HSV-Boss Jansen spricht (endlich) Klartext
Die Schadenfreude daran, dass sich der HSV innerlich zerfleischt, ist ungebrochen. Es gibt noch immer sehr viele, die sich darüber freuen, wenn sich der HSV mal wieder…

Die Schadenfreude daran, dass sich der HSV innerlich zerfleischt, ist ungebrochen. Es gibt noch immer sehr viele, die sich darüber freuen, wenn sich der HSV mal wieder demontiert. Machtkämpfe auf Ebene des Vorstandes und des Aufsichtsrates waren hierfür in den letzten Jahren treue Lieferanten von großen Schlagzeilen. Auch dieses Jahr wieder? Sportvorstand Jonas Boldt soll sich mit seinem Vorstandskollegen Thomas Wüstefeld in den Haaren haben, zudem sollen sich intern schon Fraktionen Pro und Contra Boldt gebildet haben. So heißt es in den Artikeln meiner ehemaligen Kollegen des Hamburger Abendblattes. Hierauf sind dann auch die Kollegen der anderen Blätter aufgesprungen. Und dabei sind einige, genau so, wie ich es ihm letzten Blog geschrieben hatte, erkennbar über das Ziel hinausgeschossen.
Zumindest hat sich Aufsichtsratsboss Marcell Jansen jetzt im Rahmen des Benefizspiels zugunsten der Ukraine zu den Streitigkeiten geäußert. Und er war sehr verwundert darüber, wie die aus seiner Sicht sehr konstruktive, gemeinschaftliche Aufsichtsratssitzung vom vergangenen Mittwoch öffentlich interpretiert und dargestellt wurde. „Die Mannschaft hat eine geile Saison gespielt. Wir haben mit unseren beiden Vorständen gesprochen. Wir haben eine klare Erwartungshaltung an den Weg, auch gemeinschaftlich, für den nächsten Schritt der Entwicklung.“ Soll heißen: Thema war stets, gemeinsam weiterzuarbeiten.
Bei den Kollegen hieß es zwischenzeitlich, dass Boldt seit Monaten mit Teilen der Kontrolleure Differenzen habe und dass er dem Aufsichtsrat Bedingungen gestellt haben soll. Zudem soll er neben der ausschließlich professionellen Zusammenarbeit mit Wüstefeld auch mit Sportdirektor Michael Mutzel nicht mehr geräuschlos zusammenarbeiten. Boldts Forderung nach einem neuen Vertrag für ihn und Trainer Tim Walter als Vertrauensbeweis ist allerdings bislang nicht von Boldt an den Aufsichtsrat herangetragen worden. Im Gegenteil: Am vergangenen Mittwoch sollen sich alle – Aufsichtsräte wie Vorstände – einig darin gewesen sein, weiter zusammenarbeiten zu wollen.
Und wer heute die Berichte liest, der kann durchaus herausfiltern, dass die Kollegen allesamt zurückrudern. Im Abendblatt noch mit einer leicht irritierender Überschrift Hrubesch zum Streit: „Momentan ist viel Bambule“ und der Unterzeile, dass der Streit trotz Jansens anderslautender Ansage weiter schwelen würde. Im Text stützt sich das dann aber auch schon nicht mehr. Stattdessen wird dort Jansen zitiert: „Natürlich haben wir auch klare Forderungen. Natürlich wollen wir nach so einer Saison den nächsten Schritt gehen in der neuen Saison. Ich glaube, das muss auch der Anspruch des HSV sein. Ich finde, alles andere müssen die Vorstände mit ihren Mitarbeitern schön selbst regeln. Das ist dann auch nicht unsere Aufgabe.“
Klingt alles nicht wirklich nach Unstimmigkeiten für mich. Zumindest nicht nach erwähnenswerten. Denn auch ein Streit an sich ist nichts, was beunruhigt. Und der Grat zwischen Diskussion und Streit ist oftmals eine interpretationsfrage. Im Gegenteil: Gerade heraus geführte, heftige Diskussionen oder Streits können im Sinne der Sache geführt sehr produktiv sein. Deutlich produktiver als oberflächliche Einigkeit. Mit anderen Worten: Selbst wenn sich die Protagonisten wie im Fall Boldt/Wüstefeld nicht sonderlich mögen würden, wäre das noch kein grundsätzliches Ausschlusskriterium. Im Gegenteil: In eine solchen Fall würde ich es als AR genauso handhaben, wie es der aktuelle AR gemacht hat: Ich würde beiden Führenden Mitarbeitern die Aufgabe stellen, sich zusammenzureißen und zusammenzuarbeiten. Sollte das nicht möglich sein, müsste der AR sich entscheiden.
So, wie damals bei Hoffmann/Beiersdorfer, als Letztgenannter dem AR ein Ultimatum gestellt hatte. Das wiederum ist aus meiner Sicht ein Ausschlusskriterium. Also, sollte ein Angestellter – völlig egal ob Zeugwart oder Vorstand – dem HSV ein Ultimatum stellen, wäre das aus meiner Sicht nicht hinnehmbar. Sollte ein Angestellter dem HSV mit Konsequenzen drohen, sofern man seine Forderungen nicht akzeptiert – wäre er schlichtweg nicht mehr tragbar, da er sich über den HSV stellen würde. Punkt. Und dass Jonas Boldt eine Vertragsverlängerung für sich und Trainer Walter als Vertrauensbeweis fordert, habe ich zwar gehört – aber ebenso wie der Aufsichtsrat habe ich es noch nicht von Boldt und/oder Walter selbst gehört.
Von daher bewerte ich diese Forderung auch noch nicht. Aber für den Fall, dass sie doch gestellt wird/wurde, würde ich mich als Aufsichtsrat hiervon nullkommanull drängen lassen. Oder erkennt hier irgendwer den Anspruch, noch ein Jahr laufenden Vertrag vorzeitig verlängern zu müssen? Als „Vertrauensbeweis“? Nein, in diesem Punkt muss ich sogar Jansen zustimmen, der mit klarem Bezug auf Jonas Boldt bzw. dessen angeblich eingeforderten Vertrauensbeweis sagt: „Wir wissen, wer seit drei Jahren in der sportlichen Verantwortung steht und alle Unterstützung bekommt, also haben wir da nicht viel Fluktuation gehabt im Sport auf der Position...“
Ein „Kommunikationsdesaster“ hatte ich es genannt, dass der AR nach seiner Sitzung kein öffentliches Statement abgegeben hat. Ein paar Sätze wie die von Jansen am Sonnabend hätten schon gereicht, um unnötigen Interpretationen vorzubeugen. Und just in diesem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, veröffentlicht der HSV ein großes Interview mit Jansen. Aber lest selbst:

INTERVIEW
30.05.22
"WIR HABEN BEIDEN VORSTÄNDEN DAS ABSOLUTE VERTRAUEN AUSGESPROCHEN"
DER AUFSICHTSRATSVORSITZENDE UND E.V.-PRÄSIDENT MARCELL JANSEN ÄUSSERT SICH IM INTERVIEW AUF HSV.DE ZUR SAISONANALYSE UND ZUR ZUKÜNFTIGEN AUSRICHTUNG DES CLUBS.
Vor acht Tagen endete mit dem Relegationsrückspiel gegen Hertha BSC die Saison für den HSV. Die Mannschaft von Cheftrainer Tim Walter befindet sich nun in der wohlverdienten Sommerpause, doch im Club werden natürlich schon wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Im Interview auf HSV.de äußert sich der Aufsichtsratsvorsitzende und e.V.-Präsident Marcell Jansen zur zukünftigen Ausrichtung und zur Marschroute der kommenden Wochen.
Das Saisonfinale liegt nun gut eine Woche zurück. Hat sich die Enttäuschung über den verpassten Aufstieg gelegt? Wie sieht dein Stimmungsbild aus?
Marcell Jansen: Die Enttäuschung gab es bei mir nur am Montagabend nach dem Spiel. Schon am nächsten Morgen ging mein Blick nach vorne. Der Saisonauftakt für 22/23 steht quasi vor der Tür. Ohne Zweifel werden wir die Energie bündeln und gemeinsam einen neuen Anlauf nehmen. Unter der Führung von Jonas Boldt haben die Mannschaft, das Trainerteam und der Sportdirektor einen richtig guten Job gemacht. Thomas Wüstefeld setzt sich unentwegt und stark dafür ein, den HSV wirtschaftlich weiter zu stabilisieren und effizienter aufzustellen.
In der Öffentlichkeit gab es im Anschluss an die Relegation viele Schlagzeilen, in denen es um Machtdiskussionen, schlechte Stimmung auf der Geschäftsstelle und Differenzen auf Vorstandsebene ging. Wie gehst du und wie geht der Aufsichtsrat mit dieser Situation um?
Schlagzeilen gehören zu diesem Business bekanntlich dazu. Das müssen wir aushalten. Es ist eine Diskussion in den Medien, wie so oft in Hamburg. Wir als Aufsichtsrat können nur das bewerten, was in den Aufsichtsratssitzungen besprochen wird. Beide Vorstände haben uns ein ganz anderes Bild vermittelt als das in den Medien geschilderte und versichert, dass es ihnen ebenfalls nur um den HSV geht und persönliche Befindlichkeiten keine Rolle spielen. Machtdiskussionen sind uns nicht bekannt, es gab fachliche und konstruktive Gespräche mit einem gemeinsamen Verständnis.
Ist die Saisonanalyse im Aufsichtsrat abgeschlossen? Und gibt es schon eine Marschroute für die kommende Spielzeit?
Die Analyse ist noch nicht final abgeschlossen, aber wir haben die Entwicklungsfelder identifiziert. Der Aufsichtsrat hat deutlich hinterlegt, dass wir den Sport sowie die große Zustimmung der Fans für unseren eingeschlagenen Weg weiter unterstützen müssen. Der Fußball und die Gesellschaft verändern sich, daher gilt es, den wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Klare Entscheidungen zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und Gesellschaftern haben in den vergangenen Monaten dazu geführt, dass wir selbst in der Krise Schulden abbauen konnten. Diese Vorgaben des Aufsichtsrates und die damit verbundenen strukturellen Entwicklungen werden schnell vergessen. Wir werden diesen Weg der klaren Vorgaben weitergehen. Aus diesem Grunde sind sich Aufsichtsräte und Vorstände in der Saisonanalyse einig: Eine klare Optimierung des Unternehmens mit dem Ziel der Stabilisierung. Damit ist gemeint: Alles für den sportlichen Erfolg zu geben und den nächsten Schritt in Richtung erste Bundesliga zu gehen.
Zum Abschluss noch ein Blick nach vorn: Hat der Aufsichtsrat schon beschlossen, wie und wann die Vorstandskonstellation für die Zukunft entschieden wird?
Wir haben beiden Vorständen das absolute Vertrauen ausgesprochen und - wie schon erwähnt - klar unsere Erwartungshaltung platziert. Wir wollen weiterhin hungrige Kollegen und eine Organisation auf der Geschäftsstelle, die sich auch in Zukunft komplett in den Dienst des HSV stellt. Das ist unser Weg: ohne Kompromisse. Beide Vorstände haben in der jüngsten AR-Sitzung betont, wie gut die Zusammenarbeit klappt. Bei Jonas Boldt haben wir darüber hinaus auch hinterlegt, dass wir uns eine Verlängerung der Vertragslaufzeit vorstellen können. Thomas Wüstefeld ist bekanntlich bis zum Winter entsendet. Es sind wichtige Themenfelder identifiziert worden. Derzeit wird ein Plan der Restrukturierung erarbeitet. Sobald dieser verabschiedet ist, können wir die nächsten Entscheidungen diskutieren. Entscheidend dafür sind die gemeinsam festgelegten Ziele
Vielen Dank für das Gespräch.
Fakt aber ist, dass sich die Kollegen das nicht ausgedacht haben, sondern dass diese Thematik innerhalb des HSV schon eine Weile schwelt. Das wissen auch alle. Aber es bestanden etliche Möglichkeiten, wie man dieses Theater gänzlich der Öffentlichkeit und sich hätte ersparen können. Horst Hrubesch brachte es am Sonnabend mit der ihm eigenen, sympathisch-geradlinigen Art auf den Punkt und fuhr dabei den gleichen Kurs wie Jansen: „Man hat gesehen, dass man sich die letzten sieben, acht, neun Spiele gefestigt hatte. Du wirst im nächsten Jahr als Top-Favorit gehandelt. Das müssen wir annehmen. Man sollte sich zusammen hinsetzen und den Weg weitergehen. Ich bin da eigentlich guter Dinge. Wir müssen den Weg in der kommenden Woche klar aufzeigen. Dann müssen alle im Verein klar sagen, wo sie hinwollen“, so der Nachwuchschef, dessen Ball von Jansen direkt aufgenommen wurde: „Dafür müssen wir die Rahmen-Bedingungen hinstellen, dass wir die Mannschaft gezielt verstärken können. Dabei werden wir die beiden Vorstände unterstützen, das haben wir Mittwoch (bei der Aufsichtsrats-Sitzung, Anm.d. Red.) klar geäußert.“
Das klingt doch zunächst einmal sehr vernünftig. Dass Walter Trainer bleibt, gilt als beschlossen. Dass Boldt und Walter sich zusammenraufen müssen, wenn sie beide bleiben wollen, gilt als gesetzt und machbar. Auf Vorstandsebene geht es jetzt noch um zwei verschiedene Richtungen, die in Einklang gebracht werden müssen. Wüstefeld hat einen Sparkatalog angelegt, mit dem sich Boldt nur bedingt zufriedengeben mag. Auf der anderen Seite hat Wüstefeld als Mann für die Finanzen seinem Vorstandskollegen klar signalisiert, ihm weitere finanzielle Mittel zur Verstärkung der Mannschaft bereitstellen zu wollen. Von daher gehe ich davon aus, dass beide Seiten zusammenfinden werden.
Offen ist, wer am Ende die neue Mannschaft zusammenstellen wird. Intern gab es in den letzten Wochen und Monaten unterschiedliche Auffassungen, wer wie viel Verantwortung tragen soll und tragen kann. Michael Mutzel ist dabei als Direktor in die Kritik geraten. Sollte er nicht bleiben – hierüber befindet der Vorstand -, müsste wohl Boldt selbst die Kaderplanung verantworten. Aber auch hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Wichtig für den Moment aber ist, dass diesmal nicht der allzu oft verantwortliche Aufsichtsrat für Unruhe sorgt. Vielmehr scheint beim HSV vieles auf dem richtigen Weg zu sein. Der gewünschten Konstanz mit steter Weiterentwicklung sind alle Tore geöffnet – obgleich es intern noch einiges zu klären gibt. Wäre doch auch einmal etwas Neues, wenn man dies beim HSV endlich mal hinbekommt…
In diesem Sinne hoffe ich, morgen nicht mehr über dieses (Anti-)Thema berichten zu müssen. Bis morgen!
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