Heyer oder Vuskovic? Walter pokert: „Wir haben noch mehr Optionen“
Nach dem Prestige-Sieg im Nordderby bei Werder Bremen oder vor dem Spiel gegen eine der vielleicht formstärksten Mannschaften der letzten Monate. Und obgleich der 1. FC…

Nach dem Prestige-Sieg im Nordderby bei Werder Bremen oder vor dem Spiel gegen eine der vielleicht formstärksten Mannschaften der letzten Monate. Und obgleich der 1. FC Nürnberg mit 17 Spielen ohne Niederlage im Rücken nach Hamburg reist, gehen HSV-Trainer Tim Walter mit gewachsenem Selbstvertrauen in das Heimspiel am Sonntag. Zumindest ließ Walter heute keinen Zweifel an der eigenen Stärke erkennen. „Wir wissen, dass Nürnberg eine Herausforderung ist. Trotzdem: Wir kennen unsere Stärken, und dementsprechend wollen wir am Sonntag auch auftreten“, meinte der 45-jährige HSV-Coach am Freitag. „Auch um den Zuschauern zu zeigen, dass sie gern hierherkommen können.“ Und das sollen ja das erste Mal wieder ein paar mehr werden. Für das FCN-Spiel sind erstmals 25.000 Zuschauer nach den 3G-Regeln (geimpft, genesen, getestet) zugelassen.
Dass der HSV-Trainer heute noch ein paarmal auf das Nordderby angesprochen wurde, gefiel ihm eher nicht. Zurecht nicht, wie ich finde. Denn wie heißt es so schön: Nichts ist älter als der Erfolg von gestern. Walter versicherte dann auch, den Sieg in Bremen schnell abgehakt zu haben. „Was in Bremen war, ist schon wieder vergessen. Wir können uns nicht mehr erarbeiten als drei Punkte. Das haben wir getan“, so Walter, dem nicht entgangen war, dass der 2:0-Erfolg beim Erzrivalen ein Stimmungsaufheller im und um den HSV war. „Wir lassen uns nicht davon lenken, weil wir uns intern einig sind“, versichert Walter. „Wir wollen die Entwicklung vorantreiben. Und auf diesem Weg, glaube ich, sind wir.“
Das hoffe ich. Und aktuell sehe ich es auch. Die Frage ist nur, welchen Schritt die Mannshaft jetzt gehen soll. Hinten sicherer stehen? Vorne effektiver werden? Innerhalb der 90 Minuten taktisch variieren? Mal zwischen maximal offensivem Pressing und Konterspiel variieren? Alles Dinge, die der HSV unter Walter aus meiner Sicht noch nicht nachhaltig gezeigt hat – die der HSV aber definitiv im Repertoire haben muss, wenn er am Saisonende oben mitmischen will. Und das will man in Hamburg zweifellos.
Walters Spieler stehen ihrem Trainer in Sachen Selbstvertrauen jedenfalls in nichts nach. „Wir wissen um die Qualitäten von Nürnberg, aber wir wissen auch um unsere Qualitäten“, sagte Torwart Daniel Heuer Fernandes heute gegenüber „Sky“. „Wir wollen unser Spiel auf den Platz kriegen. Wir wollen unsere Qualitäten zeigen und wir gehen die Spiele immer an, um das Maximum herauszuholen. Und das wird dann auch Sonntag so sein.“
Wobei man natürlich dazusagen muss, dass Daniel Heuer Fernandes aktuell nur so vor Selbstvertrauen strotzen dürfte, nachdem heute sogar der stolze Dieter Hecking zugab, dass es seinerzeit als HSV-Coach sein Fehler gewesen sei, Heuer Fernandes aus dem Tor zu nehmen und gegen Julian Pollersbeck zu ersetzen. Worte, die dem HSV-Keeper heute rückwirkend nichts mehr bringen, die aber deutlich machen, wie er inzwischen auch außerhalb des HSV wahrgenommen wird.
Apropos Entwicklung: Bei den Franken unter Trainer Robert Klauß und dem Sportvorstand Dieter Hecking nannte Walter dann seinerseits beispielhaft. Die Nürnberger hatten nach holprigem Verlauf in der vergangenen Saison an Klauß festgehalten und sich stabilisiert. „Ich glaube, dass, wenn man ein bisschen Geduld hat, und etwas länger am Trainer festhält, dass dann auch so etwas herauskommt“, meinte Walter, der das definitiv auch auf den HSV bezog und damit Recht haben dürfte. Allerdings muss bei allem auch immer die Entwicklung nach vorn erkennbar bleiben.
So wie zuletzt in der Defensive, in der Walter am Sonntag vor der schwierigen Aufgabe steht, den aus meiner Sicht wichtigsten Spieler des Teams, Sebastian Schonlau, zu ersetzen. Abwehrchef ist nach seiner Gelb-Roten-Karte aus dem Spiel in Bremen gesperrt. Wer ihn am Sonntag vertritt und ob die Mannschaft ganz umgebaut wird, war seit Schlusspfiff in Bremen die große Frage – und Walter ließ sie auch heute weiter offen. „Wir werden schauen, wie wir das am Sonntag machen.“
Eine Option wäre es, den mit vier Treffern erfolgreichsten HSV-Torschützen Moritz Heyer aus dem Mittelfeld in die Abwehrkette zu ziehen und im Mittelfeld Anssi Suhonen zu bringen. Zumindest hatte Walter so trainieren lassen. Und obgleich ich anders spielen würde, scheint das aktuell die wahrscheinlichste Variante zu sein. Mein Problem mit dieser Lösung: Ich würde aus der einen Baustelle in der Innenverteidigung nicht zwei machen und auch noch im Mittelfeld den aktuell effektivsten Spieler rausziehen.
Zudem hatte ich das Gefühl, dass der HSV gerade durch die Mittelfeldbesetzung mit drei gelernt defensiveren Spieler (Meffert, Heyer, Kinsombi) in den letzten Wochen sowas wie den Hauch von defensiver Stabilität reinbekommen haben. Nie über 90 Minuten – aber zumindest schon einmal über weite Teile der Partien. Das würde ich weiter versuchen zu festigen, da die defensive Konstanz unabdingbar ist. Auch wenn Walter heute noch einmal deutlich machte, worum es ihm geht. Als ich ihn fragte, ob er lieber 1:0 oder 5:4 gewinnen würde, sagte er: „Ich will gewinnen. Wie, das ist mir egal.“
Das kann man so sehen – muss man aber nicht. Denn egal wie sehr Euch meine Wiederholungen in diesem Fall auch nerven, ich sage es noch einmal: Ich bin zu 100 Prozent überzeugt davon, dass der HSV mit dem Walter’schen Offensivfußball spektakulär bleiben wird – aber eben auf lange Sicht nicht erfolgreich. Zumindest nicht auf eine gesamte Saison gesehen. Ohne eine gute Defensive – und damit meine ich das gesamte Defensivverhalten und nicht allein die Viererkette plus Torwart - wird der HSV mit dem Aufstieg schon sehr früh nichts mehr zu tun haben.
Und dann hätte die Lösung, Heyer im Mittelfeld zu lassen, auch noch ein zweites Plus, denn Mario Vuskovic würde ins Spiel kommen. Er würde erstmals länger als die hektischen 15 Schlussminuten in Bremen die Möglichkeit und die Zeit bekommen, sich an diese Zweite Liga zu gewöhnen. Trainer Walter würde dem 19-Jährigen einerseits demonstrieren, dass er ihm vertraut und ihm so eine wichtige Aufgabe zutraut. Im besten Fall würde er den späten Zugang des HSV bei bestandener Feuertaufe schon für die nächsten Wochen als echte Alternative „aktivieren“ und den Konkurrenzkampf in der Innenverteidigung ankurbeln.
Aber okay, Walter sieht Vuskovic nicht nur im Training auf dem Platz, sondern bekommt auch mit, wie der sich in der Kabine verhält. Walter wird besser abschätzen können, inwieweit der junge Kroate schon integriert ist und über die sportliche Sicherheit verfügt, um diese Aufgabe am Sonntag zu meistern. Denn auch hier gilt: Die Jungen und die Neuen – oder wie hier den jungen Neuen - nur reinzuwerfen, um etwas Neues zu machen, das wäre selten dumm und könnte schnell nach hinten losgehen. Im Ergebnis zum einen - und für den jungen Kroaten selbst vor allem. Fazit: Ich vertraue und setze auf Walter, dem ich im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgängern eines nicht absprechen werde: den Mut, etwas Neues zu probieren und jungen Spielern Vertrauen zu schenken.
In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich nach der ersten Hälfte des Zweitligaspieltages mit einem Update zum Kader des HSV.
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