Spielbericht

Hauptsache gewonnen! Hauptsache gewonnen?

Hauptsache gewonnen: Nach dem geglückten Auftakt in die Rückrunde herrscht beim HSV mehr Erleichterung als ausgelassene Freude. Das 4:2 (2:1) gegen Eintracht Braunschweig vor…

HSV

Hauptsache gewonnen: Nach dem geglückten Auftakt in die Rückrunde herrscht beim HSV mehr Erleichterung als ausgelassene Freude. Das 4:2 (2:1) gegen Eintracht Braunschweig vor 56.507 Zuschauern war zwar verdient. Dennoch fiel der Erfolg gegen die abstiegsgefährdeten Niedersachsen nach starkem Beginn mühevoller aus als erwartet. „Wir freuen uns, dass wir gewonnen haben. Das sind die ersten drei Punkte. Jetzt geht es weiter“, meinte Trainer Tim Walter auf einefr der kürzesten Spieltags-Pressekonferenzen der letzten 20 Jahre. War es das Spiel, das so wenig Emotionen auslöste und so wenig Fragen offen ließ?

Eher nicht. Den der HSV hatte stark begonnen, als wollte er alle Aufstiegsambitionen nach den elf Wochen WM- und Winterpause noch einmal der Konkurrenz in Erinnerung rufen. Nach 20 Minuten verlor sie aber ihren Rhythmus. „Die ersten 20 Minuten waren richtig, richtig gut“, sagte auch Kapitän Sebastian Schonlau, „Wir führen 2:0 und alles ist gut. Und dann kriegen wir ein bisschen aus dem Nichts das 2:1. Dann schleichen sich ein paar Fehler ein. Aber alles gut: Wir haben gewonnen.“ Aber war wirklich alles gut? Auch hier ist die Antwort: Eher nicht. Siehe hierzu auch das Blitzfazit. Aber der Reihe nach: 

Torjäger Robert Glatzel (3.) und Moritz Heyer (17.) brachten mit ihren Toren ihr Team schon früh in Führung. Doch als Fabio Kaufmann (30.) mit einem herrlichen Schuss noch vor der Pause der Anschlusstreffer für die Gäste gelang, war es schlagartig vorbei mit aller HSV-Herrlichkeit. Auch das 13. Saisontor von Glatzel (49.) kurz nach der Pause brachte keine Sicherheit. Der Sekunden zuvor eingewechselte Danilo Wiebe machte es mit dem zweiten Eintracht-Treffer (81.) noch einmal spannend. Erst Ludovit Reis beendete mit seinem Tor in der Nachspielzeit alle HSV-Zweifel. 

Durch den Sieg sind Reis und Co. Wieder Tabellenzweiter (37 Punkte) und verdrängten den 1. FC Heidenheim (36), der am Tag zuvor den nächsten HSV-Gegner Hansa Rostock bezwungen hatte. Der Rückstand auf Tabellenführer Darmstadt 98 beträgt weiter zwei Punkte.   

Im ersten Pflichtspiel des Jahres Tim Walter zunächst keinen seiner drei Winter-Zugänge in die Startelf berufen. Er vertraute dem bisherigen Personal und wurde zunächst bestätigt. Vor 56.507 Zuschauern im erneut fast ausverkauften Volksparkstadion kombinierten und spielten die Gastgeber dabei in der ersten halben Stunde nach Belieben. Die Braunschweiger, bei denen tags zuvor Aufstiegs-Trainer Michael Schiele seinen Vertrag bis 2025 verlängert hatte, fanden keinen Zugriff. „Wir haben die ersten 20 Minuten verpennt“, gestand Schiele.  Logische Folge waren die frühen HSV-Tore. Vieles deutete auf einen deutlichen Erfolg hin.

Umso überraschender der Anschluss durch Kaufmann. Beflügelt durch das Tor wurden die Braunschweiger stärker u8nd der HSV verlor eine Zeitlang seine Linie. „Bis zum 2:1 war das herausragend gespielt“, sagte Walter. Danach nicht wirklich. Dabei war man qualitativ erkennbar und hoch überlegen. Es sind genau diese Momente, die bei mir immer wieder die Sehnsucht nach einem gern auch langweiligen, aber dafür überzeigenden Sieg nähren. Ich kann allein mit Spektakel nicht allzu viel anfangen, solange ich nicht die Sicherheit habe, dass man die nötige Souveränität besitzt, solche Spiele wie heute souverän über die Ziellinie zu spielen.

Als Glatzel vier Minuten nach der Pause erneut traf, schien die Entscheidung zugunsten der Gastgeber gefallen zu sein. Doch die Braunschweiger gaben nicht auf und kamen immer wieder gefährlich vor das HSV-Tor. Die Partie wurde phasenweise zu einem offenen Schlagabtausch mit Möglichkeiten auf beiden Seiten. «Eigentlich hätten wir mehr Tore schießen müssen. Das fehlt uns, das geht uns ab», wies Walter auf eine bekannte Schwäche seiner Mannschaft hin. Die spektakulärste Chance vergab HSV-Torgarant Glatzel: Er setzte den Ball per Hacke an die Latte (68.). (MVP/dpa)

Die Einzelkritik zum Spiel:

DANIEL HEUER FERNANDES: Er bekam ein paar Rückpässe, aber in der ersten Hälfte nichts zu halten. Auch beim zwischenzeitlichen 1:2 gab es nichts zu halten. In der zweiten Halbzeit änderte sich das – und der HSV-Schlussmann war sofort da! Beim 3:2 (81.) war er chancenlos, das 3:3 verhinderte er unmittelbar danach stark. Er ist weiter in bester Verfassung. Note: 2

MORITZ HEYER: Er hatte defensiv lange nichts auszustehen und war so frei, sich einfach mal ins Sturmzentrum zu begeben, als Dompé maßgerecht flankte. Aber: In der zweiten Halbzeit begann er schwach und ließ über seine Seite zu viele Angriffe zu. Das kann er besser. Note: 4

SEBASTIAN SCHONLAU: Er macht seine Nebenleute sicherer, er macht die Abwehr sicherer, und er macht den HSV besser. Nicht, weil er der schnellst, zweikampfstärkste oder torgefährlichste Spieler ist, sondern einfach, weil er extrem schlauen Fußball spielt. Er antizipiert, stellt seine Nebenleute und hat den Überblick. Größtes Problem ist und bleibt, wenn es der Gegner schafft, schnell umzuschalten. Dann fehlt ihm das Tempo. Daher halte ich es auch für unnötig, wenn er sich zu weit ins Angriffsspiel einschaltet. Ebenfalls unglücklich: Er fälschte den Ball unhaltbar zum 3:2 ab (82.). Note: 3

JONAS DAVID: Ihm fehlt noch die absolute Ruhe am Ball, ganz klar. Aber dass der Trainer ihm heute sein Vertrauen schenkte und nicht Neuzugang Francisco Montero, das konnte David zu Beginn rechtfertigen. Er ist neben Kapitän Sebastian Schonlau deutlich sicherer als neben Mario Vuskovic in der Hinrunde. Wobei das noch nicht reicht, auf das heutige Spiel bezogen. Körperlich war er heute extrem präsent Er räumte seine Gegenspieler in den Anfangsminuten gleich mal mit aller erlaubten Härte ab, und verschaffte sich so etwas Respekt. Note: 4

MIRO MUHEIM: Er hatte in den ersten zehn Minuten die meisten Ballkontakte. Und seine Traumflanke hatte einen Anteil von gefühlten 99 Prozent am 1:0 in der 3. Minute. Dass Glatzel den versenkte – Formsache! Danach etwas unkonzentrierter. Trotzdem Note: 3

JONAS MEFFERT: Ich werde nie verstehen, weshalb der defensive Mittelfeldspieler hier so viele Kritiker hat. Für mich ist er essenziell für das HSV-Spiel. Er sortiert, er räumt weg, was durchkommt – er ist der Taktgeber. Ohne seine defensive Antizipation könnte ein Ludovit Reis nicht annähernd so befreit nach vorn mitarbeiten. Kurzum: Meffert ist nicht wegzudenken. Note: 3

LUDOVIT REIS: Er will immer viel, er ackert und er treibt an. Ohne ihn wäre das HSV-Spiel im Zentrum zu statisch. Zu seinem Spiel gehört auch der schnelle, lockere Pass aus dem Fußgelenk – der heute in den ersten 45 Minuten aber zu oft verloren ging. Auch vor dem Anschlusstreffer zum 1:2, als er den Ball in der Vorwärtsbewegung mit einem zu lässigen Außenrist-Pass verlor. Das alles machte er aber hundertfach durch sein Laufpensum und vor allem seinen sensationellen Sprint in der Nachspielzeit wett – gekrönt mit dem 4:2 (90. + 3). In der Form wird er dem HSV nicht lange zu halten sein. Note: 2

BAKERY JATTA (bis 90.+3): Sein Tempo ist und bleibt eine Waffe. Seine abschließenden Flanken und Torschüsse sind zwar noch zu oft zu ungenau – aber selbst das wird besser. Im Passspiel beschränkt sich der Gambier auf den einfachen Pass und defensiv arbeitet er gut mit.  Aber so einen Konter wie den nach dem 3:2-Anschlusstreffer muss er einfach mal zuende spielen! Note: 3

NOAH KATTERBACH (ab 90.+3): Eine erste Kennenlern-Minute.

RANSORD KÖNIGSDÖRFFER (bis 64.): Die Position hinter der Spitze ist nicht seine beste. Er ist kein Passgeber, sondern derjenige, den man lang schicken kann. Aber er arbeitete, war anspielbar. Note: 4

LASZLO BENES (ab 65.): Er war schnell auf Temperatur, suchte den Abschluss und sehr aktiv. Gute Einwechslung, weil belebend und auch defensiv mit der nötigen Aggressivität.  Note: 3

JEAN-LUC DOMPÉ (bis 80.): Ein Wirbelwind, wie ihn die Abwehrspieler hassen! Hatte in der 7. Minute das 2:0 vor sich auf dem Silbertablett und servierte die Flanke zum 2:0 in der 21. Minute selbst. Auch im weiteren Verlauf blieb er immer anspielbar, war beweglich und schnell. Er legte Jatta das sichere 4:1 auf, aber der verpasste knapp (57.). Note: 2

SONNY KITTEL (ab der 81.): Er kam – und e fiel das 3:2 für Braunschweig. Danach war weniger sein filigraner Fußball gefragt als die Sicherung des Sieges. Aber er war dabei und bekam den Vorzug vor einigen anderen, die durchtrainiert hatten. 

ROBERT GLATZEL (bis 90.+3): Was für ein Start in die Rückrunde! Den ersten Zweikampf gewonnen und den ersten Ball gleich mal nach drei Minuten versenkt – besser geht es nicht! Oder doch? In der zweiten Halbzeit wiederholte er das sogar (unter Mithilfe des Gästekeepers) und hatte per Hacke das 4:1 auf dem Fuß. Ebenso in der 87. Minute, als ihn wieder Jatta freispielte und er frei verzog… Note: 2

ANDRAS NEMETH (ab 90.+3): Durfte sich einmal fühlen, wie es sich auf dem Platz anfühlt.

TRAINER TIM WALTER: Er lag mit seiner Startelf weitgehend (Königsdörffer tut man auf der Position keinen gefallen) richtig und musste trotzdem wieder mit ansehen, wie seine Mannschaft alte Muster wiederholte. 70 Prozent Ballbesitz, dazu Chancen, um innerhalb von 30 Minuten das ganze Spiel zu entscheiden – und trotzdem geriet man zweimal ins Wanken. Diesen Lernprozess muss die Mannschaft noch nachweisen – und daran muss sich diese Saisn auch Walter messen lassen. Note: 3-

DIE DATEN ZUM SPIEL:

HSV: Heuer Fernandes - Heyer, David, Schonlau, Muheim - Reis, Meffert, Königsdörffer (64. Benes) - Jatta (90.+4 Katterbach), Glatzel (90.+4 Nemeth), Dompé (80. Kittel)

Eintracht Braunschweig: Fejzic - de Medina, Gechter (79. Wiebe), Decarli - Marx, Krauße (79. Kurucay), Donkor, Kaufmann, Endo (69. Lauberbach) - Wintzheimer, Bonga (79. Pherai)

Tore: 1:0 Glatzel (3.), 2:0 Heyer (17.), 2:1 Kaufmann (30.), 3:1 Glatzel (49.), 3:2 Wiebe (81.), 4:2 Reis (90.+2)

Zuschauer: 56.507

Schiedsrichter: Robert Hartmann (Wangen)

Gelbe Karten: Jatta / -

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