Fußball in Hamburg immer mehr Fürsprecher gefunden. Unglücklich, dass ausgerechnet am letzten und entscheidenden Abend der Saison von dieser Art Fußball nichts zu sehen war. Das frühe Gegentor und das aggressive Pressing der Hertha hatte den HSV früh aus der Bahn geworfen. Und einen Notfallplan gab es leider auch diesmal nicht – womit wir zu einem Manko kommen, das noch immer besteht. Auch das Klein-Klein vor der Ecke zum 0:1 ist ein Thema, das man nicht ausblenden kann, nur, weil der HSV die beste Zweitligasaison seiner Geschichte gespielt hat. Denn: Was passieren würde, wenn der HSV hier noch effektiver würde – keiner weiß es. Aber es muss das Ziel sein, das herauszufinden.

Mit teilweise neuem Personal, was ebenfalls deutlich notwendig ist. Auch deshalb muss Sportvorstand Jonas Boldt jetzt aktiv werden. „Wir werden versuchen, den Kader so zusammenhalten und punktuell zu verstärken. Wir werden mal gucken, welche Ressourcen wir dafür zur Verfügung haben“, sagte der 40 Jahre alte Manager. Sein Problem: Die Zeit ist so kurz wie noch nie bis zum neuen Saisonstart in der 2. Liga. Am 15. Juli geht es schon los. Wäre der Aufstieg geglückt, hätte das Team drei Wochen mehr Zeit gehabt. Entscheidende Nachricht von heute ist aber: Boldt und Walter dürfen weitermachen. So viel scheint klar zu sein.

Bei einigen entscheidenden Personen gab es regelrechte 180-Grad-Wendungen. Die Entwicklung, die schon zu Saisonbeginn beschworen wurde, zunächst aber nur eine Worthülse blieb, ist jetzt offenbar auch für sie erkennbar. Wir hatten das zusammen mit unseren Freunden von Createfootball.com schon sehr intensiv herausgearbeitet: Dieser HSV ist belegbar besser geworden. „Ich denke, an diesem Weg festzuhalten und darauf aufzubauen, das sollte das Ziel sein“, sagte Boldt – was natürlich nicht verwundert. Denn sein Schicksal ist nach dreijähriger Aufbauarbeit inzwischen eng mit dem von Walters verknüpft.

Aber auch Vorstandskollege Thomas Wüstefeld wurde inzwischen deutlicher: „Wir sehen die Fans, wir sehen das Umfeld. Wir bleiben zusammen, greifen wieder an, wir sind ein Team.“ Und Trainer Walter, den der Medizinunternehmer einen „super Trainer“ nannte, will nun erst mal Kraft tanken, ist selber ausgebrannt. Danach will Walter den zweiten Teil seines Aufstiegsplans umsetzen: „Wir haben hier etwas angestoßen, was gut ist. Aber wir sind noch lange nicht am Ende. Wir sind einfach noch nicht fertig.“

https://soundcloud.com/user-36211795/di240522-alles-vorbei-bleiben-walter-und-boldt-beim-hsv-wustefeld-pladiert-fur-konstanz?utm_source=clipboard&utm_medium=text&utm_campaign=social_sharing

Offen erscheint derweil noch die Zukunft von Michael Mutzel. Der Sportdirektor hat intern einen schwierigen Stand. Einerseits möchte er gern mehr Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen dürfen. Andererseits sei er in schwierigen Phasen und bei schwierigen Entscheidungen zu wenig präsent. 

Finanziell ist der Nichtaufstieg hart. Der HSV, der seit elf Jahren kontinuierlich Millionenlöcher in seinen Etats hinterlässt, muss auf gewaltige Einnahmesteigerung durch die Bundesliga-Rückkehr verzichten. Allein die TV-Gelder hätten sich von derzeit 15 auf 30 Millionen Euro erhöht. Damit wäre ein anderer Qualitätsstandard bei Verpflichtungen möglich gewesen. Jetzt wird es vermutlich in die andere Richtung laufen: Um an Geld zu kommen, müssten vermutlich Talente wie Josha Vagnoman, Mario Vuskovic und/oder Anssi Suhonen verkauft werden. Ein Weg, der für einen Zweitligisten zwar durchaus normal ist. Aber eben auch einer, der weh tut. Dennoch dürften allen Beteiligten spätestens nach dem Schlusspfiff gegen Hertha erkannt haben, dass man in Hamburg gewillt ist, den unter Walter begonnenen Neuaufbau mitzugehen. Ich auch.

In diesem Sinne, morgen meldet sich unser Blogfreund Olaf Ringelband noch einmal mit seiner sehr klaren Saison-Analyse an dieser Stelle. Ich werde dann in den nächsten Tagen nachlegen. In Wort und Bild werden wir die Mannschaft und die sportliche Leitung sukzessive bewerten. Bis dahin wünsche ich Euch allen jetzt erst einmal einen schönen Dienstagabend. Bleibt gesund!

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