Spielbericht

HSV dreht späten Ausgleich in Sieg und offenbart alte Schwächen

Der HSV hat Rückschläge weggesteckt und einen späten Ausgleich doch noch in einen Sieg verkehrt, der die letzten Hoffnungen auf einen Aufstieg am Leben erhält. Die Mannschaft…

HSV dreht späten Ausgleich in Sieg und offenbart alte Schwächen

Der HSV hat Rückschläge weggesteckt und einen späten Ausgleich doch noch in einen Sieg verkehrt, der die letzten Hoffnungen auf einen Aufstieg am Leben erhält. Die Mannschaft hat erneut bewiesen, dass sie ein Spiel tatsächlich erst dann verloren hat, wenn wirklich abgepfiffen wurde - so viel zum Positiven von heute. Ansonsten hat heute bei dem glücklichen Sieg beim SSV Jahn Regensburg vieles wieder nicht gestimmt und gehört angesprochen, wenn man besser werden will. Und davon bzw. von der Entwicklung dahin sprechen sie schließlich allezeit Saisonbeginn unbeirrt. Aber mehr dazu in den Einzelbewertungen und im Blitzfazit:

Daniel Heuer Fernandes: Musste gleich nach 1:40 Minuten und nach 11 Minuten sein ganzes Können aufbieten – und war wie gewohnt zur Stelle. In diesem Takt blieb es bis zum Schluss, weil ihn seine Vordermänner immer wieder in Bedrängnis brachten. Das Allermeiste reparierte er stark – aber beim Nachschuss zum 1:1 und beim Elfer war er machtlos. Note: 3

Moritz Heyer: In der Anfangsphase waren beide Außenbahnen zu offen. Und das lag auch an ihm. Der Ausgleich war zu 100 Prozent sein Ding (und der taktischen Vorgabe des Trainers geschuldet). Note: 4
Mario Vuskovic: Er wirkt genervt – und ich kann ihn verstehen. Seine konsequente Art hätten heute in den ersten 20 Minuten alle an den Tag legen sollen – dann wäre das Spiel zumindest ohne gegnerische Torgefahr verlaufen. Da das (taktisch) aber nicht gewünscht ist, führt frühes gegnerisches Pressing immer wieder zu brenzligen Situationen und lässt den Gegner unnötig lange an seine Chance glauben. Ehrlich gesagt bin selbst ich beim Schreiben dieser Zeilen gerade so genervt von diesem vermeidbaren Scheiß, dass ich mich sehr gut in den Kroaten hineinversetzen kann.  Note: 3

Sebastian Schonlau: Er wirkt nicht nur so – ich behaupte sogar: Er IST müde. Der Kapitän soll organisieren und führen – hat aber schon mit sich allein zu viel zu tun. Dadurch die vielen Abspielfehler, die fehlende Handlungsschnelligkeit. Und die vielen unnötig brenzligen Situationen. Dass er sich trotzdem nicht hängenlässt und seinen Schweinehund immer wieder aufs Neue überwinden kann, spricht für ihn. Note: 4

Miro Muheim: Er begann katastrophal – und dann kam er mit einem so sensationell schönen Tor um die Ecke. Aber: Ihm fehlt einfach Tempo. Ich befürchte, das wird den HSV noch teuer zu stehen kommen. Wobei: Die 1,5 Millionen Euro Ablösesumme sind schon so viel, dass der HSV sich und dem Spieler damit keinen Gefallen getan hat. Der Schweizer wird Probleme haben, diesen Wert sportlich zu rechtfertigen. Dank des Treffers, Note: 3,5

Jonas Meffert (bis 80.): Bei mir müsste er schon schwer verletzt sein, damit ich ihn aus dem Spiel nehme. Auch wenn er heute nicht so stark wie zuletzt war, ist er immer noch der einzige Anker im Mittelfeld, auf den man sich immer verlassen kann. Erste Halbzeit hing er oft in der Luft, weil der HSV das Spiel hinten heraus nicht auf die Reihe bekam. In der zweiten Halbzeit wurde er besser. Auf die Erklärung, warum er raus musste, bin ich gespannt. Note: 3

Jonas David (ab 80.): Sein bitterer Kurzauftritt mit dem verschuldeten Elfer gibt der Frage nach der Meffert-Auswechslung noch einmal mehr Gewicht. Eine Note erspare ich David in diesem Fall dennoch… 

Ludovit Reis (bis 55.): Was ist das bitte? Immer, wenn der Niederländer Jatta anspielen will, geht der Ball sonstwohin – nur nicht zum Spieler. Wobei das heute in der ersten Halbzeit generell bei Reis so war. Er ist momentan einfach nicht gedankenschnell genug. Zurecht so früh ausgewechselt worden. Note: 5

Sonny Kittel (ab 55.): War kaum auf dem Platz, da legte er den ersten guten Torschuss (für Glatzel). Er sorgte gleich für Gefahr. Holte zudem den Elfer sehr clever raus. Sehr effektiver Teilzeit-Auftritt. Und wer sich harte Kritik für schlechte Auftritte gefallen lassen muss, der darf auch Komplimente bekommen, wenn es gut war. Und das war es heute.  Note: 2
Anssi Suhonen (bis 67.): Der Fleißarbeiter mit dem feinen Fuß. Auch wenn es manchmal etwas aktionistisch wirkt, seine Art hilft dem HSV. Er schmeißt sich in jeden Ball, gibt nichts verloren – und gewann offensiv sogar Kopfballduelle gegen die hochgewachsenen Regensburger. Sein Tor ist ein Verdienst seines Fleißes. Schlaue Trainer reagieren in solchen Momenten blitzschnell und nehmen ihn nach so einem Tor nicht vom Platz. Seine Auswechslung brachte unnötig Unruhe rein. Seine Note wäre sicher eine gute Zwei geworden, hätte er weitermachen dürfen. So ist es eine Note: 3

David Kinsombi (ab 67.): In der Form kann er Suhonen nicht ersetzen. Ehrlich gesagt sah das sogar so aus, als wolle er das auch gar nicht mehr. So spielt man, wenn es um nichts mehr geht. Wobei, nein: Selbst da ist mehr Ernsthaftigkeit verlangt. Allein, wie lange er beim 3:2-Treffer im Abseits stehen bleibt – Wahnsinn… Dass er den Elfer schießen durfte, ist für mich das falsche Zeichen. Dass der Elfer drin war, okay! Aber: Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Mario Vuskovic (oder sonstein Spieler, auf den man baut) diesen Ball nehmen muss. Es sei denn, Walter und Co. planen doch mit ihm… Oder noch besser: Kinsombi startet jetzt endlich mal durch und zeigt, was er wirklich kann.  Note: 4

Bakery Jatta (bis 80.): Der Gambier wird immer schnell und hart kritisiert. Aber wer schon mal Fußball gespielt hat und dann sieht, wie auffällig massiert alle HSV-Spieler immer wieder versuchen, ihn einzusetzen, der muss anerkennen, dass Jatta eben immer auch eine Lösung darstellt für seine Mitspieler. Und er ist der erste Anspielpunkt, wenn es mal schnell gehen soll. Sein Wert innerhalb der Mannschaft ist sehr hoch. Problem: Jatta kann die Bälle zwar nicht so weiterverarbeiten, wie man es von technisch guten Spielern gewohnt ist und wie man es von einem Profi erwarten können sollte – aber er ist mit diesen Qualitäten eben schon besser als alle seine möglichen Konkurrenten für diese Position. Note: 3

Josha Vagnoman (ab 80.): Gehört allein schon ob seiner Physis in die Startelf, um sich endlich mal auf lange Sicht zu etablieren und einzuspielen. Selbst dann, wenn er mal (wie Dienstag gegen Freiburg) nicht gut spielt. Komisch, dass Walter das sonst bei den allermeisten Spielern so handhabt – bei ihm aber nicht. Belohnte sich mit dem 3:2-Treffer.  Note: 2

Mikkel Kaufmann (bis 67.): Echt klasse, dass er sich nie hängenlässt und arbeitet.- Aber: Das macht er auf einem Niveau, das einfach nicht ausreicht. Seine sehr robuste Zweikampfführung ist zu plump. Er produziert damit mehr Fouls als Ballgewinne und hat ansonsten mehr Ballverluste als angekommene Pässe. Torgefahr? Nein, wirklich nicht. Es gibt wirklich nicht einen Grund, weshalb er einem der anderen 25 Spieler im Kader vorgezogen werden sollte. Note: 5,5

Faride Alidou (ab 67.): Ist keine Hilfe. Warum der Trainer noch immer so an ihm festhält, erschließt sich mir nicht. Note: 4,5

Robert Glatzel: Viel und gut unterwegs. Immer Unruheherd, fast immer anspielbar – wurde aber zu wenig gesucht. Er spielt konstant gut. Note: 3

Trainer Tim Walter: Sein stures Festhalten am erzwungenen Kombinationsfußball hinten raus sowie seine planlosen und wider eigene Aussagen (s. unten) nicht nur besser machenden Wechsel hätten den HSV fast die letzte Chance auf den Aufstieg gekostet. Wieder einmal presst der Gegner – und wieder einmal schwimmt der HSV defensiv. Das heute war schwach und glücklich – und wird so in einem von fünf Fällen gutgehen. Dass der Trainer offenbar sein System (und damit sich) über das Ergebnis stellt, ist gefährlich. Für den HSV – und auch für seine Position. Unverständlich, warum er der Mannschaft noch immer kein probates Mittel anhand geben konnte, wenn der Gegner mal wieder früh presst. Auch dass er Kaufmann so zwanghaft ins Team drückt ist sportlich absolut nicht nachvollziehbar. Note: 5

Stimmen zum Spiel:

Miro Muheim: „Das Gegentor zum 2:2 war sehr ärgerlich. Wir haben uns auch schon davor zu sehr hinten hereindrücken lassen. Doch unsere Reaktion war dann unglaublich. Wir haben mal wieder Teamgeist und Wille gezeigt. Das zeigt, was für eine geile Mannschaft wir sind. Wir haben nie aufgegeben, immer weitergekämpft. Das zeichnet uns schon die ganze Saison aus. Bei meinem Tor habe ich eigentlich direkt gespürt, dass der Ball wie ein Strahl einschlagen wird. Das ist ein unglaubliches Gefühl, wenn du den Ball dann einschlagen siehst.“ 

Jonas Meffert: „Ich konnte am Ende ausgewechselt von der Bank aus gar nicht mehr richtig hingucken. Und auf einmal pfeift der Schiedsrichter Elfmeter. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sauer ich geworden bin. Aber wir haben schon häufiger in dieser Saison erlebt, dass etwas gegen uns läuft. Beim 3:2 sind wir dann alle auf den Platz gestürmt. Die Fans sind ausgerastet, das war wie bei einem Heimspiel - einfach geil! Man muss bei allen Emotionen sagen, dass Regensburg sehr gut gespielt hat und wir anfangs viel Glück hatten. Doch wir sind aus diesem Tief herausgekommen. Auch das gehört zu unserer Entwicklung dazu.“  

Tim Walter: „Je länger das Spiel ging, desto mehr haben wir es angenommen. Nach der Halbzeit kriegen wir dann ein denkbar unglückliches Gegentor, aber sowas passiert und auch das haben wir gemeinschaftlich aufgefangen. Wie meine Mannschaft bis zum Schluss versucht hat, zu gewinnen, und wie die Einwechselspieler neue Energie ins Spiel gebracht haben, ist aller Ehren wert. Da baut sich etwas auf bei dieser jungen Mannschaft und genau diesen Weg wollen wir weitergehen.“ 

Mersad Selimbegovic (Trainer Jahn Regensburg): „Wir müssen heute nach einer Viertelstunde 2:0 führen, dann wird das ein ganz anderes Spiel. So aber geht der HSV mit seinem ersten Torschuss in Führung - einem Sonntagsschuss am Samstag. In der Folge haben wir nicht mehr viel zugelassen, sind verdient zum Ausgleich gekommen und kassieren dann den nächsten schönen Treffer aus der Distanz. Das war bitter, aber wir sind erneut zurückgekommen und haben verdient ausgeglichen. Was dann passiert ist, ist aus unserer Sicht einfach nur unglücklich. Aber wir dürfen stolz auf uns sein, denn wir waren auf Augenhöhe mit dem HSV.“

Die Daten zum Spiel:

Jahn Regensburg: Meyer - Saller, Breitkreuz, Kennedy, Wekesser - Gimber (71. Yildirim), Besuschkow, Beste, Boukhalfa (80. Makridis), Shipnoski (70. Guwara) - Albers

Hamburger SV: Heuer Fernandes - Heyer, Vuskovic, Schonlau, Muheim - Reis (55. Kittel), Meffert (79. David), Suhonen (67. Kinsombi) - Jatta (79. Vagnoman), Glatzel, Kaufmann (67. Alidou)

Tore: 0:1 Muheim (23.), 1:1 Boukhalfa (46.), 1:2 Suhonen (66.), 2:2 Albers (89.), 2:3 Vagnoman (90.), 2:4 Kinsombi (90.+6)

Zuschauer: 13.252

Schiedsrichter: Timo Gerach (Landau-Queichheim)

Gelbe Karten: Besuschkow (26.), Gimber (38.), Saller (45.), Beste (48.) / Meffert (26.), Heyer (79.)

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