Spielbericht

Hinten zu Null, vorne ein Treffer - wichtiger Auftaktsieg für Baumgart mit viel Luft nach oben

Warmer Sonntagnachmittag – zumindest äußerlich für Steffen Baumgart. Denn der neue HSV-Trainer kam kurzärmelig, wie bei ihm gewohnt. Wobei der neue HSV-Trainer in seinem ersten…

Hinten zu Null, vorne ein Treffer - wichtiger Auftaktsieg für Baumgart mit viel Luft nach oben

Warmer Sonntagnachmittag – zumindest äußerlich für Steffen Baumgart. Denn der neue HSV-Trainer kam kurzärmelig, wie bei ihm gewohnt. Wobei der neue HSV-Trainer in seinem ersten Spiel innerlich auch mehr als heiß gewesen sein dürfte, beim Debüt mit seiner neuen Mannschaft gegen den starken SV Elversberg zu überzeugen. Sein sehr laufintensives, aufwendiges Offensivspiel mit hohem Pressing sollte Einkehr halten – war aber nur partiell zu erkennen. Nach dem Spiel war Baumgart dann auch mit dem grundsätzlichen Spiel nicht ganz zufrieden, dafür aber mit dem Ergebnis. Denn dieses 1:0 gegen den SV Elversberg lässt ihn einmal kurz durchatmen und bietet ihm eine Menge Anschauung, was hier alles in den nächsten Wochen und Monaten nachjustiert werden muss.

„Die Jungs sind absolut an Grenzen gegangen gegen einen starken Gegner“, sagte Baumgart im Anschluss an das Spiel bei Sky. Es sei ein Spiel auf Augenhöhe gewesen. „Viel gesehen, in beide Richtungen, darauf lässt sich aufbauen“, fügte er hinzu und wirkte auf der Pressekonferenz glücklich über den Sieg – aber unzufrieden mit der Art und Weise. Bestes Beispiel, was ich meine: Ransford Königsdörffer. Der zuletzt unter Tim Walter regelmäßig auf der Bank sitzende, enttäuschende Außenstürmer schoss in der 53. Minute vor 54.190 Zuschauern den Siegtreffer im Volksparkstadion und beendete eine Serie von drei Pleiten daheim in Folge. Ihn zu feiern wäre also das Leichteste. Aber Baumgart macht eben nicht, was alle von ihm erwarten, oder was am einfachsten wäre. Stattdessen kritisierte er Königsdörffer für sein ansonsten eher uninspiriertes Offensivspiel vorsichtig. So, wie die gesamte Mannschaft. Dass nach so wenigen Tagen nicht alles funktionieren kann, sei klar. „Aber die Jungs haben viel angenommen“, sagte er. 

Und das passt sehr gut, wie ich finde. Denn gegen Elversberg tat sich Baumgarts neue Mannschaft  lange schwer. Es wird weiterhin der mühsame Weg für Baumgart werden, den er selbst erwartet hatte bei seiner Vorstellung. Der gebürtige Rostocker sprach vor der Partie von einem „Kindheitstraum“. Der Mut habe zuletzt beim HSV etwas gefehlt, urteilte der 52-Jährige. Aber er lobte auch: „Das ist ein sehr guter Kader, sehr gute Einzelspieler.“ Und nach dem mutigen Beginn der Gastgeber wurden die Gäste aus dem Saarland auch tatsächlich widerstandsfähiger, spielerisch wirkten sie absolut auf Augenhöhe. Zumal der HSV vereinzelt auch die Verunsicherung offenbarte, die ihn in den vergangenen Wochen immer wieder gehemmt hatte. Torwart Raab spielte einen Ball direkt in die Füße der Elversberger. Doch der Fehler blieb folgenlos. Kurz vor der Halbzeit verpassten die Gäste nach einer Direktabnahme von Bayern-Leihgabe Paul Wanner (41.) und Semih Sahin (44.) sogar die Führung.

Aber im Ganzen muss ich festhalten, dass der HSV defensiv weitgehend stabil agierte. Hinten ließ man in der zweiten Halbzeit fast nichts zu. Und vorne traf Königsdörffer – und das reichte zu drei Punkten. Es war ein 1:0, das so in den letzten Jahren extrem selten war – das aber genauso drei wichtige Punkte einbringt wie ein spektakulärer 8:7-Sieg in der Nachspielzeit. Und ein erfolgreicher Start für Baumgart, auf den er aufbauen kann. Dass da noch ordentlich Luft nach oben ist, ist auch gar nicht so schlimm. Vielmehr ist es für Baumgart sogar sehr positiv, dass die Schwächen und Fehler so offensichtlich wurden wie heute. Denn so weiß er genau, wo er ansetzen kann. Und ich bin mir sicher, das wird er auch…

In diesem Sinne, anbei noch die Spielerbewertung, die Statistik und ein paar Stimmen. Bis bald,

Scholle

SPIELERBEWERTUNGEN:


MATHEO RAAB: 
Er darf weiter als Nummer eins ran. Und das, weil er im Strafraum und auf der Linie Vorteile gegenüber Heuer Fernandes haben soll. Allerdings muss sich die gesamte Defensive auch darauf einstellen, dass er eben nicht so hoch steht und fußballerisch nicht so stark ist, wie Heuer Fernandes. Noch gibt es hier sichtbaren Abstimmungsbedarf – aber auch hier gilt (wie bei Reis): er braucht die Spielzeit, um sich zu akklimatisieren. Und da er zweifellos ein guter Keeper für die Zweite Liga ist, wird es mit der Zeit sicher besser werden. Luft nach oben hat er noch. Und auch heute bleibe ich dabei: Ich hätte diesen Wechsel nicht vorgenommen.  Note: 3,5

IGNACE VAN DER BREMPT: Wieder ordentlich. Sowohl nach hinten als auch nach vorn. Ließ defensiv wenig zu und schaltete sich immer wieder mal mit ein, ohne den Elversbergern zu viel anzubieten. Note: 3

DENNIS HADZIKADUNIC: Bei seinem wichtigen Block in der 31. Minute ballte er die Faust – ein ungewöhnlich emotionales Zeichen des Innenverteidigers, der ansonsten oft zu sehr in sich gekehrt und an sich zweifelnd auf mich wirkte. Heute indes war er auch sonst von der Körpersprach her mutiger, lebendiger. Neben Schonlau heute souverän und zweikampfstark in der Innenverteidigung, die wenig zuließ.  Note: 3
SEBASTIAN SCHONLAU: 
Endlich wieder zurück – wenn auch in der ersten Hälfte oft noch zu unsauber im Zweikampf sowie im Passspiel. Aber auch ihm muss man die Eingewöhnung zugestehen, zumal er dieses Vertrauen in der zweiten Halbzeit absolut rechtfertigte. Note: 3

MIRO MUHEIM (bis 80.): Spielte solide zusammen mit seinem neuen Seitenpartner Königsdörffer sowie danach mit Suhonen. Seine Auswechslung war eher nicht sportlicher Natur.  Note: 3

NOAH KATTERBACH (ab 81.): Diese Einwechslung war sportlich fürs Spiel eher nicht förderlich, eher riskant. Aber so demonstrierte Baumgart, dass er nicht nur redet, sondern auch danach handelt und den in Köln von ihm aussortierten Linksverteidiger eine faire Chance einräumt. Und ganz ehrlich: Für jemanden, der so lange nicht gespielt hat, war das auch völlig okay! 

JONAS MEFFERT: Besser als zuletzt, sehr wichtig im Zentrum und als Absicherung, wenn Schonlau wieder offensiv mitmischen wollte, aber auch als Anspielpunkt im Aufbauspiel. Er ist in dieser Verfassung ein nicht wegzudenkender Faktor fürs HSV-Spiel. Note: 3

LUDOVIT REIS (bis 64.): Er will Verantwortung übernehmen, was gut ist! Aber: Er ist einfach noch lange nicht in alter Verfassung. In allen Abläufen langsamer, manchmal zögerlich, mit einer ungewohnt hohen Fehlpassquote – aber er braucht diese Spielzeiten, um wieder der wichtige Faktor zu werden, der er war. Deshalb freue ich mich über jede Minute, die er auf dem Platz steht. Note: 4

LUKASZ POREBA (ab 64.): Eingewechselt, aber nicht im Spiel.

IMMANUEL PHERAI: Bei seinem Laufpensum muss er einfach mehr rumkommen. Aber: Er wurde im Verlaufe der zweiten Halbzeit besser, insbesondere nach dem 1:0, hatte er endlich auch offensiv bessere Aktionen. 3,5

BAKERY JATTA (bis 80.): Ähnlich wie Pherai ist auch er eigentlich immer fleißig – aber bei seinem Tempo muss er offensiv einfach gefährlicher sein als heute. Ich werde eh nie verstehen, weshalb er so oft – wenn er den Raum vor sich komplett frei hat – plötzlich das Tempo drosselt, anstatt Vollgas zu gehen. Note: 3,5

LEVIN ÖZTUNALI (ab 81.): Weit weg von allem, was mit Profifußball zu tun hat – war er vorher. Und auch heute wirkte das, als würde er sich auf dem Platz nicht wohlfühlen. Eine Note ersparen wir ihm für diese paar Minuten.

RANSFORD KÖNGSDÖRFFER (bis 64.): Hätte zum ersten Mal schon nach viereinhalb Minuten die Geschichte schreiben können, die hier alle erwarten: Seinen Aufschwung unter dem neuen Trainer. Zuerst vergab er freistehend vor dem SVE-Keeper und scheiterte auch danach mehrfach aussichtsreich, eher er mit einem Traumtor zum 1:0 (53.) den Siegtreffer erzielte. Aber bei aller Freude über diesen Treffer und die Tatsache, dass er diesen schnurgeraden Weg zum Tor hat, war er heute oft noch zu zögerlich. Ansonsten hätte er heute mehr als nur die eine Geschichte schreiben können. Fakt ist: Er ist und bleibt ein sehr physischer Außenstürmer mit technischen Mängeln, die im engen Eins gegen Eins immer wieder deutlich werden. Aber am wichtigsten neben seinem Siegtreffer: Er dürfte heute einen Schritt nach vorn gemacht haben. Note: 3,5

ANSSI SUHONEN (ab 64.): Wichtiges Comeback. Der Finne ist einfach ein belebender Faktor. Manchmal noch etwas zu hektisch und übermotiviert, aber er bringt immer Schwung rein. So, wie man es von einem Wechsel erhofft.

ROBERT GLATZEL (bis 74.): Pressing ist nicht seine Kernqualität und Flanken in den Sechzehner waren zu selten. So holte er sich oft tief die Bälle und bereitete mehr vor (auch den Siegtreffer), als dass er selbst zum Abschluss kam. Das war so sicher nicht sein Spiel heute, zumindest dürfte er sich selbst andere Spielverläufe wünschen. Note: 4

ANDRAS MEMETH (ab 75.): Er machte als „Wandspieler“ ein paar Bälle fest, kam einmal zum Abschluss – und war damit schon auffälliger als zuletzt. Das allerdings ist noch kein ausreichendes Kompliment. Denn auch er muss sich noch mächtig steigern, wenn er hier irgendwann mal Ansprüche auf einen Startelfplatz anmelden will. 

TRAINER STEFFEN BAUMGART: Er dürfte erst einmal froh sein, dass seine Mannschaft defensiv gut stand und problemlos die Null gehalten hat. Über das Wie wird er aber sicher auch noch mal mit seiner Mannschaft sprechen wollen, intern. Denn gegen zweite Halbzeit nachlassende, einfallslosere Elversberger hatte sein Team offensiv heute ausreichend Räume – aber deutlich zu wenig Durchschlag. Note: 3,5

STIMMEN ZUM SPIEL:

Ransford Königsdörffer: „Wir haben als Mannschaft super verteidigt und gepresst. Wir haben ein echte Einheit gebildet. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich der Mannschaft mit meinem ersten Saisontor helfen konnte. Für mich persönlich war das ein sehr wichtiges Tor. Ich hätte noch mehr Treffer erzielen können, dann ist der gefühlt schwerste Abschluss reingangen. Es war ein intensives, anstrengendes Spiel. Wir werden uns mehr und mehr an das neue Spielsystem gewöhnen. Wir wollen mehr pressen und weniger Chancen zulassen.“

Sebastian Schonlau: „Zu Beginn der Saison haben wir viele Heimspiele gewonnen, zuletzt waren es drei Niederlage in Serie. Da tut ein Heimsieg natürlich wieder sehr gut. Wir hatten viel hohe Ballgewinne und  dadurch prompt Torchancen. Wir haben Elversberg dadurch beeindruckt und sie zugleich weitestgehend vom Tor ferngehalten. Wir brauchen natürlich noch etwas Zeit, um die Spielidee von Steffen Baumgart mehr und mehr zu verinnerlichen. Wir hatten erst eine Woche gemeinsam und trotzdem hat man von der Energie und Intensität Steffens Handschrift gesehen. Bei mir persönlich hat heute alles gehalten, ich habe mich gut gefühlt und bin zuversichtlich, dass das so bleibt.“

Matheo Raab: „Über allem steht der Sieg. Dass wir zu null gespielt haben, ist natürlich überragend. Wir haben heute als Team enorm gut verteidigt - das fängt ganz vorne an. Im Hinblick auf die Chancenverwertung können wir noch besser sein, aber es war insgesamt ein guter Anfang. "Ransi" hat sich heute endlich belohnt, wir freuen uns sehr für ihn. Das zeichnet uns als Mannschaft aus, dass wir uns füreinander freuen können.“ 

Robert Glatzel: „Wir sind vorn etwas mehr draufgegangen, haben versucht, direkter zu spielen. Es war klar, dass sich unter dem neuen Coach etwas am Spielsystem verändert, für den Anfang war das ein ordentlicher Schritt. Wir haben die Fans gleich mitgenommen, etwas Euphorie entfacht. Ein neuer Trainer bedeutet immer eine Umstellung, vor allem, weil wir zweieinhalb Jahren das gleiche Spielsystem gewohnt waren. Wir sind noch am Anfang, es liegt ein hartes Stück Arbeit vor uns. Der Abschluss von ‚Ransi‘ war super. Wir freuen uns sehr für ihn, er hatte bisher keine leichte Saison. Das goldene Tor zum Sieg wird ihm guttun.“

Noah Katterbach: „Ich bin überglücklich, dass ich nach zehn Monaten wieder hier im Volksparkstadion spielen durfte. Wir haben jetzt eine Woche mit Steffen zusammengearbeitet, es dauert sicherlich noch, bis die Abläufe perfekt laufen. Dafür brauchen wir noch etwas Zeit und müssen daran hart arbeiten. Heute war es wichtig, die Null zu halten. Der Fokus in der Trainingswoche lag auf der Defensive.“   

Ludovit Reis: „Es ist ein guter und verdienter Heimsieg. Wir hatten viel Energie und Intensität im Spiel, besonders beim Anpressen. Wir haben viel Druck ausgebüt, sind viel gelaufen. Es gibt uns ein gutes Gefühl, dass wir unter dem neuen Trainer direkt mit einem Sieg starten. Jetzt geht´s darum, an diesen Erfolg anzuknüpfen.“

Steffen Baumgart: „Wir freuen uns über den Heimsieg, den wir uns mit einer kompakten und mannschaftlichen Leistung erarbeitet haben. Ich bin aber insgesamt mit unserer Leistung nicht so ganz zufrieden, weil mir bei jedem einzelnen Spieler doch noch das eine oder andere gefehlt hat. Wir haben ein Spiel erlebt, in dem jeder sehen konnten, warum man immer vor der SV Elversberg warnt. Sie haben eine sehr gute Struktur und immer wieder gute Umschaltmomente, da sind wir in der ersten Halbzeit einige Male in Gefahr geraten und hätten auch durchaus hinten liegen können. Für mich war es wichtig, dass die Jungs bis zum Ende in höchster Intensität gespielt haben und immer wieder raufgegangen sind. Dadurch haben wir den Gegner unsererseits zu Fehlern im Aufbau gezwungen und so auch unsere Chancen herausgearbeitet. Diese hohe Intensität haben wir 90 Minuten durchgehalten, auch wenn man dadurch am Ende gemerkt hat, dass die Luft etwas ausgegangen ist. Umso glücklicher sind wir, dass wir dieses 1:0 über die Zeit bringen konnten, auch wenn wir kurz vor dem Ende noch einmal das nötige Quäntchen Glück hatten.“

Horst Steffen (Trainer SV Elversberg): „Ich habe gemischte Gefühle. Ich hatte das Gefühl, wir können hier mithalten und wir können unsere Situationen noch besser spielen, als wir es getan haben. Mit ungenauem Passspiel haben wir den Gegner relativ häufig zu Chancen eingeladen. Das lag zum einen am Anlaufen des Gegners, aber zum anderen auch an unserer Ungenauigkeit. Demensprechend bin ich mit unserer Leistung nicht einverstanden. Das können wir besser. Wir konnten das Spiel zwar bis zum Schluss offenhalten und mit etwas Glück kriegen wir in der 88. Minute den Ausgleich hin, aber das wäre nicht unbedingt verdient gewesen.“

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

HSV: Raab - Van der Brempt, Schonlau, Hadzikadunic, Muheim (80. Katterbach) - Meffert, Reis (64. Poreba), Pherai - Jatta (80. Öztunali), Glatzel (75. Nemeth), Königsdörffer (64. Suhonen)

SV Elversberg: Kristof - Vandermersch, Pinckert, Le Joncour, Sicker (80. Boyamba) - Fellhauer, Sahin (80. Stock), Feil (67. Martinovic), Wanner (80. Jacobsen), Rochelt (88. Koffi) - Schnellbacher

Tore: 1:0 Königsdörffer (53.)

Zuschauer: 54.190

Schiedsrichter: Harm Osmers (Hannover)

Gelbe Karten: Reis, Katterbach / Vandermersch

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