HSV-Abteilung „Jugend forscht“ erkämpft sich Punkt gegen starke Nürnberger
auch zielführend, dass Trainer Tim Walter in der Innenverteidigung heute Mario Vuskovic das Vertrauen ausgesprochen hat. Zum einen vermied der Trainer es so, unnötig in der…

Er hat es getan – und ich habe es nicht vorher nur so gesagt, ich stehe auch jetzt dazu: Es ist richtig, mutig und auf lange Sicht auch zielführend, dass Trainer Tim Walter in der Innenverteidigung heute Mario Vuskovic das Vertrauen ausgesprochen hat. Zum einen vermied der Trainer es so, unnötig in der Startelf umzubauen. Zum anderen demonstrierte der Trainer so auch den Mut, den er selbst immer wieder einfordert. Wobei ich mich hier auch noch einmal ganz deutlich von Mut als Selbstzweck abgrenzen möchte. Denn entscheidend hierbei ist weniger der Mut an sich, als dass dieser sportlich absolut gerechtfertigt war und ist. Und das sage ich auch jetzt nach dem Schlusspfiff dieses 2:2-Unentschieden, das hoch intensiv war und in dem Vuskovic über Strecken auch Lehrgeld zu zahlen hatte.
Ich sage das voller Überzeugung, obwohl der 19 Jahre junge Kroate nach starken ersten 15 Minuten mit einer sehr unbedachten Aktion das 0:1 einleitete, als er seinen Gegenspieler Dovedan bei einem Nürnberger Angriff mit beiden Händen im Gesicht traf. Ein leider völlig berechtigter Elfmeter, auf den der für beide Mannschaften kleinlich pfeifende Schiedsrichter Felix Zwayer vom Videoschiedsrichter Dr. Martin Thomsen aufmerksam gemacht wurde und den Nürnbergs Kapitän Valentini verwandelte. Nicht „ganz sicher“, da Daniel Heuer Fernandes die Ecke geahnt hatte und den Ball nur knapp verpasste.
Nur gut, dass dieser berüchtigte Kölner Keller in beide Richtungen kontrolliert. Und das tat er in der 33. Minute zugunsten des HSV. Da hatte Meffert den Ball per Flanke auf Glatzel, der mit einem wunderschönen Kopfball ins lange Eck zum Ausgleich traf – dachten alle. Bis der Linienrichter die Fahne hob. Und wieder dachten alle, es würde gecheckt werden, ob Tim Leibold, der dem Ball aus abseitsverdächtiger Position hinterhergegrätscht war, den Ball noch berührt hatte – denn das hatte er nicht. Allerdings war Leibold vorher aus abseitsverdächtiger Position freigespielt worden – was wohl die eigentliche Ursache für die Abseitsentscheidung war.

So sagte es zumindest der heute neben mir sitzende Schiedsrichterbeobachter. Aber auch das war offenbar kein Abseits – daher: 1:1 durch Robert Glatzels vierten Saisontreffer. Und das war auch spielerisch verdient, denn der HSV war im Volksparkstadion nicht das abgeklärtere Team, aber das aktivere. Allein Kittel hatte zwei, drei gute Torraumszenen, aus denen mehr hätte entstehen können.
Was dann aber direkt nach Anpfiff passierte ist indes ein Lehrstück für „Offensivpressing“, das die Nürnberger praktizierten. Sie attackierten den HSV extrem früh aggressiv, und sie verleiteten zuerst Vuskovic zu einem wichtigen Zweikampfverlust am eigenen Sechzehner, ehe sie Heyer über der linken HSV-Seite ausspielten, um von dort auf den zweiten Pfosten zu flanken, wo Nürnbergs Lino Tempelmann vom heute fast durchgehend schwachen Bakery Jatta laufen gelassen wurde und so zur Führung einköpfte (46.). Ganze 32 handgestoppte Sekunden brauchten die Nürnberger für diesen Treffer.
Dass der HSV auch hiernach wieder versuchte, das Glück in der Offensive zu finden und nicht in sich zusammenbrach – es darf als Fortschritt zu den Vorjahren gewertet werden. Die weiterhin viel zu riskante Spielweise aber wird gegen so gute Mannschaften wie es diese Nürnberger zweifelsfrei sind, auch auf Sicht mehr schief- als aufgehen. Dass die Zuschauer jubeln, wenn die HSV-Defensive den Ball um Millimeter am Gegner vorbeigespielt bekommt – okay. Aber aus fachlicher Sicht muss man diese unnötigen, extrem riskanten Aktionen Risiken einfach kritisieren.
Vuskovic zahlt Lehrgeld - und erhält Lob vom Trainer
Und völlig unabhängig davon, dass ich weiterhin sage, dass es richtig war, es mit Vuskovic zu versuchen, muss man auch den Kroaten an seinen Aktionen messen. Und davon gingen leider noch viele schief. Auch vor dem 1:2 hatte der junge Kroate die Chance, den Angriff zu klären und ging zu zögerlich hin. Insgesamt war es ein Spiel für den jungen Neuzugang, aus dem er sehr viel lernen kann, wenn auch auf die harte Art. Aber, und darauf kommt es mir bei diesem „Jugend forscht“, wie Walter es heute auf der Pressekonferenz nannte, an: Vuskovic wirkte nie eingeschüchtert, er machte einfach immer weiter. Wie die gesamte Mannschaft des HSV. „Es ist ein gutes Zeichen, dass wir zweimal nach einem Rückstand zurückgekommen sind. Aber wir ärgern uns auch, dass wir aus unserer Überlegenheit nicht mehr gemacht haben. Uns fehlte in einigen Situation das Quäntchen Glück“, lobte David Kinsombi nach Schlusspfiff seine Kollegen und sich. Durchaus zurecht.
Und damit kommen wir wieder zum oben bereits Erwähnten: Denn dieser HSV ist inzwischen wirklich dauerhaft mutig – so, wie Walter es vorlebt und einfordert. Auch heute ließ man sich nicht hängen, sondern versuchte den Ausgleich. Dass das oft sehr plump und einfallslos wirkte, dass man dabei häufig ohne echte Absicherung agierte – okay. Das gilt es zu kritisieren. Nicht aber die Richtung. Denn die war erkennbar und richtig. Und sie führte letztlich auch zum Erfolg. Der heute sehr auffällig aktive Sonny Kittel nutzte seine Position als komplett freier Mann in der Offensive heute, um nach vorn gute Torszenen einzuleiten. Er machte ein richtig gutes Spiel und leitete mit seiner Flanke auch das verdiente 2:2 durch Robert Glatzels fünften Saisontreffer – auch wieder per Kopf - ein.

Es war ein sehr ordentliches Spiel von Kittel, der heute mal wieder andeutete, dass er sehr wohl als Hängende Spitze seine Qualitäten hat. Schön wäre jetzt, wenn er das auch mal über ein paar Wochen hinweg konstant zeigen kann. Tim Walter jedenfalls war zufrieden mit dem, was sein launischer Edeltechniker heute ablieferte. Und auch das zurecht. Denn Kittel war aktiv, suchte die Anspiele und belohnte sich selbst mit der Vorlage zum 2:2-Ausgleichstreffer von Glatzel, der damit bereits fünf Treffer auch acht Partien hat. Eine sehr gute Quote – wenn man mal nicht Simon Terodde als Maßstab nennt…
Glatzel trifft, Kittel gefällt - HSV verdient sich Ausgleich
„Man sieht, dass wir einen Reifeprozess durchlaufen. Mein Team hat sich erneut nicht hängenlassen und war immer aktiv. Dafür haben sie sich belohnt. Zwar nicht ganz, aber dennoch belohnt. Deswegen bin ich mit dem Auftritt zufrieden“, sagte Walter nach dem Spiel und lobte auch noch Vuskovic für sein Debüt. „Wir mussten auf unseren Kapitän verzichten und hatten zwei sehr junge Spieler in der Innenverteidigung – daran mussten sich die Jungs anpassen. Sebastian hat uns in ein paar Situationen schon gefehlt, aber Mario hat es heute sehr gut gemacht.“
Apropos zufrieden – das waren auch die Nürnberger, an deren Stelle ich mich geärgert hätte, dass man nach dem 2:1-Führungstreffer nicht konsequenter auf das 3:1 gegangen ist, waren am Ende zufrieden. „Hinten raus sind wir zufrieden mit dem Punkt. Wir haben die letzten zehn Minuten nochmal leidenschaftlich gegen den HSV und das ganze Stadion verteidigt“, sagte FCN-Trainer Robert Klauß, um zu relativieren: „Zwischendrin hat es sich in der zweiten Halbzeit angefühlt, dass wir den Lucky Punch nochmal setzen und das 3:1 machen können. Unter dem Strich ein verdientes 2:2.“ Stimmt. So ist es.
Vier Heimspiele, nur ein Sieg für den HSV. Und den konnte Walter mit seinen „Jugend-forscht-Jungs“ auch erst in der Nachspielzeit knapp sichern. Hier ist ganz sicher noch viel Lift nach oben. Ebenso in der Tabelle, in der der HSV aktuell den siebten Rang belegt. Anders die Stimmung heute im Stadion. Denn diese 21.337 Zuschauer heute waren nicht ein My leiser als bestens aufgelegte 57.000 Zuschauer sonst waren. Dass Nürnbergs Trainer Klauß nach Spielschluss sogar davon sprach, dass man dieses 2:2 gegen gute HSVer und ein ganzes Stadion geholt habe – jeder einzelne der 21.337 HSV-Fans im Stadion darf sich das als Kompliment anheften.
Und damit beende ich den Blog für heute. Wir melden uns dann morgen wieder mit dem MorningCall um 7.30 bei Euch, in dem ich Euch alles zusammenfasse, was Ihr an diesem Montagmorgen über den HSV wissen müsst. Bis dahin wünsche ich Euch allen noch einen schönen Wahlabend!
Scholle
DAS SPIEL IM STENOGRAMM:
HSV: Heuer Fernandes - Gyamerah, Vuskovic, David, Leibold - Meffert, Kinsombi (90. Suhonen), Heyer - Jatta (64. Wintzheimer), Glatzel, Kittel
1. FC Nürnberg: Mathenia - Valentini, Sörensen, Schindler, Handwerker - Geis, Tempelmann, Nürnberger (90.+3 Fischer), Krauß - Möller Daehli (64. Schleimer), Dovedan (68. Shuranov)
Tore: 0:1 Valentini (22., FE), 1:1 Glatzel (35.), 1:2 Tempelmann (46.), 2:2 Glatzel (80.)
Zuschauer: 21.337
Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)
Gelbe Karten: Vuskovic (21.), Gyamerah (58.) / Dovedan (6.), Valentini (26.), Schleimer (90.+2)
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