Analyse

HSV am Limit: Warum dem jungen Trainerteam jetzt der erfahrene Gegenpol fehlt

Der HSV schleppt sich dem Saisonende entgegen. Anders lässt sich das, was die Mannschaft seit Wochen auf dem Platz zeigt, kaum noch beschreiben. Drei Niederlagen in Folge, nur…

HSV am Limit: Warum dem jungen Trainerteam jetzt der erfahrene Gegenpol fehlt

Der HSV schleppt sich dem Saisonende entgegen. Anders lässt sich das, was die Mannschaft seit Wochen auf dem Platz zeigt, kaum noch beschreiben. Drei Niederlagen in Folge, nur ein Sieg aus den vergangenen zehn Spielen, Tabellenletzter der Formtabelle – und dazu läuferische Werte, die mittlerweile zu den schwächsten der gesamten Bundesliga gehören. Der HSV wirkt nicht wie ein Team, das im Endspurt einer Saison noch einmal alle Reserven mobilisiert. Er wirkt wie eine Mannschaft, die auf dem Zahnfleisch kriecht.

Und trotzdem steht der Verein noch immer über dem Strich. Fünf Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, sechs auf einen direkten Abstiegsrang. Das Problem dabei: Diese komfortable Situation hat sich der HSV zuletzt kaum noch selbst erarbeitet. Es ist vor allem die ebenfalls erschreckend schwache Konkurrenz aus Wolfsburg und St. Pauli, die Hamburg aktuell über Wasser hält. Wäre nur einer dieser Klubs konstant unterwegs, würde im Volkspark längst Alarmstufe Rot herrschen. Denn die Realität ist eindeutig:

Der HSV verliert die Kontrolle über eine bis vor kurzem stabile Saison

Besonders bedenklich ist dabei nicht einmal ausschließlich die Ergebniskrise. Es ist vielmehr der Eindruck, den die Mannschaft hinterlässt. Gegen Stuttgart überfordert, in Bremen phasenweise auseinandergebrochen und selbst beim 1:2 gegen Hoffenheim trotz ordentlicher Ansätze wieder mit denselben Fehlern. Zwei Flanken, zwei Gegentore. Wieder Zuordnungsprobleme. Wieder fehlende Konsequenz in den Strafräumen. Wieder mangelnde Energie in den entscheidenden Momenten.

Remberg sprach nach der Hoffenheim-Niederlage ungewohnt offen von „verpennt“. Und genau das beschreibt die Situation ziemlich treffend. Der HSV reagiert momentan oft nur noch, statt Spiele aktiv zu kontrollieren. Gerade in der Rückwärtsbewegung fehlt die Frische. Die Mannschaft kommt zu spät in die Zweikämpfe, Laufwege stimmen nicht mehr sauber, Abstände werden größer. Die hohe Intensität aus der starken Hinrunde ist nahezu verschwunden.

Das wäre schon gegen normale Gegner gefährlich genug. Nun aber warten mit Frankfurt, Freiburg und Leverkusen ausgerechnet drei Mannschaften, die körperlich, taktisch und mental zu den stabilsten Teams der Liga gehören. Frankfurt spielt um Europa, Freiburg sowieso – und Leverkusen besitzt unabhängig von der Tabellenlage enorme Qualität. Wenn der HSV dort bestehen will, reicht ein „gutes Gefühl zwischen den Strafräumen“, wie Merlin Polzin es formulierte, definitiv nicht aus.

Und genau an diesem Punkt stellt sich die entscheidende Frage: Hat dieses Trainerteam aktuell die richtigen Mittel?

Merlin Polzin und sein Staff haben dem HSV ohne Zweifel wichtige Impulse gegeben. Sie haben den Verein nach dem Aufstieg emotional stabilisiert, eine klare Ansprache etabliert und in der Hinrunde mutigen Fußball spielen lassen. Aber man darf bei aller Begeisterung über junge Trainer nicht vergessen: Dieses Trainerteam erlebt gerade seine erste Bundesliga-Saison in verantwortlicher Rolle. Und irgendwann kommt im Profifußball fast immer der Moment, in dem Euphorie allein nicht mehr trägt.

Das junge Trainerteam hat beim HSV keinen erfahrenen Ansprechpartner

Dann braucht es Erfahrung. Dann braucht es Menschen, die solche Krisenphasen schon mehrfach erlebt haben. Menschen, die Ruhe ausstrahlen, Entwicklungen früh erkennen und intern gegensteuern können. Genau dieser Faktor fehlt dem HSV seit der Trennung von Stefan Kuntz.

Man kann über Kuntz sportlich diskutieren, über Transfers oder strategische Entscheidungen. Aber was er dem jungen Trainerteam gegeben hat, war vor allem eines: Erfahrung als Sparringspartner. Einer, der Drucksituationen kennt. Einer, der Entwicklungen einordnen kann. Einer, der notfalls auch mal unbequem wird und Dinge klar anspricht. Dieser Gegenpol fehlt heute komplett. Und genau hier muss sich der Aufsichtsrat kritische Fragen gefallen lassen.

Dass ein extrem junges Trainerteam in seiner ersten Bundesliga-Saison irgendwann an eigene Grenzen stoßen könnte, war absolut vorhersehbar. Wer das im Profifußball nicht einkalkuliert, hat auf Führungsebene eigentlich nichts verloren. Umso erstaunlicher ist es, dass der HSV seit mittlerweile vier Monaten nach einem neuen Sportvorstand sucht und diese Vakanz bis heute nicht geschlossen hat. Natürlich muss eine wichtige Personalentscheidung gut vorbereitet werden. Aber der Zeitpunkt ist fatal. Gerade jetzt, in der schwierigsten Phase der Saison, fehlt dem Trainerteam der erfahrene Partner an der Spitze.

Dass in diesem Zusammenhang nun Namen wie Dietmar Beiersdorfer diskutiert werden, überrascht dennoch. Der Name erzeugt beim HSV automatisch Emotionen, weil Beiersdorfer in seiner ersten Amtszeit vieles richtig gemacht hat. Er war einst Architekt erfolgreicher HSV-Jahre, holte Spieler wie van der Vaart oder Kompany und stand für einen klaren Plan.

Das Problem ist nur: Der Dietmar Beiersdorfer seiner zweiten HSV-Amtszeit war eben nicht mehr jener Beiersdorfer aus den erfolgreichen Jahren zuvor. Seine Rückkehr entwickelte sich damals nicht zur erhofften Rettung, sondern wurde Teil eines Abstiegsprozesses voller Unruhe und Fehlentscheidungen. Deshalb wirkt die aktuelle Diskussion eher nostalgisch als zukunftsorientiert. Der HSV sollte nicht den Fehler machen, sich an alten Bildern festzuklammern. Die Wahrscheinlichkeit, dass Beiersdorfer heute noch einmal an frühere erfolgreiche Zeiten anknüpfen könnte, erscheint überschaubar.

Kommt Beiersdorfer ein drittes Mal zum HSV?

Interessanter ist ohnehin die grundsätzliche Frage, welches Profil der HSV jetzt wirklich braucht. Vielleicht eben keinen großen Namen für Schlagzeilen, sondern einen starken, erfahrenen Fußballmanager, der intern Struktur, Ruhe und Härte reinbringt. Einen, der das Trainerteam nicht ersetzt, sondern ergänzt.

Denn die kommenden Wochen werden brutal. Und die Wahrheit ist: Der HSV lebt aktuell mehr von seinem Vorsprung als von seiner eigenen Stärke. Und noch reicht das vermutlich. Aber wenn die Mannschaft weiter so viele Körner verliert wie zuletzt, wird dieses Saisonfinale deutlich unangenehmer, als man es sich im Volkspark vor wenigen Wochen vorgestellt hatte.

Apropos Saisonfinale: In diesem werden auch erste Vertragsgespräche geführt. Nach den Führungsspielern Daniel Heuer Fernandes und Ransford Königsdörffer hat der HSV offenbar auch William Mikelbrencis ein neues Vertragsangebot unterbreitet. Ein verbessertes Angebot gegenüber einem ersten, bereits abgelehnten, so die Kollegen der BILD. Offenbar sehen das Trainerteam und die sportliche Leitung noch Potenzial in dem jungen Franzosen.

Die Frage, die sich alle hier stellen lassen müssen, ist: Wie viel Zeit will man in Kauf nehmen, bis der 22-Jährige die Verstärkung ist, die er sein soll? Es ist für mich allerdings schwer unbegreiflich, weshalb das nach 62 Pflichtspielen (davon 25 in der Ersten Liga) jetzt noch passieren sollte. Oder anders formuliert: Nach vier Jahren ist er noch immer kein fertiger Bundesligaspieler, obwohl er einen Rückhalt des Trainerteams hat wie kaum ein anderer Spieler im Kader. Fragt mal Glatzel…

Im Ernst? HSV bietet Mikelbrencis einen verbesserten Vertrag...

Aber okay, mich würde es freuen, wenn ich mich bei ihm so irre wie bei Torunarigha, den ich nach der Vorbereitung als schlechtesten Einkauf der Vereinsgeschichte vermutet hatte. Inzwischen ist der Innenverteidiger die letzte Stütze in der Innenverteidigung. Einziger Unterschied: Er brauchte vier Monate, um sich zu beweisen – nicht vier Jahre plus… Und echte Alternativen zum HSV dürfte er auch nicht haben. Normalerweise müsste man Mikelbrencis ein deutlich leistungsbezogeneres Gehalt anbieten, nicht mehr! Aber irgendwie passt Vernunft und Weitsicht das zum HSVVon daher ist ein verbessertes Angebot aus meiner Sicht im doppelten Sinne falsch - aber nicht untypisch für den HSV..

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Start in die neue Woche!
Scholle

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