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HSV-Alltag wirft Fragen auf - und verlangt Antworten

Und jetzt? Das Highlight, das viele in den letzten Tagen und Wochen noch positiv gestimmt hatte, ist vorbei. Was jetzt folgt sind die Auswärtsspiele in Regensburg und…

HSV-Alltag wirft Fragen auf - und verlangt Antworten

Und jetzt? Das Highlight, das viele in den letzten Tagen und Wochen noch positiv gestimmt hatte, ist vorbei. Was jetzt folgt sind die Auswärtsspiele in Regensburg und Ingolstadt, ehe es nach einem Heimspiel gegen Hannover zum letzten Saisonspiel zu Hansa Rostock geht. Alles andere als besonders attraktive Spiele aus HSV-Sicht. Und das sehen sicher nicht nur die Fans so, sondern auch ein Teil der Spieler. Denn der wird heute erst so richtig erkennen, was man gestern gegen den SC Freiburg binnen 17 Minuten abgeschenkt hat. Auch Trainer Tim Walter blieb so nichtssagend wie häufig. Der HSV-Trainer sprach wie so oft von Entwicklung, dem Unabhängig-Machen von Ergebnissen und vom Weitermachen, was begonnen wurde. Ich wollte von ihm wissen, was passieren muss, damit man von einer guten Saison sprechen kann. Als Antwort bekam ich: „Daran arbeiten wir, dass wir einfach besser werden. Wir wollen weiter Spiele gewinnen. Und da fangen wir am Samstag mit an. Die besten Wünsche von Freiburgs Trainer Christian Streich begleiten Walter und Co. nach Regensburg. „Der HSV hat uns alles abverlangt“, lobte er den letztlich klar unterlegenen Gegner. „Ich wünsche dem HSV viel Glück, dass sie es bald schaffen, wieder in der ersten Liga zu spielen.“

Sollte es tatsächlich im vierten Anlauf gegen alle Erwartungen mit der Rückkehr in die Bundesliga doch noch klappen, müsste die HSV-Mannschaft unter Walter aber gewaltige Entwicklungssprünge machen, um in der Beletage bestehen zu können. Das war vorher schon klar und auch ein Stück weit normal. Aber die Partie gegen Freiburg hat noch einmal verdeutlicht, wie riesig die Unterschiede sind. Und im Gegensatz zu vielen Spielern, denen ich den Glauben an sich gar nicht mal vorwerfen will, müssen die Verantwortlichen drumherum klarer werden, wenn sie aus den Fehlern dieser Serie für die so oft zitierte Entwicklung auch die richtigen Lehren ziehen wollen. 

Walters Spielstil reicht fürs obere Zweitligadrittel

Denn dass die Spieler nach Schlusspfiff traurig und verärgert waren, ist klar. Ebenso, dass sie zwar kritisch mit sich selbst sind, sich aber selbstredend einen Sieg zugetraut hätten. Ich persönlich glaube, dass Freiburg jederzeit noch einen Gang höher hätte schalten können und in der zweiten Halbzeit mit dem 3:0 im Rücken nur noch das gemacht hat, was nötig war. „Freiburg war extrem effektiv“, meinte Verteidiger Moritz Heyer und gab zu: „Wir haben von Anfang bis Ende alles versucht.“ Problem hierbei war aus meiner Sicht, dass die gänzlich spielerisch orientierte Walter-Linie nicht funktioniert, wenn ein Gegner wie der SCF so hoch, so aggressiv und so effektiv attackiert. Siehe das Tor zum 2:0 für die Badener. Das Walter-Spiel mit diesem Personal reicht für das obere Zweitligadrittel - aber bei weitem nicht gegen einen so souveränen, abgeklärten und zweifellos deutlich reiferen Gegner.

https://soundcloud.com/user-36211795/do210422-hsv-aufsichtsrat-und-vorstand-tagen-wie-gehts-mit-walter-weiter-wer-kommt?utm_source=clipboard&utm_medium=text&utm_campaign=social_sharing

Aber: Es nützt alles nichts. Die Saison ist noch nicht beendet und der HSV muss schnellstmöglich das Tagesgeschäft wieder aufnehmen. Und auf das Spiel bezogen gab es auch zwei erfreuliche Aspekte: Zum einen deutete der Finne Anssi Suhonen im Mittelfeld mehr als nur an, dass er für die Hamburger in Zukunft ganz wichtig werden könnte. Der dribbelstarke 21-Jährige war ein ständiger Unruhefaktor und eine Belebung. Zum anderen sind die Fans noch immer erstligareif. Erstmals seit dem 22. Februar 2020, als der HSV im Zweitliga-Stadtduell dem FC St. Pauli mit 0:2 unterlag, war das Volksparkstadion mit 57 000 Zuschauern ausverkauft. Und die Anhängerschaft machte gegen den SC Freiburg von Beginn an Stimmung. Inklusive einer mal wieder teuren, dummen Pyroaktion. Selbst nach Schlusspfiff gab es keine Pfiffe für die Spieler, sondern anerkennenden Applaus für eine immerhin bemerkenswerte Pokal-Saison. Für Heyer war das durchaus tröstlich: „Ein Riesenkompliment an die Fans. Was heute abging, war Wahnsinn.“

Nur die Fans sind erstligareif - mit (Pyro-)Abstrichen

Aber man muss leider auch feststellen, dass ansonsten im Team noch zu starke Schwankungen vorhanden sind. Bakery Jatta gefiel mir sehr gut und er bestätigte meine These, dass er sich mit größeren Aufgaben zu steigern weiß. Aber derartige Leistungen muss er auch regelmäßig abrufen können, wenn es gegen Sandhausen, Ingolstadt und jetzt am Sonnabend gegen Regensburg geht.  Bei Sebastian Schonlau sehe ich seit einigen Wochen eine Form von Müdigkeit. Der Kapitän scheint sich ein wenig ins Ziel zu schleppen, was die Freiburger natürlich offenlegten. Mario Vuskovic war gut und Jonas Meffert fing sich auch gegen Freiburg nach einer eher schwachen ersten Halbzeit. Robert Glatzel ist für mich auch gegen Freiburg stark gewesen. Ihm traue ich die erste Liga problemlos zu. 

Anders als einem Josha Vagnoman, der am Wochenende gegen den KSC überragte und Fantasien weckte, die sein Auftritt gegen den SCF wieder zunichtemachte. Man habe die Schwachstelle links beim HSV ausgemacht, gab Freiburgs Coach nach dem Spiel zu – und er hatte recht. Vor allem, weil neben dem gestern schwachen Youngster mit Sonny Kittel ein weiterer Schwachpunkt vermehrt über links kam. Ich mag Kittel, ich halte ihn für einen Erstligakicker – vom rein fußballerischen Talent her. Aber alles Talent ist nichts ohne den Willen und die Motivation, immer besser sein und werden zu wollen. So, wie es Anssi Suhonen in Perfektion vorlebt.

Der junge Finne war der Lichtblick im Halbfinale auf HSV-Seite. Aber bei aller Freude darüber darf daraus nicht sofort eine Erwartung entstehen. Obwohl ich mir zu 100 Prozent sicher bin, dass Suhonen niemals nicht 100 Prozent geben wird, ist er noch immer einer der Spieler, die alles dürfen – aber eben auch noch nichts MÜSSEN. Vor allem nicht die Führungsarbeiten anderer übernehmen. Das wiederum bedeutet nicht, dass sie nicht die Positionen derer übernehmen dürfen, von denen man sich Führung vergeblich erhofft.

Die nächsten Wochen werden Fragen aufwerfen - und Antworten verlangen

Als ich Walter gefragt habe, wie diese Saison für ihn noch als eine gute Saison enden kann, hatte ich eine Antwort im Kopf. Nein: Zwei. Nämlich seine, also die mit „Entwicklung“ und „bei uns bleiben“ sowie „unseren eingeschlagenen Weg weitergehen“ etc.  Und meine Antwort: Denn die sieht Ziele vor, die am Ende der Saison stehen müssen. So muss der HSV endlich am Saisonende folgende Frage klar beantworten können:

  1. Ist Jatta trotz seiner fußballerischen Mängel eine Verstärkung? Ich sage: Ja. Und ich bin mir da sicher.
  2. Ist diese Abwehr wirklich so gut, wie sie statistisch dasteht? Reicht sie für den Aufstieg? Ich sage wieder: ja. Zumindest so lange Vuskovic noch in Hamburg spielt.
  3. Hat der HSV eine funktionierende Mittelachse, um die herum er junge Talente ausbilden kann? Wieder: ja. Heuer Fernandes, Vuskovic/Schonlau, Meffert und Glatzel sowie Suhonnen auf Sicht im Mittelfeldzentrum sind stark genug.
  4. Kann sich Walter auf seine Führungsspieler verlassen? Antwort: Jein. Die oben genannten Spieler sind zuverlässig gut. Sonny Kittel aber ist und bleibt der Mann für besondere Momente. Allein schon, weil er gar nicht bereit ist, IMMER voranzugehen. Von daher müssen sich die Verantwortlichen die Frage stellen, ob und wie sie sportlich von Kittel am meisten profitieren können und wollen.
  5. Ist der HSV spielerisch weiter als zu Saisonbeginn: Antwort: Ja.
  6. Reicht das für den Aufstieg? Antwort: So ganz sicher noch nicht.
  7. Ist Walter der richtige Trainer? Antwort: Walter hat sehr viel positiv verändert und veraltete Strukturen aufgebrochen. Das wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Denn da muss die Mannschaft beweisen, dass ihr System und ihre Entwicklung vorangeschritten ist und unter Walters Regie auch weiter voranschreitet. Soll heißen: Spiele gegen die vermeintlich kleinen Gegner müssen gewonnen werden. Ansonsten wird es auch zur neuen Saison nichts. Und davon hat der HSV jetzt noch drei vor sich – plus Hannover 96, die ich hier noch mal ausklammern würde.

Es gibt noch mehr Fragen, die beantwortet werden müssen. Deutlich detailliertere und auch deutlich generellere, die sich allesamt aus den oben genannten Fragen bzw. den Antworten darauf ergeben. Auch die nach Verstärkungen für die neue Saison (vor allem die Außenbahnen und ein Glatzel-Backup) und Abgängen von denen, die beim HSV keine Zukunft haben.  Und darum werden wir uns kümmern. An dieser Stelle. Aber vorher hat der HSV noch einen Weg zu gehen. Einen schwierigen und den noch bis Saisonende. Angefangen in Regensburg. 

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

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